Titelbild Osteuropa 7/2018

Aus Osteuropa 7/2018

Editorial
Traumland Georgien

(Osteuropa 7/2018, S. 3)

Volltext

Staatszerfall, Bürgerkrieg, Wirtschaftsnot ‑ es ist kaum zwei Jahrzehnte her, da stand Georgien exemplarisch für das Scheitern des Neubeginns nach dem Ende der Sowjetunion. Dies hat sich fundamental gewandelt. Das kleine Land im Südkaukasus, mit knapp vier Millionen Einwohnern und einer Fläche vergleichbar jener Bayerns, hat –zumindest in der internationalen Wahrnehmung – einen rasanten Aufstieg genommen. Krasse Berge, hippe Clubs, schicke Cafés, dazu historische Kulissen und entspannte Leute – dies ist das Bild, das von Georgien seit einigen Jahren gezeichnet wird.

Dies mag ein Hype sein, der von der georgischen Tourismusagentur nach Kräften befördert wurde und der mit der Entscheidung, Georgien als Ehrengast zur Frankfurter Buchmesse 2018 einzuladen, zusätzlichen Antrieb bekommen hat. Billige Direktflüge von vielen europäischen Flughäfen mögen ebenso dazu beigetragen haben wie Internetplattformen, die für Anbieter wie Reisende einen individualisierten Tourismus ermöglichen.

Die wichtigste Voraussetzung für das neue Georgienbild ist jedoch, dass sich die Verhältnisse tatsächlich verändert haben. Georgien ist eine Modernisierung von Staat und Wirtschaft gelungen. Der Staat hat in die Infrastruktur investiert, die Alltagskorruption zurückgedrängt, vielerorts eine effiziente Verwaltung errichtet. Das vergleichsweise offene politische und gesellschaftliche Klima hat dazu beigetragen, dass sich eine Dynamik entfalten konnte. Das Land sucht politisch, ökonomisch und gesellschaftlich Anschluss an Westeuropa.

Zweifellos gibt es Beharrungskräfte, die den Wandel bremsen oder ihn gar gefährden. Die Verquickung von öffentlichen Ämtern und privaten Interessen ist nicht aufgehoben. Die Demokratie, verstanden als eine Ordnung, in der ein Machtwechsel zwischen Regierung und Opposition von allen politischen Kräften akzeptiert ist und so auf dem geordneten Wege von Wahlen stattfinden kann, ist nicht allzu fest verankert. So prägt, wie Giga Zedania in diesem Band zeigt, eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, ein Nebeneinander von traditionalen und modernen Herrschaftsformen das Land. Ähnliches gilt für die soziale Ordnung. In der Hauptstadt Tbilisi ist eine Schicht meist junger Menschen mit freiheitlichen Werten entstanden. Sie sind mobil, mehrsprachig, weltoffen. Doch sie sind Teil einer Gesellschaft, in der die Orthodoxe Kirche, die auch politisch einen großen Einfluss hat, mit ihren restaurativen Appellen, nicht zuletzt in Sachen Geschlechterrollen und Sexualmoral, großen Anklang findet.

Ebenso ambivalent ist die Lage der Wirtschaft. Zweifellos: Die makroökonomischen Kennziffern der letzten Jahre waren durchweg positiv. Insbesondere der Tourismus wächst. Doch spielt dieser Sektor für die Volkswirtschaft nur eine geringe Rolle. Bis heute findet in Georgien kaum industrielle Produktion mit hoher Wertschöpfung statt. Nicht zuletzt deshalb versucht Georgien, neben dem weiter angestrebten EU-Beitritt, auch Anschluss an das chinesische Projekt einer „Neuen Seidenstraße“ zu gewinnen, um so Dienstleistungen für den Warentransit zwischen Ostasien und Westeuropa anbieten zu können.

So ist Georgien, das einst als Italien der Sowjetunion bezeichnet wurde, Traumland in doppeltem Sinne. Sehnsuchtsort für viele, die nur für kurze Zeit kommen, und zugleich ein Land, dessen sozialer Realität viele Georgier zu entkommen trachten. Vielleicht nicht ganz zufällig ist eine Partnerstadt von Tbilisi Palermo.

Manfred Sapper, Volker Weichsel, Zaal Andronikashvili