Titelbild Osteuropa 8-10/2016

Aus Osteuropa 8-10/2016

Auf den Flügeln der befreiten kollektiven Rede

Michail Ryklin

(Osteuropa 8-10/2016, S. 147–148)

Volltext

Kein anderer Schriftsteller hatte ein solches Ohr für die Leninsche Revolution wie er. Viele hat es überrascht, dass sie sich, anders als von Karl Marx prophezeit, in einem Bauernland ereignete, wo scheinbar sämtliche Voraussetzungen dafür fehlten.
Viele, nicht aber Platonov.
Er blickte nicht von außen auf die Revolution, nicht von oben, von der Höhe der Theorie oder der Ideologie herab: Er hörte sie von unten, sie klang zu ihm herüber aus den Tiefen der kollektiven Rede.
Von dort eröffnete sich eine vollkommen andere Realität.
Mit allen Seelenfasern spürte er, wie die bolschewistischen Losungen sich im Volksgetümmel, im Bewusstsein der Armen brechen, in den Menschen, die kein entwickeltes Selbstbewusstsein besitzen, dafür aber aufs engste miteinander verbunden sind und sich und ihre Umgebung präzise und bis ins kleinste wahrnehmen. Die Revolution hat die Welt dieser Menschen verändert, hat sie unermesslich gemacht; nun schweben sie über der hinfälligen Vergangenheit auf den Flügeln der endlich befreiten kollektiven Rede. Alles, was von außerhalb, aus der Außenwelt in die Platonovsche Welt vordringt – das „Mädchen“ Rosa Luxemburg, das der „Kommandeur der Feldbolschewiki“ Kopenkin verehrt, der bärtige Marx an der Wand, Lenin, dessen Dekrete aus dem fernen Moskau den analphabetischen Bauern immer noch laut vorgelesen werden müssen, – all das erlebt unterwegs so zahlreiche Metamorphosen, dass man bei der Lektüre von Čevengur den ursprünglichen Sinn dieses Außerhalb vergessen kann. Die Figuren atmen die Luft der Revolution, und alles ringsum verwandelt sich uns ist nicht mehr fremd, wird Teil ihres Wesens. Aus keinem Kapital oder Staat und Revolution lässt sich herauslesen, dass der Spatz „ein wahrhaft proletarischer Vogel ist“  oder dass „vor der Revolution der Himmel und alle Räume anders gewesen waren – nicht so lieb“ .
So sehen sie ihre Umgebung, die armen Körper, auf deren literarische Konstruktion sich der Schriftsteller spezialisiert hat.
Keinem seiner Zeitgenossen ist es gelungen, eine so eigene, originelle, auf den ersten Blick unwahrscheinliche und dabei (wenn man sich damit vertraut macht) innerlich widerspruchsfreie Welt zu bauen wie Andrej Platonov. Eine Welt, in der jedes Partikelchen das „hauptsächliche Leben“ lebt und auf geheimnisvolle Weise mit allen anderen verbunden ist.
Zumindest ich lese Die Baugrube als Klage um das von der Kollektivierung zerstörte Leben des Dorfes, in dem für Platonov (und auch für Nikolaj Kljuev und Sergej Esenin, aber sie sind Dichter) die Revolution aufgekeimt war.
Dabei ist dieses Requiem gebaut wie ein Traktat: Es ist so gnadenlos logisch wie alle anderen Texte des Lokomotivführers und Schriftstellers Platonov.

Aus dem Russischen von Gabriele Leupold, Berlin