Titelbild Osteuropa 11-12/2017

Aus Osteuropa 11-12/2017

Die historische Wahrheit als Menschenrecht
Zu Arsenij Roginskijs Lebenswerk

Wolfgang Eichwede

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Abstract

Arsenij Roginskijs Leidenschaft war es, die historische Wahrheit in all ihren Widersprüchen zu suchen. Aus der Sorge, in der von Manipulation und Zensur geprägten sowjetischen Geschichtsschreibung könnten ganze Epochen verloren gehen, sammelte er persönliche Quellen und mündliche Überlieferungen. Damit praktizierte er oral history avant la lettre. Unablässig hielt er Ausschau nach neuen Wegen. Weit über Russland hinaus war er eine „Institution“ ohne Allüren. Er kritisierte hart und schlug tragfähige Brücken. Der Historiker Arsenij Roginskij war ein Pionier der Aufklärung und der Versöhnung.

(Osteuropa 11-12/2017, S. 5–11)

Volltext

Arsenij Roginskijs Leidenschaft war es, die historische Wahrheit in all ihren Widersprüchen zu suchen. Aus der Sorge, in der von Manipulation und Zensur geprägten sowjetischen Geschichtsschreibung könnten ganze Epochen verloren gehen, sammelte er persönliche Quellen und mündliche Überlieferungen. Damit praktizierte er oral history avant la lettre. Unablässig hielt er Ausschau nach neuen Wegen. Weit über Russland hinaus war er eine „Institution“ ohne Allüren. Er kritisierte hart und schlug tragfähige Brücken. Der Historiker Arsenij Roginskij war ein Pionier der Aufklärung und der Versöhnung.

Arsenij Roginskij erinnerte sich nicht so oft, aber doch gerne an seine frühen Jahre. Wiederholt überlegten wir, seinen Geburtsort Vel’sk, im nördlichen Russland nahe Archangelʼsk, zu besuchen, wo er 1946 zur Welt kam – die Eltern hatten dort in der Verbannung gelebt, der Vater hatte den Gulag durchlaufen, was für den Jungen zu einer prägenden Erfahrung wurde.[1]

An der Universität im estnischen Tartu hatte der gerade 16-jährige Arsenij als Schüler des Kulturhistorikers Jurij Lotman die ungewöhnliche Chance, Geschichte jenseits aller ideologischen Schablonen als Entdeckung einer eigenen Welt zu studieren. Er nutzte sie und lernte schnell, dass die Realität, auch die sowjetische, aus unendlich vielen Geschichten bestand. Bald hörte er in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre von Zirkeln des Dissens, von kritischen Geistern, die sich gegen das Unrecht in seinem Lande stellten, transportierte auch Schriften, die im Samizdat – in Selbstverlagen jenseits der staatlichen Zensur – entstanden waren und sah sich mit der Frage konfrontiert, wohin er selbst gehöre. Als sein Freund Garik Superfin verhaftet wurde, überfiel ihn die Furcht, alle Zeugnisse dieses „anderen Denkens“ könnten verloren gehen. In Leningrad, wo er in der Zwischenzeit lebte, kursierten unter der Hand, um nur ein Beispiel zu nennen, Varlam Šalamovs Erzählungen aus den Lagern an der Kolyma. Auch sie drohten zu verschwinden oder vergessen zu werden. Roginskij verschrieb sich der Aufgabe, die bedrohten Texte aufzubewahren und – seinen Worten nach – ein privates „Samizdat-Archiv“ in Kartons und Schatullen anzulegen. Zuhause war dies zu gefährlich, zumal die Sicherheitsorgane bald auf ihn aufmerksam wurden. Also versteckte er die Kisten in verschiedenen Wohnungen und gab sie schließlich an einen Bekannten, der versprach, sie an einen sicheren Ort zu bringen. Für Arsenij verloren sich die Spuren. Über ein Jahrzehnt später, 1990 oder 1991, erhielt er einen überraschenden Anruf. Er solle an den Stadtrand von Leningrad kommen. Dort fand er seine beinahe vergessenen Sammlungen wieder – sie wurden der Grundstock der Leningrader Kollektion des Archivs von Memorial.

Als Historiker richtete Roginskij sein Interesse auf die revolutionären Bewegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, auf das Schicksal der Sozialrevolutionäre und schließlich die 1920er Jahre. Viele der Archive waren unzugänglich. Umso mehr galt es, persönliche Quellen, Tagebücher, Briefe oder Aufzeichnungen zu erschließen und mithilfe mündlicher Überlieferungen Lebenswege festzuhalten. Sprach er später von diesen Zeiten, so begründete er gleichsam im privaten Rahmen eine Schule der oral history. Ihn trieb der Gedanke um, Epochen könnten aus dem Gedächtnis verschwinden, „Geschichte sterben“, würde er sie nicht in der Vielfalt ihrer Zeugnisse „auf immer aufbewahren“. Während die junge Menschenrechtsbewegung in der Sowjetunion die „Chronik der laufenden Ereignisse“, in den Worten Roginskijs eine „Chronik des Heute“ aufbaute, arbeitete er selbst an einer „Chronik dessen, was war, einer Chronik des Gestern“. In den Mittelpunkt rückte er die Geschichte, die der sowjetische Staat verschwieg, unterdrückte oder fälschte. Schon damals entwickelte er eine Leidenschaft für das historische Detail, für den individuellen Blick und für Geschichte in subjektiven Erfahrungen. Mit dem gleichaltrigen Aleksandr Danielʼ, zunächst Mathematiker, dann Historiker, mit dessen Mutter Larisa Bogoraz, die am 25. August 1968 auf dem Roten Platz gegen die Niederschlagung des „Prager Frühlings“ durch sowjetische Truppen protestiert hatte, und mit Michail Gefter, einem großen, unabhängigen Moskauer Geschichtswissenschaftler, verbanden ihn bald innige Freundschaften, die ein Leben lang halten sollten. Als Roginskij schließlich im Samizdat wie im Ausland zu publizieren begann und Sammelbände unter dem Titel Pamjat’ (Gedächtnis) edierte, geriet er in die Fänge des KGB und wurde 1981 auf der Basis falscher Anklagen zu vier Jahren Lagerhaft verurteilt.[2] Späteren Erinnerungen nach brach für ihn eine Zeit an, in der es „keine Kinder und keine Blumen“ gab. Kein Tag, an dem er sich nicht mit der Frage konfrontiert sah, wie er unter so erniedrigenden Bedingungen „sich selbst als Mensch bewahren“ könne. Als er 1985 entlassen wurde, versammelten sich alle Häftlinge auf den Dächern ihrer Baracken und klopften ihm zum Abschied mit Löffeln auf Kochtöpfen ein Konzert. Seinem Bruder Michail, der ihn abholte, standen noch Jahrzehnte später Tränen in den Augen.

Die Perestrojka eröffnete Arsenij Roginskij ein neues Leben. In der Flut der „informellen“, von Staat und Partei unabhängigen Initiativen, die sich in der Sowjetunion Gorbačevs nach 1985/1986 bildeten, war auch eine Gruppe, die für ein Denkmal zur Erinnerung an die Opfer des Terrors warb. Arsenij gehörte zu ihr. Wieder war es das Wissen um die Vergangenheit, über das er auf die Gegenwart einwirken wollte. Seine Auftritte in den oftmals brodelnden Veranstaltungen dieser Epoche des Umbruchs hatten ihren eigenen Stil. Er ging langsam, fast zögernd zum Rednerpult, von dem er sich nicht selten löste, sprach mit leisen Worten, um die Zuhörer, die den brechend vollen Saal füllten, schon mit wenigen Sätzen in seinen Bann zu ziehen oder zu Teilhabern seiner Rede zu machen. Hier sprach kein Prophet, der zu wissen meinte, wo es langgeht, kein Heiliger, der von oben herab Wahrheiten verkündete, kein Politiker, der die Versammelten auf sein Programm einschwören wollte. Roginskij war ein Redner, der es verstand, seine Botschaften in die Form von Erzählungen zu kleiden, der seine Botschaften nicht einforderte, sondern sie selbst lebte. Als Historiker war er von nun an auf doppelte Weise in die Geschichte seines Landes eingebunden – als Akteur, der sie mitgestaltete, sowie als Forscher, der sie reflektierte und in der Reflektion auf sie Einfluss zu nehmen versuchte. Moskau schwirrte in diesen stürmischen Zeiten von Aktivisten, die die Welt verändern und die Geschicke der zerbrechenden UdSSR an sich reißen wollten. Der Architekt von Memorial aber war und blieb ein Ruhepol, sich selbst und andere Menschen bewegend, beseelt von der Überzeugung, dass eine bessere, freiere Zukunft seines Landes nicht ohne die Wahrheit – ohne die Wahrnehmung der Wahrheit – über die Verbrechen des Landes in der eigenen Geschichte zu bauen sei. An dieser Maxime hielt er unverrückbar fest, einerlei, ob er am Mikrophon vor hunderten von Menschen sprach, in seinem winzigen Zimmerchen bei Memorial seinem Besucher Fragen über Fragen stellte und dabei Kaffee kochte oder leicht frierend vor der Saaltür mit einer Zigarette in der Hand vertrauliche Gespräche führte.

Arsenij Roginskij war Memorial – und Memorial war Roginskij, obgleich es ein großer Fehler wäre und überhaupt nicht in seinem Sinne, die 1988 und 1989 aufgebaute Gesellschaft nur mit ihm zu identifizieren. Sie ist in ihren wissenschaftlichen, sozialen und menschenrechtlichen Zweigen das Werk von vielen, die alle Außergewöhnliches leisten. Doch war er einer ihrer charismatischen Denker. In dem heute einzigartigen und immer noch wachsenden Archiv, das Hunderttausende von Zeugnissen des Leidens und der Würde von Menschen zusammenführt, die Opfer staatlichen Terrors wurden, verwirklichte sich die Lebensidee Roginskijs. Wie erwähnt hatte er schon in jungen Jahren historische Quellen in Kartons zu sammeln begonnen. Mit ihm durch die Regale des Archivs zu gehen oder Ausstellungen anzuschauen, die Memorial im Souterrain seines Gebäudes auf dem Karetnyj Rjad in Moskau oder in aller Welt organisierte, war ein Erlebnis eigener Art. Arsenij kannte jedes Stückchen Papier und wusste zu jeder Person, die verzeichnet ist, ganze Romane zu erzählen. Die Vergangenheit, die hier in Briefen aus den Lagern, in Kassibern, in Tagebüchern oder kleinen Zeichnungen, die eingesperrte Väter ihren Kindern schickten, aber auch in Fragebögen und vergeblichen Petitionen um Hafterleichterungen festgehalten ist, wird nicht vergehen. Memorial beherbergt ein Weltkulturerbe.

Die Bestände reichen weit über die Sowjetunion hinaus. Um nur ein Beispiel zu nennen: Schon in den frühen 1990er Jahren rief Lena Žemkova, eine der engsten Vertrauten Arsenij Roginskijs, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, die während des Zweiten Weltkrieges gezwungen worden waren, im nationalsozialistischen Deutschland zu arbeiten, dazu auf, über ihre Lebenswege zu berichten. Memorial erhielt Hunderttausende von Briefen mit erschütternden Schicksalen. Ein deutsch-russisches Dokumentations- und Forschungsprojekt entstand, das auch auf die deutsche Politik einwirkte und half, dass endlich – wenngleich viel zu spät – Entschädigungen gezahlt wurden. Neben Lena Žemkova und Arsenij Roginskij spielte Irina Ščerbakova eine bedeutende Rolle.

Doch zurück zur Perestrojka, die auch ein Ringen um die Deutungshoheit über die Geschichte war. Während die aufbegehrende Gesellschaft ein Tabu nach dem anderen brach, zerbröckelte die Macht von Partei und Staat mehr und mehr. Mit der Gründung von Memorial geschah etwas Entscheidendes: Die sowjetische Gesellschaft, später die russländische, schuf sich ihr eigenes, von staatlichen Vorgaben unabhängiges Gedächtnis. Doch galt es nicht weniger, Zugang zu den staatlichen Archiven, insbesondere denen des KGB, der Sicherheitsorgane und des Innenministeriums zu erhalten. Als Mitglied oder Berater etwa der Kommissionen zum Umgang mit den Akten des KGB wurde Roginskij bald zu einer Schlüsselfigur, an dessen hoher Professionalität niemand Zweifel hegen konnte. Wie waren die Bestände des KGB in die allgemeine Archivverwaltung zu überführen? Wie sie wissenschaftlich sichten, systematisieren und erschließen? Vor allem aber: Wie der laufenden Aktenvernichtung Einhalt gebieten?[3]

Die Geschichte des Terrors ist begleitet von einer Geschichte der selektiven Spurentilgung, die angesichts des Rufes nach Öffnung der Archive 1989 und 1990 systematischen Charakter anzunehmen drohte. Nicht weniger komplex war die Gegenfrage: Auf welche Weise konnte dem Persönlichkeitsschutz der Opfer Rechnung getragen werden, waren die Opfer doch einem teuflischen System der Lüge, der Erniedrigung und Folter ausgesetzt? Roginskijs und Ochotins Bericht darüber kommt einem Politkrimi gleich, der ein weiteres Mal die Beharrungskraft der Sicherheitsapparate dokumentierte. Doch gelang es dem passionierten Historiker selbst, Zugang zu den Akten der 1930er und 1940er Jahre zu erhalten. Über Jahre verbrachte er jeden Vormittag in den Archiven der Lubjanka, um eine schier unermessliche Sichtungs- und Forschungsarbeit zu leisten. Abends, wenn er nach Hause kam, war er nicht selten dem psychischen Zusammenbruch nahe. Oft schwieg er lange und brauchte Stunden, ja Tage, um in die Gegenwart zurückzufinden. Was wir heute über die Zahlen, über die Dimensionen des Terrors wissen, über die Mechanismen der Freiheitsberaubung, über Mehrfachverhaftungen, über die soziale Zusammensetzung der Verfolgten und die infamen, erfundenen Anschuldigungen, wissen wir nicht zuletzt dank seiner intensiven Archivarbeit. Doch waren es nicht die Zahlen allein, die Roginskij zu einem ungewöhnlichen, ja großen Wissenschaftler machten. Es war seine Fähigkeit, die Zahlen zu entschlüsseln und die Statistiken zum Sprechen zu bringen. Wie arbeiteten die Vollstrecker des Terrors? Wie zerbrachen sie Biographien, und wie gelang es dennoch nicht wenigen Menschen, sich gegen ihre Peiniger zu behaupten? Kaum ein anderer Forscher hat die Opfer so umsichtig aus ihrer Anonymität befreit, ihnen ihre Namen, vielleicht sogar ihre Identität, zurückgegeben wie er.

Seine Schriften und seine bewegenden öffentlichen Auftritte legen Zeugnis davon ab. Gleichzeitig entwarf er Forschungsprogramme, die abzuarbeiten Jahrzehnte dauern könnte. Wie funktionierten die Apparate, deren Mitarbeiter selbst zu tausenden der eigenen Vernichtung anheimfielen? Wer waren diese „Kader“? Dokumentations- und Quellenbände oder Enzyklopädien, die Memorial herausgab, geben darauf erste Antworten.

Die Geschichte ließ Arsenij niemals los. Vor Jahren wurde in großer Runde einer seiner Geburtstage gefeiert, die Stimmung war ausgelassen, an Trinksprüchen mangelte es nicht. Plötzlich, gegen 22 Uhr klopfte er gegen sein Glas, erhob sich und meinte, die Gäste könnten ja nicht nur gekommen sein, um ihn hochleben zu lassen. Er werde daher nun einen Vortrag halten und der Frage nachgehen, welche Gruppe von Häftlingen in den Lagern der 1930er Jahre unter dem Druck der Verhöre und Folter ihre „Schuld“ (die ja keine war) bekannt und sich der unfehlbaren Partei unterworfen hätten – und welche nicht. Die Trotzkisten eher, die alten Menschewiki und Sozialrevolutionäre weniger. Die ausgelassene Stimmung verflog, eine erhitzte Debatte folgte bis in die frühen Morgenstunden.

Der Moskauer Alltag barg auch für Roginskij Überraschungen. 2007 führte er deutsche Studenten auf den Friedhof des Donskoj-Klosters, in dessen Nähe seine Wohnung lag. Er ging dort oft spazieren. Auf dem Friedhof liegen wichtige Personen der russischen Kultur, unter ihnen Aleksandr Solženicyn und Lev Kopelev. Doch wurden im Krematorium auf dem Friedhof während des stalinistischen Terrors die Leichen von Tausenden Menschen verbrannt, die zuvor in den Gefängnissen des KGB hingerichtet worden waren. Ihre Asche wurde wahllos in die Erde geschüttet. Auf einem seiner Rundgänge entdeckte Roginskij genau hier den Grabstein ihres Mörders, des Mannes, der sie mit eigener Hand per Genickschuss erschossen oder die Anweisung dazu gegeben hatte. Sowjetische Geschichte auf kleinstem Raum.

Arsenij Roginskij zögerte wiederholt, sich selbst als Menschenrechtler oder sogar als Bürgerrechtler zu bezeichnen. Wie viele andere kritische, unabhängige Geister der späten Sowjetunion fremdelte er mit dem Begriff des Dissidenten. Er erschien ihm allzu plakativ, von außen oktroyiert, kaum geeignet, Nuancen und das Selbstverständnis der „Andersdenkenden“ einzufangen. Ihm ging es in seiner unermüdlichen Arbeit um das Recht auf Wahrheit, um Einlösung des kategorischen Imperativs, die Geschichte in allen ihren Dimensionen und oftmals schreienden Widersprüchen offen zu legen. Wegweisende Motivation seines Forschens war die „Parteinahme“ für die Opfer und die Würde des Menschen – sie war das Fundament seines Wirkens.

Roginskij war ein durch und durch politischer Mensch, aber kein Politiker, unempfindlich für den Reiz der Macht. Sein Anliegen war die Disziplinierung, sogar die Zivilisierung der Macht, niemals der Griff nach ihr. Darin stand er ganz und gar in der Tradition der klassischen Dissidentenbewegung. Schon in den frühen 1970er Jahren hatte Valerij Čalidze (1938–2018), einer der großen Bürgerrechtler, geschrieben, dass im Fokus menschenrechtlichen Engagements nicht die Politik an sich, sondern die Kultur der Politik, nicht der Kampf um die Macht, sondern die Regeln des Kampfes, die Verpflichtung auf das Recht stehe. Eben deshalb hat sich Roginskij niemals gescheut, den Dialog auch mit denen zu führen, von denen ihn Welten trennten. Macht blendete ihn nicht. Er wusste um ihre Versuchungen und Spielregeln, erlag ihnen aber nicht. Im ersten postsowjetischen Jahrzehnt gab es durchaus Phasen, in denen die Stimme von Memorial in den Führungsetagen des neuen Staates gehört wurde. Sergej Kovalev, einer der großen Dissidenten in der untergegangenen Sowjetunion, wurde Menschenrechtsbeauftragter unter Präsident Boris El’cin. Roginskij arbeitete an der Neufassung von Strafgesetzen mit. Als jedoch Boris El’cin 1994/1995 den ersten Tschetschenienkrieg eröffnete, war der Bruch unvermeidlich. Der Einsatz von Gewalt zur Lösung politischer Konflikte, oder härter formuliert: von Bombenteppichen gegen aufbegehrende Völker stießen auf Roginskijs leidenschaftliche Kritik. Nahezu gleichzeitig erfüllte ihn die Ermordung von mehr als 8000 jungen Moslems durch die Armee der serbischen Bosnier in Srebrenica (1995) mit hellem Entsetzen. Den Krieg der NATO gegen Serbien 1999 billigte er dennoch nicht. Als ihn die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen einlud, die Differenzen zu erörtern, und ein guter Freund von ihm, ein früherer Bürgerrechtler aus der DDR, versuchte, ihm die Haltung seiner Partei zu erläutern, antwortete Arsenij nicht ohne innere Bewegung: „Ich gratuliere Dir, lieber … Du bist ein ausgezeichneter Politiker geworden, aber hast aufgehört, ein Menschenrechtler zu sein.“ Gewalt war für ihn in keinem Land der Erde ein zu rechtfertigendes Mittel.

Mit dem Machtantritt Vladimir Putins im Jahre 2000 gewann sein Engagement eine weitere Dimension. Zeit seines Lebens hatte Roginskij die Erforschung der Vergangenheit als einen Schritt zu mehr Freiheit angesehen. Die Öffnung der Gesellschaft und die Öffnung der Archive, die Erweiterung des historischen Wissens griffen in der Pere­strojka und dem jungen postsowjetischen Russland ineinander, der Blick in die Geschichte war ein Akt der Befreiung. Nun veränderte sich die Szenerie von Grund auf. Für den neuen Präsidenten sollte die Geschichte zu einer Quelle der eigenen Herrschaftssicherung werden. Memorial stand vor einer Herkulesaufgabe. Aus dem Ringen um die Öffnung der Archive wurde ein Kampf gegen deren erneute Schließung, aus der intellektuellen Demontage einer verbrauchten Ideologie die Konfrontation mit neuen, aggressiven Geschichtsmythen. Im Rückblick diagnostizierte Roginskij für die 1990er Jahre neben dem „Identifikationsdefizit“ der aus den Fugen geratenen Gesellschaft Russlands vor allem ein „Legitimationsdefizit“ des Staates. Beide Defizite versuchte Putin von Beginn seiner Amtszeit an durch die Glorifizierung Russlands und die Untermalung seiner Größe auszugleichen. Die Geschichte des Landes war über Jahrhunderte hinweg als eine Geschichte der Heldentaten und Siege, der großen Figuren und des unaufhaltsamen Aufstiegs zu inszenieren. 

Wie aber war in diese imaginäre Erfolgsgeschichte die Epoche von 1917 bis 1991, die Geschichte der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, einzubauen? Die Erringung des Weltmachtstatus, aber auch der Zusammenbruch der Ordnung? Der Sieg über Hitlerdeutschland, aber ebenso der Terror Stalins? Arsenij Roginskij setzte sich bis zu seinem Tode mit den schmerzhaften Widersprüchen und Konflikten seines Landes auseinander. Zu groß war die Zahl der Opfer, als dass sie verschwiegen werden konnten. Er selbst nennt die Zahl von mehr als elf Millionen Menschen, die aus politischen Gründen – ohne jegliche Schuld – der Beraubung ihrer Freiheit und der gnadenlosen Unterdrückung unterlagen, in den Gulag geschickt, deportiert oder gar erschossen wurden.[4] Memorial und Roginskij persönlich haben unendlich viel dafür getan, diese Opfer in das öffentliche Gedächtnis zurückzuholen. Ja, es scheint, dass es Memorial bis in die jüngste Zeit gelungen ist, selbst auf die staatlich sanktionierte Erinnerung Einfluss zu nehmen, wie die Errichtung eines offiziellen Denkmals für die Opfer des Terrors dokumentiert. Gleichzeitig werden die Täter verschwiegen, einfach übergangen oder sogar als Baumeister des Staates geehrt. Das Unrecht, das Millionen zugefügt wurde, tangiert nicht die Größe der Nation. Das erlittene Leid wird in die Nähe einer „Naturkatastrophe“ gerückt, für die niemand zur Verantwortung gezogen werden kann, Morde ohne Mörder, Gewalt ohne Gewalttätige. Über den individuellen Schicksalen steht – so suggerieren die gegenwärtigen Schulbücher nach einer Analyse Roginskijs[5] – der unanfechtbare Staat, dessen Handeln jenseits allen Rechts alternativlos erscheint. Dabei wurden wiederholt die Täter selbst zu Opfern des Terrors, was die Frage nach dem System, nach den Mechanismen der Mordmaschinerie, nach der Rolle und Funktionsweise des Staates erst recht aufwirft. 

Russlands Entwicklung in den letzten Jahren erfüllte Roginskij mit tiefer Sorge. Sowohl persönlich als auch im Kreise seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter musste er gegen einen wachsenden Pessimismus ankämpfen, der ihm von seiner Lebenserfahrung so fremd war. Putins Krieg gegen die Ukraine, die unverhüllte Missachtung des Rechts im Innern wie in der internationalen Politik, die offizielle Polemik gegen die als universal anerkannten Werte ließen Gefahren real werden, von denen der Moskauer Historiker und 70-jährige Streiter für Menschenrechte längst geglaubt hatte, dass sie in seiner Heimat gebannt seien. Roginskij hatte keine Illusion, dass es leichter war, gegen die abgewrackte Ideologie des alten Sowjetregimes gekämpft zu haben, als heute gegen den entfesselten, aber staatlich gesteuerten Nationalismus Putinscher Prägung. Mit Empörung setzte er sich gegen das Gesetz zur Wehr, das Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie Memorial dazu zwingt, sich selbst als „ausländischen Agenten“ zu deklarieren. Allein der Begriff des „Agenten“ ruft Assoziationen zu rechtswidrigen, dem Lande schadenden Tätigkeiten wach. Geradezu erniedrigend aber war für ihn die Tatsache, dass sich die betroffenen Organisationen selbst auf ihren Briefbögen als „ausländische Agenten“ bezeichnen müssen. In diesem Zwang zur Selbstbezichtigung sah er das Fortwirken einer stalinistischen Tradition, dem Beschuldigten seine Würde zu nehmen.

Andere Länder, nahe und ferne Kulturen faszinierten ihn. Er lernte viel von ihnen. Sie lernten nicht weniger von ihm. Wo auch immer er hinkam – er war Botschafter seines Russland. Und er blieb es auch dann, wenn er von den bitteren, schmerzlichen Seiten seines Landes berichtete. In seiner Person war er der Beweis, dass kollektive Feindbilder einfach absurd und falsch sind. Roginskij gab den Menschenrechten ebenso wie Russland ein Gesicht, das dieses Land für viele von draußen (aus aller Welt) öffnete. Blickt man auf sein Wirken, ist die pauschale Gegenüberstellung „universaler“ und „russischer“ Werte, wie sie gegenwärtig in der offiziellen russischen Sprachregelung immer wieder zu finden ist, geradezu grotesk. Als konkretes Beispiel sei die Verständigung zwischen Russland und Polen über das Massaker von Katyń zitiert, bei dem im Frühjahr 1940 Tausende polnische Offiziere durch die sowjetischen Sicherheitsorgane hingerichtet worden waren. Gemeinsame Forschungen und Projekte von Memorial und seinen polnischen Partnern hatten dafür die Grundlage gelegt. Arsenij Roginskij war bei dem Versöhnungsakt der beiden Staaten am 7. April 2010 eingeladen.

In Deutschland war sein Rat bis in sein letztes Lebensjahr nicht nur gefragt. Er hat in der Bundesrepublik viel bewegt. Gleiches gilt für Frankreich, Estland, Georgien, Italien und die Niederlande, um nur einige europäische Länder zu nennen. Der Direktor von Memorial erhielt eine Fülle internationaler Auszeichnungen für das, was er aus seinem Lande anderen Ländern gebracht hat. Nie und nimmer war er ein „ausländischer Agent“ in Russland – er war ein Emissär Russlands in der Welt.

Wer sich an Arsenij Roginskij erinnert, wird seine unnachahmliche Art zu sprechen und zuzuhören, die Intonation seiner Worte, das verschmitzte Lächeln seiner Augen, die heranholende Bewegung seiner Hände niemals vergessen. Er warb um Offenheit und war bereit, sich seinerseits zu öffnen. Als Meister der Differenzierung war er ein großer Ideengeber. Unbeugsam in seinen Grundsätzen scheute er nicht den Dialog mit seinen Gegenspielern. Keine Gesellschaft war für ihn total geschlossen. Feindbilder waren für ihn von Übel. Wer waren „sie“? Wer waren „wir“? Immer gab es Übergänge. Seine ganze Leidenschaft war, die historische Wahrheit in all ihren Widersprüchen, Höhen und Abgründen zu suchen. Unablässig hielt er Ausschau nach neuen Wegen. Weit über Russland hinaus war er eine „Institution“ ohne alle Allüren. Seiner oftmals behutsamen Kritik fehlte nicht die Schärfe – sie schlug dennoch Brücken. Arsenij Roginskij war ein Pionier der Aufklärung. Sein Lebenswerk kann historisch genannt werden. Zu ersetzen ist er nicht.

 

 


[1]   Diese und ähnliche Aussagen im vorliegenden Text basieren auf vielen Gesprächen des Autors mit Arsenij Roginskij im Laufe der vergangenen drei Jahrzehnte. Siehe dazu auch seine autobiographischen Erinnerungen in diesem Band, S. 13–36.

[2]   Siehe dazu sein Schlusswort vor Gericht in diesem Band, S. 37–44.

[3]   Siehe dazu Arsenij Roginskij, Nikita Ochotin: Die Archive des KGB, in diesem Band, S. 53–76, sowie das Nachwort von Nikita Petrov, S. 77–79.

[4]   Siehe dazu den Beitrag von Arsenij Roginskij, Lena Žemkova: Empathie und Indifferenz. Die Rehabilitierung der Opfer sowjetischer Repression, in diesem Band, S. 97–123.

[5]   Arsenij Roginskij: Fragmentierte Erinnerung. Stalin und Stalinismus im heutigen Russland, in diesem Band, S. 81–88.

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