Titelbild Osteuropa 5/2017

Aus Osteuropa 5/2017

(Nicht-)Rückkehr
Polen 1945: Ereignis und Erinnerung

Robert Traba

Abstract

Die polnische Gesellschaft hat das Trauma des Krieges nicht verarbeitet. Daher rühren die Emotionen, die in erbitterte Konflikte ausarten, wenn es um Geschichte und Erinnerung geht. Das Jahr 1945 steht für die Rückkehr aus dem Krieg mit all seinen Schrecken. Doch Armut, Desintegration und Atomisierung kennzeichneten über Jahre hinaus die Gesellschaft. Die staatlichen Institutionen waren zerfallen, die Gesellschaft und ihre Werte zerrüttet. Die einzige Erfahrung, die die Menschen verband, war ein im Geiste der Vorkriegszeit definiertes Polentum. Doch etliche Polen hatten ihre Heimat im Osten verloren, waren zwangsweise umgesiedelt worden, viele mussten in den neuen Westgebieten heimisch werden, die als „wiedergewonnene Gebiete“ bezeichnet wurden. Und unter den wenigen polnischen Juden, die dem Holocaust entkommen waren, mussten einige erleben, dass sie in ihren eigenen Häusern, in denen sich ihre polnischen Nachbarn eingerichtet hatten, ungebetene Gäste waren. Von einer „Rückkehr“ der Polen kann tatsächlich keine Rede sein. Trauma und Tabu haben sich wie Sedimente in der polnischen Gesellschaft abgelagert. Sie bedürfen der Aufarbeitung.

(Osteuropa 5/2017, S. 3–23)