Titelbild Osteuropa 3/2016

Aus Osteuropa 3/2016
Teil des Religion im Konflikt

Diffuses Konzept
Die Russische Orthodoxe Kirche und die „Russische Welt“

Thomas Bremer

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Abstract

In Russland wird seit einigen Jahren die Idee einer spezifischen russischen Zivilisation propagiert. Das Konzept der „Russischen Welt“ ist vage, viele der oft genannten Elemente widersprechen einander. Dies gilt auch für die von der Russisch Orthodoxen Kirche (ROK) vertretene Variante des Konzepts. Auf der einen Seite sollen die russische Sprache und eine russische Kultur für Zusammenhalt sorgen. Auf der anderen Seite distanziert sich die ROK explizit von einem national verengten Verständnis der „Russischen Welt“. Die Widersprüche haben auch damit zu tun, dass die Kirche zwar die Nähe zum Staat sucht, gleichzeitig jedoch Unabhängigkeit bewahren will und nicht als dessen Erfüllungsgehilfin auftreten will.

(Osteuropa 3/2016, S. 3–18)

Volltext

In Russland wird seit einigen Jahren die Idee einer spezifischen russischen Zivilisation propagiert. Das Konzept der „Russischen Welt“ ist vage, viele der oft genannten Elemente widersprechen einander. Dies gilt auch für die von der Russisch Orthodoxen Kirche (ROK) vertretene Variante des Konzepts. Auf der einen Seite sollen die russische Sprache und eine russische Kultur für Zusammenhalt sorgen. Auf der anderen Seite distanziert sich die ROK explizit von einem national verengten Verständnis der „Russischen Welt“. Die Widersprüche haben auch damit zu tun, dass die Kirche zwar die Nähe zum Staat sucht, gleichzeitig jedoch Unabhängigkeit bewahren will und nicht als dessen Erfüllungsgehilfin auftreten will.

In Russland wird seit einigen Jahren ein zivilisatorisches Konzept vertreten und öffentlich gefördert, das als „Russische Welt“ (Russkij mir) bezeichnet wird. Die Vorstellung von der „Russischen Welt“ besagt im Groben, dass es eine spezifisch russische Zivilisation gebe, die in einer Reihe von Staaten dominant sei und die sich in zentralen Punkten von einer westlichen Zivilisation unterscheide. Im Jahr 2006 gründete der russländische Staat eine Stiftung gleichen Namens, die zum Ziel hat, die Werte dieser Zivilisation zu verbreiten.

Die Russische Orthodoxe Kirche (ROK) – sie wird häufig in einer Art symbiotischen Beziehung mit den staatlichen Strukturen Russlands gesehen – wird von diesen genutzt, um ein nationales Zusammengehörigkeits- und Identitätsgefühl zu schaffen. Die ROK kann ihrerseits mit deutlicher staatlicher Unterstützung ihre Vorstellungen umsetzen und sich in Russland auch administrativ konsolidieren. Letzteres lässt sich daran erkennen, dass in den letzten Jahren die Kirchenstrukturen massiv ausgebaut wurden. Zahlreiche neue Bistümer wurden geschaffen: Von 136 im Jahre 2007 ist die Zahl der Diözesen bis Ende des Jahres 2015 auf 282 gestiegen.[1] Zudem wurden zwischen dem Patriarchat und den Bistümern Metropolien als Zwischenebene eingerichtet.[2]

Doch wie verhält sich die ROK zum Konzept der „Russischen Welt“? Eigentlich ist zu erwarten, dass sie ein besonderes Interesse an der Thematik hat, da sich ihre eigene Jurisdiktion über mehrere Staaten erstreckt. Das drückt sich in der Vorstellung von einem „kanonischen Territorium“[3] aus; darunter wird ein Gebiet verstanden, in dem die ROK die einzig legal existierende orthodoxe Kirche ist. Alle anderen orthodoxen Kirchen können dort nur mit Genehmigung der ROK tätig sein, und auch dann nur in einem sehr engen Rahmen – etwa zur Seelsorge für eigene Angehörige oder als Vertretung (russ. podvor’e) einer Kirche beim russischen Patriarchat.[4] Das kanonische Territorium der ROK umfasst laut ihrem Statut[5] die Staaten der früheren Sowjetunion (außer Georgien und Armenien[6]) sowie China, die Mongolei und Japan.

Die „Russische Welt“

Marlene Laruelle beschreibt das Konzept der „Russischen Welt“ in ihrer einschlägigen Studie als „eine diffuse mentale Landkarte“ und stellt fest, dass „die Unschärfe dem Konzept strukturell innewohnt“. Doch gerade diese Offenheit macht nach ihren Worten auch die Stärke des Konzepts aus, weil es so zu einem „instabilen Referenzpunkt“ wird, der je nach Gegebenheiten unterschiedlich eingesetzt und verwendet werden kann.[7] Tatsächlich zeigt eine Analyse der verschiedenen Darstellungen und Definitionen der „Russischen Welt“ diese Unschärfe und Unklarheit sehr deutlich.

Der Begriff ist im Kontext der Bemühungen zu sehen, Russland und seine Besonderheiten geistesgeschichtlich einzuordnen. Insofern geht das Konzept „Russische Welt“ auf eine längere Geschichte zurück.[8] Nach dem Ende der UdSSR gab es mehrere Bestrebungen, eine „russische Idee“ zu etablieren. In allen sind die Suche nach einer historischen Sinngebung, die Erfindung einer verbindenden Deutung der Gegenwart und der Aufbau einer konzeptionellen Verbindung mit den außerhalb Russlands lebenden Russen sichtbar.

Der russländische Staat hat dieses Konzept gefördert, indem er verschiedene Gremien geschaffen hat oder unterstützt, die sich mit den entsprechenden Themen befassen. Dazu gehören die „Weltkongresse der [im Ausland lebenden] Landsleute“ (Vsemirnyj kongress sootečestvennikov),[9] das „Weltweite russische Volkskonzil“ (Vsemirnyj russkij narodnyj sobor),[10] dessen Vorsitzender das Oberhaupt der ROK, Patriarch Kirill, ist, und zahlreiche andere Organisationen, die untereinander und mit den politischen Strukturen in Russland vernetzt sind. Für das Thema „Russische Welt“ ist jedoch vor allem die gleichnamige Stiftung wichtig, die 2007 durch einen Ukaz von Präsident Putin gegründet wurde.[11] Ziele der Stiftung sind nach ihrem Statut[12] die Verbreitung (russ. populjarizacija) der russischen Sprache, die als nationales Kulturgut betrachtet wird, und die Unterstützung von Sprachlehrprogrammen für Russisch in Russland und im Ausland.[13] Zur Erreichung dieser Ziele wird im Statut eine Reihe von „Aufgaben“ angeführt. Sie reichen von eng mit dem Stiftungszweck verbundenen Maßnahmen – etwa der Unterstützung von linguistischen und didaktischen Projekten oder von Aufenthalten ausländischer Studenten der russischen Sprache in Russland – bis zu solchen, deren Zusammenhang mit der Verbreitung der russischen Sprache sich nicht ohne Weiteres erschließt („fördert die Versorgung mit Experten für die russische Außenpolitik“).

Mit diesem Schwerpunkt auf der Verbreitung russischer Sprache und Kultur gleicht die Stiftung von ihrer Idee her etwa dem, was auch andere Staaten durch entsprechende Einrichtungen fördern wollen: das Goethe-Institut, das Institut Française, das British Council oder das Instituto Cervantes sind die bekanntesten Beispiele für solche Institutionen. In der Zeit der UdSSR gab es vor allem in den sozialistischen Bruderstaaten ein „Haus der sowjetischen Kultur“, das nach dem Zerfall der Sowjetunion oft zu einem „Haus der russischen Kultur“ geworden ist.

Die Stiftung unterhält im Ausland ein Netzwerk von Einrichtungen; in Deutschland gibt es Zentren in Nürnberg, Dresden, Hamburg, Mainz und Berlin.[14] Unklar ist die Beziehung zur Agentur Rossotrudničestvo, die – mit Unterbrechungen und unter verschiedenen anderen Bezeichnungen – seit mehr als 90 Jahren die Kontakte zu im Ausland lebenden Mitbürgern pflegen und für die Verbreitung der russischen Sprache sorgen soll. Ihr untersteht etwa das Berliner „Russische Haus der Wissenschaft und Kultur“.[15]

Wichtiger als der strukturelle Aufbau ist jedoch der hinter der Stiftung stehende Ge­danke. Aus ihrer deutschsprachigen Homepage ist zu ersehen, dass das Ziel der Sprachverbreitung unter Nichtmuttersprachlern keine zentrale Rolle spielt.[16] Die Website ist lieblos gemacht und in holprigem Deutsch verfasst.[17] Offensichtlich richtet sich das Auslandsangebot vor allem an die dort lebenden Menschen russischer Sprache. Das entspricht dem, was politische und gesellschaftliche Akteure in den letzten Jahren zur „Russischen Welt“ sagten. Sie sprachen ebenfalls nur selten von der Verbreitung von Sprache oder Kultur unter Nichtrussen, sondern postulierten eine Zivilisation, die sich auf die Länder erstreckt, in denen „sootečestvenniki“ leben, also eigentlich „Landsleute“ – gemeint sind Menschen, die sich Russland auf eine bestimmte Art verbunden und zugehörig fühlen, auch wenn sie in anderen Staaten leben. Die „Russische Welt“ ist nach dieser Vorstellung ein von der russischen Kultur und der gemeinsamen Geschichte geprägter kultureller Raum, der sich von anderen zivilisatorischen Räumen – insbesondere vom westlichen – unterscheidet. Es ist naheliegend, dass diese Vorstellung eine Reihe von Problemen mit sich bringt, da die „Landsleute“ ja Bürger anderer Staaten sind, deren Regierungen die Fürsorge Russlands für ihre eigenen Bürger nicht notwendig akzeptieren. Die Ukraine ist das deutlichste Beispiel hierfür; Präsident Putin begründete die Unterstützung der Aufständischen im Osten der Ukraine nicht zuletzt damit, dass Landsleute geschützt werden müssten.

Die Haltung der оrthodoxen Kirche

Die ROK begann die Stiftung „Russische Welt“ schon kurz nach ihrer Gründung aktiv zu unterstützen. Im Jahr 2009 trat die Kirche der Stiftung offiziell bei. Einer der wichtigsten Vertreter der ROK, Metropolit Ilarion (Alfeev), ist Mitglied im Stiftungsvorstand. Patriarch Kirill ist mehrfach auf Veranstaltungen der Stiftung aufgetreten, insbesondere auf der ersten Vollversammlung nach dem Beitritt der Kirche, wo er eine Grundsatzrede hielt.[18] Doch auch andere Vertreter der Kirche äußern sich immer wieder zu dem Konzept. Unterzieht man die entsprechenden Wortmeldungen einer Analyse, so lassen sich einige Bereiche erkennen, die für die Repräsentanten der ROK offenbar eine wichtige Rolle spielen.

Der geschichtliche Aspekt

Ein erster wichtiger Bereich ist die historische Dimension der „Russischen Welt“, die ihrerseits zum einen in Bezug auf das historische Erbe verstanden wird, zum anderen aber auch als Verpflichtung für die Zukunft. Im Rückblick wird auf die gemeinsame Herkunft der ostslavischen Nationen aus der Kiever Rus’ und auf die Christianisierung im 10. Jahrhundert angespielt. Die „Russische Welt“ ist etwas, das von den Vorfahren gebildet und verteidigt wurde. Patriarch Kirill etwa erklärte:

Unsere Vorfahren haben die Rus’ gemeinsam gebaut und entwickelt, sie haben sie gegen ausländische Eroberer verteidigt. So war es in der ganzen Zeit der Existenz unseres einheitlichen Vaterlandes, unabhängig vom herrschenden politischen System.[19]

Aus dieser gemeinsamen Herkunft der Staaten der „Russischen Welt“ – der Patriarch nennt ausdrücklich Russland, die Ukraine, Belarus und Moldova, spricht im selben Kontext aber auch von „anderen Ländern des historischen Raumes der Rus’“ – leitet er eine moralische Verpflichtung für diese Staaten ab, auch in der Zukunft den Weg gemeinsam fortzusetzen.

Auch Russlands Präsident hat in den letzten Jahren mehrfach eine entsprechende religiöse Metaphorik verwendet, um die Beziehungen zwischen den Ländern der „Russischen Welt“ zu charakterisieren. Insbesondere hat er des Öfteren vom „gemeinsamen Taufbecken am Dnepr“ gesprochen, das Russen, Ukrainer und Belarussen miteinander verbinde.[20] Damit erhält diese historische Gegebenheit über ihre kirchliche Bedeutung hinaus auch für die heutige politische Wirklichkeit Gewicht. Die Christianisierung (Taufe) wird als das konstitutive Merkmal schlechthin verstanden, das die modernen Nationen miteinander verbinde. Andere wichtige Elemente wie Stammesverbünde oder vor- und frühmoderne Staatsbildungsprozesse spielen hingegen keine besondere Rolle.

Fast genau ein Jahr darauf sagte der Patriarch in seiner Rede zur IV. Vollversammlung von „Russkij mir“, dass die Russische Welt nicht nur eine Erinnerung an die Vergangenheit sein dürfe, sondern vielmehr „ein wirksames, mobilisierendes Prinzip zum Aufbau einer besseren Zukunft für die große multinationale Vereinigung, die im Frieden mit sich und mit der übrigen Welt lebt“.[21] Die bleibende Bedeutung der Geschichte – und damit ist immer eine „große“, erfolgreiche Geschichte gemeint – für die Gegenwart ist offensichtlich. Man hat diese Vergangenheit bekommen, um sie zu bewahren und weiterzugeben.

Bemerkenswert ist auch der Hinweis auf die „multinationale Vereinigung“, als die die Russische Welt verstanden wird. Ukrainer, Belarussen und andere werden ausdrücklich in ihrer Nationalität anerkannt – aber zugleich wird ein Zusammenhang zwischen ihnen und den Russen hergestellt, der von den anderen nicht notwendig so gesehen wird. Die Multinationalität entspricht übrigens auch dem Selbstverständnis der Kirche: Ihr Statut beginnt mit den Worten: „Die Russische Orthodoxe Kirche ist eine multinationale Autokephale Ortskirche.“[22] Ganz offensichtlich ist mit dem Adjektiv „russkij“ in „Russkij mir“ bzw. in der Selbstbezeichnung der Kirche nicht der Bezug auf eine ethnische oder nationale Gegebenheit gemeint, sondern der auf die historische Rus’.

In den Ansprachen des Kirchenoberhaupts und anderer führender Persönlichkeiten der ROK ist immer wieder die Rede davon, dass die „Russische Welt“ ein Gegengewicht zur westlichen Zivilisation sei. Diese wird als eine verdorbene Kultur gesehen, die sich schon längst von den christlichen Werten abgewandt habe. Die „ausländischen Eroberer“, von denen der Patriarch spricht, lassen sich in diesem Sinne deuten; die „Russische Welt“ sei Angriffen von außen ausgesetzt, gegen die sie sich verteidigen müsse. Doch auch in anderen Äußerungen scheinen die Ressentiments gegen den Westen durch, die die Haltung der russischen Kirche prägen. Den Ländern der „Russischen Welt“ wird eine besondere Sendung bei der Wahrung von Moral und Werten zugesprochen. Durch diese seien sie berufen, einen einmaligen Beitrag zur menschlichen Zivilisation zu erbringen.

Der Aspekt der Religion

Die Betonung der gemeinsamen Taufe weist bereits darauf hin, dass die Religion als Grundlage für die „Russische Welt“ gesehen wird. Bemerkenswert ist, dass diese Grundlage nicht allein orthodox oder nicht einmal ausschließlich christlich verstanden wird, sondern durchaus Raum für andere religiöse Traditionen bietet, insbesondere für den Islam.

In seiner Rede vor der Vollversammlung der Stiftung erklärte Patriarch Kirill im Jahr 2009, der „Russischen Welt“ liege „der orthodoxe Glaube zugrunde, den wir im gemeinsamen Kiever Taufbecken bekommen haben“.[23] Das war seine erste Antwort auf die von ihm selbst gestellte Frage, wie man den gemeinsamen Zivilisationsraum der „Russischen Welt“ bestimmen könne. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen versuchte er zu zeigen, dass deswegen eine nationale Aufteilung der religiösen Tradition unhistorisch und unsinnig sei – diese Geschichte sei Russen, Ukrainern und Belarussen gemeinsam zu Eigen. Der Patriarch wies aber ausdrücklich darauf hin, dass er damit keinesfalls die heutigen staatlichen Grenzen in Frage stellen wolle. Es gibt also nach dieser Theorie ein religiös-spirituelles Band, das die Länder der „Russischen Welt“ un­geachtet der politischen Grenzen eint, das aufgrund seiner langen Tradition und seiner religiösen Konnotation aber auch wichtiger ist und weiter reicht als alle administrativen Trennungen.

Die Orthodoxie führt nach Ansicht der Vertreter der ROK unter anderem dazu, dass in den Staaten, die sie prägt, die Religion den ihr angemessenen Stellenwert habe und dass moralische Werte geachtet würden – dass letzteres in Russland oft nicht der Fall ist, bleibt dabei außer Acht. In den Äußerungen der Kirche lässt sich deutlich erkennen, dass im Verschwinden von Religion im öffentlichen Raum eine Gefahr gesehen wird. Schon sehr früh hat sich die Kirche zu Urteilen europäischer Gerichte kritisch geäußert, die etwa das Abnehmen eines Kruzifixes im Klassenzimmer erlaubt oder das Tragen von religiösen Abzeichen im öffentlichen Dienst verboten haben. Ebenso hat sie sich in der Debatte um einen Gottesbezug im Verfassungsvertrag der Europäischen Union engagiert.[24] Es sei ein bedenkliches Zeichen von Intoleranz, wenn Religionsneutralität auf diese Weise ausgedrückt werde.

Das gilt grundsätzlich für jede Religion. Der Ende 2015 von seinem Posten als Leiter der Synodalabteilung des Patriarchats für die Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft entlassene Erzpriester Vsevolod Čaplin hat im Mai 2015 sogar ein gewisses Verständnis für die Polygamie unter Muslimen im russischen Kaukasus erkennen lassen.[25]

Die Logik hinter dieser so absurd aussehenden Idee ist: Der Islam ist eine traditionelle Religion,[26] die traditionelle Werte vertritt. Daher sollte man ihn ebenso wenig diskriminieren wie das Christentum. Man solle statt untraditionelle Familienformen wie gleichgeschlechtliche Ehen zu fördern, traditionelle Formen, wie es die Vielehe für Muslime sei, erlauben. Die Diskussion wurde von der Vorsitzenden des Duma-Ausschusses für Familie, Frauen und Kinder, Elena Mizulina, beendet, die erklärte, dass man im Parlament nicht über eine Verfassungsänderung in diese Richtung nachdenke.

Auch Patriarch Kirill hat dargelegt, dass in moralischer Hinsicht ein gewisses Gleichgewicht zwischen den Religionsgemeinschaften bestehe. Im September 2014 erklärte er in seiner wöchentlichen Fernsehsendung „Wort des Hirten“: „Unserer Weltanschauung ist jeder Krieg mit Menschen anderer Ansichten und Überzeugungen völlig fremd, denn im Zentrum der Zivilisation, zu der wir gehören, stehen die Werte des Evangeliums oder für die, die das Evangelium nicht akzeptieren, weil sie zu anderen Religionen gehören, die Werte ihrer eigenen Religion, die auf moralischer Ebene mit der Sendung des Evangeliums viel gemeinsam haben.“[27] Damit wird das Christentum in Fragen der Moral auf eine Ebene mit anderen Religionen gestellt. Wichtig ist die (vermeintlich) gleiche Haltung in ethischen Fragen. Die Wahrheitsfrage aber, die doch wenigstens für die monotheistischen Religionen im Mittelpunkt steht, wird hier übergangen.

Es zeigt sich, dass die ROK ihre Sicht der „Russischen Welt“ in religiöser Hinsicht nicht notwendig auf die Orthodoxie beschränkt. Das konkrete Glaubensbekenntnis, also der Glaubensinhalt, spielt keine zentrale Rolle. Viel wichtiger ist die moralische Dimension, die von den Vertretern der Kirche häufig mit „Werten“ gleichgesetzt wird. Viele wichtige Elemente werden außer Acht gelassen, etwa, dass Werte nicht absolut stehen, sondern vom jeweiligen religiösen oder weltanschaulichen Kontext abhängig sind. Wichtiger scheint jedoch, dass die Religion in dieser Betrachtung ihre eigene Position verliert und zu einem Instrument gemacht wird, das dazu dient, ein bestimmtes Wertesystem gesellschaftlich zu verankern. Die transzendente Dimension von Religion geht damit verloren.

Die Bedeutung der Werte

Um zu verstehen, welche Ziele die Kirche damit verfolgt, ist es notwendig zu untersuchen, welche Werte sie propagiert. In den Stellungnahmen der Kirchenvertreter gibt es ganze Reihungen von positiven Werten. So sagte der Patriarch in seiner Rede von 2009: „Traditionell haben die Völker der Russischen Welt die Gesellschaft auf der Grundlage von Werten erbaut wie Gottergebenheit, Heimatliebe, Menschenliebe, Gerechtigkeit, zwischennationaler und zwischenreligiöser Friede, Wissensdrang, Arbeitsliebe, Achtung gegenüber Älteren.“[28] Selbst wenn man diskutieren kann, ob „Wissensdrang“ (stremlenie k znanijam) tatsächlich ein Wert ist, so handelt es sich doch um einen Katalog, der wohl allgemeine Anerkennung finden kann. Es handelt sich somit nicht um spezifische Werte der Völker der „Russischen Welt“, sondern der Katalog gilt grundsätzlich für jede Zivilisation. Inwieweit seine Umsetzung gelingt, ist für jede Gesellschaft nochmals eine besondere Frage.

Neben der gemeinsamen (christlichen) Herkunft sind es die Werte, die der „Russischen Welt“ eine gewisse Kohäsivkraft verleihen und den zu ihr gehörenden Ländern einen angemessenen Platz in der Menschheitsfamilie zukommen lassen. Auch hier lässt sich häufig eine antiwestliche Dimension erkennen; die westlichen Länder hätten, so wird oft impliziert, diese Werte nicht bewahrt; sie seien von ihnen abgefallen und verträten jetzt andere, nichtchristliche und nichttraditionelle Werte.

In diesen Äußerungen lässt sich oft das Bemühen erkennen, die „Russische Welt“ auf eine Ebene mit anderen Kulturkreisen zu stellen, und eine Indignation darüber, dass sie nicht gebührend wahrgenommen werde. Im Jahr 2010 äußerte sich Patriarch Kirill vor der Versammlung der Stiftung „Russische Welt“ zu dieser Frage:

Die Länder der Russischen Welt haben alle Möglichkeiten, einen Raum zu bilden, in dem es keine erstrangigen und zweitrangigen Völker gibt, in dem alle Sprachen, Kulturen und religiösen Traditionen geachtet werden und in dem das gesellschaftliche Leben auf der Grundlage des Dienstes an dem und der Hilfe für den Schwachen aufgebaut wird, in dem Freiheit und Moralität [nravstvennost’] verteidigt und auch die Prinzipen von Gerechtigkeit und Gesetzlichkeit verwirklicht werden. All das sucht die Menschheit heute.[29]

Damit skizziert das Kirchenoberhaupt ein Ideal, wie er es sich in der „Russischen Welt“ vorstellt. Es wird deutlich, dass Sprache und Religion in dieser Vorstellung nicht vereinheitlicht werden sollen – es kann also wenigstens auf der deklamatorischen Ebene keine Rede davon sein, dass die ROK das Russische oder die Orthodoxie als eine notwendige Voraussetzung für die „Russische Welt“ betrachten würde; vielmehr soll in dieser Hinsicht eine große Vielfalt möglich sein. Der Bezug auf die Werte ist ebenfalls gegeben, und erneut zeigt sich, dass ihnen ein statisches Verständnis zugrunde liegt. Die Vorstellung, dass Moralität nicht feststeht, sondern diskursiv erarbeitet werden muss und auch Entwicklungen unterliegt, lässt sich hier nicht finden.

Doch lassen sich diese Worte in dem Sinn verstehen, dass die Länder der „Russischen Welt“ Ethik, Werte und Freiheit haben könnten, was impliziert, dass das in anderen Kulturen nicht gegeben ist. Dafür spricht auch der Hinweis auf die „erstrangigen“ und die „zweitrangigen“ Völker. So ist offenbar die Welt beschaffen, aber die russische Zivilisation könnte ihr ein Alternativmodell gegenüberstellen. Diese Sätze lassen sich somit als Widerstand gegen eine Weltordnung sehen, in der es einen dominierenden Kulturkreis gibt. Das wird nicht expliziert, doch ist klar, dass es sich um die westliche Welt handelt.

In seiner ersten Ansprache an die Vollversammlung der Stiftung erklärte Patriarch Kirill, Kirchengemeinden im Ausland sollten Sprachkurse anbieten – gemeint waren Russischkurse für die Gemeindemitglieder und ihre Kinder, nicht etwa für interessierte Ausländer. Hier zeigt sich die Übereinstimmung mit einem der Stiftungsziele, nämlich für die Wahrung der kulturellen Identität russischer Bürger zu sorgen, die im Ausland leben. Im weiteren Verlauf seiner Ausführungen sagte der Patriarch allerdings, er halte es „für vollkommen denkbar, dass man Zentren für das Erlernen der ukrainischen, belarussischen und moldauischen Sprache an unseren Auslandsgemeinden unterstützen könne – dort, wo ein solcher Bedarf besteht“.[30] Die ROK vertritt also nicht die Vorstellung von einer Zurücksetzung anderer Sprachen. Vielmehr wird das Russische als lingua franca gesehen, in der man sich einfach verständigen kann und soll, und als Sprache, die historisch und kulturell für die „Russische Welt“ große Bedeutung hatte. Aber sie ist nicht die einzige Sprache dieser Zivilisation.

Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass die orthodoxe Kirche in Russland den Gottesdienst nach wie vor in kirchenslavischer Sprache zelebriert. Alle Bemühungen, wenigstens Teile in modernem Russisch zuzulassen, waren vergebens. Doch in den Gemeinden der ROK, die sich in der Ukraine befinden, ist auch die ukrainische Sprache als Gottesdienstsprache – neben dem Kirchenslavischen – zugelassen. Die ROK hatte dieses Zugeständnis angesichts der Ukrainisierungsbestrebungen der nichtkanonischen Kirchen im Lande gemacht. Zudem ist sie damit konfrontiert, dass sich im eigenen Klerus in der Ukraine viele Priester finden, die für eine größere Selbständigkeit von Moskau eintreten und für die die Verwendung des Ukrainischen im Gottesdienst Zeichen für erste Schritte hin zu einer Ukrainisierung der kanonischen Kirche ist.

Die Bedeutung der Nation und des politischen Raumes

Im Konzept der „Russischen Welt“ spielt die Kategorie des Raumes eine wichtige Rolle. Bei diesem kulturell-zivilisatorischen Modell handelt es sich nicht um ein russisch-nationales Konzept, sondern um eines, das sich auf eine gemeinsame Vergangenheit bezieht. Faktisch umfasst dieser Raum neben Russland noch die Ukraine, Belarus, Moldova und Kasachstan. In gewisser Hinsicht lässt sich die Idee von der „Russischen Welt“ somit als ideelle Grundlage für das politische Projekt der „Eurasischen Wirtschaftsunion“ sehen, die im Prinzip dieselben Länder umfassen soll (wobei die Wirtschaftsunion weiter gedacht ist). Es ist klar, dass durch die Ereignisse in der Ukraine das politische Projekt auf absehbare Zeit gescheitert ist; das Land wird sich der Wirtschaftsunion kaum anschließen (und auch die Zugehörigkeit zu einem russisch bestimmten Kulturkreis wird in der Ukraine heute stark bestritten). Doch im Grundsatz sind beide Modelle von ähnlichem Zuschnitt; sie wollen die Nationen vereinen, die orthodox geprägt sind und/oder historisch über lange Zeit unter russischem Einfluss waren, wobei das politische Projekt wesentlich pragmatischer an aktuellen politischen und ökonomischen Gegebenheiten orientiert erscheint.[31]

Interessant ist dann die Frage, wie das Verhältnis des russischen nationalen Elements zu den übrigen Identitäten gestaltet sein soll. Patriarch Kirill sagte dazu 2010 bei seiner Rede an die Vollversammlung der Stiftung:

Moskau, Kyiv, Minsk, Chișinău und Astana können nicht nur zu Zentren einzelner Staaten werden, sondern auch zu Zentren einer gemeinsamen, mächtigen Zivilisation, in deren Namen sie in der Lage sind, mit voller Stimme mit den anderen Zivilisationspolen der Erde zu sprechen. Es ist wichtig, dass jedes dieser Zentren seine eigene Identität bewahrt und zugleich Beziehungen zu den anderen Hauptstädten des einheitlichen geistig-kulturellen Raumes der Russischen Welt entwickelt.[32]

Die „Russische Welt“ ist demnach als multipolares Gebilde gedacht, in dem es eine Reihe von Subzentren geben soll. Deutlich ist hier auch wieder der Bezug auf die historische Rus’ – das vormoderne Staatengebilde, aus dem sich die ostslavischen Nationen (und Staaten) entwickelt haben. Damit ist das Konzept grundsätzlich offen auch für andere Nationen, die sich ihm zugehörig fühlen. Ein wichtiger Unterschied ist, ob dies als freiwilliger Akt gedacht ist – also gewissermaßen als eigene Entscheidung, der „Russischen Welt“ beizutreten bzw. anzugehören – oder ob es eine Zuschreibung ist, die von außen geschieht. Diese Frage wird vom Patriarchen aufgegriffen, wenn er davon spricht, dass „die Zugehörigkeit zur Russischen Welt nicht zwangsweise erreicht werden kann, sondern durch freie Entscheidung der Menschen und der Völker“, und fortfährt: „Daher kann die Idee von der Russischen Welt keinesfalls aufgezwungen werden.“[33]

Jedoch lassen sich auch inklusive Konzepte finden, die die nationale Unabhängigkeit der nichtrussischen Nationen in Frage stellen. Metropolit Ilarion sprach im November 2009 in einem Interview von „Völkern, die sich bis vor kurzem“ – gemeint ist wohl der Zerfall der Sowjetunion – „als ein Volk verstanden haben [oščuščali sebja edinym narodom] und die bis jetzt einen einheitlichen geistlich-kulturellen Raum bilden“.[34] Diese Aussage geht weit über die hinaus, die die „Russische Welt“ als gemeinsamen Raum verschiedener Völker verstehen. Der Patriarch hingegen betonte, als es über seine Besuche in der Ukraine sprach, dass „wir ungeachtet der staatlichen Teilung und bestimmter Unstimmigkeiten in der Politik geistig [duhovno], ich will nochmals unterstreichen: geistig nach wie vor ein Volk sind“.[35] Die ausdrückliche Betonung des spirituellen Aspekts soll offensichtlich das Missverständnis vermeiden, dass es dem Kirchenoberhaupt um eine nationale Vereinnahmung der Ukraine und der Ukrainer geht. Patriarch Kirill setzt sich in einer Ansprache vom März 2014 auch von solchen historischen Vorstellungen ab, die auf frühere russische Staatsformen anspielen:

Wenn wir sagen „russisch“, dann darf man das nicht so verstehen, wie es die uns Übelmeinenden tun, wenn sie über das Russische Reich und die Sowjetunion sprechen. Es geht um die Russische Welt, es geht um die große russische Zivilisation, die aus dem Kiever Taufbecken gekommen ist und sich in die weiten Räume Eurasiens erstreckt hat.[36]

Auch hier verweist Kirill darauf, dass die russische Zivilisation aus der Zeit der Kiever Rus’ stammt – das Wort ist also nicht als „russisch“ im modernen Verständnis zu interpretieren, sondern eben als „auf die Rus’ bezogen“. Die Tatsache, dass das Adjektiv „russkij“ beides bezeichnen kann, erschwert das Verständnis erheblich. In diesem Zusammenhang ist die Frage genauer zu diskutieren, wie sich das Verständnis der „Russischen Welt“ zum Verständnis des Russischen im Sinne von „russkij“ (sprachlich-kulturell) und im Sinne von „rossijskij“ (auf den Staat Russland bezogen) verhält. Patriarch Kirill thematisierte die Frage bereits in seiner ersten Ansprache vor der Vollversammlung der Stiftung in Bezug auf die Selbstbezeichnung seiner Kirche:

Die Kirche heißt nicht nach einer ethnischen Bestimmung „russisch“. Diese Bezeichnung verweist darauf, dass die ROK ihre pastorale Sendung unter den Völkern vollzieht, die die russische geistige und kulturelle Tradition als Grundlage ihrer nationalen Identität angenommen haben oder wenigstens als wesentlichen Bestandteil davon. Deswegen halten wir auch Moldova für einen Teil dieser Russischen Welt. Gleichzeitig ist die Russische Kirche die multinationalste orthodoxe Gemeinschaft in der Welt und strebt danach, ihren multinationalen Charakter weiter zu entwickeln.[37]

Es lässt sich also immer eine gewisse Unklarheit hinsichtlich des „Gemeinsamen“ feststellen, das Russen, Ukrainer und Belarussen (sowie die anderen Völker der „Russischen Welt“) miteinander verbindet; das gemeinsame Vaterland, ein Volk oder mehrere Völker – das wird nie genau bestimmt, sondern mit einer gewissen paternalistischen Selbstverständlichkeit vorausgesetzt. Außerdem ist manchmal von den Ländern der „Russischen Welt“ die Rede, dann wieder von den Völkern. Auch hier ist nicht eindeutig, wie das Konzept zu verstehen ist. Zugleich definiert und versteht sich die Kirche als multinationale Kirche, ausdrücklich nicht als national-russische. Damit ist – trotz aller Dominanz des Russischen – eine gewisse Relativierung der nationalen Bestimmung der „Russischen Welt“ gegeben. Festzuhalten bleibt jedenfalls, dass das Konzept von der „Russischen Welt“ in Bezug auf die Frage nach der Nationalität und nach dem Verhältnis von Russland bzw. den Russen zu den Nachbarländern und -völkern sehr im Vagen bleibt. Es ist diffus, und ganz offensichtlich steckt kein durchdachtes System dahinter. Für die Vertreter der ROK ist jedenfalls klar, dass die modernen Staatsgrenzen historische und kulturelle Gemeinsamkeiten nicht aufheben. Doch werden die Staatsgrenzen als solche immer wieder ausdrücklich anerkannt.[38] So sagte Patriarch Kirill sehr deutlich:

Heute gibt es im Raum dieser [der Russischen, Th.B.] Welt unabhängige Staaten, und wir achten ihre Souveränität, ihre Bereitschaft und ihren Wunsch, ihr nationales Leben selbständig aufzubauen. Aber das bedeutet nicht, dass die Bemühung um diese legitime Souveränität, um die Realisierung dieser Souveränität mit der Zerstörung des einen gemeinsamen, geistigen Raumes einhergehen muss.[39]

Schließlich wird die „Russische Welt“ zuweilen mit der Europäischen Union verglichen. Dabei wird betont, dass die Integrationsbestrebungen in der „Russischen Welt“ sogar erfolgreicher sein könnten als die der Europäischen Union, weil jene auf einer spirituellen Grundlage beruhten, die dieser fehlten. Diese Aussage reiht sich in die Kritik am Westen ein. Dieser habe das Christentum verloren, weiche von aus dem Glauben stammenden Werten ab und gehe von den gemeinsamen Grundlagen ab. Diese Vorwürfe erhebt die russische Orthodoxie gegenüber dem westlichen Christentum immer wieder. Themen, die als Beleg dafür dienen, sind die Haltung zu Homosexualität – und im Zusammenhang damit zur traditionellen Familie und zu geschlechtlichen Rollenzuteilungen –, der Lebensschutz – neben Abtreibung die Themen Euthanasie und Sterbehilfe – sowie die Präsenz der Religion in der Öffentlichkeit.[40]

Den westlichen Kirchen mit Ausnahme der katholischen wird vorgeworfen, die gemeinsamen christlichen Grundlagen verlassen zu haben. Die ROK bricht etwa ökumenische Beziehungen zu Kirchen ab oder führt sie nur auf niedrigerem Niveau weiter, die homosexuelle Amtsträger/innen akzeptieren oder die ein Ritual für die Segnung oder Trauung gleichgeschlechtlicher Paare entwickelt haben; das kann auch seit Jahrzehnten bestehende ökumenische Beziehungen und Dialoge betreffen, wie etwa den seit 1970 bestehenden mit der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Finnland.[41] Zugleich wird die Nähe zu evangelikalen Kirchen – vor allem aus den USA – gesucht, die bei diesen Themen eine ähnliche Haltung wie die ROK vertreten.

Solche Themen haben für die ROK eine große Bedeutung, da für ihre Vertreter die Zukunft der Menschheit von ihnen anhängt. Daher spielen dann weder die konkrete christliche Konfession noch die Religion eine entscheidende Rolle, solange sie nur dieselben ethischen Prinzipien vertreten. Das erklärt die Nähe zum (nicht radikalen) Islam, der als Verbündeter im Kampf gegen den Werteverfall und für den Erhalt traditioneller Ordnungen angesehen wird. Der Raum der „Russischen Welt“ ist also grundsätzlich durch die Orthodoxie in ihrer ostslavischen Ausgestaltung geprägt, schließt aber auch diejenigen ein, die sich aus einer anderen (oder gar keiner) religiösen Orientierung heraus für dieselben Werte aussprechen. Somit scheinen die Werte das entscheidende Kriterium für die Konstruktion der „Russischen Welt“ zu sein.

Das kanonische Territorium

Es gibt eine andere Raumkonstruktion, die von der ROK in den letzten Jahrzehnten immer öfter betont wurde: die des „kanonischen Territoriums“. Damit ist ein kirchlich-jurisdiktioneller Zuständigkeitsbereich zunächst zwischen den orthodoxen Kirchen zu sehen. In der Antike gab es Grenzen zwischen den Metropolien und Patriarchaten, die weitgehend den Grenzen zwischen den politischen Verwaltungseinheiten des Römischen Reiches entsprachen. Die neueren autokephalen Kirchen in Südost- und Osteuropa haben sich in der Regel ebenfalls an staatlichen Grenzen orientiert. Das ist allerdings immer dann schwierig, wenn sich Grenzen verändern und Staaten selbständig werden oder ihre Selbständigkeit aufgeben bzw. ihrer beraubt werden. Die ROK hat ihr kanonisches Territorium in ihrem Statut definiert: Es umfasst alle Staaten der UdSSR – außer Georgien und Armenien, wo es eigene orthodoxe Kirchen gibt[42] – sowie China, die Mongolei und Japan.[43] Nach dem Statut der Kirche gehören ihr alle Orthodoxen an, die auf diesem Gebiet leben, sowie „diejenigen Orthodoxen, die freiwillig zu ihr gehören wollen und in anderen Ländern leben“.[44] Die Vorstellung vom kanonischen Territorium wurde in einer heftigen Polemik in den Jahren nach 2002 vor allem gegen die katholische Kirche verwendet;[45] nachdem sich die Auseinandersetzungen gelegt haben, ist es ein innerorthodoxes Kriterium zur Abgrenzung der Gebiete, für die eine Kirche zuständig ist.

Diese Betonung des kanonischen Territoriums ist vor allem gegen das Patriarchat von Konstantinopel gerichtet. Zum einen ist dieses Patriarchat, das in seinem eigenen Gebiet nur noch über wenige Gläubige verfügt, nach der alten kirchlichen Überlieferung für die Gebiete der „Barbaren“ zuständig, also für die nichtorthodoxe Welt. Um den Umfang dieser Zuständigkeit streiten Moskau und Konstantinopel heftig, und die Definition des russischen kanonischen Territoriums soll die Ansprüche Moskaus unterstreichen, weil dadurch Orthodoxe, die in Ländern ohne eigene orthodoxe Kirche leben, zur ROK gehören können. Zum anderen ist die kirchliche Zuständigkeit der Ukraine nicht unumstritten. Während das Land aus Moskauer Perspektive seit seiner Eingliederung in das Russische Reich seit 1654 kirchlich zum Moskauer Patriarchat gehörte, weisen Angehörige der Kirche von Konstantinopel darauf hin, dass das Gebiet vorher zu diesem Patriarchat gehört hatte und Konstantinopel einem Übergang zu Moskau nie zugestimmt hat. Die Kirche von Konstantinopel erkennt zwar die Ukrainische Orthodoxe Kirche (Moskauer Patriarchat) als die einzige kanonische Kirche in der Ukraine an, aber grundsätzlich ist diese Frage nicht endgültig geklärt.

Wenn die Orthodoxie in der Ukraine einmal selbständig (autokephal) werden sollte, wird es sicherlich eine intensive Debatte um die Frage geben, von wem die Autokephalie gewährt werden soll. Während die ROK davon ausgeht, dass dafür grundsätzlich die „Mutterkirche“ zuständig ist (also die ROK selbst im Fall der Ukraine), beansprucht das Patriarchat von Konstantinopel dieses Privileg für sich. Diese Frage konnte auch im Vorfeld des Panorthodoxen Konzils nicht geklärt werden, das im Juni 2016 auf Kreta abgehalten werden soll, sodass sie dort auch nicht behandelt werden wird.

Zusammenfassung

Betrachtet man die Äußerungen der Vertreter der ROK zur „Russischen Welt“, so fällt auf, dass es keine klare und eindeutige Definition dieses Begriffs gibt. Er wird häufig verwendet, und die Kirche engagiert sich aktiv für die gleichnamige Stiftung, offenbar in der Annahme, einen spirituellen Beitrag zum Zusammenhalt der „Russischen Welt“ leisten zu können – oder vielmehr: um zu verdeutlichen, dass es für die Länder der „Russischen Welt“ eine gemeinsame geistig-geistliche Grundlage gibt. Doch das dahinter stehende Konzept ist ebenso wie das politische Konzept unklar und nicht scharf umrissen. Die für die „Russische Welt“ als konstitutiv genannten Elemente sind zuweilen in sich widersprüchlich; weder ist klar, ob es sich um den Raum oder um Nationen handelt, noch ist die Bedeutung der russischen Kultur, insbesondere der Sprache, deutlich, und außer der Idee vom Zusammenhalt gibt es auch kein Ziel.

Allerdings ist festzuhalten, dass sich die ROK von einem national verengten Verständnis der „Russischen Welt“ distanziert. Der übernationale Charakter wird häufig betont, wie ja auch die Kirche ihre Multinationalität immer wieder deutlich herausstellt. Damit versucht sie zu gewährleisten, dass sie auch in Ländern, in denen sich ein nicht-russisches nationales Bewusstsein entwickelt oder verstärkt, nicht notwendig als „fremde“ Konfession gesehen wird. Die ukrainische Erfahrung steht hier sicher im Hintergrund, auch wenn die Idee von der multinationalen russischen Orthodoxie älter ist als die Krise in der Ukraine, und auch wenn sie sich allein schon durch die nichtorthodoxen Nationen in Russland erklären lässt.

Da das nationale Element keine Rolle spielen soll, haben die kirchlichen Vorstellungen von der „Russischen Welt“ auch keine explizite Verbindung zu politischen Projekten. Die Vertreter der ROK betonen immer wieder, dass sie die bestehenden staatlichen Grenzen akzeptieren. Dass es dennoch historische und kulturelle Verbindungen zwischen den Ländern und ihren Nationen gibt, bildet den Hintergrund für die kirchliche Vorstellung von der „Russischen Welt“. Wie gezeigt, werden diese Verbindungen sehr stark auf die Anfänge der Christianisierung der Ostslaven im 10. Jahrhundert, auf die „Taufe der Rus’“, zurückgeführt. Sie habe ein spirituelles Band geschaffen, das nicht durch moderne Unterteilungen beeinträchtigt werde.

Vergleicht man diese kirchliche Haltung mit den politischen Positionen der Regierung Russlands, so wird offensichtlich, dass es dennoch eine faktische Übereinstimmung bei den Zielen gibt. Dazu gehört die Einteilung der Welt in das „nahe“ und das „ferne“ Ausland. Das „nahe Ausland“ wird als eine Zone exklusiven russischen Einflusses gesehen: eine Gruppe von Staaten, die sich um Russland gruppieren, da es historisch mit ihnen verbunden ist, und die gemeinsam den westlichen Staaten und ihren Werten gegenüberstehen. Die Distanzierung vom nationalen Aspekt, die von der Kirche betont wird, ändert nichts an dieser grundsätzlichen Übereinstimmung. Eine ebensolche Übereinstimmung besteht ferner in der Auffassung, dass es eine multipolare Weltordnung gibt, in der das Modell der „Russischen Welt“ dem des Westens gegenübersteht – nicht nur als Wettbewerb um Einflussräume, sondern vor allem als Gegenüber von unterschiedlichen Vorstellungen darüber, wie Gesellschaften aufgebaut sein und funktionieren sollen. Der Widerstand gegen Homosexualität etwa ist nicht nur ein Spezifikum der orthodoxen Kirche in Russland, sondern auch in der Gesellschaft weit verbreitet, und die staatliche Gesetzgebung hat ebenfalls entsprechende Regelungen getroffen.[46] Was die ROK macht, ist, dem politischen, militärischen und ökonomischen Aspekt einen spirituell-religiösen hinzuzufügen.

Doch lässt sich ebenso feststellen, dass die vielfach behauptete Nähe von Kirche und Staat sich gerade anhand der Vorstellungen zur „Russischen Welt“ nicht ohne weiteres nachweisen lässt. Das lässt sich sehr deutlich in Bezug auf die Ukraine erkennen; doch auch in zentralen anderen Auffassungen des Konzepts sind deutliche Unterschiede zu sehen. Ohne Zweifel sind die ROK und der russische Staat einander nahe und ergänzen sich in vieler Hinsicht.[47] Der Staat nutzt die Kirche als Produzentin von Werten und Identität, als Lieferantin eines ideologischen Unterbaus für seine Projekte im Inneren wie im „Nahen Ausland“. Die Kirchenleitung ihrerseits sieht in der Nähe zum Staat die Möglichkeit, ihre eigene Agenda im Inland durchzusetzen und den spirituellen Raum, den sie in der „Russischen Welt“ sieht, real zu füllen.

Doch zeigen sich in der Kirche bereits seit einigen Jahren immer deutlicher Anfänge einer Pluralität. Der bekannte und umstrittene Erzpriester Vsevolod Čaplin erklärte seine spektakuläre Entlassung Ende 2015 mit Unstimmigkeiten zwischen ihm und dem Patriarchen; insbesondere scheint Čaplin eine deutlichere, näher an der Position der Regierung liegende Haltung in der Ukraine-Frage eingefordert zu haben.[48] Noch klarer werden die Unterschiede, wenn man Äußerungen von Kirchenvertretern aus der Ukraine hinzunimmt, die zur ROK gehören, aber eine politisch deutlich andere Position vertreten als die russische Regierung.[49]

Das alles zeigt, dass es die russische Kirche als einheitliche Organisation nicht gibt und dass selbst in der Kirchenleitung Meinungsverschiedenheiten herrschen. Das führt zu einer Zurückhaltung der Kirche in politischen Fragen. Die ROK leistet und zeigt keinen Widerstand gegen die Regierung, aber gerade ihre Aussagen hinsichtlich der „Russischen Welt“ zeigen, dass sie nicht einfach Erfüllungsgehilfin der Regierung ist. Die Zukunft wird zeigen, ob sich die Pluralisierungsprozesse in der Kirche fortsetzen und ob sie differenziertere Positionen zu politischen Fragen entwickelt wird.

 

 


[1]   Vgl. Thomas Bremer: Kreuz und Kreml. Geschichte der orthodoxen Kirche in Russland, 2., aktualisierte und erweiterte Auflage. Freiburg 2016, S. 111.

[2]   In der ROK war der Titel eines Metropoliten bislang mit gewissen Sitzen verbunden, hatte aber kaum praktische Konsequenzen, sondern galt als Ehrentitel. Jetzt haben die Metropoliten, derer es insgesamt 56 gibt, eine tatsächliche Funktion in ihren Metropolien, zu denen jeweils mehrere Bistümer gehören.

[3]   Vgl. Johannes Oeldemann: Das Konzept des kanonischen Territoriums in der Russischen Orthodoxen Kirche, in: Der Christliche Osten, 2/2006, S. 92–98.

[4]   Diese Vorstellung ist in allen orthodoxen Kirchen verbreitet, auch wenn es hinsichtlich der Praxis (etwa in der Frage nach den Grenzen solcher Territorien oder nach der Jurisdiktion in nichtorthodoxen Gebieten) zuweilen Differenzen gibt.

[5]   Das Statut findet sich auf der Website des Patriarchats, die Definition des kanonischen Territoriums in Kapitel I, Nr. 3, <www.patriarchia.ru/db/text/133115.html>.

[6]   Dort gibt es eigene orthodoxe Kirchen. Zum bemerkenswerten Fall Armenien siehe Fn. 31.

[7]   Marlene Laruelle: The „Russian World“. Russia’s Soft Power and Geopolitical Imagination. New York 2015. Alle Zitate aus der Einleitung auf S. 1. – Vgl. auch Zaur Gasimov: Idee und Institution. Russkij mir zwischen kultureller Mission und Geopolitik, in: Osteuropa, 5/2012, S. 62–80.

[8]   Ein Überblick über die Anfänge und die Entwicklung der letzten Jahrzehnte bei Laruelle, The „Russian World“ [Fn. 7], S. 3–8.

[9]   <http://vksrs.com>.

[10]  <www.vrns.ru>.

[11]  Details unter <http://russkiymir.ru>.

[12]  <russkiymir.ru/export/sites/default/russkiymir/ru/fund/docs/ustav.pdf>, hier Art. 2.

[13]  „Populjarizacija russkogo jazyka, javljajuščegosja nacional’nym dostojaniem Rossii i važnym ėlementom rossijskoj i mirovoj kul’tury, i podderžka programm izučenija russkogo jazyka v Rossijskoj Federacii i za rubežom.“ Ebd.

[14]  Die deutschsprachige Website verweist allerdings nur auf die beiden erstgenannten (http://russkiymir.ru/languages/germany/whatis.htm), während auf der russischen Homepage auch die drei anderen verzeichnet sind: <http://russkiymir.ru/rucenter/catalogue.php>.

[15]  <http://russisches-haus.de/de>.

[16]  Das Zentrum in Nürnberg konzentriert sich ausweislich der Webseite und des Programms vor allem auf zweisprachig aufwachsende Kinder und Jugendliche; das Zentrum in Dresden hat nach 2012 keine Angebote mehr auf seiner Seite. Die Zentren in Mainz und in Hamburg haben keine Internetseiten, die auf der Homepage der Stiftung verlinkt wären. Das Zentrum in Berlin unterhält eine Seite bei Facebook.

[17]  <http://russkiymir.ru/languages/germany/index.htm>.

[18]  Vystuplenie Svjatejšego Patriarcha Kirilla na toržestvennom otkrytii III Assamblei Russkogo mira, <www.patriarchia.ru/db/text/928446.html>.

[19]  Ebd.

[20]  So etwa in seiner Rede vor dem Valdaj-Forum am 19. September 2013; Vystuplenie Vladimira Putina na zasedanii kluba „Valdaj“, <www.rg.ru/2013/09/19/stenogramma-site.html>.

[21]  <www.patriarchia.ru/db/text/1310952.html>.

[22]  <www.patriarchia.ru/db/text/133115.html>; „Ortskirche“ (pomestnaja cerkov’) bezeichnet eine autokephale (selbständige) Kirche; damit ist also nicht ein konkreter Ort gemeint, sondern das Gebiet einer Kirche, hier das der ROK.

[23]  Vystuplenie [Fn. 18].

[24] Vgl. etwa Alena Alshanskaya: Die Russische Orthodoxe Kirche und die europäischen Institutionen. in: Religion & Gesellschaft in Ost und West, 1/2012, S. 20–23, sowie die demnächst erscheinende Dissertation der Verfasserin zum Thema.

[25]  Prot. Vsevolod Čaplin napominaet, čto mnogoženstvo dlja pravoslavnych nedopustimo, no prizyvaet učityvat’ tradicii drugich religij, <www.patriarchia.ru/db/text/77078.html>.

[26]  Das russische Religionsgesetz kennt vier „Religionen, die aus dem geistigen Erbe der Völker Russlands nicht wegzudenken sind“, die oft (aber nicht vom Gesetz) als „traditionelle Religionen“ bezeichnet werden, nämlich neben dem Christentum noch den Islam, das Judentum und den Buddhismus. In der Präambel des Gesetzes wird zunächst die besondere Rolle der Orthodoxie für Russland betont; dann ist aber nur noch vom Christentum die Rede; vgl. Gerd Stricker: Das neue Religionsgesetz in Rußland, in: Osteuropa, 7/1998, S. 689–709. Der Text des Gesetzes findet sich in deutscher Übersetzung in derselben Nummer der Zeitschrift im Anhang, S. A 274–A 286.

[27]  <www.patriarchia.ru/db/text/3728242.html>.

[28]  Vystuplenie [Fn. 18].

[29]  Vystuplenie Svjatejšego Patriarcha Kirilla na otkrytii IV Assamblei Russkogo mira,

    <www.patriarchia.ru/db/text/1310952.html>.

[30]  Vystuplenie [Fn. 18].

[31]  Zur „Eurasischen Wirtschaftsunion“ gehört (neben Kirgistan) auch Armenien, das im Kontext der „Russischen Welt“ jedoch nie genannt wird. Das hängt damit zusammen, dass Armenien zwar christlich ist, seine Kirche aber nicht zur byzantinischen Orthodoxie gehört (wie die russische, griechische, serbische, georgische u.a.), sondern als altorientalische Kirche historisch einen anderen Weg genommen hat. Das dortige Christentum stammt auch nicht aus der Christianisierung des 10. Jahrhunderts, sondern ist viel älter. In westlicher Terminologie gehört die Orthodoxie in Armenien also zu einer anderen „Konfession“ als die Kirche in Russland. Zwischen Armeniern und Russen besteht keine Kirchengemeinschaft, und der Empfang der Sakramente ist in der jeweils anderen Kirche nicht möglich. Daher ist auch der spirituelle russische Einfluss in Armenien relativ gering.

[32]  Vystuplenie Svjatejšego Patriarcha Kirilla [Fn. 29].

[33] Ebd.

[34]  My dolžny očen’ berežno hranit’ to duhovnoe nasledie, kotoroe polučili, i nikogda ne stat’ „ivanami, ne pomnjaščimi rodstva“, <https://mospat.ru/ru/2009/11/02/news7597>.

[35]  Vystuplenie [Fn. 18]. – Hierzu passen auch die Aussagen des Patriarchen, dass gerade die „Russische Welt“ eine Zivilisation sei, in der die Nationen ihre Identität wahren könnten, ohne in einen „Schmelztiegel der Nationen“ zu geraten; „Slovo pastyrja“. Vypusk ot 6 sentjabrja 2014 goda, <www.patriarchia.ru/db/text/3728242.html>.

[36]  Slovo Svjatejšego Patriarcha Kirilla posle Liturgii Preždeosveščennych Darov v 38-ju

    godovščinu archierejskoj chirotonii, <www.patriarchia.ru/db/text/3606218.html>.

[37]  Vystuplenie [Fn. 18].

[38]  In diesem Kontext ist interessant, dass sich die Kirche offiziell bislang noch nicht zur Annexion der Krim durch Russland geäußert hat. Alle Stellungnahmen des Patriarchen betonen die Notwendigkeit, den Krieg und das Blutvergießen zu beenden; doch gibt es keinen Hinweis auf eine politische Lösung. Die drei Diözesen der ROK auf der Krim wurden bisher auch noch nicht dem Moskauer Patriarchat zugeordnet; sie sind nach wie vor der Metropolie von Kyiv unterstellt. Diese Zurückhaltung hängt mit der schwierigen Situation der ROK in der Ukraine zusammen: Sie ist dort die größte Kirche, und die Kirche in der Ukraine stellt umgekehrt einen bedeutenden Teil der ROK; viele Gläubige und Amtsträger dort unterstützen allerdings die ukrainische Regierung. Siehe hierzu Andrii Krawchuk, Thomas Bremer (Hg.): Churches in the Ukrainian Crisis. New York 2016). Eine eindeutige Stellungnahme des Patriarchats würde vermutlich zu einer großen (weiteren) Kirchenspaltung im Lande führen.

[39] Slovo [Fn. 35].

[40]  Zum Verhältnis der ROK zur Homosexualität siehe Nikolay Mitrokhin: Gottes Wort und Priesters Tat. Die Russisch-Orthodoxe Kirche und die Homosexualität, in: Osteuropa, 10/2013, S. 71–86.

[41] Vgl. Heta Hurskainen: Warum der Dialog zu einem Ende kam. Der Abbruch des ökumenischen Dialogs zwischen der Russischen Orthodoxen Kirche und der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Finnland im Jahr 2014, in: Ökumenische Rundschau, 65/2016, S. 77–98.

[42]  Zu Armenien siehe Fn. 31.

[43]  Kap. 1, Nr. 3, <www.patriarchia.ru/db/text/133115.html>.

[44]  Ebd.

[45] Vgl. Thomas Bremer: Ist die Lage völlig verfahren? Katholische und orthodoxe Kirche in Russland, in: Herder Korrespondenz, 56/2002, S. 459–463.

[46]  Zum Verhältnis der ROK zu Homosexualität und zum Funktion der Homophobie für das Regime siehe die Beiträge in: Spektralanalyse. Homosexualität und ihre Feinde. Berlin 2013 [= Osteuropa, 10/2013].

[47]  Siehe hierzu Kathy Rousselet: The Church in the Service of the Fatherland, in: Europe-Asia Studies, 1/2015, S. 49–67. – Uwe Halbach: Die Russisch-Orthodoxe Kirche als Stütze staatlicher (Außen-)Politik und Ideologie. SWP-Aktuell 5, Februar 2016, <www.swp-berlin.org/fileadmin/contents/products/aktuell/2016A05_hlb.pdf>.

[48] Protoierej Čaplin ob-jasnil svoe uvol’nenie raznoglasijami po Donbassu, <http://www.rbc. ru/politics/24/12/2015/567c3a6f9a79470e8c24b01b>.

[49] Vgl. die Hinweise in Fn. 38.

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