Titelbild Osteuropa 5/2019

Aus Osteuropa 5/2019

Zynismus statt Postmoderne
Geschichte eines (kalkulierten) Missverständnisses

Mark Lipovetsky

Abstract

Das Wort „Postmoderne“ ist in Russland zum ideologischen Kampfbegriff geworden. Gegner des Regimes verwenden ihn, um die amoralische Politik des Kreml zu beschreiben. Die Apologeten des Kreml geißeln eine „postmoderne Diktatur“ des Westens, gegen die Russland seine nationalen oder imperialen „Werte“ verteidigen müsse. In beiden Fällen handelt es sich um ein Missverständnis. Was die Kritiker des Kreml meinen ist: Zynismus. Was die Apologeten des Kreml tun ist: zynisch. Sie entkernen das ideologiekritische postmoderne Denken und verwenden die übriggebliebene Worthülse, um eine angebliche Selbstzerstörung des Westens zu bezeichnen und das eigene, als „modern“ deklarierte reaktionäre Projekt zu legitimieren. Nirgends zeigt sich dies so deutlich wie in Kunst und Literatur.

(Osteuropa 5/2019, S. 91–106)