Titelbild Osteuropa 3/2015

Aus Osteuropa 3/2015

Akademische Selbstverstümmelung
Der Kaukasiologie an der Universität Jena droht das Aus

Florian Mühlfried

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Abstract

An der Friedrich-Schiller-Universität Jena wird aufgrund von Sparzwängen die Nicht-Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Kaukasiologie diskutiert. Dies käme einer Abschaffung des Faches gleich. Damit würde nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal eliminiert und die universitäre Internationalisierungsstrategie konterkariert, sondern eine Abschaffung der Kaukasiologie stünde auch in eklatantem Gegensatz zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrates, der Hochschulrektorenkonferenz und des Thüringer Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur zur Stärkung Kleiner Fächer und zum Ausbau der Kaukasiologie.

(Osteuropa 3/2015, S. 197–203)

Volltext

An der Friedrich-Schiller-Universität Jena wird aufgrund von Sparzwängen die Nicht-Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Kaukasiologie diskutiert. Dies käme einer Abschaffung des Faches gleich. Damit würde nicht nur ein Alleinstellungsmerkmal eliminiert und die universitäre Internationalisierungsstrategie konterkariert, sondern eine Abschaffung der Kauka­siologie stünde auch in eklatantem Gegensatz zu den Empfehlungen des Wissen­schaftsrates, der Hochschulrektorenkonferenz und des Thüringer Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kultur zur Stärkung Kleiner Fächer und zum Ausbau der Kaukasiologie. 

Wer weiß eigentlich genau, was da passiert im Kaukasus? Nicht viele, oder? Aber muss man das überhaupt wissen? Was kümmert uns das? So fragen sich vielleicht jene, die sich derzeit an der Friedrich-Schiller-Universität Jena für eine Abschaffung der Kaukasiologie einsetzen. In einer idealen Welt, so mögen diese Menschen denken, kann man sich ja eine Kaukasiologie leisten, als einen Luxus, ein exotisches Anhängsel. Aber wenn man sparen muss – und das muss man, der Druck wird immer stärker –, dann muss man leider auf einen solchen Luxus verzichten.

Doch ist die Kaukasiologie tatsächlich eine Luxuswissenschaft? Kann man sich wissenschaftlich fundiertes Wissen über den Kaukasus sparen? Nein, natürlich nicht, wie gerade die letzten Jahre gezeigt haben. Der Krieg zwischen Georgien und Russland im August 2008 drohte auch das Sicherheitsgefüge in Europa durcheinanderzubringen. Die Attentäter in Boston waren nordkaukasischer Abstammung. In der Ukraine sind ehemalige hochrangige Politiker aus Georgien auf wichtigen politischen Posten tätig, und im Krieg in der Ostukraine kämpfen irreguläre Kämpfer aus dem Nord- und Südkaukasus.

Auch politisch ist Europa näher an den Kaukasus herangerückt. Armenien, Aserbaidschan und Georgien sind Mitglieder der östlichen Partnerschaft der Europäischen Union. Vor allem Georgien möchte stärker in die europäischen Strukturen eingebunden werden und unterzeichnete 2015 ein Assoziierungsabkommen mit der EU. Viele Georgier machen sich Hoffnungen darauf, ab 2016 ohne Visum in den Schengenraum einreisen zu können. Spätestens dann wird der Kaukasus ein Teil Europas, und Kaukasier werden unsere Nachbarn sein – vielleicht sogar im ganz wörtlichen Sinne.

Der Kaukasus war und ist ein Übergangsraum – zwischen Europa und Asien, zwischen der christlichen und der muslimischen Welt, zwischen Ost und West. Hier lassen sich fragile Formen des Miteinanders studieren, die rasch in antagonistische Gewaltverhältnisse umschlagen können, aber nicht müssen. Neben Konflikten lassen sich auch soziopolitische Formen der Integration ausmachen, und diese zu verstehen, könnte uns helfen, mit unseren eigenen Ambivalenzen fertig zu werden. Als Teil der Schwarzmeerregion stellt der Kaukasus ein Bindeglied zwischen Südosteuropa und Zentralasien, zwischen Europa und dem Nahen Osten sowie den Einflusssphären der NATO und Russlands dar, was dieser Region geopolitisch hohe strategische Bedeutung verleiht. Dazu kommen die großen Öl- und Gasvorkommen Aserbaidschans, die für den europäischen Energiemarkt von großem Interesse sind – besonders vor dem Hintergrund des Versuchs, die Energieversorgung zu diversifizieren und Russlands Vormacht auf diesem Markt zu beschränken.

In Deutschland besteht kaum professionelle Expertise zum Kaukasus. Der Kaukasusexperte der Stiftung Wissenschaft und Politik, Uwe Halbach, ging 2014 in den Ruhestand, ob seine Stelle mit Kaukasusprofil wiederbesetzt wird, ist noch unklar. Andere Stellen dieser Art existieren nicht. In Frankfurt/Main gibt es einen vollständigen konsekutiven Studiengang-Schwerpunkt Kaukasische Sprachwissenschaft (BA und MA, mit Promotionsmöglichkeit), der Sommer- und Winterschulen in Georgien anbietet und der über Drittmittelprojekte mit Partnern in Georgien, Armenien und Aserbaidschan verbunden ist. Auch in München wird auf höchstem Niveau sprachwissenschaftliche Kaukasusforschung betrieben.

In Freiburg vertrat Jörg Stadelbauer bis zu seiner Emeritierung 2009 eine kulturgeographisch geprägte Kaukasusforschung. Wolfgang Kaschuba betrieb mit seinem Team an der Humboldt-Universität zu Berlin von 1999 bis 2013 Stadtforschung zum Kaukasus, seit Frühjahr 2015 ist er aber anderweitig als Geschäftsführender Direktor des Berliner Instituts für Empirische Integrations- und Migrationsforschung an der Humboldt-Universität tätig. Mit der noch 2015 anstehenden Pensionierung Steffi Chotiwari-Jüngers, die ebenfalls an der Humboldt-Universität tätig ist, wird auch der literaturwissenschaftliche Zweig der Kaukasusforschung in Deutschland ein Ende finden.

Gegenwärtig werden an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberge an der MESROP-Arbeitsstelle Armenische Studien vertreten sowie durch den Stiftungslehrstuhl Geschichte Aserbaidschans an der Humboldt-Universität zu Berlin auch über die Aserbaidschan-Studien hinaus wertvolle Impulse gesetzt. Darüber hinaus vertritt die Lehrstuhlinhaberin Eva-Maria Auch den historischen Teil der Kaukasusausbildung des Masterstudienganges Zentralasien. An der gleichen Institution spielt der Kaukasus auch in der Lehre des Osteuropahistorikers Jörg Baberowski eine Rolle.

Aber nur an der Friedrich-Schiller-Universität Jena wird Kaukasiologie mit einer spezialisierten Professur als eine den gesamten Kaukasus umfassende Regional­wissenschaft betrieben, gezielt regionalwissenschaftliche Kompetenz generiert und der gesamte kulturwissenschaftliche, historische und linguistische Bereich abgedeckt. Jena kann damit für sich beanspruchen, DAS Lehr- und Forschungszentrum Deutschlands zum Kaukasus zu sein. Dazu kommen die seit Jahrzehnten bestehenden Verbindungen der Jenaer Kaukasiologie in den Kaukasusraum, besonders nach Georgien.

Die Kaukasiologie in Jena kann auf eine über 50jährige Geschichte zurückblicken. Nach der ersten Lehrstuhlinhaberin Gertrud Pätsch war es besonders Heinz Fähnrich, der über Jahrzehnte das Fach prägte. Es ist Fähnrich zu verdanken, dass eine stabile wissenschaftliche Infrastruktur zwischen Georgien und Deutschland geschaffen wurde, die u.a. im regelmäßigen Austausch von Studierenden und Lehrenden, gemeinsamen Forschungsprojekten und Publikationen sowie der deutsch-georgischen Fachzeitschrift Georgica Ausdruck fand. Spätestens seit Fähnrichs Zeiten ist Jena im Kaukasus ein fester, überaus positiv besetzter Begriff.

Die Kaukasiologie entwickelte sich nach der deutschen Wiedervereinigung zum Dreh- und Angelpunkt des akademischen Austauschs zwischen Georgien und Deutschland und zum Nexus wissenschaftlicher Kooperationen. Dies wiederum begünstigte, dass eine Vielzahl von Fächern an der Friedrich-Schiller-Universität Jena Kooperationsbeziehungen mit georgischen Partnern etablierte, so die Rechtswissenschaften, die Betriebswirtschaftslehre, die Biologie, die Altertumswissenschaften, Deutsch als Fremdsprache, die Politikwissenschaften, die Psychologie, die Slawistik und die Germanistik.

Mit der Emeritierung Fähnrichs 2006 geriet das Fortbestehen des Faches in ernste Gefahr. Nur dem engagierten Einsatz von Freundinnen und Freunden der Kauka­siologie, darunter dem damaligen Präsidenten Georgiens, Eduard Schewardnadse, ist es zu verdanken, dass ein Streichen des Faches verhindert werden konnte. Aber es setzte wohl auch ein Umdenken in der Universitätsleitung ein. Waren Orchideen­fächer vormals teure Exotika, die zu Gunsten größerer Fächer leicht weggespart werden konnten, galten sie nun als Alleinstellungsmerkmal. So entdeckte auch die Universität Jena ihre Kaukasiologie als profilbildendes Fach.

In der schwierigen Übergangszeit zwischen Fähnrichs Emeritierung bis zur Neubesetzung des Lehrstuhls war anfänglich die Fähnrich-Schülerin Ute Rieger auf sich allein gestellt. Mit Unterstützung des damaligen Studiendekans Hermann Funk stellte Rieger den Studiengang auf das B.A./M.A.-System um. Beide waren auch maßgeblich am Erhalt der Kaukasiologie beteiligt.

Nach zwei kurzen Präsenzen von Manana Tandashvili und Nino Amiridze wurde der Lehrstuhl ab 2008 von dem georgischen Volkskundler und assoziierten Professor der Staatlichen Ilia-Universität Tbilissi  Elguja Dadunashvili vertreten, dessen Gastprofessur nach einem Jahr mit einem STAR-Stipendium des DAAD finanziert wurde. Dadunashvili aktualisierte das Studienprogramm und führte u.a. ein Feldforschungsmodul ein. 2011 wurde dann der Lehrstuhl mit dem Ethnolinguisten Kevin Tuite besetzt, der das Fach regionalwissenschaftlich öffnen sollte. Unter Beibehaltung des sprachwissenschaftlichen Schwerpunktes wurden (und werden) nun vermehrt kultur- und sozialwissenschaftliche Themen behandelt.

In den folgenden Jahren stieg die Zahl der Studentinnen und Studenten. Auch die Öffentlichkeit wurde auf die Kaukasiologie aufmerksam.[1] Die Thüringer Landeszeitung widmete der Kaukasiologie am 23. November 2013 einen ganzseitigen Artikel, in dem der damalige Rektor der Universität Jena, Klaus Dicke, zitiert wurde:

„,Die Kaukasiologie ist nicht bedroht', sagte Dicke, obzwar ihn arge Finanznöte plagten. ,Sie ist für uns unverzichtbar, erstens traditionell, zweitens aus Gründen des nationalen Interesses und drittens aus wissenschaftlichen Gründen.' Der umtriebige Hochschulpolitiker setzt noch eins drauf und fordert: ,Ich bin für eine Bundesfinanzierung solcher kleinen Fächer.'“[2]

In der taz war im Spätsommer 2014 ebenfalls zu lesen, dass die Kaukasiologie nicht bedroht ist:

"Wer Kaukasiologie studieren will, kann das an genau einer Universität in Deutschland tun: in Jena. Hier forschen und lehren ein Professor und drei Mitarbeiter [sic] über eine Region, die als Brücke zwischen Europa und Asien gilt. Doch die Existenz dieses Orchideenfachs war im letzten Jahr bedroht, denn das Land Thüringen forderte von seinen Universitäten, sich auf aussichtsreiche Fächer zu beschränken. Was für die Uni bedeutete, bis 2015 rund 7 Millionen Euro sparen zu müssen.

Doch die Kaukasiologie bleibt. Dank eines Deals, den Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) und die SPD-regierten Länder im Mai eingefädelt hatten, werden Thüringens Hochschulen im nächsten Jahr nämlich 30 Millionen Euro zusätzlich aus der Landeskasse erhalten. Dafür übernimmt der Bund den Finanzierungsanteil der Länder an der Bundesausbildungsförderung (Bafög) in Höhe von 1,17 Milliarden Euro und darf sich im Gegenzug künftig stärker in Hochschulangelegenheiten einmischen."[3]

Diese Aussagen begriffen die Studierenden und Lehrenden der Kaukasiologie als Bestandsgarantie. Für die Lehrenden kam nur auf dieser Grundlage eine Tätigkeit in Jena überhaupt in Frage, und für die Studierenden stellte sie eine entscheidende Motivation zur Aufnahme des Studiums und in einigen Fällen zur Wahl des Studienorts Jena dar.

Neben der Lehre hat in den letzten Jahren die empirisch fundierte Forschung in der Kaukasiologie besondere Bedeutung gewonnen, was sich nicht zuletzt an zwei großen Drittmittelprojekten zeigte, die eingeworben wurden. In dem von der Volkswagenstiftung geförderten kooperativen Projekt „Transformations of Sacred Spaces, Pilgrimages and Conceptions of Hybridity in the Post-Soviet Caucasus“ (Fördervolumen 250 000 Euro) geht es um religiöse Netzwerke, Fragen der Kohabitation religiöser Gruppen und der räumlichen Verankerung religiöser Praktiken. In dem von der Europäischen Kommission geförderten Projekt CASCADE (Fördervolumen 350 000 Euro) beschäftigt sich das Team in Jena mit Migration aus dem Kaukasus und Landnutzung in Armenien.

Durch die Drittmittelprojekte wurden jeweils dreijährige Stellen bzw. Stipendien geschaffen: ein Postdoc-Stipendium, zwei Doktorandenstellen, zwei Stellen für wissenschaftliche Hilfskräfte und eine Sekretariatsstelle in Teilzeit. Die Drittmittelprojekte ermöglichten auch mehrjährige Forschungen kaukasischer Kooperationspartner im Nordkaukasus (Gebiet Krasnodar, Dagestan) und Südkaukasus (Georgien, Armenien, Aserbaidschan), deren wissenschaftliche Erträge in die Kaukasiologie in Jena zurückgeführt werden.

Ende 2013 wurde die Professur für Kaukasiologie auf Wunsch Kevin Tuites neu ausgeschrieben. Der Ausschreibung gingen die Zustimmung von Senat und Rat der Universität sowie die des Thüringer Landesministeriums zur Wiederbesetzung des Lehrstuhls voraus. Im Juni 2014 hielten fünf ausgewählte Bewerberinnen und Bewerber hochschulöffentliche Vorträge im Rahmen des Berufungsverfahrens. Daraufhin nahm das Verfahren seinen üblichen Lauf, und mit einer Neubesetzung des Lehrstuhls war spätestens für das Wintersemester 2015 zu rechnen.

Daher traf es die Kaukasiologie wie ein Blitz aus heiterem Himmel, dass der Dekan der Philosophischen Fakultät, Stefan Matuschek, für die Sitzung des Rates der Philosophischen Fakultät am 28. April 2015 eine Beschlussvorlage einbrachte, die die Nicht-Wiederbesetzung des Lehrstuhls für Kaukasiologie vorsah.[4] Über diese Beschlussvorlage sollte im geschlossenen Teil der Fakultätsratssitzung, also unter Abwesenheit von Vertreterinnen oder Vertretern der Kaukasiologie, abgestimmt werden. Dies konnte jedoch abgewendet und die Abstimmung vertagt werden.

Es steht also nach wie vor die Gefahr im Raum, dass der Lehrstuhl für Kaukasiologie nicht wieder besetzt wird, was einer faktischen Abschaffung des Faches gleichkäme. Das stünde im krassen Gegensatz zu den Empfehlungen des Wissenschaftsrates von 2013, in denen explizit der Ausbau der Kaukasiologie gefordert wird. Da heißt es:

"Unabhängig davon erfährt auch die Befassung mit dem Kaukasus und Zen­tralasien in Deutschland zu geringe Aufmerksamkeit. Dies ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass diese Regionen weder dem östlichen Europa noch Asien eindeutig zuzurechnen sind und damit zwischen den in Deutschland etablierten Regionalforschungsbereichen liegen. [. . .] An einer institutionellen Verankerung der Kaukasus- und der Zentralasien-Forschung fehlt es, abgesehen von einer Stiftungsprofessur für die Geschichte Aserbaidschans und einer Professur für „Historische Russland- und Asienstudien“, die 2013 an der LMU München eingerichtet werden soll, in Deutschland jedoch. Infolgedessen wird das große wissenschaftliche Potential nicht hinreichend ausgeschöpft, das die Beschäftigung mit diesen Regionen, die über einen großen islamischen Bevölkerungsanteil verfügen und eine Brücke zwischen Europa und Asien bilden, gerade für transregionale Studien bietet. Dies ist aus wissenschaftlicher Sicht bedauerlich und zudem aufgrund der zunehmenden politischen und wirtschaftlichen Bedeutung dieser rohstoffreichen Regionen problematisch. Deutschland sollte sich hier nicht von der Kompetenz der USA abhängig machen, die in den vergangenen Jahren den Bereich der Eurasian-Studies erheblich ausgebaut haben.".[5]

Eine der drei konkreten Empfehlungen lautet dann auch:

"Unabhängig davon sollte eine begrenzte Zahl an Professuren unterschiedlicher Fächer mit dem Schwerpunkt Kaukasus sowie mit dem Schwerpunkt Zentralasien eingerichtet werden. Zugleich sollten Möglichkeiten zum Erwerb der erforderlichen Sprach- und Kulturkompetenz geschaffen werden. Dies sollte möglichst an einer Universität geschehen, um eine für Forschung und Lehre kritische Größe zu erreichen."

Hier hätte vor dem Hintergrund seiner jahrzehntelangen Geschichte der Kaukasio­logie der Standort Jena die einmalige Möglichkeit, sich als Kompetenzzentrum Kaukasus zu etablieren und das bisherige, auch personelle Spektrum sogar noch zu erweitern.

Auch die im Jahr 2014 verabschiedete Hochschulstrategie Thüringen 2020 bezieht eindeutig Stellung im Sinne nicht nur eines Erhalts, sondern des Ausbaus von Kleinen Fächern wie der Kaukasiologie. Dort ist zu lesen:

"Unter der Bezeichnung „Kleine Fächer“ werden in der Regel Disziplinen zusammengefasst, die sowohl geringe personelle und sachliche Ressourcen als auch eine begrenzte Anzahl an Studierenden aufweisen. Vielfach sind sie von hoher internationaler Relevanz und erbringen trotz geringer Ressourcen weithin sichtbare Leistungen. Sie tragen damit in ihrer Gesamtheit maßgeblich zu der für die Geisteswissenschaften charakteristischen Pluridiszi­plinarität und Perspektivenvielfalt bei. Angesichts der Entwicklungen der vergangenen Jahre ist es nicht nur aus kultureller, sondern auch aus wirtschaftlicher und politischer Sicht notwendig, Wissen und wissenschaftlichen Nachwuchs in Fächern zu erhalten und zu gewinnen, die sich mit Kulturen und Sprachen des Mittleren und Nahen Ostens, aber auch Südosteuropas und angrenzender Regionen befassen."[6]

Eine Schließung des Studiengangs ist daher mit der strategischen Zielsetzung der Thüringer Landesregierung unvereinbar. Aber nicht nur auf Landesebene, auch auf Bundesebene wird Kleinen Fächern wie der Kaukasiologie eher mehr statt weniger Bedeutung eingeräumt und dementsprechend mehr statt weniger Förderung versprochen.[7] Hier will das Bundesministerium für Bildung und Forschung direkt Einfluss nehmen. Durch die Grundgesetzänderung des Artikels 91B vom Dezember 2014 ist der Weg für die Bundesfinanzierung Kleiner Fächer frei geworden.

Die Kaukasiologie an der Universität Jena mit ihren politisch relevanten Beziehungen insbesondere nach Georgien ist davon unmittelbar betroffen. Es besteht ein nationales Interesse des Bundes an der Förderung der Kaukasiologie, nicht zuletzt wegen der politischen Relevanz der Östlichen Partnerschaft der EU und des gestiegenen Bedarfs an Wissen über unsere östlichen Nachbarn. In diesem Bereich gibt es an der Friedrich-Schiller-Universität Jena besonders zur Ukraine und zu Südosteuropa viel Expertise, was eine Synergie mit der Kaukasiologie ermöglicht. Es ist daher unsinnig, in einer Situation, in der Kleine Fächer gezielt gefördert werden sollen, die Kaukasio­logie als Kleines Fach abzuschaffen.

Viel spricht also für den Erhalt der Kaukasiologie. Für die Universität Jena stellt das Fach ein Alleinstellungsmerkmal dar. Darüber hinaus ist es für die Internationalisierungsstrategie der Universität mit ihrer Schwerpunktsetzung nach Osteuropa nicht nur wegen ihres über Jahrzehnte entwickelten Netzwerks unverzichtbar. Die Kaukasio­logie hat in den letzten Jahren in Relation zur Größe des Faches mit Abstand die meisten Drittmittel an der Philosophischen Fakultät eingeworben. Sie hat sogar mehr Gelder eingeworben, als sie im laufenden Betrieb kostet. Die Antragserfolge lassen sich nicht zuletzt darauf zurückführen, dass die Kaukasiologie als Garant für Regionalexpertise steht. Daraus ergibt sich ein hohes Potential für weitere erfolgreiche Drittmittelanträge.

Die Jenaer Kaukasiologie verfügt über tragfähige Netzwerke und Austauschprogramme im Bereich Forschung und Lehre mit anderen Universitäten in Deutschland (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberge, Humboldt-Universität Berlin) sowie im Nord- und Südkaukasus, gefördert u.a. von ERASMUS Mundus, DAAD und ERANET. Sie kooperiert mit anderen Instituten der Philosophischen Fakultät an der Friedrich-Schiller-Universität (z.B. Slawistik, Volkskunde/Kulturgeschichte, Südosteuropastudien) im Bereich der Lehre (Seminare und Ringvorlesungen) und ist eng in die Universitätslandschaft Halle–Leipzig–Jena eingebunden (u.a. universitäre Partnerschaften mit der Armenologie und Ethnologie in Halle, Kooperationen mit dem Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle).

Mit der von einer deutsch-georgischen Redaktion herausgegebenen Fachzeitschrift Georgica publiziert die Kaukasiologie das wichtigste deutschsprachige wissenschaftliche Publikationsorgan zur Kaukasusregion. Durch die Bearbeitung aktueller, gesellschaftlich relevanter Themen wie etwa Rückkehr der Religion, Migration, transnationale Netzwerke, Nationalstaat, hybride Identitäten und interethnische Beziehungen im Kaukasus hat die Kaukasiologie sich als moderne Regionalwissenschaft etabliert.

Abschließend sei noch kurz auf das Totschlagargument der niedrigen „Studierendenzahl“ eingegangen. Die Kaukasiologie als Kleines Fach verfügt in der Tat nur über wenige Studentinnen und Studenten. Daher ist es wenig sinnvoll, die Zahl der Studierenden der Kaukasiologie gegen die größerer Fächer aufzurechnen. Im Falle der Kaukasiologie war aber in den letzten Jahren eine durchaus positive Tendenz zu beobachten. So gab es im Wintersemester 2012/13 mehr Studierende als je zuvor. In den letzten beiden Jahren hat die Zahl – bedingt durch die Neuausschreibung des Lehrstuhls für Kaukasiologie – wieder abgenommen. Durch den offen angelegten Ausschreibungstext konnte und kann den Studierenden nicht klar sein, ob die Kaukasio­logie sich weiter in Richtung Regionalwissenschaften entwickelt. Diese Irritation hat einige Interessierte von einem Studium der Kaukasiologie abgehalten.

Das Fach Kaukasiologie in Jena darf also nicht nur nicht sterben, es muss sich auch möglichst bald klar und deutlich positionieren können.

 


[1]   Exemplarisch: Kaukasiologie: Erst mal einen Tee. Zeit-Online, 27.1.2014, <www.zeit.de/ studium/hochschule/2014-01/kleine-studiengaenge-studium/seite-4>. – Besondere Studiengänge: Master der Selbstverwirklichung. Spiegel-Online, 21.11.2014, <www.spiegel.de/ unispiegel/studium/exotische-masterstudiengaenge-ich-studier-was-mir-gefaellt-a-1003479-5.html>.

[2]     Kaukasiologie bleibt der Friedrich-Schiller-Uni in Jena erhalten. Thüringer Landeszeitung, 28.4.2015, <www.tlz.de/web/zgt/kultur/detail/-/specific/Kaukasiologie-bleibt-der-Friedrich-Schiller-Uni-in-Jena-erhalten-1271564352>.

[3]   Milliardendeal mit Hochschulen. taz, 19.9.2014, Hervorhebung durch den Verfasser.

[4]   Einzigartiges Fach Kaukasiologie steht an Jenaer Uni vor dem Aus. Thüringer Landeszeitung, 28.4.2015, <www.tlz.de/web/zgt/leben/detail/-/specific/Einzigartiges-Fach-steht-an-Jenaer-Uni-vor-dem-Aus-81678326>.

[5]   Wissenschaftsrat:  Empfehlungen zur Weiterentwicklung der außeruniversitären historischen Forschung zum östlichen Europa. Berlin, 25.1.2013, S. 92–93.

[6]   Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur: Hochschulstrategie Thüringen 2020. Erfurt 2014, S. 72–73.

[7]   So erschien etwa im April 2012 die Broschüre der Hochschulrektorenkonferenz „Kleine Fächer an den deutschen Universitäten interdisziplinär und international“, in der nachdrücklich die Daseinsberechtigung der „Kleinen Fächer“ unterstrichen wird und auch mehrfach die Kaukasiologie Erwähnung findet, <www.hrk.de/fileadmin/redaktion/hrk/02Dokumente/ 02-10-Publikationsdatenbank/EVA-2012_Kleine_Faecher.pdf>.

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