Titelbild Osteuropa 5-6/2013

Aus Osteuropa 5-6/2013

Der Kommunismus in seinem Zeitalter
Versuch einer historischen Ortsbestimmung

Gerd Koenen

Abstract

Drei großen Wellen der Machteroberung und Staatsgründung markieren die Kerngeschichte des Kommunismus. Auf dem Zenit seiner Ausdehnung 1980 lebte ein Drittel der Menschheit in kommunistischen Ordnungen. Sie unterschieden sich historisch, sozioökonomisch und politisch enorm. Diese Disparatheit erschwert es, den Aufstieg und die Dynamik des Kommunismus kohärent zu erklären. Was die kommunistischen Parteien und Ordnungen von allen historisch bekannten unterscheidet, ist ihr „totalitärer“ Charakter. Sie zielten auf die Gesamtheit aller sozialen Beziehungen und griffen zu Terror, der sich nicht nur gegen die Gesellschaft richtete, sondern zugleich „autoterroristische“ Züge trug. Das unterscheidet die kommunistischen Regimes von faschistischen. Der terroristische Furor lässt sich weder aus den Ideen der Klassiker des Marxismus ableiten noch mit dem Charakter der Führerfiguren erklären. Die Ursachen dieser zwanghaften Totalisierungen und terroristischen Autodestruktionen kommunistischer Regimes lassen sich nur aus den jeweils spezifischen Bedingungen dieser Sozial- und Machtsysteme gewinnen.

(Osteuropa 5-6/2013, S. 9–38)