Titelbild Osteuropa 6-8/2017

Aus Osteuropa 6-8/2017

Modernisierungsblockaden 1917–2017
Utopische Eigentumsrevolutionen in Russland, 1917–2017

Carsten Herrmann-Pillath

Abstract

100 Jahre nach der Russischen Revolution fallen viele Kontinuitäten zwischen dem Zarenreich und der Sowjetunion ins Auge. Nur bei der Eigentums¬ordnung scheint die Verstaatlichung zu einem Bruch geführt zu haben. Doch ein genauerer Blick offenbart auch hier eine Kontinuität: Seit Katharina II. setzt der Staat radikale Änderungen der Eigentumsordnung ein – sei es Verstaatlichung, sei es Privatisierung –, um einen Modernisierungsschub zu erreichen. Das Ziel wurde langfristig nie erreicht. Stets war es die Schwäche des Staates, die eine Überwindung der Rückständigkeit verhinderte. Im Zarenreich konnte der Staat gegen die absoluten Eigentumsrechte des Adels keine Infrastrukturprojekte durchsetzen, in der Sowjetunion blieb die planmäßige Lenkung der Wirtschaft Utopie. Utopisch war auch die Vorstellung, durch radikale Privatisierung nach 1990 einen Modernisierungsschub zu erreichen. Es entstand eine neopatrimoniale Ordnung, in der der autoritäre Staat seit Putin zwar wieder Zugriff auf Eigentum hat, doch er nutzt die Renten aus der Ölwirtschaft vor allem zur Stützung unproduktiver Wirtschaftszweige.

(Osteuropa 6-8/2017, S. 133–143)