Titelbild Osteuropa 10-12/2018

Aus Osteuropa 10-12/2018

Oberkommandierender Putin?
Zivil-militärische Beziehungen in Russland

Aleksandr Gol’c

Abstract

Russlands Armee gilt als bloßes Instrument der Staatsführung. Doch so eindeutig ist die Lage nicht. Unterstand in der Sowjetunion die Armee noch ziviler Kontrolle, so sahen sich die Generäle unter Gorbačev diskreditiert und entfremdeten sich von der Politik. In den 1990er Jahren spielte die Armee zwar eine überaus wichtige Rolle in der Politik, doch ihr tiefes Misstrauen gegenüber Politikern jeder Couleur führte dazu, dass sie sich – vom Oktober 1993 abgesehen – weder vom Präsidenten noch von seinen Gegnern zu einer Intervention in deren Machtkampf bringen ließ. Erst Putin gelang es, der Armee erneut jene untergeordnete Rolle zuzuweisen, die sie in der Sowjetunion innegehabt hatte. Dennoch ist die Annahme falsch, die Armee würde heute der zivilen Staatsführung stets blind gehorchen. Mit der Militarisierung der Gesellschaft, die Putin zur Steigerung seiner Legitimität betrieben hat, ist die Eigenmächtigkeit der Generäle gewachsen.

(Osteuropa 10-12/2018, S. 201–214)