Titelbild Osteuropa 4/2016

Aus Osteuropa 4/2016

Gegen Zar und Sultan
Armenischer Terrorismus vor dem Ersten Weltkrieg

Andreas Oberender

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Abstract

Jahrhundertelang lebten die Armenier ohne eigene Staatlichkeit. Im Osmanischen Reich waren sie von Repressionen bedroht. Die Ende des 19. Jahrhunderts neugegründeten Parteien Hunchak und Dashnaktsutyun kämpften für mehr Autonomierechte bis hin zur Unabhängigkeit. Beiden galt der Terrorismus als legitimes Mittel, um die imperiale Ordnung zu destabilisieren und die europäischen Großmächte auf ihren Kampf aufmerksam zu machen. Die Gewaltaktionen hatten jedoch zunächst nicht die gewünschte Wirkung. Das Engagement der Großmächte bei der Lösung der „Armenischen Frage“ blieb halbherzig. Die Führung des Osmanischen Reiches reagierte mit einer Verschärfung der Repressionen. Auch die russische Autokratie sah in dem aufkommenden Nationalbewusstsein seiner armenischen Bevölkerung eine Gefahr und beschnitt deren Rechte.

(Osteuropa 4/2016, S. 49–62)

Volltext

Jahrhundertelang lebten die Armenier ohne eigene Staatlichkeit. Im Osmanischen Reich waren sie von Repressionen bedroht. Die Ende des 19. Jahrhunderts neugegründeten Parteien Hunchak und Dashnaktsutyun kämpften für mehr Autonomierechte bis hin zur Unabhängigkeit. Beiden galt der Terrorismus als legitimes Mittel, um die imperiale Ordnung zu destabilisieren und die europäischen Großmächte auf ihren Kampf aufmerksam zu machen. Die Gewaltaktionen hatten jedoch zunächst nicht die gewünschte Wirkung. Das Engagement der Großmächte bei der Lösung der „Armenischen Frage“ blieb halbherzig. Die Führung des Osmanischen Reiches reagierte mit einer Verschärfung der Repressionen. Auch die russische Autokratie sah in dem aufkommenden Nationalbewusstsein seiner armenischen Bevölkerung eine Gefahr und beschnitt deren Rechte.

Zum Instrumentarium der armenischen Nationalbewegung im Osmanischen Reich und im Zarenreich gehörte auch die politische Gewalt. Die in beiden Imperien aktiven Parteien Hunchak und Dashnaktsutyun betrachteten den Terrorismus als legitimes Mittel im Kampf gegen den osmanischen Staat und die zarische Autokratie. Die Entstehung des armenischen Terrorismus Ende des 19. Jahrhunderts war eng verbunden mit der Zuspitzung der sogenannten Armenischen Frage seit dem Berliner Kongress 1878. Unter dem Einfluss europäischer Ideen und Ideologien entwickelten die im Osmanischen Reich und in Transkaukasien lebenden Armenier ein modernes Nationsverständnis. Die Zukunftsvorstellungen armenischer Politiker und Intellektueller reichten von Autonomie für die Armenier innerhalb der bestehenden Reiche bis hin zu nationaler Selbstbestimmung und Unabhängigkeit.

Zunächst nahm die armenische Nationalbewegung nur den osmanischen Staat ins Visier, der Reformen und Zugeständnisse verweigerte. Die rapide Verschlechterung des Verhältnisses zwischen Türken und Armeniern im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde zum Auslöser für die Anwendung politischer Gewalt. Nach der Jahrhundertwende verschlechterte sich auch das Verhältnis zwischen den in Transkaukasien lebenden Armeniern und dem russischen Staat. Die Autokratie, die die armenische Nationalbewegung zunehmend als Störfaktor betrachtete, wurde ebenfalls zum Ziel terroristischer Anschläge. Während der Revolution von 1905 griffen armenische Revolutionäre auf massive Gewalt zurück, um sich in den interethnischen Konflikten zu behaupten, die im Kaukasus ausbrachen. Sie terrorisierten nicht mehr nur Vertreter von Staaten, die sie als feindlich wahrnahmen, sondern auch ethnische Gruppen, von denen sie sich bedroht fühlten.

Der Zusammenbruch der Staatsgewalt im Kaukasus und in Ostanatolien gegen Ende des Ersten Weltkriegs führte dazu, dass armenische Warlords, die zuvor der revolutionären Nationalbewegung angehört hatten, durch ethnische Säuberungen die Voraussetzungen für die Gründung eines armenischen Staates zu schaffen versuchten.

Die Armenische Frage

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verschärften sich die außen- und innenpolitischen Probleme des Osmanischen Reiches. Hinter dem Schlagwort von der Orientalischen Frage verbarg sich die Frage nach den Überlebenschancen und Zukunftsaussichten eines multiethnischen Imperiums, das längst zum Spielball der europäischen Mächte herabgesunken war und sich im Innern mit dem Autonomie- und Unabhängigkeitsstreben seiner nichtmuslimischen Untertanen konfrontiert sah. Nach dem Russisch-Türkischen Krieg von 1877/78 gelangte ein neuer Teilaspekt der Orientalischen Frage auf die Tagesordnung der europäischen Diplomatie: die Armenische Frage. Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatten zunächst die Griechen und später auch die anderen Balkanvölker die osmanische Herrschaft abgeschüttelt und ihre Unabhängigkeit errungen. Das geschah mit Billigung, teilweise auch aktiver Unterstützung der europäischen Mächte. Die Politik des Deutschen Reiches, Frankreichs, Großbritanniens, Österreich-Ungarns und Russlands gegenüber dem Osmanischen Reich war nicht frei von Widersprüchen. Einerseits schwächten die Mächte es, indem sie die Entstehung neuer Nationalstaaten auf dem Balkan absegneten; andererseits hielten sie es halbherzig am Leben, da sein völliger Zusammenbruch den gesamten östlichen Mittelmeerraum destabilisiert hätte. Dieser ambivalente Umgang mit dem Osmanischen Reich beeinflusste auch die Haltung der europäischen Mächte zur Armenischen Frage.[1]

Seit dem Mittelalter besaßen die Armenier keine eigene Staatlichkeit mehr. Im 19. Jahrhundert lebten sie verteilt auf drei Reiche, das Osmanische Reich, Russland und Persien.[2] Der Freiheitskampf anderer christlicher Völker des Osmanischen Reiches regte die Armenier zu Debatten über die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen an. Während das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Armenier Transkaukasiens unter russischer Herrschaft einen stürmischen Aufschwung erfuhr, litten die Armenier im Osmanischen Reich unter vielerlei Missständen. Besonders angespannt war die Lage in Ostanatolien, wo die Mehrheit der osmanischen Armenier lebte. Erdrückende Steuerlasten, Rechtsunsicherheit und die Rauf- und Raublust kurdischer Stämme machten der vorwiegend bäuerlichen armenischen Bevölkerung das Leben schwer. Die russischen Truppen, die während des Krieges von 1877/78 aus Transkaukasien nach Ostanatolien vorstießen, wurden von den Armeniern als Befreier begrüßt.

Der Berliner Kongress enttäuschte die Hoffnungen der Armenier, dass die europäischen Mächte den Sultan dazu bringen würden, die Gravamina der Armenier ernst zu nehmen und Reformen durchzuführen. Eine armenische Delegation, bestehend aus Vertretern der armenischen Kirche und weltlichen Honoratioren, bereiste die Hauptstädte Europas, um auf die Nöte der Armenier aufmerksam zu machen. Am Berliner Kongress durfte die Delegation nicht teilnehmen. Der in unverbindlichem Ton gehaltene Artikel 61 des Berliner Vertrages verpflichtete den Sultan zwar zu Reformen zugunsten der Armenier, enthielt aber keine Regelungen, um die Durchführung von Reformen tatsächlich zu erzwingen. Die idealistische Annahme, dass die Armenier, die sich im Gegensatz zu den Griechen und anderen Balkanvölkern nie gegen die türkische Herrschaft erhoben hatten, für ihre Friedfertigkeit und Loyalität „belohnt“ werden würden, hatte sich als Illusion erwiesen.

In den dreieinhalb Jahrzehnten bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnten sich die europäischen Mächte nicht zu einer nachhaltigen Lösung der Armenischen Frage durchringen. Kollektive Protestnoten und Reformvorschläge, die der Pforte überreicht wurden, wann immer die Gewalt staatlicher und nichtstaatlicher Akteure gegen Armenier eskalierte, blieben ohne Wirkung. Die Pforte reagierte auf solche Initiativen mit einer Strategie des Aussitzens, Hinhaltens und Ignorierens. Bei aller Empörung über die Zustände in Ostanatolien schien es den Staatsmännern und Diplomaten Europas nicht ratsam, das Osmanische Reich durch aktives Eintreten zugunsten der Armenier weiter zu schwächen. Geostrategische Erwägungen spielten dabei eine Rolle (Großbritannien), aber auch die Furcht vor dem Verlust finanzieller Investitionen (Frankreich) oder die Annahme, die Gewährung von Autonomie und lokaler Selbstverwaltung an die Armenier Ostanatoliens würde die Armenier Transkaukasiens ermuntern, Ähnliches zu verlangen (Russland).

Die Entstehung armenischer politischer Parteien

Die Enttäuschung über die Ergebnisse des Berliner Kongresses war nur einer von mehreren Faktoren, die in den 1880er Jahren zur Entstehung einer armenischen Nationalbewegung und armenischer politischer Parteien führten. Bislang waren die Forderungen der Armenier maßvoll gewesen – Rechtssicherheit, Erleichterung der Steuerlast, Schutz gegen die räuberischen Übergriffe kurdischer Stämme, eventuell Autonomie und lokale Selbstverwaltung. Die Wortführer der osmanischen Armenier, geistliche Würdenträger, aber auch einzelne bürgerliche Intellektuelle, forderten keinen unabhängigen armenischen Staat, stellten also die Integrität des Osmanischen Reiches nicht in Frage. Gleichwohl witterte der reaktionäre Sultan Abdülhamid II. (1876–1909) hinter den moderaten Forderungen der Armenier Subversion und Separatismus. Nach den demütigenden Niederlagen zu Beginn seiner Regierung und den schmerzhaften Gebietsverlusten auf dem Balkan kamen für den Sultan Zugeständnisse jeglicher Art an nichtmuslimische Nationalitäten des Reiches nicht in Frage.[3]

Mehr und mehr steigerten sich der Herrscher und seine Minister in die Vorstellung hinein, die Armenier strebten im Bunde mit den europäischen Mächten danach, das Osmanische Reich weiter zu verkleinern. Auf die politischen Aktivitäten und Reformforderungen seiner armenischen Untertanen reagierte der Sultan mit harter Repression. Eine Gewaltspirale kam in Gang, die sich bis zu Pogromen und Massakern an Armeniern steigerte. Um die Armenier Ostanatoliens in Schach zu halten, verbündete sich Abdülhamid II. mit den kurdischen Stämmen der Region.

Die kurdischen Stammeskrieger wurden 1891 in paramilitärische Einheiten aufgenommen, die sogenannten Hamidiye-Regimenter, die fortan – ähnlich wie die Kosaken im Zarenreich – gegen unbotmäßige und rebellierende Bevölkerungsgruppen eingesetzt wurden, vorzugsweise gegen die Armenier. Die Instrumentalisierung der Kurden durch den osmanischen Staat führte zu einer Eskalation des armenisch-kurdischen Konflikts. Häufigkeit und Intensität gewaltsamer Auseinandersetzungen zwischen Armeniern, Kurden und regulären osmanischen Truppen nahmen in den 1880er und 1890er Jahren stetig zu.[4] Einen ersten Höhepunkt erreichte die Gewaltpolitik gegenüber den Armeniern 1894 mit den Massakern in der Region um die Stadt Sasun. Dem Blutbad ging ein Aufstand der Armenier gegen die ruinösen Steuerforderungen des Staates und die unablässigen Übergriffe der Kurden voraus.

Der Aufstand von Sasun war keine spontane Erhebung. Er wurde von örtlichen Vertretern der Hunchak-Partei organisiert, einer der beiden armenischen Parteien, die Ende der 1880er Jahre gegründet worden waren. Die Entstehung der Parteien Hunchak und Dashnaktsutyun war eine Spätfolge des Berliner Kongresses. In der Generation der nach 1850 geborenen Armenier reifte die Erkenntnis, dass eine Doppelstrategie nötig sei, um ihre Lebensbedingungen im Osmanischen Reich spürbar zu verbessern. Einerseits mussten die europäischen Mächte dazu gebracht werden, sich stärker und ernsthafter mit der Armenischen Frage zu befassen. Eine Lösung dieser Frage war ohne Beistand aus Europa, ohne äußeren Druck auf den Sultan nicht denkbar. Andererseits reichte es nicht aus, sich nur auf das Engagement der Großmächte zu verlassen. Die Armenier mussten selbst aktiv werden und den osmanischen Staat von innen unter Druck setzen. Der Kampf um ein besseres Leben erforderte neue Organisationsformen, neue Ideen und Ideologien, neue Mittel, um das armenische Volk aus der von armenischen Intellektuellen und Revolutionären beklagten habituellen Passivität, Unterwürfigkeit und Schicksalsergebenheit herauszureißen.

Vor allem junge Armenier waren enttäuscht von den etablierten armenischen Eliten, die in Istanbul als Sachwalter ihres Volkes auftraten – der Kirche und der Finanzoligarchie der amiras, die als Steuerpächter und Bankiers in enger Symbiose mit der Pforte lebten. Viele Armenier empfanden das konfliktscheue und leisetreterische Verhalten dieser traditionellen Eliten, die den Sultan nicht provozieren wollten, als rückgratlos, wenn nicht gar feige. Von der Kirche und den amiras war kein nennenswerter Beitrag zum Kampf gegen Willkür, Rechtsunsicherheit und steuerliche Ausbeutung zu erwarten. Es waren hauptsächlich soziale Aufsteiger aus dem Kleinbürgertum und der Bauernschaft, die in den 1880er Jahren nach neuen Formen politischer Vergemeinschaftung suchten und schließlich zu Gründern und Mitgliedern der beiden Parteien Hunchak und Dashnaktsutyun wurden.[5] Diese Vorgänge fielen in eine Zeit, in der die Armenier des Osmanischen Reiches und des Zarenreiches Anschluss an politische und intellektuelle Debatten Europas fanden. Das Bildungswesen der Armenier säkularisierte sich zusehends; europäisches Gedankengut und europäische Ideologien wurden rezipiert, darunter der Nationalismus und der Sozialismus. Zahlreiche junge Armenier studierten an russischen und europäischen Universitäten.

Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts durchlebten gebildete Armenier eine Phase intensiver nationaler Selbstvergewisserung. Die Wiederentdeckung der eigenen Geschichte führte zu der Erkenntnis, dass die Armenier nicht immer unter fremder Herrschaft gelebt hatten, sondern jahrhundertelang Herren ihres eigenen Schicksals gewesen waren. Warum sollte ihnen das in naher Zukunft nicht wieder möglich sein? Es entstand eine schmale Schicht von Intellektuellen, die im armenischen Volk nicht mehr nur eine Religionsgemeinschaft sehen wollte, sondern eine Nation im europäischen Sinne, eine durch Sprache, Kultur und Geschichte definierte Gemeinschaft, die einen Anspruch auf ein klar umgrenztes eigenes Territorium geltend machen durfte. Denn warum sollten sich die Armenier mit weniger zufrieden geben als Griechen, Bulgaren, Serben und Rumänen, die mittlerweile allesamt in unabhängigen Nationalstaaten lebten?[6]

Die armenischen Parteien und ihr Verhältnis zum Terrorismus

Die Gründung der beiden armenischen Parteien – und ihr Verhältnis zum Terrorismus – wird nur verständlich, wenn man die Vorbildwirkung der russischen revolutionären Bewegung im Allgemeinen und der Narodnaja Volja im Besonderen berücksichtigt. In den späten 1880er Jahren kam der armenische Journalist und Dichter Avetis Nazarbekyan (1866–1939) in Genf mit exilierten Vertretern der Narodnaja Volja und dem Kreis um Georgij Plechanov in Kontakt. Zusammen mit einigen Freunden gründete Nazarbekyan im Sommer 1887 die Partei Hunchak (Die Glocke, in Anlehnung an Aleksandr Gercens Zeitschrift Kolokol). Nazarbekyan und seine Mitstreiter entwarfen ein Parteiprogramm, das Nationalismus und Sozialismus zu kombinieren versuchte. Erklärtes Nahziel der Partei war die Zusammenführung der im Osmanischen Reich, in Russland und Persien lebenden Armenier in einem unabhängigen Nationalstaat. In ferner Zukunft sollte dieser Staat eine sozialistische Ordnung erhalten.[7]

Eine Synthese von Nationalismus und Sozialismus strebte auch die Partei Dash-naktsutyun an, die 1890 in Tiflis gegründet wurde. Ihre drei Gründerväter, Christapor Mikaelyan (1859–1905), Simon Zavaryan (1866–1913) und Stepan Zoryan (1867–1919), hatten sich während des Studiums an der Landwirtschaftshochschule in Moskau kennengelernt. Mikaelyan war zuvor, während seiner Lehrerausbildung am Pädagogischen Institut von Tiflis, Mitglied einer lokalen Zelle der Narodnaja Volja gewesen. Was die Zukunft des armenischen Volkes anging, so hatte die Dashnaktsutyun bescheidenere Vorstellungen als die Hunchak. Sie setzte es sich zum Ziel, für die Armenier im Osmanischen Reich Autonomie und lokale Selbstverwaltung zu erstreiten. Einen unabhängigen armenischen Staat strebte sie nicht an.[8] Das Bekenntnis beider Parteien zum Sozialismus blieb stets vage. Vom Klassenkampf hielten Hunchak und Dashnaktsutyun nichts; stattdessen betonten sie die klassenübergreifenden Interessen des armenischen Volkes. Die Nationale Frage war ihnen stets wichtiger als die Soziale Frage.[9] Durch Agitation und Propaganda sollten die armenischen Bauern, Handwerker und Kaufleute Ostanatoliens dazu gebracht werden, ein politisches und nationales Bewusstsein zu entwickeln und für eine Verbesserung ihrer Lebensumstände zu kämpfen.

Einig waren sich beide Parteien in ihrer Haltung zum Terrorismus. In ihren Programmen bekannten sie sich unmissverständlich zur Anwendung politischer Gewalt. Sie sahen im Terrorismus ein legitimes Mittel der Notwehr und Selbstverteidigung, das rechtlosen Bevölkerungsgruppen zustand, die von einem despotischen Staat unterdrückt und ausgeraubt wurden. Damit argumentierten sie ähnlich wie die Narodnaja Volja, die sich in den 1870er Jahren ebenfalls zum Rächer, Sprachrohr und Interessenvertreter des einfachen Volkes stilisiert hatte.[10] Von der Narodnaja Volja übernahmen Hunchak und Dashnaktsutyun die Überzeugung, dass eine revolutionäre Avantgarde „Dienst am Volk“ leisten müsse, vor allem durch den aktiven Kampf gegen dessen Feinde und Unterdrücker. Dabei ignorierten sie die Tatsache, dass die Narodniki mit ihrem Terrorismus – namentlich mit der Ermordung Zar Aleksandr II. (1881) – politisch nichts bewirkt hatten, abgesehen von einer Verschärfung der repressiven Politik der Autokratie.

Noch mehr als in Russland wurde der Kampf junger Revolutionäre von armenischen Schriftstellern literarisch verherrlicht. Der jugendliche Rächer und Rebell, der sich heldenhaft für sein Volk aufopfert, war die mit Abstand beliebteste Figur in der armenischen Literatur und in Volksliedern der Jahrhundertwende. Dichter und Intellektuelle strickten emsig am Mythos von den Armeniern als Opfervolk, das zu seiner Selbstverteidigung jedes nur erdenkliche Mittel nutzen durfte. Realität und Fiktion flossen inein­ander; es kam zu jener eigentümlichen „Sättigung der armenischen Kultur mit Narrativen von Verfolgung und Rache“.[11]

Der Vater der modernen armenischen Literatur, Chačatur Abovjan (geboren 1809, gestorben um 1848), erhob als erster Autor den jugendlichen Freiheitskämpfer in den Rang eines Romanhelden. In Abovjans Werk Die Wunden Armeniens (1858 posthum veröffentlicht) ist es der Bauernsohn Agasi, der seine Landsleute zum Kampf gegen die persische Fremdherrschaft aufwiegelt. In den 1880er Jahren spielte der populäre Schriftsteller Raffi (d.i. Akop Melik-Akopjan, 1835–1888) das Motiv des nationalen Befreiungskampfs in mehreren Werken durch, die mal in historischer Zeit, mal in der Gegenwart angesiedelt waren. Auch Raffi wählte die Figur des jugendlichen Rebellen und Freiheitskämpfers, um seine Auffassung zu propagieren, die Armenier müssten ihr Schicksal in die eigene Hand nehmen, anstatt auf die Hilfe der Europäer zu warten. Raffis kaum verhülltes Plädoyer für die Gewaltanwendung im Dienst der nationalen Sache fiel in den 1880er Jahren auf fruchtbaren Boden.[12]

Armenischer Terrorismus im Osmanischen Reich

In einem wichtigen Punkt unterschieden sich Hnčak und Dašnakcutjun von der Narodnaja Volja. Anders als die russischen Narodniki in den 1870er und 1880er Jahren waren sie nicht von dem Volk isoliert, für das sie zu kämpfen beanspruchten. Überall im Osmanischen Reich schossen lokale Parteikomitees aus dem Boden. Junge Männer strömten scharenweise in die Parteien und die von ihnen organisierten Guerilla- und Partisaneneinheiten. Der Aufruf, die Armenier müssten endlich mit der Waffe in der Hand für ihre Sicherheit und ihre Interessen kämpfen, fand breiten Widerhall. Für Aufsehen sorgte die Verhaftung einer Gruppe von 125 jungen Armeniern unter Führung des Studenten Sarkis Gugunyan, die im Sommer 1890 von den zarischen Behörden in letzter Minute gehindert wurde, heimlich die osmanisch-russische Grenze zu überschreiten und im Osmanischen Reich in den Untergrund zu gehen. Was für die Narodniki der „Gang ins Volk“ gewesen war, das war für junge Armenier „der Gang in die historische Heimat“, das Hochland im Osten des Osmanischen Reiches, wo viele Monumente und Ruinen­stätten vom Glanz der mittelalterlichen armenischen Fürstentümer kündeten. Diese historische Heimat sollte das geographische Zentrum eines künftigen armenischen Staates sein.[13]

Bald operierten in Ostanatolien zahlreiche paramilitärische Verbände, die armenische Dörfer schützten, Strafexpeditionen und Vergeltungsaktionen gegen kurdische Stämme durchführten und Vertreter des osmanischen Staates töteten. Den Typus des charismatischen Partisanenführers verkörperte niemand besser als der Handwerkersohn Andranik Ozanyan (1865–1927), der um die Jahrhundertwende eine beispiellose Popularität unter seinen Landsleuten erlangte. Es war ein Zeichen der Verehrung, dass er bald nur noch bei seinem Vornamen gerufen wurde. Kurzzeitig Mitglied der Hnčak und ab 1892 der Dašnakcutjun, begann Andranik seine Gewaltkarriere als Terrorist. Er gehörte zu den Attentätern, die im Februar 1892 den Polizeichef von Istanbul, Jusuf Mehmet Bej, ermordeten. Zwei Jahre später war er unter den Anführern des Aufstands von Sasun, der von den Truppen des Sultans brutal niedergeschlagen wurde.[14] Der hohe Blutzoll, den die Armenier in Sasun und bei späteren Aufständen entrichteten, wirkte auf die Revolutionäre keineswegs abschreckend. Im Gegenteil, er bestärkte sie in der Überzeugung, dass die Armenier nur durch die heroische Selbstaufopferung ihrer besten Söhne zur Freiheit gelangen würden, wie es der Partisanenführer Ruben Ter Minassyan (1882–1951) in seinen Memoiren ausdrückte.[15]

Diese Memoiren, die auch in einer stark gekürzten französischen Fassung vorliegen, gehören zu den wenigen Selbstzeugnissen, die westlichen Historikern einen Einblick in die Lebens- und Gedankenwelt armenischer Revolutionäre und Terroristen geben. Ter Minassyan durchlief eine Karriere, die als typisch für armenische Revolutionäre und Politiker der Jahrhundertwende gelten kann: Er studierte an russischen Hochschulen, trat früh in die Dashnaktsutyun ein, erhielt eine paramilitärische Ausbildung in der Grenzregion um Kars, brach mit dem „bürgerlichen“ Leben, ging in den Untergrund und kämpfte als Partisan in Persien und Ostanatolien. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges verwandelte er sich in einen „respektablen“ Politiker und stieg zum Minister in der unabhängigen Republik Armenien auf. Ter Minassyan zufolge praktizierte die Dashnaktsutyun zwei Formen von Terrorismus, den politischen (gegen Vertreter des Staates) und den internen disziplinarischen (gegen Verräter und Kollaborateure aus den eigenen Reihen). Ter Minassyan hatte in erster Linie Terroranschläge im Blick, die auf lokaler Ebene das örtliche Publikum ansprechen sollten und nicht darauf abzielten, die europäische Öffentlichkeit zu erreichen. Um des Effektes und der Signalwirkung willen mussten Attentate am helllichten Tag und öffentlich durchgeführt werden. Der Mord an despotischen Amtsträgern sollte den Staat „destabilisieren“. Nur solche Personen durften als Ziele ausgewählt werden, die es aufgrund persönlich zurechenbarer Missetaten „verdient“ hatten, im Namen des armenischen Volkes getötet zu werden. Um ihr Gewissen zu beruhigen, redeten sich die Revolutionäre ein, dass ihre Anschläge die stillschweigende Billigung der armenischen Zivilbevölkerung fänden. Mit einer Mischung aus Schauder und Faszination hätten die Zivilisten auf die Gewalttaten der Revolutionäre reagiert, behauptet Ter Minassyan in seinen Memoiren: „Der Terrorist ist wie der Erzengel Gabriel. Man leistet ihm keinen Widerstand; er ist im Recht; er führt einen höheren Willen aus; seine Hände sind rein.“[16]

Selbstkritische Reflexionen über die kontraproduktive Wirkung des Terrorismus finden sich bei Ter Minassyan nicht. Dabei äußerten politisch gemäßigte Armenier schon in den 1890er Jahren Zweifel am Sinn und Nutzen des Terrorismus als Mittel des politischen Kampfes. Der Vorwurf wurde laut, die Revolutionäre böten mit ihren Aktionen dem Sultan einen bequemen Vorwand für die Verschärfung seines repressiven Kurses. Dass der armenische Terrorismus tatsächlich neues Unheil über die Armenier brachte, veranschaulicht kein Beispiel besser als der spektakulärste Terrorakt, den die Armenier in den 1890er Jahren verübten, der Überfall auf die Osmanische Staatsbank im Sommer 1896. Ungeachtet ihres Namens handelte es sich um eine mit europäischem Kapital finanzierte und von europäischem Personal betriebene Bank. Die Wahl des Ziels entsprang dem Kalkül der Revolutionäre, dass die europäischen Mächte spätestens dann zugunsten der Armenier würden eingreifen müssen, wenn ihre geschäftlichen und finanziellen Interessen im Osmanischen Reich Schaden zu nehmen drohten.

Die Dashnaktsutyun entschloss sich zu diesem Anschlag, um die europäischen Mächte unter Druck zu setzen, die nach den Massakern von Sasun 1894 zwar eine internationale Untersuchungskommission eingesetzt, dem Sultan aber wieder keine Reformen zugunsten der Armenier abgerungen hatten. Zur Empörung der Armenier verlief die Arbeit der Kommission im Sande.[17] Zunächst versuchten die Armenier, mit friedlichen Mitteln auf ihre Notlage aufmerksam zu machen und eine juristische Aufarbeitung der Sasun-Massaker einzufordern. Eine im September 1895 von der Hunchak organisierte Demonstration in Istanbul löste mehrwöchige antiarmenische Pogrome aus, die von der Hauptstadt auf ganz Kleinasien übergriffen. Demoralisiert und von internen Streitigkeiten geschwächt, überließ die Hunchak die weitere Initiative der Dashnaktsutyun. Die Partei entschloss sich zu drastischen Schritten. Ursprünglich plante sie mehrere zeitgleiche Aktionen in Istanbul: Überfälle auf die Osmanische Staatsbank und die Niederlassung der Bank Crédit Lyonnais sowie Bombenanschläge auf Kasernen und Polizeistationen. Durchgeführt wurde letztlich nur die Besetzung der Staatsbank.

Am 26. August 1896 drangen 25 mit Schusswaffen und Sprengstoff bewaffnete Angreifer in die Bank ein. Sie nahmen rund 150 Angestellte und Kunden als Geiseln und stellten den Botschaften der europäischen Mächte ein Schreiben zu, das umfangreiche Forderungen enthielt: Autonomie und lokale Selbstverwaltung für die sechs ostanatolischen Provinzen, wo die Armenier die Bevölkerungsmehrheit stellten; Einsetzung eines europäischen Generalgouverneurs für die sechs Provinzen; eine Amnestie für alle inhaftierten armenischen Revolutionäre. Die Angreifer drohten mit Sprengung der Bank und Tötung aller Geiseln, sollten die Forderungen nicht innerhalb von 48 Stunden umgesetzt werden. Der Anschlag geriet zum kläglichen Fiasko. Von einem Mitarbeiter der russischen Botschaft ließen sich die Terroristen zur Aufgabe überreden. Ohne auch nur ein einziges ihrer Ziele erreicht zu haben, verließen sie Istanbul an Bord der Yacht des Bankdirektors. Ein französisches Schiff brachte sie nach Marseille, wo sie auf freien Fuß gesetzt wurden.

Unterdessen kam es in Istanbul erneut zu blutigen Ausschreitungen gegen die armenische Bevölkerung. Anders als es die Terroristen erwartet hatten, trug der Überfall auf die Osmanische Staatsbank nichts zur Entspannung oder gar Lösung der Armenischen Frage bei. Als Zar Nikolaj II. im Herbst 1896 in Großbritannien weilte, unterbreitete Premierminister Salisbury ihm den Vorschlag, Sultan Abdülhamid II. abzulösen und durch ein „vernünftigeres“ Mitglied des Herrscherhauses zu ersetzen. Da Salisbury jedoch nicht bereit war, die russische Zustimmung zu seinem Plan durch Zugeständnisse in der Meerengenfrage zu erkaufen, lehnte der Zar die Absetzung Abdülhamids ab.

Die armenischen Revolutionäre gelangten zu der Einsicht, dass der Sultan beseitigt werden musste, wenn die Armenische Frage einer Lösung nähergebracht werden sollte. Der Terrorismus der russischen Sozialrevolutionäre nach der Jahrhundertwende, die Attentate auf zarische Minister und Amtsträger, mögen dabei als Vorbild gedient haben. Auf ihrem dritten Parteitag (1903) beschloss die Dashnaktsutyun, Sultan Abdülhamid II. zu ermorden. Fallengelassen wurde der Plan, das Attentat mit Bombenanschlägen in der Hafenstadt Smyrna zu verbinden, wo viele europäische Firmen Niederlassungen besaßen. Der Plan lässt einmal mehr das Kalkül erkennen, die geschäftlichen und finanziellen Interessen der Europäer im Osmanischen Reich zu schädigen, um sie auf diese Weise zu einem stärkeren Engagement in der Armenischen Frage zu nötigen. Der Parteigründer Christapor Mikaelyan beteiligte sich selbst an der Vorbereitung des Attentats auf den Sultan. Im März 1905 kam er in Sofia ums Leben, als eine selbstgebaute Bombe in seinen Händen explodierte.

Von diesem Rückschlag ließ sich die Partei nicht entmutigen. Da die Dashnaktsutyun keine Erfahrung in der Durchführung eines so spektakulären Attentats besaß, rekrutierte sie den belgischen Anarchisten Charles-Édouard Jorris (1876–1957), der in Istanbul lebte und in einer Fabrik des Nähmaschinenherstellers Singer arbeitete. Über Jorris ist so gut wie nichts bekannt. Es ist unklar, welche Erfahrungen er als Terrorist besaß. Wie Jorris nach seiner Verhaftung aussagte, war er maßgeblich an der minutiösen Planung des Attentats auf den Sultan beteiligt. Wochenlang wurde der öffentlichkeitsscheue Herrscher geduldig observiert. Aus Angst vor Anschlägen verließ Abdülhamid II. nur selten das Gelände seiner schwer bewachten Residenz, des Yildiz-Palastes im Norden Istanbuls. Die Verschwörer kamen zu dem Schluss, dass es nur eine Gelegenheit gab, um das Attentat auf den Sultan auszuführen: Abdülhamids wöchentliche Fahrt zum Freitagsgebet in der Hamidiye-Moschee, die sich unmittelbar vor den Toren des Yildiz-Palastes befand. Während sie ihn observierten, stoppten die Verschwörer die Zeit, die der Sultan brauchte, um die Moschee zu verlassen und seine Kutsche zu besteigen. Die Verschwörer gingen mit einer kaltblütigen Entschlossenheit zu Werke, die an russische Terroristen vom Schlage Boris Savinkovs erinnerte. Der Anschlag fand schließlich am 21. Juli 1905 statt. An den Stufen der Moschee hatten die Attentäter eine aus Wien beschaffte Kutsche geparkt, die mit 80 Kilogramm des Sprengstoffs Melitin beladen war. Ein Zeitzünder sollte den Sprengstoff zur Detonation bringen, während der Sultan den kurzen Weg vom Eingang der Moschee zu seiner Kutsche zurücklegte. Beinahe wäre der Anschlag geglückt, doch der Herrscher verweilte einige Augenblicke am Eingang der Moschee, um mit einem Geistlichen zu sprechen. Dies rettete ihm das Leben. Bei der Explosion blieb der Sultan unverletzt, während mehr als 80 Personen, hauptsächlich Soldaten und Offiziere, getötet oder verletzt wurden.[18]

Obgleich der Anschlag auf den allgemein verhassten Sultan misslang, löste er über ethnische und religiöse Trennlinien hinweg im ganzen Osmanischen Reich Beifall und Bewunderung aus. Alle oppositionellen Kräfte zollten der Dashnaktsutyun Respekt für ihren Wagemut. Die osmanischen Behörden wurden der Verschwörer schnell habhaft. Nach seiner Verhaftung legte Jorris ein umfassendes Geständnis ab, das eine rasche Aufklärung des Attentats ermöglichte. Jorris wurde zum Tode verurteilt, 1907 aber vom Sultan begnadigt und in seine Heimat entlassen. Das gescheiterte Attentat auf Abdülhamid II. markiert den Endpunkt des armenischen Terrorismus im Osmanischen Reich. Der innenpolitische Druck zwang den Sultan schließlich zum Einlenken und zur Rückkehr zum Konstitutionalismus. Damit war ein wichtiges Ziel aller regimekritischen Gruppen und Parteien erreicht. Nach der Wiederinkraftsetzung der Verfassung von 1876 (1908), der Jungtürkischen Revolution und der Absetzung des Sultans (1909) verzichteten Hunchak und Dashnaktsutyun auf Gewalt und Terrorismus. Sie nahmen an den Wahlen zum osmanischen Parlament teil und erhofften sich von der Zusammenarbeit mit den Jungtürken, an der Umsetzung längst überfälliger Reformen sowie an der Modernisierung und Demokratisierung des Vielvölkerreiches mitwirken zu können. Diese Hoffnungen sollten sich nicht erfüllen.[19]

Armenischer Terrorismus im Russischen Reich

Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts engagierten sich Hunchak und Dashnaktsutyun kaum in Russland. Den politischen Verhältnissen im Zarenreich standen sie weitgehend gleichgültig gegenüber. Sie nutzten Transkaukasien als Rückzugsraum und schleusten von dort Kämpfer und Waffen ins Osmanische Reich ein. Das geringe Interesse der Revolutionäre, in Russland tätig zu werden, entsprach der loyalen und russophilen Haltung, die die Armenier Transkaukasiens seit langem gegenüber dem Zarenreich einnahmen. Sie sahen in der Autokratie eine Schutzmacht, die in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, während der Eingliederung Transkaukasiens in das Imperium, wenigstens einen Teil des armenischen Volkes aus türkischer und persischer Knechtschaft befreit hatte. Vereinzelte antiarmenische Maßnahmen des Staates in den 1880er und 1890er Jahren sorgten zwar für Unmut und Unzufriedenheit, mündeten aber nie in offenen Aufruhr. Die Minister Aleksandrs III. und Nikolajs II. betrachteten die politischen Aktivitäten der Armenier im Osmanischen Reich mit Sorge und Misstrauen. Forderungen nach Autonomie und lokaler Selbstverwaltung in Ostanatolien wurden von Petersburg nicht unterstützt, durfte doch kein Präzedenzfall geschaffen werden, der die Armenier Transkaukasiens zu ähnlichen Forderungen hätte verleiten können.

Aus vielerlei Gründen sah die zarische Regierung in den Armeniern einen Störfaktor: Sie waren wirtschaftlich erfolgreicher als die Georgier und Muslime (Aserbaidschaner) und dominierten deshalb, begünstigt durch das Zensuswahlrecht, die städtischen Selbstverwaltungsorgane in Transkaukasien, was zu Spannungen zwischen den Volksgruppen führte. Sie pflegten intensive Kontakte mit ihren Landsleuten außerhalb Russlands und belasteten damit die russische Außenpolitik, besonders die Beziehungen zum Osmanischen Reich.[20] Die Versuche der Autokratie, das politische und kulturelle Leben der Armenier einzuengen, kulminierten im Juni 1903, als per Dekret der gesamte Besitz der armenischen Kirche enteignet wurde. Damit sollte dem kirchlichen Bildungswesen die ökonomische Basis entzogen werden. Die leidenschaftliche Reaktion der Armenier auf das Enteignungsdekret traf die Petersburger Regierung unvorbereitet. Als einzige Institution, der sich über Ländergrenzen hinweg alle Armenier zugehörig fühlen konnten, genoss die armenische Kirche quer durch alle Schichten des Volkes hohes Ansehen. Ihre Enteignung wurde von Intellektuellen und Revolutionären diesseits und jenseits der Grenze als Schlag gegen die gesamte armenische Nation angeprangert.

Die Hunchak hatte sich nie von den internen Streitigkeiten Mitte der 1890er Jahre erholt. So war die Dashnaktsutyun 1903 die einzige schlagkräftige politische Organisation, die den Widerstand gegen die Enteignung der Kirche anführen konnte. Sie griff dabei auf die Methoden zurück, die sie seit Jahren im Osmanischen Reich praktizierte: Aufstellung paramilitärischer Einheiten, welche die „Selbstverteidigung“ des Volkes übernahmen, sowie Gewalt gegen Vertreter des Staates. Über Nacht avancierte die Autokratie zum neuen Feind der Armenier. Bald machte der Spruch die Runde „Der Russe legt die Axt an die Wurzeln des armenischen Volkes, der Türke an die Äste.“[21] Der schon im Sommer 1903 beginnende Kampf gegen die Autokratie war nur das Vorspiel zu den Gewaltexzessen, die 1904 und 1905 im Kaukasus ausbrachen.[22] Vor dem Hintergrund von Russlands Niederlage gegen Japan und der ersten russischen Revolution entluden sich die aufgestauten Ressentiments zwischen Armeniern und Muslimen in Pogromen und bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen.

Die von der Dashnaktsutyun geleiteten paramilitärischen Verbände teilten in mehrere Richtungen Schläge aus: gegen zarische Amtsträger und Militärs, gegen muslimische Bauern, die Land bewohnten, auf das die Armenier „von alters her“ Anspruch zu haben meinten, ja selbst gegen reiche armenische Unternehmer, die sich weigerten, Geld in die „Kriegskasse“ der Partei einzuzahlen. Die Terroranschläge gegen Vertreter des Staates fielen allesamt in die Kategorie der öffentlichkeitswirksamen Rachemorde. Es ging den Revolutionären darum, im Namen des armenischen Volkes Personen zu „bestrafen“, die sie als Exponenten der antiarmenischen Politik des Zaren wahrnahmen. Außerdem sollte die armenische Bevölkerung zum Kampf gegen die Autokratie aufgestachelt werden. Der Vizekönig im Kaukasus, Fürst Grigorij Golicyn, der aus seiner Abneigung gegen die Armenier nie einen Hehl gemacht hatte, überlebte mit knapper Not ein Attentat. Dieses Glück war dem Gouverneur von Baku, Fürst Michail Nakašidze, nicht beschieden. Ihm hatten die Dashnaktsutyun vorgeworfen, er habe die Muslime Bakus im Februar 1905 zu einem Pogrom gegen die Armenier angestiftet. Unter den prominenten Opfern des armenischen Terrors war auch der Vizegouverneur von Elizavetpol’, Andrej Andreev, der in seinem Amtsbereich die Enteignung des Kirchenbesitzes rigoros durchgesetzt hatte. Neun Versuche waren nötig, um General Maksud Alichanov-Avarskij zu töten. Die Dashnaktsutyun unterstellte ihm, er habe mit seinen Truppen die Muslime im Raum Erevan und Nachičevan gegen die Armenier unterstützt, und zwar aufgrund seiner Verwandtschaft mit der Familie des Khans von Nachičevan.

Transkaukasien gehörte zu den wichtigsten und konfliktreichsten Schauplätzen der Revolution von 1905. Die Armenier entrichteten einen hohen Blutzoll, wendeten aber auch selbst massiv Gewalt an. Die Dashnaktsutyun erklärte die Explosion der Gewalt in den Jahren 1904 und 1905 damit, dass sich Russen und Muslime aus Hass und Missgunst gegen die Armenier verschworen hätten. Mit den interethnischen Konflikten des Jahres 1905 erhielt die Selbstwahrnehmung der Armenier als Opfervolk neue Nahrung. Die Rückgabe des Kirchenbesitzes 1905 reichte nicht aus, um die Armenier zu beruhigen. Wie überall im Russischen Reich, so war auch im Kaukasus der massive Einsatz des Militärs nötig, um Ruhe und Ordnung wiederherzustellen. Mit harter Hand ging Ministerpräsident Petr Stolypin ab 1908 gegen die Dashnaktsutyun vor. Hunderte ihrer Mitglieder wurden verhaftet und nach Sibirien verbannt. Der armenische Terrorismus im Zarenreich kam zum Erliegen.

Ausblick und Zusammenfassung

Es wäre verfehlt, den armenischen Terrorismus im Osmanischen Reich und im Zarenreich als Fußnote und historisch bedeutungsloses Phänomen abzutun. Auch wenn der Terrorismus nichts zur Lösung der Armenischen Frage beitrug, ist er für das Verständnis der Geschichte des Kaukasusraumes im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert von Bedeutung. Er ist Teil der Gewaltgeschichte an der Peripherie zweier multiethnischer Reiche, die mit einem wachsenden Defizit an Legitimität konfrontiert waren und von radikalen Kräften mit variabler Programmatik und Zielsetzung ins Visier genommen wurden. „Klassischer“ Terrorismus gegen Einzelpersonen, Tyrannenmord, Partisanenkampf gegen kurdische Stämme, ethnische Säuberungen in Gebieten, in denen Armenier und Muslime bislang zusammen gelebt hatten, alle diese Gewaltformen wurden von armenischen Revolutionären als legitime Notwehr und Selbstverteidigung gerechtfertigt. Eine letzte Steigerung erfuhr die Gewaltpolitik der Armenier, als der Erste Weltkrieg im Kaukasus zu Ende ging. Die Front löste sich auf, und die reguläre russische Armee zog ab. Nach dem Oktoberumsturz der Bolschewiki sagte sich Transkaukasien von Russland los. Es entstanden die drei unabhängigen Republiken Armenien, Aserbaidschan und Georgien.

Die chaotische Lage und der Krieg aller gegen alle riefen jene Männer auf den Plan, die seit den 1890er Jahren im Namen des armenischen Volkes Gewalt ausübten. Jetzt bot sich ihnen die Chance, das für den Kaukasus typische Phänomen der ethnischen Durchmischung in ihrem Sinne „zu lösen“, ohne von einer übergeordneten Autorität behindert zu werden.[23] Der einstige Guerillaführer Andranik, der zu Beginn des Ersten Weltkriegs mit dem Segen des Zaren armenische Freiwilligenverbände aufgestellt und kommandiert hatte, terrorisierte als Warlord die Muslime der Regionen Zangezur und Bergkarabach. Ruben Ter Minassyan avancierte zum Innen- und Kriegsminister der kurzlebigen Republik Armenien (1918–1920), die sich fest in der Hand der Dashnaktsutyun befand. Auch Ter Minassyan versuchte sich daran, ein ethnisch möglichst homogenes Staatsgebiet herzustellen (in der Einleitung zu dessen Memoiren sprach der Sohn euphemistisch von einer „systematischen Befriedungskampagne“).[24] Die interethnischen Konflikte endeten erst, als die Bolschewiki Transkaukasien Schritt für Schritt ihrer Herrschaft unterwarfen. Die Dashnaktsutyun war auf ganzer Linie gescheitert; ihre Führer gingen ins Exil.

Fragt man nach den Unterschieden zwischen den armenischen Parteien Hunchak und Dashnaktsutyun einerseits sowie Narodnaja Volja und der Partei der Sozialrevolutionäre andererseits, so fällt zunächst auf, dass ihnen eine unterschiedliche Nachwirkung beschieden war. Narodniki und Sozialrevolutionäre spielen in Russlands Erinnerungskultur heute eine geringere Rolle als die armenischen Terroristen in der Geschichtspolitik Armeniens. Sie gelten nicht als positive Identifikationsfiguren und erst recht nicht als Nationalhelden. Anders verhält es sich mit den armenischen Revolutionären, mögen sie auch ihre Ziele nicht erreicht haben. Ihr Leben und ihre Taten sind unverzichtbarer Bestandteil des Narrativs vom wehrhaften und opfermutigen armenischen Volk, das sich im Laufe seiner dreitausendjährigen Geschichte immer wieder standhaft gegen eine Welt von Feinden behauptet und im Kampf um sein Daseinsrecht keine Mittel gescheut habe. So nimmt es nicht wunder, dass die Gebeine im Exil verstorbener armenischer Revolutionäre (darunter Andranik) in den 1990er Jahren nach Armenien überführt und auf dem Erevaner Heldenfriedhof in prunkvollen Gräbern beigesetzt wurden.[25]

Von den Narodniki unterschieden sich Hunchak und Dashnaktsutyun dadurch, dass sie in der armenischen Bevölkerung breiten Rückhalt genossen, von den Sozialrevolutionären durch die Ausweitung des Terrorismus zum Guerilla- und Partisanenkampf gegen nichtstaatliche Akteure. Anders als die Sozialrevolutionäre stellten die Armenier ihren Terrorismus in den Dienst eines dezidiert nationalen Projekts, von dem das ganze Volk profitieren sollte, nicht nur einzelne Klassen. Daher richteten sich manche armenische Terroraktionen wie der Überfall auf die Osmanische Staatsbank an dritte Parteien, an Adressaten außerhalb der eigentlichen Konfliktzone, die sich stärker für die Lösung der Armenischen Frage engagieren sollten.

Der armenische Terrorismus führte den Zerfall des Osmanischen und des Russischen Reiches nicht herbei, war aber ein Symptom der Krise, in der sich die beiden multiethnischen Imperien seit dem Ende des 19. Jahrhunderts befanden. Mit seinem Streben nach Autonomie oder gar Unabhängigkeit stellte der armenische Nationalismus die überkommene Ordnung und den territorialen Besitzstand des Osmanischen Reiches und des Zarenreiches radikal in Frage. Beide Reiche wurden von politischen Bewegungen herausgefordert, die als Wortführer benachteiligter sozialer Klassen oder nationaler Gemeinschaften auftraten und den prekären Status quo zerstören wollten. Die von Armeniern praktizierte politische Gewalt hatte eine anti-imperiale Stoßrichtung. Sie war gegen imperiale Ordnungen gerichtet, die aus Sicht armenischer Revolutionäre als illegitim galten, da sie den Interessen der Armenier schadeten und der Nationswerdung des armenischen Volkes im Weg standen.

 


[1]   Manoug Joseph Somakian: Empires in Conflict. Armenia and the Great Powers, 1895–1920. London 1995. – Richard Hovannisian: The Armenian Question in the Ottoman Empire 1876 to 1914, in: Ders. (Hg.): The Armenian People from Ancient to Modern Times, Bd. 2. New York 1997, S. 203–238. – Ronald Grigor Suny: Empire and Nation. Armenians, Turks and the End of the Ottoman Empire, in: Armenian Forum, 1/1998, S. 17–51.

[2]   Zur Geschichte der Armenier im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert: Razmik Panossian: The Armenians. From Kings and Priests to Merchants and Commissars. London 2006, S. 128–228. – Simon Payaslian: The History of Armenia. From the Origins to the Present. New York 2007, S. 103–124.

[3]   François Georgeon: Abdülhamid II. Le sultan calife (1876–1909). Paris 2003.

[4]   David Gaunt: The Culture of Inter-Religious Violence in Anatolian Borderlands in the Late Ottoman Empire, in: Winfried Speitkamp (Hg.): Gewaltgemeinschaften. Von der Spätantike bis ins 20. Jahrhundert. Göttingen 2013, S. 297–316. – Edward J. Erickson: Ottomans and Armenians. A Study in Counterinsurgency. New York 2013.

[5]   Gerard J. Libaridian: What Was Revolutionary About Armenian Revolutionary Parties in the Ottoman Empire? In: Ronald Grigor Suny u.a. (Hg.): A Question of Genocide. Armenians and Turks at the End of the Ottoman Empire. Oxford 2011, S. 82–112.

[6]   Ronald Grigor Suny: Populism, Nationalism and Marxism. The origins of revolutionary parties among the Armenians of the Caucasus, in: Armenian Review, 32/1979, S. 134–151. – Gerard J. Libaridian: Nation and Fatherland in Nineteenth Century Armenian Political Thought, in: Armenian Review, 36/1983, S. 71–90. – Anahide Ter Minassian: L’Arménie et l’éveil des nationalités (1800–1914), in: Gérard Dédéyan (Hg.): Histoire du peuple arménien. Toulouse 2007, S. 475–522.

[7]   Hratch Dasnabedian: The Hunchakian Party, in: Armenian Review, 41/1988, S. 17–39.

[8]   Hratch Dasnabedian: History of the Armenian Revolutionary Federation Dashnaktsutiun (1890–1924). Milan 1988. – Vincent Lima: The Evolving Goals and Strategies of the Armenian Revolutionary Federation, 1890–1925, in: Armenian Review, 44/1991, S. VII–XIX.

[9]   Anahide Ter Minassian: Socialistes et marxistes arméniens et la question nationale, in: Dies.: Histoires croisées. Diaspora, Arménie, Transcaucasie 1880–1990. Marseille 1997, S. 115–144.

[10]  Khachig Tololyan: Terrorism in Modern Armenian Political Culture, in: Terrorism and Political Violence, 4/1992, S. 8–22.

[11]  Khachig Toloyan: Cultural Narrative and the Motivation of the Terrorist, in: Journal of Strategic Studies, 10/1987, S. 217–233, hier S. 225.

[12]  Hrant Thorossian: Histoire de la littérature arménienne. Des origins jusqu’à nos jours. Paris 1951, S. 327f., 331f. – Vahé Oshagan: Modern Armenian Literature and Intellectual History from 1700 to 1900, in: Richard G. Hovannisian (Hg.): The Armenian People from Ancient to Modern Times. Bd. 2: Foreign Dominion to Statehood. The Fifteenth Century to the Twentieth Century. New York 1997, S. 135–174. – Kevork B. Bardakjian (Hg.): A Reference Guide to Modern Armenian Literature, 1500–1920. Detroit 2000, S. 135–137, 144–148.

[13]  Anahide Ter Minassian: Le mouvement révolutionnaire arménien 1890–1903, in: Cahiers du monde russe et soviétique, 14/1973, S. 536–607.

[14]  Apologetisch und daher mit Vorsicht zu benutzen ist die Biographie von Antranik Chalabian: General Andranik and the Armenian Revolutionary Movement. Southfield (Mich.) 1988.

[15]  Rouben Ter Minassian: Mémoires d’un partisan arménien. Marseille 1990, S. 27.

[16]  Ebd., S. 33–45.

[17]  Christopher J. Walker: From Sassun to the Ottoman Bank. Turkish Armenians in the 1890s, in: Armenian Review, 31/1979, S. 227–264. – Vahakn Dadrian: The 1894 Sassoun Massacre. A Juncture in the Escalation of the Turko-Armenian Conflict, in: Armenian Review, 47/2001, S. 5–39.

[18]  Georgon, Abüldhamid II [Fn. 3], S. 389ff.

[19]  Bedross Der Matossian: Shattered Dreams of Revolution. From Liberty to Violence in the Late Ottoman Empire. Stanford 2014. – Dikran Mesrob Kaligian: Armenian Organization and Ideology under Ottoman Rule, 1908–1914. New Brunswick, N.J. 2009, ²2011.

[20]  Ronald Grigor Suny: Eastern Armenia under Tsarist Rule, in: Hovannisian, The Armenian People [Fn. 12], S. 109–134.

[21]  Ter Minassian, Mémoires [Fn. 15], S. 27.

[22]  Anahide Ter Minassian: La révolution de 1905 en Transcaucasie, in: Dies., Histoires croisées [Fn. 9], S. 145–164. – Leslie Sargent: The „Armeno-Tatar War“ in the South Caucasus, 1905–1906. Multiple Causes, Interpreted Meanings, in: Ab Imperio, 4/2010, S. 143–169. – Stefan Wiese: Lalaevs Haus brennt. Das Februarpogrom von 1905 in Baku. Paralysierter Staat und Massengewalt im Russischen Reich, in: Journal of Modern European History, 10/2012, S. 117–138.

[23]  Jörg Baberowski: Der Feind ist überall. Stalinismus im Kaukasus. München 2003, S. 97–183.

[24]  Ter Minassian, Mémoires [Fn. 15], S. 12.

[25]  Zum Topos der Armenier als Opfervolk und seiner Rolle in der gegenwärtigen armenischen Geschichtspolitik: Graham Smith u.a.: Nation-building in the Post-Soviet Borderlands. The Politics of National Identities. Cambridge 1998, S. 48–66. – Sebouh Aslanian: „The Treason of the Intellectuals“. Reflections on the Uses of Revisionism and Nationalism in Armenian Historiography, in: Armenian Forum, 2/2003, S. 1–38. – Sergey Minasian: Armenia’s Attitude Towards its Past. History and Politics, in: Caucasus Analytical Digest, 8/2009, S. 10–13.

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