Titelbild Osteuropa 7/2018

Aus Osteuropa 7/2018

Die Kolchis und das Meer
Elemente einer symbolischen Raumordnung Georgiens

Franziska Thun-Hohenstein, Zaal Andronikashvili

Abstract

Georgien, Land am Kaukasus. Das Fremdbild entspricht dem georgischen Selbstbild. In den Hintergrund gerückt ist das Schwarze Meer. Dabei war die im heutigen Westgeorgien gelegene antike Kolchis noch im 19. Jahrhundert Sehnsuchtsort von Reisenden, die die Orte des Argonauten-Mythos aufsuchen wollten. In Georgien entstand der erste Roman, der die Sage vom Raub des Goldenen Vlieses verarbeitete, erst 1895. Zu sowjetischen Zeiten wird der antike Mythos zur Propagierung von wirtschaftlichen Großprojekten wie zur Verankerung der Sowjetunion in der Menschheitsgeschichte verwendet. Ganz anders ist die symbolische Raumordnung, die Otar Chiladze in seinem Roman "Ein Mann ging auf die Straße" zeichnet. Hier steht das Meer für fremde Einflüsse und Identitätsverlust, der Kaukasus, für das Autochthone, für Verwurzelung. Der Konflikt um Öffnung oder Schließung, Wandel oder Bewahrung, Meer oder Land, prägt bis heute Kultur und Politik in Georgien.

(Osteuropa 7/2018, S. 23–45)