Titelbild Osteuropa 8-10/2016

Aus Osteuropa 8-10/2016
Teil des Dossiers Technik und Utopie

Über die Verbesserung des Klimas

Andrej Platonov

(Osteuropa 8-10/2016, S. 7–9)

Volltext

Seit einigen Jahren erscheinen in den Zeitungen häufig Artikel über Projekte zur Verbesserung des Klimas, vor allem solche amerikanischer Ingenieure. Besonders inter­essant war ein Projekt zur Erhöhung der mittleren Jahrestemperatur auf der Labrador-Halbinsel sowie, wenn ich nicht irre, auf Neufundland. Das Projekt lief im Wesentlichen darauf hinaus, durch die Errichtung eines gewaltigen Staudamms in der Meerenge zwischen der Labrador-Halbinsel und Neufundland eine bestimmte kalte Meeresströmung zu unterbrechen und gleichzeitig eine warme Strömung in die erwünschte Richtung zu lenken (ich übernehme keine Gewähr, dass dies im Einzelnen so stimmt, aber das ist hier nicht wichtig).

Projekte von solchen Dimensionen rufen in der Weltpresse bis heute Aufregung und Erstaunen hervor, Bewunderung gilt allein schon der Epoche, in der solche Ideen geboren werden. Solche Ideen keimen jedoch seit langem auch in Sowjetrussland immer wieder auf (schon vor fünf und vor drei Jahren hatte ich persönlich Gelegenheit, in der Provinzpresse die Umsetzbarkeit und Notwendigkeit einer Verbesserung des Klimas in Ostsibirien zu erörtern).

Die Ideen kommen im Allgemeinen zu einem Zeitpunkt, zu dem sie technisch noch nicht realisierbar und ökonomisch nicht rentabel sind. Und das ist sehr gut so, dies ist einer der Gründe für den historischen Erfolg des Menschen.

Unserem Ermessen und unseren Berechnungen zufolge ist jetzt die Zeit gekommen, da Arbeiten an einer Verbesserung des Klimas – einer Klimamelioration sozusagen – sowohl technisch realisierbar als auch ökonomisch rentabel werden. Der Schlüssel zur Klimaverbesserung liegt in einer künstlichen Regulierung der Atmosphäre und der Hydrosphäre. Die amerikanischen Ingenieure haben in dem genannten Fall auf der Ebene der Hydrosphäre angesetzt. Es kann jedoch auch „atmosphärische“ sowie gemischte Lösungen geben  – je nachdem wie die konkreten Umstände aussehen. Die Hydrosphäre folgt einem streng definierten, präzisen, gesetzmäßigen dynamischen Mechanismus (Flüsse, Meeres- und Ozeanströmungen, echtes und artesisches Grundwasser, Dampfkonzentrationen in der Luft, generell der Wasserkreislauf). Diesen Mechanismus zu rekonstruieren ist eine Sache von Jahrhunderten. Die Atmosphäre ist aufs engste mit der Hydrosphäre verbunden und steht in funktionalem Zusammenhang mit ihr.

Die Atmosphäre hat ebenfalls einen dynamischen, beweglichen, lebenden und arbeitenden, höchst aktiven Mechanismus: Er besteht in der Verlagerung von Dampfmassen, einem gesetzmäßigen, streng determinierten Zyklus, der in Raum und Zeit klar umrissen ist.

Das Relief der Erdoberfläche stellt einen Widerstand gegen die atmosphärischen Strömungen dar, aufgrund dessen diese Strömungen – die Winde – sich ändern, d.h. von ihrer ursprünglichen Richtung abweichen, sich teilen, sich verflüchtigen, zum Stillstand kommen usw.

Das Klima ist also in erheblichem Maß eine Funktion der „Quantität“ und der „Qualität“ der atmosphärischen Strömungen einer bestimmten Region. Es ist äußerst wichtig, dies festzuhalten. Die gesamte Technik der Klimaverbesserungen wird entweder auf einer Rekonstruktion des Reliefs (wenn die Atmosphäre beeinflusst werden soll) oder auf hydrotechnischen Anlagen beruhen (wenn Einfluss auf die Hydrosphäre genommen werden soll) oder aus beiden gleichzeitig.

Wenn man die Abhängigkeit der Luftströmungen vom Relief eines Landes erkannt hat, kann man den Zusammenhang zwischen dem Klima dieses Landes und dem Relief seiner Landschaft (sowie dem Relief der Nachbarländer und generell der gesamten Erde) entdecken.

Folglich können wir durch die Umgestaltung des natürlichen Reliefs das Klima in die erwünschte Richtung lenken (mit Relief meine ich selbstverständlich stets die Gebirgssysteme und nicht das Mikrorelief).

Wie die Hydrotechniker Dämme, Siele und Schleusen für die Wasserströme bauen, um diese zurückzuhalten, umzulenken und zu begradigen, künstliche Kanäle graben und Becken ausbaggern, so kann man auch mit den Luftströmen verfahren – man kann sie stauen, kanalisieren, ihre Richtung ändern, begradigen usw. Die Methoden sind hier allerdings nicht ganz dieselben wie in der Hydrotechnik. Die Arbeiten zur Verbesserung des Klimas durch eine Änderung des Reliefs müssen auf der Verwendung von Sprengstoff aufbauen. Genauer gesagt: Nur die Verwendung von Flüssigsauerstoff als Sprengmittel – er ist zwei- bis dreimal so stark wie Dynamit, leicht zu handhaben, absolut ungefährlich beim Transport und relativ preisgünstig (die Preise sinken sogar immer weiter) – wird die große Frage der Erwärmung der Länder von Grund auf lösen. Die Methoden der Klimaarbeiten sind also: Sprengung plus Einsatz mechanischer Verfahren bei der Aushebung und beim Abtransport der ausgehobenen Masse sowie bei der Bearbeitung des Profils.

Ich habe berechnet (grob natürlich), dass zum Auftauen des östlichen Teils von Sibirien zwei Milliarden Goldrubel benötigt werden. Das ist nicht viel. Das ist ökonomisch rentabel.

Die Arbeit besteht in einer Kanalisierung der Wärmeströme Sibiriens entlang der Bergmassive und einer ebensolchen Kanalisierung der Kälteflüsse mit Polarschnee aus Sibirien in die Wüste Gobi, wo es Orte gibt, an denen niemals Niederschläge fielen und fallen: Der getaute Polarschnee wird der Wüste Wolken und Regen schenken, erstmals seit Erschaffung der Welt. In China kann ein feucht-gemäßigtes Klima anstelle des trocken-wüstenartigen geschaffen werden, in Sibirien ein gemäßigtes, westeuropäisches, beispielsweise wie in Deutschland.

Durch die Bergmassive, die Sibirien seit ewigen Zeiten wie eine Wand vom Süden abtrennen, müssen Kanäle gegraben werden für die Luftflüsse aus dem Süden und vom Stillen Ozean nach Sibirien. Die Trassen solcher Kanäle müssen sich natürlich mit den Linien der dominanten warmen Strömungen decken, die gegenwärtig zur Seite gelenkt werden, wenn sie auf die Bergwände treffen.

Um sich durch die Bergmassive zu beißen und das bei den Sprengarbeiten gebildete Gesteinschaos zu beseitigen, so dass Kanäle für die Luft entstehen (die geographisch korrekt verlaufen und mit der Dynamik der Atmosphäre verbunden sind), dafür sind zwei Milliarden notwendig. Der Panama-Kanal belief sich auf 750 Millionen Rubel.

Ein Land geographisch zu entdecken, heißt schließlich noch nicht viel. Land für die menschliche Bewirtschaftung und die menschliche Besiedlung zu bereiten, darum geht es. Eine Erwärmung des Klimas bringt vor allem der Landwirtschaft riesige Möglichkeiten: eine längere Vegetationsperiode, die die Züchtung wertvollerer Kulturen ermöglicht, eine schnellere Bildung guter Böden, Verbesserungen bei der Viehhaltung und vieles mehr. Das gesamte soziale Leben wird leichter werden, hundertmal leichter zumal die Ausbeutung der Naturschätze. Die gesamte organische Welt wird sich mit der Erwärmung des Klimas perfektionieren, denn die gewaltige Energie, die die Kälte dem Leben nimmt, kehrt zum Leben zurück und fließt in dessen eigene Entwicklung und Festigung.

Auch der Mensch wird sich perfektionieren, sobald seine Wirtschaft erblüht, sobald einer der wichtigsten Feinde des Lebens beseitigt ist: die Kälte. Die Möglichkeiten sind hier bislang gar nicht abzuschätzen, sie grenzen ans Phantastische.

Sibirien ohne Eis! Ein warmes Land am Gestade des Arktischen Ozeans! Das muss die Maxime der Sowjetunion werden, denn sie ist das Land des großen Ansturms auf die Geschichte und die Natur, das Land, in dem die gewaltigen Aufgaben niemals abreißen.

Wir müssen dafür sorgen, dass die Menschheit sich über den ganzen Erdball ausbreitet, indem wir diesen von den Polen bis zu den Tropen gleichwertig und angenehm gestalten.

Der Mensch ist nicht nur Kolumbus, er ist auch der Mechaniker seines Planeten.

<1923, 1926>

 

Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin