Titelbild Osteuropa 11-12/2014

Aus Osteuropa 11-12/2014

Einhundert Jahre Erster Weltkrieg
Eine Bilanz des Jahres 2014

Jost Dülffer

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Abstract

Der Erste Weltkrieg war ein globales Ereignis und ebenso das Gedenkjahr 2014. Doch nirgendwo fiel das Ausmaß der Erinnerung an den Krieg derart aus dem üblichen nationalen Rahmen wie in Deutschland. Die Abfolge der Publikationen und Debatten erinnerte an Aufmarschplanungen der Generalstäbe im Jahr 1914. Die beste Synthese hat Jörn Leonhard vorgelegt, die meiste Aufmerksamkeit erzielten aber Christopher Clarks Schlafwandler. Das Buch scheint als Beleg dafür gelesen worden zu sein, dass es an der Zeit sei, Deutschland von einer besonderen Schuld am Beginn des Krieges zu entlasten. Politische Forderungen wurden daraus jedoch glücklicherweise nur selten abgeleitet.

(Osteuropa 11-12/2014, S. 45–58)

Volltext

Das Gedenkjahr 2014 wurde vom 100. Jahrestag des Kriegsbeginns 1914 dominiert. Aber zumindest zeitweilig überlagerte das Gedenken an andere Ereignisse die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg: Am 1. September jährte sich der Beginn des Zweiten Weltkrieg zum 75. Mal, am 9. November der Fall der Berliner Mauer zum 25. Mal. Der Wiener Kongress und das Ende der napoleonischen Herrschaft in Europa 1814/15 spielten keine große Rolle.

Doch im Zentrum der Aufmerksamkeit stand der Erste Weltkrieg. Nicht nur die wissenschaftliche Buchproduktion, auch die Aufmerksamkeit, die die Medien dem Thema widmeten, war von einer neuen Dimension. Die Abfolge der Publikationen und Debatten erinnerte an Aufmarschplanungen der Generalstäbe im Jahr 1914,[1] zu dem der jüngere Moltke kurz vor Beginn des Krieges meinte, er gleiche einer Symphonie, aber einer, die nur eine einzige Aufführung zulasse. Die Zentenaraufführungen haben wir gerade hinter uns. Davon soll hier die Rede sein.

Geplant waren die umfangreichen Buchprojekte seit Jahren, auch die Medien aller Art hatten seit langem ihr Erinnerungsprogramm fertiggestellt. Aus arbeitsökonomischen wie Kompetenzgründen beschränke ich mich primär auf die deutschen Vorgänge, die aber in den gesamteuropäischen, in der Bilanz auch in den globalen Rahmen eingeordnet werden. Es könnte sein, dass dieser Boom gerade in Deutschland am stärksten war, obwohl in allen europäischen kriegführenden Staaten und in Nordamerika nationale Gedenktage zelebriert und entsprechende Programme aufgelegt wurden. Da liegt es wiederum nahe zu vermuten, dass zumindest in Großbritannien und Frankreich dieser Great War oder La Grande Guerre immer schon präsenter war als bei uns, wo erst 2014 gleichsam ein „Durchbruch“ gelang – nur: Durchbruch wozu? Nachholende Erinnerung ist keine hinreichende Erklärung.

I

Das öffentliche Interesse war nie so groß. Wissenschaftliche Tagungen, Auftritte von Wissenschaftlern vor großem Publikum, Rundfunk- und Fernsehprogramme, Tages- und Wochenzeitungen, historische Ausstellungen und Internetdiskussionen auf zahlreichen Plattformen zeugen davon. Historiker, die seit langem zum Ersten Weltkrieg arbeiten und zum Jahrestag neue Bücher vorgelegt haben wie Gerhard Hirschfeld und Gerd Krumeich, berichten von fast 100 Einladungen zu Vorträgen. Sehr häufig seien mehrere hundert Personen im Saal gewesen, die primär eines waren: neugierig und offen für bislang ungehörte Informationen. Jörn Leonhard, Herfried Münkler und Christopher Clark, dessen Schlafwandler sich mehr als 350 000mal verkaufte, dürften ebenso oft, wenn nicht öfter aufgetreten sein. Clark, der sympathische, perfekt deutsch sprechende Australier aus Cambridge wurde nicht zuletzt aus diesen Gründen in der sechsteiligen ZDF-Fernsehserie Deutschlandsaga, die von Ende November 2014 bis März 2015 läuft,[2] zum Haupterklärer. Dort führt er, Fliege tragend und in einem knallroten nostalgischen VW-Käfer reisend, räumlich wie zeitlich die ganze deutsche Geschichte vor. Das ist professorale Populärwissenschaft, wie sie auch in zahlreichen Diskussionen und Talkshows stattfand.

Viele von ihnen sind als Podcast auch im Internet abrufbar. Zu nennen ist vor allem das Portal L.I.S.A. der Gerda-Henkel-Stiftung,[3] auf dem u.a. zwei Debatten des Deutschen Historikertages vom September 2014 zu finden sind. Darüber hinaus können dort mehrere Ringvorlesungen nachgehört werden, auf die kaum eine deutsche Universität verzichtet hat, um eine außeruniversitäre Öffentlichkeit zu erreichen. Das begann im Wintersemester 2013/14 und hält zumindest bis in den Sommer 2015 hinein an.

Die Bundesregierung stellte über 4,3 Millionen Euro zur Verfügung – und dies war wenig im europäischen Vergleich: Frankreich und Großbritannien gaben je 60 Millionen Euro aus.[4] Gleichwohl ließen sich immerhin auf einem einheitlichen Portal etliche Regierungsveranstaltungen auflisten.[5] Auch der Bundespräsident schaltete sich mit einem ganztägigen internationalen Wissenschaftlergespräch am 26. Juni ein, dem Vortag des Mordes von Sarajevo 1914. Höhepunkte bildeten darüber hinaus Staatsakte der Erinnerung, wie sie bereits früher zum Ersten ebenso wie Zweiten Weltkrieg häufig stattgefunden hatten. Ein medialer Höhepunkt war das Treffen des deutschen und des französischen Präsidenten am Hartmannsweilerkopf im Elsass sowie eine noch größere, gesamteuropäische Veranstaltung in Lüttich und Löwen.[6]

Diese offiziellen bis offiziösen Akte von Geschichtspolitik fanden eine Entsprechung in einer Auseinandersetzung mit der Geschichte gleichsam von unten. Vielbesuchter Knotenpunkt war das Geschichtsportal Europeana 1914–1918,[7] das „unbekannte Geschichten und offizielle Dokumente zum Ersten Weltkrieg“ sammelt. Bereits am 29. Januar 2014 hieß es auf der Webseite der Bundesregierung:

Tatsächlich haben zu diesem Projekt Menschen aus ganz Europa beigetragen. Familien von Kriegsteilnehmern haben unter anderem Briefe, Fotos, Tagebücher beigesteuert – insgesamt rund 90 000 persönliche Dokumente und Erinnerungsstücke. Bibliotheken und Archive haben ihre Bestände durchsucht und etwa 400 000 Dokumente zur Verfügung gestellt. Dazu kommen rund 660 Stunden Filmmaterial, Plakate und Fotos aus über 20 Filmarchiven. Zusammen gekommen sind über 500 000 Objekte, die von Nationalbibliotheken in acht Ländern digitalisiert wurden.[8]

Ähnliches wiederholte sich in zahlreichen Ausstellungen, die an vielen Orten quer durch die Republik veranstaltet wurden. Oft wurde die Bevölkerung aufgerufen, eigene Erinnerungsstücke einzubringen, die teils integriert, teils in separaten Kabinetten neben der eigentlichen, „professionellen“ Ausstellung präsentiert wurden. Auch an diese Orte strömte das Publikum in überraschend großer Zahl. Das Begleitprogramm zu fast jeder Ausstellung bot weitere Vorträge und Diskussionsrunden. Exemplarisch sei das für den besonders rührigen Landschaftsverband Rheinland aufgelistet. Er startete mit einem anspruchsvollen und umfassenden „Kongress“ „Aggression und Avantgarde“. Die dort gehaltenen Vorträge erschienen reich bebildert Mitte 2014 in einem Buch in Katalogformat.[9] Auf den Kongress folgten im Rheinland nicht weniger als 14 thematische, regionale und sektorale Ausstellungen, zu denen acht weitere umfangreiche Bild-Text-Kataloge vorgelegt wurden. Bemerkenswert war, dass es sich hier um multidisziplinäre Ausstellungen handelte. Vor allem der Kunst- und Kulturgeschichte kam hier neben der Geschichte selbst großes Gewicht zu, aber auch etwa die Archäologie trug das ihre dazu bei. Im Fernsehen inszenierten mehrere deutsche Fernsehanstalten in internationaler Koproduktion in 14, auf Tagebüchern beruhenden Folgen Dokudramen zu globalen Biographien des Ersten Weltkrieges[10], die seit April 2014 als DVD erhältlich sind. Die Webseite bietet weitere Möglichkeiten der populären, auch interaktiven Aneignung des ganzen Krieges.


II

Die Weltkriegsliteratur lässt sich nach wie vor sinnvoll unterteilen in Arbeiten über die Ursprünge des Kriegs und solche über den Krieg selbst. Auf die Erörterungen im genannten Literaturbericht vom Frühjahr 2014 sei hier verwiesen. Es bestätigt sich die überragende Bedeutung der Cambridge History of the First World War mit drei Bänden, an der Spitze koordiniert von Jay Winter. „Global War“ (754 S.), „The State“ (786 S.) und „Civil Society“ (763 S.) unterstreichen den globalen Ansatz, die weltweite Rekrutierung der Autoren, die Einbeziehung von herkömmlichen wie innovativen, vor allem kulturellen und mentalen Themen in kaum mehr zu überbietender Weise.

Auf eine Stufe mit der CHWWI muss man jetzt die Internet-Enzyklopädie „1914–1918“ stellen, die International Encyclopedia of the First World War.[11] Sie wurde vor allem von Deutschland finanziert und ist nach mehrjähriger Vorbereitung als work in progress jetzt online. Ende 2014 waren bereits 530 von 1614 geplanten Einträgen einzusehen. Nur für die Auswahl der Lemmata waren unter Leitung von Oliver Janz (Berlin) 90 Experten aus einer Vielzahl von Ländern berufen worden. Ziel war es vor allem, weiße Flecken des globalen Krieges in den Blick zu nehmen, kaum beachtete Weltregionen oder kleinere Staaten, die bisweilen nur indirekt vom Weltkrieg beeinflusst wurden. Eine Bilanz lässt sich noch kaum ziehen, wohl aber zeigen Stichproben, dass gerade in längeren, ca. 20-seitigen Überblicksartikeln über geographische, vor allem aber auch Grundbegriffe und Sachbezüge Hervorragendes geleistet wurde.

Natürlich ist der Krieg nicht ohne Vor- und Nachgeschichte angemessen zu verstehen, doch hat es bisweilen den Eindruck, als ob das ganze 19. Jahrhundert als Vorlauf abgehandelt wird. Das könnte im Einzelnen doch zu weit ausufern. Ein Vergleich der gedruckten und der Online-Enzyklopädie wäre später einmal interessant. Doch sei als Befund exemplarisch hervorgehoben, dass beide einen Artikel über die Spanische Grippe enthalten, die sich 1918/19 ausbreitete und – obwohl sie sehr viele Opfer forderte und eng mit dem Krieg zusammenhing – bis heute viel zu wenig beachtet wird (so Howard Phillips, online), was Anne Rasmussen (II, 334–357) sehr anschaulich mit Untersuchungen zu mehreren Staaten demonstriert.

Der Weg in den Krieg wurde im vorangegangenen Bericht mit der zentralen Studie von Clark, aber auch mit Krumeich, MacMillan, Mombauer u.a. bereits ausgiebig vorgestellt. Es sei nochmals betont, dass diese alle auf einem breiten Fundament der Forschungen aus den letzten beiden Jahrzehnten stehen. Neue Erkenntnisse hat es auch früher immer gegeben, 2014 wurden sie lediglich gezielt gebündelt und stießen auf große Resonanz in den Medien. Bemerkenswerterweise sind im englischsprachigen Bereich zwei weitere Monographien genau zur Julikrise 1914 erschienen, die eine Gesamtschau[12] liefern. Thomas G. Otte, der an der University of East Anglia lehrt, geht vom Mächtesystem aus, das in seinen unterschiedlich balancierenden Funktionen den Krieg nicht als solches hervorgebracht habe, es war ein „informal nexus of often unspoken assumptions“ (508) heißt es im Anschluss an eine klassische Formulierung von James Joll. Abschreckung mit je unterschiedlichen Ansatzhöhen und regionalen Ambitionen sei das Ziel gewesen, aber diese Ziele seien von den handelnden Eliten – und auf diese beschränkt sich Otte ganz ähnlich wie Clark überwiegend – inkonsistent verfolgt worden, oft auch ohne Einsicht in die wechselseitigen Wirkungen von Diplomatie und Militär. Das gelte im Prinzip für alle Großmächte, aber mit Ausnahme Großbritanniens, das als einziges „kohärente strategische Entscheidungen fällte“ (574). Vor allem Außenminister Sir Edward Grey wird relativ positiv gesehen im Bestreben Frieden zu wahren. Im Einzelnen benannte Verantwortlichkeiten, Fehlkalküle und Erwartungen werden in dieser insgesamt eng an Personen angelehnten Studie differenziert herausgearbeitet. Das bleibt im Kern eine lesenswerte, aber doch herkömmliche Diplomatiegeschichte. Der andere Autor ist Gordon Martel, emeritierter Professor der University of Northern British Columbia. Nach einer schmalen Studie von 2006 zum Thema ist es auch hier eine von Tag zu Tag fortschreitende Analyse eben der Julikrise 1914.[13] Auch dieser Autor schreibt eine kenntnisreiche, allseits nach Fehlern, Fehlkalkülen, Erwartungen suchende Darstellung, die sich auf das Ganze des europäischen Staatensystems konzentriert und die aggressiven bis leichtfertigen Kalküle der Staatsführungen hervorhebt – zumeist aus einem Gefühl der Schwäche und Defensive geboren und gerade deswegen mit großem Nachdruck nach außen vorgetragen.

Bemerkenswerte Neuerscheinungen gibt es auch bei der inneren Geschichte des Weltkrieges. Die „Heimatfront“ war ein Begriff, der erst gegen Ende des Krieges in Deutschland aufkam, möglicherweise der britischen „Home Front“ nachgebildet[14], zeichnete er doch die enge Verbindung von Kampfzone und ziviler Gesellschaft nach, die im Falle des Deutschen Reiches – anders als sonst in Europa – zumeist räumlich getrennt blieben. Besonders Bernd Ulrich ist durch zahlreiche Veröffentlichungen bestens ausgewiesen, um einen knappen Überblick zu geben, der weit über die Dichotomie des Untertitels – Kriegsbegeisterung und Hungersnot – hinausweist. Der Band von Thomas M. Flemming und Bernd Ulrich ist zwischen populärem Bericht und wissenschaftlicher Innovation angesiedelt und bietet ein vielfältiges Patchwork mit starker Betonung auf Mentalitäten – Ängste etwa vor Spionen oder dem neuen Luftkrieg – und Größenphantasien, wobei die Kriegsziele im Westen und bis Kriegsende im Osten eine zentrale Rolle spielten. Kindern und Frauen sind erhellende Abschnitte gewidmet, ebenso Verwundeten, Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen. Auch die Gerüchte um Kriegsgreuel der Gegner dokumentiert Ulrich anschaulich durch Quellenzitate. Besonders der Anarchist Erich Mühsam lieferte viele starke Beobachtungen für den Band.

Weiter holt ein Kulturwissenschaftliches Handbuch aus, das von den Literaturwissenschaftlern Niels Werber und Lars Koch sowie dem Soziologen Stefan Kaufmann herausgegeben wurde,[15] zu dessen Autoren darüber hinaus auch Medienwissenschaftler und vor allem Historiker zählen. In diesem Werk dominiert nicht die anschauliche Narratio, sondern die wissenschaftliche Tiefenanalyse. Breit in die allgemeinen Zeitläufte vor und nach dem Krieg einordnend wird hier in 18 Großessays Grundlegendes geleistet. Mentale Dispositionen bzw. Widersprüche wie der Umgang mit der materiellen Basis – etwa wirtschaftliche Mobilisierung, Technik – werden hier gleichermaßen miteinander verwoben. „Sinnstiftungen des Sinnlosen“ (Rohkrämer), auch Grenzen der Gesellschaft wie der Gemeinschaft (J. Fischer) bilden hier ebenso Anlass zu zupackenden Essays wie der „Krieg der Nerven, Krieg des Willens“ (B. Ulrich). Die meisten Beiträge fragen vor allem nach den Verhältnissen in Deutschland, viele von ihnen bieten aber nützliche einordnende Vergleiche mit anderen europäischen Staaten.

III

Die Frage nach der Schuld am Ersten Weltkrieg beschäftigte auch im 100. Jahr nach Beginn des Krieges in Deutschland die Medien, weniger hingegen die Wissenschaft.[16] Das zeigte sich bereits am Anfang des Gedenkjahres 2014. Am 4. Januar 2014 erschien in der Tageszeitung Die Welt ein Artikel mit dem Titel „Warum Deutschland nicht allein schuld ist“. Dominik Geppert, Sönke Neitzel und Thomas Weber aus der jüngeren Generation der in ihren vierziger Jahren stehenden Universitätshistoriker und die Publizistin Cora Stephan publizierten eine Art Manifest, das nicht nur historisch analysierte, sondern auch gegenwartspolitische Schlüsse zog. Mit – dem Artikel angemessenen – Zwischenüberschriften wie „Deutschland nicht Ursache allen Übels“ und „Großbritannien griff ohne Bündniszwang in den Krieg ein“, „Schulddebatte klingt wie Propaganda“ beriefen sie sich auf Christopher Clark und Herfried Münkler und mahnten ein multiperspektivisches Bild an, in dem – unter Berücksichtigung des seit längerem gewachsenen Forschungsstands sowie gemäß einer alten Forderung Fritz Fischers aus den 1960er Jahren – die Anteile aller Mächte gewichtet werden.

Die Autoren meinten aber auch, dass die heutige Welt entsprechend betrachtet werden müsse: „Pazifismus und die Überwindung des Nationalstaates sind nicht die einzig denkbaren Schlussfolgerungen aus den Weltkriegen.“ Damit setzten sie den Ton für die Debatte über eine neue deutsche Politik auch in der Frage einer Beteiligung an militärischen Einsätzen, eine Debatte, die bislang allerdings in den Anfängen stecken blieb.

Mit diesem Appell wurde also nicht nur ein differenzierter wissenschaftlicher Blick auf die Kriegsursachen angemahnt, wie Historiker ihn ja seit Jahrzehnten haben, sondern mit der anderen Perspektive auf den Kriegsbeginn zugleich die Forderung nach einer neuen deutschen Außenpolitik begründet. Das Argument, Deutschland habe 1914 eine Außenpolitik wie alle anderen Großmächte betrieben, so dass die These, Deutschland müsse wegen seiner historischen Schuld heute eine andere Außenpolitik betreiben, eine Politik der Überwindung des Nationalstaats durch die europäische Integration doch obsolet sein – so die Welt-Autoren, wurde im Lauf des Jahres nicht mehr explizit aufgegriffen, könnte aber unterschwellig in der Publizistik eine Rolle gespielt haben. Es sei an das zentrale Problem dieser Debatte erinnert: Bei der Mobilisierung während des Krieges spielte das Argument, die anderen trügen die Schuld am Krieg, auf allen Seiten eine Rolle. Der sogenannte Kriegsschuldartikel 231 des Versailler Friedens von 1919 stand am Anfang des Abschnittes über Reparationen und verpflichtete –  allerdings mit moralischer Anerkennung von Schuld – die Deutschen in noch ungenannter Höhe, Kriegsschäden wiedergutzumachen. Man kann durchaus von einer Schuld einzelner Menschen sprechen, als wissenschaftliche Kategorie, angewendet auf Gesellschaften oder Staaten, ist dieser Begriff hingegen unbrauchbar. In den 1920er Jahren vergiftete es das politische Klima der Weimarer Republik, dass die Siegermächte dem Deutschen Reich scheinbar die Alleinschuld am Ersten Weltkrieg zuwiesen. Das schürte Ressentiments und machte eine friedliche und schrittweise Revision  des Versailler Vertrags schwierig und letztlich unmöglich.

Nach dem NS-Eroberungskrieg, der weit über eine territoriale Revision hinaus reichte, und dem Genozid an den europäischen Juden gab es – gleichsam als Lehre aus der Entstehung des Zweiten Weltkriegs – bemerkenswerte Ansätze, die Vorstellung von der „Kriegsschuld“ bzw. vom „Schmachfrieden“ von Versailles im Rahmen der westeuropäischen Versöhnung transnational zu überwinden. Umso gravierender war die Debatte, die Fritz Fischer um 1960 mit seiner These auslöste, zum Krieg sei es 1914 gekommen, weil das Deutsche Reich schon lange den „Griff nach der Weltmacht“ beabsichtigt habe.[17] Das Ergebnis dieser bislang wichtigsten historischen Debatte der Bundesrepublik war nicht etwa, dass das Deutsche Reich die alleinige Schuld am Beginn des Ersten Weltkriegs trage, wohl aber dass Deutschland nicht nur für den Zweiten Weltkrieg, sondern auch für den Ersten Weltkrieg (Haupt)Verantwortung trägt.

Auch wenn sich der Hamburger Historiker nicht voll durchsetzen konnte, verdankt doch die bundesdeutsche Geschichtskultur dieser Debatte einen breiteren Horizont auf längerfristige Entwicklungen der deutschen Gesellschaft. Vor allem die These, bei der NS-Zeit habe es sich um einen „Betriebsunfall“ (Fischer) in einer sonst „normal“ verlaufenden deutschen Geschichte gehandelt, wurde so überwunden. Vielfach setzte sich jedoch die Vorstellung durch, eine liberale Demokratie sei nur durch einen Bruch mit der Tradition deutscher Geschichte seit dem späten 19. Jahrhundert zu errichten.

Bezeichnenderweise waren es gerade die zu Zeiten von Fritz Fischer sozialisierten, heute älteren Historiker, die in der Debatte über Clarks Schlafwandler und gegen die seit den 1920er Jahren verbreitete „Kriegsunschuld-These“ mit Kategorien wie fortschrittlich versus reaktionär die einmal gewonnenen Einsichten verteidigten und Clark wie auch Münkler Apologie vorwarfen. Volker Ulrich in Die Zeit, Bernd Sösemann quellenkritisch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Wilhelm II-Biograph John Röhl in der Süddeutschen Zeitung, Wolfram Wette oder Heinrich-August Winkler, erneut in Die Zeit, argumentierten teils quellengestützt, teils strukturell-langfristig polemisch gegenüber den neuen Trends.[18] Die im historischen Handwerk durchaus lohnenden Debatten über die sich von Tag zu Tag ändernden Erwartungen, Horizonte und Fehlkalküle wurden erneut geführt und setzten eine an scholastische Auseinandersetzungen erinnernde, seit fast 100 Jahren geführte kleinteilige Diskussion fort. Unter den Verfassern neuerer Monographien war es neben (der jüngeren) Annika Mombauer vor allem Gerd Krumeich, der auf der deutschen Hauptverantwortung beharrte. Krumeich und Clark bestritten miteinander eine zweistellige Zahl öffentlicher Debatten zu diesem Thema.[19] In diesen engagiert geführten Ausein­andersetzungen ging es zum einen um die Frage, wie kriegsanfällig das Staatensystem war und welche Mechanismen in diesem System dazu führten, dass es zum Großen Krieg kam; zum anderen um die kurzfristigen und häufig auch langfristigen Implikationen der These von einer Alleinschuld oder nur Hauptschuld Deutschlands. Clark konnte noch so nachdrücklich beteuern, er rede deutsche Verantwortung nicht klein, er wurde oft nicht gehört – und dies, obwohl seine Kontrahenten ganz überwiegend auch nicht meinten, dass es angemessen ist, von einer deutschen Alleinschuld zu sprechen.

Hans-Ulrich Wehler hat dies – in seiner wohl letzten rezensierenden Wortmeldung vor seinem Tod – schlagend in aller Widersprüchlichkeit auf den Punkt gebracht.[20] Für ihn „verwischt Clark verblüffend einseitig den massiven deutschen Verursachungsanteil“, auch für Münkler hat er nur abwertende Worte. Demgegenüber sei Jörn Leonhards Buch „unübertrefflich“. Gerade mit seinem globalen Blick und Vergleich beginne „eine neue Epoche der Weltkriegsgeschichte“. Und was schreibt Leonhard, ein Historiker der mittleren Generation, zur Julikrise? Er fragt vor dem Hintergrund des damaligen Staatensystems nach dem Beitrag der einzelnen Staaten zur Eskalation und den verpassten Chancen zur Deeskalation und benennt sowohl den Anteil der Deutschen als auch den der Briten. Dann jedoch:

In diesem Sinne fehlte den Akteuren des Sommers 1914 beides: Ihr Wirklichkeitssinn wurde geprägt von eingeschränkten Perspektiven und speziellen Handlungszwängen. Ihr Möglichkeitssinn aber war kein Denken in alternativen Szenarien, sondern äußerte sich als Unterstellung und negative Handlungslogik: Gegen die der Gegenseite unterstellten Absichten musste man sich verteidigen. Um nicht von vornherein in eine schwache Position zu geraten, musste man auch immer wieder präventiv handeln. Das subjektive Selbstbild aller, angegriffen zu sein und sich auf legitime Art zu verteidigen, konnte die Sprache der Eskalation am Schluss nicht mehr stoppen.[21]

 

Ist dies nun die von Wehler u.a. befürchtete deutsche nationale Apologie oder doch eine heutiger Forschung angemessene, pluralistische und abwägende Sicht?

Gerade dieser vom Staatensystem ausgehende Ansatz schließt eine Abstufung der Verantwortung nicht aus, bei der das Deutsche Reich, Österreich-Ungarn oder auch Russland an der Spitze stehen könnten. Doch Leonhard erklärt, diese Frage sei heute nicht mehr von zentraler Relevanz.

Umstritten war in der Debatte des Jahres 2014 auch die Verantwortung des Zarenreichs. Doch Beiträge zu der Diskussion gab es aus Russland keine oder sie wurden in Deutschland nicht rezipiert.

Daneben wurde auf vielen Tagungen über die Rolle Serbiens 1914 und die erinnerungspolitische Debatte im heutigen Serbien diskutiert, was sowohl mit dem großen Gewicht zu tun hat, das Clark dem Terroranschlag von Sarajevo und dessen Ermöglichung durch den serbischen Geheimdienst beimisst, als auch damit, dass es um nicht weniger als das Selbstverständnis des heutigen Serbien geht.[22]

Dennoch bleibt die Frage, warum Clarks Schlafwandler in Deutschland so erfolgreich war – im Vergleich zu dessen Übersetzungen in anderen Staaten: überproportional erfolgreich. Es spricht einiges dafür, dass Clark die „Sehnsucht nach einer historisch unbelasteten, gleichsam ‚unschuldigen‘, vielleicht bloß ‚normalen‘, aber doch national geprägten Rolle der Deutschen“ befriedigt.[23] Dies war sicher nicht Clarks Absicht, die deutsche Rezeption trägt Züge einer „Instrumentalisierung“.[24]

Die zweite Debatte, die bislang nicht intensiv geführt wurde, ist die über Grundfragen des Zusammenhangs von deutscher Politik und Kriegführung während des Krieges. Auch auf diese Frage sind nur Antworten sinnvoll, denen ein internationaler Vergleich zugrunde liegt. Langfristige Prägungen besonders in der Politik des Reiches – Stichwort: preußisch-deutscher Militarismus – lässt etwa Clark so gut wie unbeachtet. Schon vor einem Jahrzehnt erschien Isabel Hulls Buch Absolute Destruction, in dem die Autorin argumentierte, die deutsche Mentalität sei schon lange vor dem Krieg von einer Ideologie der völligen militärischen Vernichtung geprägt gewesen.[25]

Hull, eine hervorragende Kennerin deutscher Geschichte, die Anfang 2014 den erstmals verliehenen und hoch dotierten Preis der Max-Weber-Stiftung erhielt, legte nun eine vergleichende Studie über den Umgang mit Völkerrecht während des Krieges vor.[26] Sie beansprucht, das erste wissenschaftliche Buch zum Thema seit 1920 geschrieben zu haben. Der Titel A Scrap of Paper entstammt einer – gleichsam entschuldigenden – Rede des deutschen Reichskanzlers Bethmann Hollweg, gehalten nachdem der britische Botschafter mit einer Kriegserklärung gedroht hatte: Die deutsche Verletzung der belgischen Neutralität, so Bethmann Hollweg, sei doch kein hinreichender Kriegsgrund, die internationale Garantie bedeute doch nur einen „Fetzen Papier“. Darin steckte in der Tat die Missachtung einer europäischen Vereinbarung von 1839. Nach Hull ist das insgesamt kennzeichnend für die deutsche Haltung. Die Führung des Reichs habe im Krieg das Völkerrecht systematisch missachtet bzw. einer vermeintlichen „Kriegsnotwendigkeit“ unterworfen. Dies – und das ist die eigentliche These – habe es weder in Großbritannien noch Frankreich gegeben, wo man zwar auch gelegentlich vom Völkerrecht abgewichen sei, jedoch grundsätzlich an dessen Primat festgehalten habe; rule of law habe hier anders als in Deutschland unangefochten als Leitlinie gegolten.

Es geht also um eine Neuinterpretation der deutschen Kriegsschuld – diesmal nicht der Schuld am Krieg, die es im Völkerrecht im Rahmen des ius ad bellum noch gar nicht gab, sondern von einer Verletzung des ius in bello, des Kriegsvölkerrechts. Hull hat in den Archiven der drei genannten Mächte geforscht und in ihrer Studie implizit die alliierten Vorwürfe in den Friedensverhandlungen und in den – dann den Deutschen überlassenen, hinhaltend geführten – Kriegsverbrecherprozessen belegt. Die Verbrechen in Belgien gleich zu Beginn des Krieges stehen allgemein außer Zweifel.[27] Aber wie sind die Behandlung von Zivilbevölkerung in besetzten Gebieten sowie von Kriegsgefangenen, die Zwangsarbeit, der Luftkrieg und die Seeblockade zu bewerten? Hulls Urteil ist eindeutig:

Die zentralen Annahmen der deutschen Politik (und die Art, wie die Institutionen diese Politik umsetzten) waren zutiefst zerstörerisch für die Rechtsordnung und ungeeignet, diese durch einen festen Rechtsrahmen zu ersetzen, der auf diesen Annahmen beruht hätte.[28]

Völker- und Menschenrechtler haben auf die Bedeutung von Hulls komparativem Ansatz hingewiesen, sich aber nicht zu den Ergebnissen geäußert, die in scharfem Kontrast zu den Annahmen der „realistischen Schule“ der Internationalen Beziehungen stehen.

Hulls Studie verdient eine intensive Auseinandersetzung, auch über die historischen Fragen zum Ersten Weltkrieg hinaus. Kritik deutet sich zumindest aus drei Richtungen an.[29] John Coogan argumentiert, auf britische Quellen gestützt, Hull habe die nicht immer am Völkerrecht orientierte und gewaltsame britische Reichspolitik vor dem Krieg nicht berücksichtigt, ferner mehrere Urteile britischer Gerichtshöfe während des Kriegs nicht angemessen berücksichtigt. Die Arbeit sei einseitig und daher fehlerhaft. Andere Autoren haben darauf hingewiesen, dass auch die „Hungerblockade“ gegen die Mittelmächte sehr viele Tote gefordert habe, und Zweifel geäußert, ob diese mit dem damaligen Völkerrecht in Einklang gestanden habe.

Hull selbst hat in einem Workshop im Historischen Kolleg in München vom 12.–14. Februar 2012 weitere Spezialisten nicht nur für Österreich-Ungarn und Russland, sondern auch für einige kleinere Staaten eingeladen, um über das Thema Völkerrecht und dessen Verletzung vor und während des Weltkrieges zu diskutieren. Das Ergebnis der Debatte war keineswegs so eindeutig wie der spätere Befund ihres damals noch nicht vorliegenden Buches. Bereits Alan Kramer hatte 2007 in einer komparativen, sehr breiten, wenn auch das Thema nicht erschöpfenden Studie bezweifelt, dass es diesen deutschen Sonderfall gegeben habe.[30] Schließlich haben auch die beiden zum Völkerrecht schreibenden Autoren der Cambridge History of the Great War, John Horne und Anne Deperchin, deren Analyse vor der innovativen Studie Hulls erschien, es nicht für nötig gehalten hervorzuheben, dass vor allem Deutschland das Völkerrecht verletzt habe. Sie sprechen vielmehr von einem labilen und unvollkommenen System vor 1914.

Es stellt sich insgesamt die Frage, inwieweit Recht und die ihm zugrundeliegenden moralischen Kategorien hier als ausschließliche Leitlinie für Geschichtsschreibung dienen sollen. Es spricht gegen Hull einiges dafür, dass Rechtsnormen in vielfältige andere Zusammenhänge hinein stärker historisiert werden sollten.[31] Mit Hulls Buch ist die Frage des Verhältnisses von Recht und Macht in den internationalen Beziehungen neu gestellt. Erschöpfende Antworten zu diesem Verhältnis während des Ersten Weltkriegs bedürfen weiterer Forschung, bei der etwa das Vorgehen Russlands, des Osmanischen Reichs und Österreich-Ungarns genauer untersucht werden.

Als Gegengeschichte zu der von Isabel Hull erzählten könnte das Buch von Jörg Friedrich 14/18. Der Weg nach Versailles gelesen werden.[32] Dies wäre allerdings stark vereinfachend. Auf über tausend Seiten will Friedrich die Geschichte des Weltkriegs neu erzählen, gegen eine Sicht anschreiben, die jene der westlichen Alliierten sei und die bis heute dominiere. Stärken des Buches sind, dass Friedrich die Offenheit historischer Situationen aufzeigt, die Bedeutung der Ostfront hervorhebt – nachdem die Historiker lange Zeit vor allem auf die Westfront geschaut hatten – und den Zufall – etwa beim Ausgang militärischer Operationen – ins Spiel bringt.

Friedrich schreibt in bildreicher Sprache und scheut starke Thesen nicht. So steht neben Bedenkenswertem manches Problematische und auch Absurde. Die Verletzung der belgischen Neutralität? Ja, aber Neutralität galt nicht absolut – die USA versorgten die Alliierten schon vor 1917 nachdrücklich mit Waren, die Italiener, Rumänen, dann auch die Griechen wurden mit Versprechen und Druck von den Alliierten zum Kriegseintritt aus der Neutralität gelöst. Damit knüpft Friedrich an alte deutsche Apologien an und vermischt Verständnis für deutsche Politik mit völkerrechtlicher Relativierung.

Dies zeigt sich auch beim Thema Kriegsvölkerrecht, bei dem Friedrich besonders ungewöhnliche Ansichten vertritt. Natürlich leugnet er nicht, dass es deutsche Kriegsgräuel in Belgien gab. Aber das humanitäre Völkerrecht sei vor 1914 ein Fragment gewesen und im Krieg immer fragmentierter geworden (S. 516). Die Alliierten hätten deutsche Überschreitungen des Kriegsvölkerrechts hochgespielt, und diese Moralisierung habe letztlich einen Friedensschluss vor der vollen Niederlage verhindert, einen Frieden, den die Deutschen nach dem Sieg im Osten 1917 auch im Westen durch die Abtretung Elsass-Lothringens an Frankreich hätten erlangen können. Zu den deutschen Verbrechen könne neben den Gräueln in Belgien auch die Versenkung von Handelsschiffen im Seekrieg gezählt werden. Ein viel größeres Verbrechen aber sei die britische Blockade gewesen, die gerade junge und alte Menschen in großer Zahl umgebracht habe. Den deutschen Kriegsverbrechen zur See seien höchstens 8500 Zivilpersonen zum Opfer gefallen. Dem stehe „das Hundertfache an Ziviltoten der Hungerblockade entgegen“ (S. 806). Mit detaillierten Hinweisen auf Nahrungsmittelmangel und Sterblichkeitsraten hebt Friedrich diese ca. 800 000 Toten besonders hervor und fordert angesichts dieser verschwiegenen Opfer einen anderen Blick auf den gesamten Krieg.

Die Bücher von Friedrich und Hull sollten zusammen gelesen und diskutiert werden, im Vergleich wird besonders deutlich, wo die Betonung der Macht bei Friedrich bzw. des Rechts bei Hull zu einseitig gerät.

Friedrichs Buch könnte den Untertitel Die alliierte Verweigerung von Friedensgesprächen 1914–1919 tragen. Es ist jedoch der einer schmalen Schrift von Hans Fenske.[33] Bei ihm spielt das Kriegsvölkerrecht keine Rolle. Stattdessen versucht er zu zeigen, dass die Mittelmächte ab 1916 um Frieden bemüht gewesen seien, was bei den Alliierten aufgrund weitreichender antideutscher Kriegsziele immer wieder auf Ablehnung gestoßen sei. Auch habe sich der Russland und der Ukraine im Februar und im März 1918 von den Mittelmächten auferlegte Frieden grundsätzlich vom Versailler Frieden unterschieden. Diese Schrift betreibt stärker noch als Friedrich mit prägnanten Kurzformeln eine Apologie deutscher Politik, wie sie typisch für die frühen 1920er Jahre war.

Somit haben einige Historiker mit ihren widerstreitenden Thesen die Debatte über einen deutschen Sonder- oder Eigenweg wieder eröffnet, die in den frühen 1980er Jahren vor dem Historikerstreit geführt wurde. Nichts spricht jedoch derzeit dafür, dass diese Diskussion neben Empörung auch neue Erkenntnis bringen wird. Zur Bewertung aller mit dem Ersten Weltkrieg zusammenhängenden militärischen, politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Fragen bedarf es eines Vergleichs, in den alle am Krieg beteiligten Staaten einbezogen sind. Dies hat 2014 am besten Jörn Leonhard geleistet.

IV

Was bleibt von der Auseinandersetzung mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges ein Jahrhundert später?[34] Es gibt keine grundstürzend neuen Erkenntnisse; innovative Forschung hat auch vor dem Jahrestag immer stattgefunden. Allerdings hat es nie so viele Publikationen gegeben wie rund um dieses Gedenkjahr. Zudem stießen sie in Deutschland auf ein nie dagewesenes, sich wechselseitig verstärkendes Echo in den Medien. In den anderen europäischen Staaten dürfte die Aufmerksamkeit für das Thema eher im üblichen Rahmen gelegen haben. Drei Trends, die neue Perspektiven bringen, sind dennoch auszumachen.

 

  1. Der Krieg wird in seiner globalen und globalisierenden Dimension gesehen. Das heißt, dass nicht nur die Kämpfe im Mittleren Osten, in Ostasien, in Afrika und zur See berücksichtigt wurden, sondern Migration, Handel und Finanzbeziehungen in globaler Perspektive als Folge des Kriegs und Katalysator der weiteren Entwicklung.
  2. Viele Autoren widmen sich der Mikrogeschichte. Auf großes Interesse stießen nicht nur sozialgeschichtliche, sondern vor allem kulturgeschichtliche Themen. Zu der vielfältigen Fachforschung kamen Ausstellungen, Aufführungen, Tagungen und Diskussionen – oft übertragen oder dokumentiert im Hörfunk, im Fernsehen und im Internet. Oft geht es darum, die Gleichzeitigkeit verschiedener Ereignisse zu dokumentieren, um die Erfahrung von Komplexität.
  3. In Deutschland wurde den Geschehnissen der Jahre 1914–1918 in Osteuropa deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet, als dies früher der Fall war. Auch in der Region selbst spielte der Jahrestag eine große Rolle. In Serbien und Russland spielte Erinnerungspolitik zur nationalen Identitätsstiftung eine wichtige Rolle. In westlichen Sprachen sind jedoch bislang weder neue nationalapologetische Schriften noch neue seriöse Abhandlungen aus diesem Raum erschienen.[35]

 

Ähnlich viele Publikationen und Diskussionen wie 2014 wird es in den nächsten Jahren wohl nicht mehr geben, auch wenn die Dokumentation von Tagungen des Jahres 2014 in Sammelbänden einige Zeit brauchen wird. In einigen Staaten dürfte 2015 ein noch wichtigeres Gedenkjahr sein, etwa in Australien, wo das Jahr 1915 wegen der Schlacht auf Gallipoli, an der australische Truppen im Verbund des britischen Empire teilnahmen, als das für die Nationalgeschichte wichtigere gilt. Auch in Polen spielte die nationale Frage im Verlauf des Krieges eine immer größere Rolle, so dass die wichtigsten Gedenktage erst 2015 oder später begangen werden. Ebenso werden in verschiedenen Staaten unterschiedliche Jahrestage des Kriegseintritts, der Revolution am Ende des Krieges und der Friedensschlüsse begangen.

Manche der 2014 erschienenen Publikationen haben die Friedensregelegung nach dem Krieg bereits gestreift. Es spricht einiges dafür, dass dieses Thema in den Jahren 2018 und 2019 eine große Rolle spielen wird.[36] Bereits 2014 wurde kritisch auf einige Grenzen in Osteuropa und im Mittleren Osten geblickt, die nach dem Ersten Weltkrieg gezogen wurden und heute umkämpft sind.

Positiv ist schließlich hervorzuheben, dass die Lage am Vorabend des Ersten Weltkriegs, viel seltener als zu befürchten war, zu politischen Zwecken mit der heutigen Situation gleichgesetzt wurde. Gleichwohl haben einige Politiker und Historiker solche Parallelen gezogen, um mehr Beachtung zu finden oder einem Argument Nachdruck zu verleihen. Angemessen ist dies insofern, als nach dem Ende der Bipolarität des alten Ost-West-Konflikts bis 1989/90 keine von Frieden und Gerechtigkeit geprägte, unipolare, von den USA dominierte, aber auf das Völkerrecht gestützte Ordnung entstanden ist. Das ist kein Rückfall in längst überholte Zeiten, wie manche argumentieren, sondern darin steckt eine nie unterbrochene relative Normalität historischer Konstellationen europäischer Geschichte, wenn auch in ganz neuen, globalen Dimensionen. Wir haben es immer noch mit einem komplexen Staatensystem zu tun, bei dessen Betrachtung Fragestellungen eine Rolle spielen, die auch vor 100 Jahren schon wichtig waren. Solche Vergleiche können – mit der gebotenen Vorsicht gegenüber Gleichsetzungen – indirektes und somit historisches Lernen aus historischer Erinnerung ermöglichen.

Bücher

Hans Fenske: Der Anfang vom Ende des alten Europa. Die alliierte Verweigerung von Friedensgesprächen 1914–1919. München: Olzog 2013. 144 S. 19,90 €

Thomas M. Flemming, Bernd Ulrich: Heimatfront. Zwischen Kriegsbegeisterung und Hungersnot – wie die Deutschen den Ersten Weltkrieg erlebten. München: Bucher 2014. 288 S. 19,99 €

Jörg Friedrich: 14/18. Der Weg nach Versailles. Berlin: Propyläen 2014. 1072 S. 34,99 €

Isabel V. Hull: Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Ithaca N.J.: Cornell University Press 2006. 400 S. 27,95 $

Isabel V. Hull: A Scrap of Paper. Breaking and Making International Law during the Great War. Ithaca N.J.: Cornell University Press 2014. 384 S. 45,– $

Gordon Martel: The Month that Changed the World. July 1914. Oxford: Oxford University Press 2014. 512 S. 22,99 €

Thomas G. Otte: July Crisis. The World’s Descent into War. Summer 1914. Cambridge: Cambridge University Press 2014. 555 S. 25,– £

Niels Werber, Stefan Kaufmann, Lars Koch, Hg.: Erster Weltkrieg. Kulturwissenschaftliches Handbuch. Stuttgart, Weimar: J.B. Metzler 2014. 521 S. 69,95 €

 


[1]   So bereits in einer ersten Bestandsaufnahme in dieser Zeitschrift entwickelt: Jost Dülffer: Die geplante Erinnerung. Der Historikerboom um den Ersten Weltkrieg, in: Totentanz. Der Erste Weltkrieg im Osten Europas [= Osteuropa, 2–4/2014], S. 351–368.

[2]   Die Deutschland-Saga, <www.zdf.de/terra-x/deutschland-saga-ueber-deutsche-tradition-und-mentalitaet-mit-christopher-clark-35716666.html>.

[3]   <www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/ersterweltkrieg>.

[4]   Constanze von Bullion. Süddeutsche Zeitung, 4.3.2014.

[5]   <www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2014/01/2014-01-29-digitales-gedaechtnis-erster-weltkrieg.html>.

[6]   <www.bundespraesident.de/SharedDocs/Berichte/DE/Joachim-Gauck/2014/06/140627-Erster-Weltkrieg-Gedenktag.html>.

[7]   <www.europeana1914-1918.eu/de>.

[8]   Den besten Überblick über die auch internationale Medialität sammelte die Webseite 1914–1918 mit einigen hundert einschlägigen Webseiten zum Ersten Weltkrieg, darunter etliche, die ihrerseits Quellen in großem Ausmaß ins Netz gestellt haben: <http://www.1914-1918-online.net/06_first_world_war_websites/index.html>, besonders das Bundesarchiv Koblenz mit allen Medienkategorien: < https://ersterweltkrieg.bundesarchiv.de/>.

[9]   Untertitel: „Zum Vorabend des Ersten Weltkrieges“, hrsg. von Thomas Schleper, Essen 2014; die Übersicht über die Veranstaltungen und Publikationen:

    <www.rheinland1914.lvr.de/de/ ausstellungen/inhaltsseite_1_1.html>.

[10]  <www.14-tagebuecher.de>.

[11]  <http://encyclopedia.1914-1918-online.net/home/#Encyclopdia>.

[12]  Thomas G. Otte: July Crisis. The World’s Descent into War. Summer 1914. Cambridge 2014.

[13]  Gordon Martel: The Month that Changed the World. July 1914. Oxford 2014.

[14]  Thomas M. Flemming, Bernd Ulrich: Zwischen Kriegsbegeisterung und Hungersnot – wie die Deutschen den Ersten Weltkrieg erlebten. München 2014.

[15]  Niels Werber, Stefan Kaufmann, Lars Koch (Hg.): Erster Weltkrieg. Kulturwissenschaftliches Handbuch. Stuttgart, Weimar 2014.

[16]  Siehe die Sammelrezension von fünf einschlägigen Werken von Andreas Rose:

    <www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-21344>.

[17]  Zu dieser schon lange bearbeiteten Debatte zuletzt: Annika Mombauer: The Fischer Debate 50 Years on, in: Journal of Contemporary History, 2/2013, S. 231–240; dies auch als Einleitung zu einem Themenheft der Zeitschrift zum 50. Jahrestags des Erscheinens des Fischerbuches (ebd., 48, Heft 2).

[18]  Volker Ullrich: Zündschnur und Pulverfass. [. . .] Müssen wir das Bild von der deutschen Hauptverantwortung für den Krieg revidieren? Die Zeit, 12.9.2013. – John C.G. Röhl: Der Wille zum Angriff. Süddeutsche Zeitung, 5.3.2014. – Heinrich-August Winkler: Und erlöse uns von der Kriegsschuld. Die Zeit, 31.7.2014, S. 14f. – Ders.: Die Kontinuität der Kriegspartei. [. . .] Über den Zusammenhang der deutschen Politik bei den Weltkriegsausbrüchen und über das historiographische Interesse, ihn zu verschleiern. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 23.8.2014. – Bernd Sösemann: Regierten 1914 doch keine Schlafwandler? Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.6.2014. – Wolfram Wette: Der Erste Weltkrieg. Nur noch Geschichte? In: Friedensgutachten 2014. Hg. von Ines-Jacqueline Werkner u.a. Münster 2014, S. 59–71.

[19]  Eine wurde gedruckt: SZ1. /2. März 2014, S. 7; 76 Minuten Podcast vom Historikertag: <www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/der_beginn_des_1._weltkriegs_eine_jahrhundertdebatte_? nav_id=5394>.

[20]  Hans-Ulrich Wehler: Beginn einer neuen Epoche der Weltkriegsgeschichte. Frankfurter Allgemeine Zeitung, 6.5.2014.

[21]  Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. München 2014, S. 227.

[22]  Vgl. den Beitrag von Marie-Janine Calic: Kriegstreiber Serbien? In: Osteuropa, 2–4/2014, S. 43–58.

[23]  Andreas Wirsching: Die Gegenwart eines alten Traumas. Süddeutsche Zeitung, 16.7.2014.

[24]  Ebd.

[25]  Isabel V. Hull: Absolute Destruction. Military Culture and the Practices of War in Imperial Germany. Ithaca N.J. 2006.

[26]  Isabel V. Hull: A Scrap of Paper. Breaking and Making International Law during the Great War. Ithaca N.J., London 2014.

[27]  John Horne, Alan Kramer: Deutsche Kriegsgreuel 1914. Hamburg 2004. Englische Originalausgabe: German Atrocities. New Haven 2001.

[28]  Hull, A Scrap of Paper [Fn. 26], S. 331.

[29]  John Coogan, Rezension zu Isabell Hull „A Scrap of Paper“ auf H-Diplo (12.12.2014), <http://h-diplo.org/essays/PDF/E121.pdf>. – Workshop im Historischen Kolleg München, Februar 2014, <www.historischeskolleg.de/veranstaltungen/konferenzen-kolloquien-workshops/ kolloquien-2014/voelkerrecht-im-ersten-weltkrieg>. – John Horne: Atrocities and War Crimes, II, S. 561–584. – Anne Deperchin: The Laws of War, II, S. 615–638.

[30]  German Singularity? Ein Kapitel, in: Alan Kramer: Dynamic of Destruction. Culture and Mass Killing in the First World War. Oxford 2007, S. 114–158.

[31]  Zu dieser Diskussion für die deutsche Seite weiterführend: Annette Weinke: Gewalt, Geschichte, Gerechtigkeit. Transnationale Debatten über deutsche staatliche Gewalt im 20. Jahrhundert. Habilitationsschrift, Jena 2014 (Druck für 2016 vorgesehen).

[32]  Jörg Friedrich: 14/18. Der Weg nach Versailles. Berlin 2014.

[33]  Hans Fenske: Der Anfang vom Ende des alten Europa. Die alliierte Verweigerung von Friedensgesprächen 1914–1919. München 2014.

[34]  Einige der hier dargelegten Überlegungen sind bereits in den ersten Literaturbericht in Osteuropa (2–4/2014, S. 351–367) eingegangen.

[35]  Ausnahmen sind einige Texte in: Totentanz. Der Erste Weltkrieg im Osten Europas [= Osteuropa, 2–4/2014].

[36]  Stark ausgeprägt etwa bei Friedrich, Janz, Leonhard; zur vorläufigen Bilanz und multiperspektivisch zu den „Legacies of the First World War“: Diplomatic History, 4/2014, S. 695–893, 17 Beiträge, darunter: Klaus Schwabe: World War I and the Rise of Hitler, S. 864–879. – Mark Edele and Robert Gerwarth (Gastherausgeber): The Limits of Demobilization, in: Journal of Contemporary History, 1/2015, S. 3–143, hier besonders die Beiträge von Dietrich Beyrau zu Russland und Jochen Böhler zu Ostmitteleuropa.

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