Titelbild Osteuropa 5/2017

Aus Osteuropa 5/2017

Russlands „Unsterbliches Regiment“
Der Staat, die Gesellschaft und die Mobilisierung der Toten

Julie Fedor

Abstract

Am 9. Mai 2015 gingen in Russland Millionen Menschen mit vergrößerten Fotos ehemaliger Soldaten der Roten Armee durch die Straßen. Das nun jährlich aufmarschierende „Unsterbliche Regiment“ steht nicht nur für eine neue Form der Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg. In ihr kristallisieren sich Kernfragen der russländischen Gesellschaft. Die Idee eines solchen Zugs kam aus der Gesellschaft. Den lose koordinierten Initiativen ging es darum, der Trauer um Angehörige Ausdruck zu verleihen und die Familie als Institution zu stärken. Doch der Staat hat das Potential erkannt und instrumentalisiert: Die privaten Erinnerungen werden auf die Mühlen des Regimes geleitet. Trauma wird in Triumph und Trauer in Aggression verwandelt. Die meist nur noch simulierte Authentizität der gesellschaftlichen Bewegung dient der Legitimierung des Putin-Regimes und seiner Gewaltpolitik im postsowjetischen Raum.

(Osteuropa 5/2017, S. 61–85)