Titelbild Osteuropa 11-12/2013

Aus Osteuropa 11-12/2013

Editorial
Blackbox Jugend

Matthias Schwartz, Heike Winkel, Volker Weichsel, Manfred Sapper

(Osteuropa 11-12/2013, S. 3–4)

Volltext

Jüngst erkannte Die Welt eine neue Form von urbanen Unruhen. In Istanbul, Bangkok, Husby, Kairo, Rio de Janeiro und Kiew setzten Jugendliche aus unterschiedlichen Gründen ein „globales Chronotop des Protests“ in Szene. Es sei nicht unwahrscheinlich, dass sich einst „die Zahl 2013 ähnlich wie die Zahl 1968“ in eine Chiffre verwandeln werde. Dieses Motiv gehört zum tema con variazioni der Berichterstattung über Jugendliche. Es lässt sich vom Russischen Winter 2011/2012 über den Arabischen Frühling 2010/2011 bis zu den Farbrevolutionen in Kirgisistan (2005), der Ukraine (2004) und Georgien (2003) zurückverfolgen. Jugendliche erscheinen meist als Wiedergänger der Achtundsechziger, die ohne deren ideologische Dogmatik und antibürgerliche Radikalität auskommen und stattdessen intelligent, witzig und technikaffin für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen. Dass diesen Erzählungen mitunter mehr Wunsch als Wirklichkeit zugrunde liegt, zeigt sich, wenn die Proteste scheitern, sich radikalisieren oder im Sande verlaufen. Doch es gibt auch das hässliche Bild vom Jugendprotest in Osteuropa. Im Oktober 2013 kam es im Moskauer Außenbezirk Birjulovo zu fremdenfeindlichen Ausschreitungen. Nach dem Tod eines russischen Jugendlichen, der von einem jungen Kaukasier erstochen worden war, riefen nationalistische Jugendgruppen zu einem „Streifzug der Rache“ auf. Schlägereien, Hetzjagden auf alle vermeintlichen „Kaukasier“ und die Zerstörung eines Großmarktes waren die Folge. In Ungarn sitzt die vor zehn Jahren von Studenten gegründete rechtsradikale Partei Jobbik heute im Parlament. Sie steht im Zentrum einer Bewegung, die vor allem über das Internet antisemitische und gegen Roma gerichtete Parolen verbreitet, die bei vielen Jugendlichen in Ungarn gut ankommen. Beobachter sind schnell mit Verallgemeinerungen bei der Hand und sprechen von einer neuen Generation Jugendlicher. Doch derartige Urteile gehen in der Regel fehl, da sie dem Selbstverständnis der überwiegenden Mehrheit der Jugendlichen nicht gerecht werden. Das vorliegende Heft möchte deshalb dem Schwarz-Weiß-Bild vom friedlichen Protest und der handfesten Gewalt den bunten Alltag von Jugendlichen in Osteuropa zwischen Anpassung und Ausbruch entgegensetzen. Ausgangspunkt war die internationale Konferenz „Blackbox Youth. New Perspectives on East-European Youth Cultures“ an der Freien Universität Berlin. Im Mittelpunkt der Beiträge steht die Frage, wie junge Menschen vom Balkan bis nach Zentralasien ihren Platz in der Gesellschaft suchen. Wie ist es um ihr gesellschaftliches Engagement bestellt, welches Politikverständnis haben sie und was erwarten sie vom Staat? Es zeigt sich, dass mit Kategorien wie „Zukunft“, „Aufbruch“, „Offenheit für Neues“, die traditionell verwendet wurden, um Jugend als Lebensphase zu beschreiben, die Erfahrungswelten von Jugendlichen in Osteuropa nicht mehr erfasst werden können. Dies hat historische Ursachen. Fast zweieinhalb Jahrzehnte nach dem Scheitern des Staatssozialismus prägt gesellschaftliche Instabilität nach wie vor die Lebenswelt der Jugendlichen. Sie engagieren sich gesellschaftlich oder politisch, ohne dies zwingend als oppositionelle Tätigkeit gegen den Staatsapparat zu begreifen. Sie wollen das Versprechen auf Stabilität und Ordnung selbst erfüllen. Das geschieht in Freiwilligenmilizen, die an der Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung mitwirken, oder in politischen Debattierklubs, die eine lokale Gegenöffentlichkeit darstellen. Rechtsextremistische Jugendliche der Generation Facebook unterscheiden sich in ihrer Fixierung auf den Staat kaum von den Naši, jener vom Kreml geschaffenen Putin-Jugend. Der globalisierte Kapitalismus stellt für Jugendliche in Osteuropa die andere große Herausforderung dar. Gerade wegen ihrer Erfahrung, unter den Bedingungen der Transformation aufzuwachsen, kann es Jugendlichen leichter gelingen, sich den beschleunigten Lebenswelten anzupassen. Einige sind flexibler und pragmatischer als Angehörige älterer Generationen oder lassen sich ein auf das Wagnis der Emigration. Doch mitunter müssen sie wieder zurückkommen. Scheitern diese Versuche auszubrechen oder sich anzupassen, bleiben häufig Frustration und Desillusionierung, die auch in literarischen Werken in Form der Ohnmacht und Orientierungslosigkeit Ausdruck finden. Dies alles zeigt, dass es nach wie vor sinnvoll ist, von spezifisch „osteuropäischen“ jugendlichen Lebenswelten zu sprechen. Gleichzeitig eröffnet ein mikrosoziologischer Blick auf Studierende in der kirgisischen Stadt Osch, auf Punks in Russlands Hohem Norden und Dance-Floor-Fans in Serbien die Erkenntnis, dass all diese Jugendlichen an globalisierten Jugendkulturen, Stilen und Medien teilhaben. Unterscheidungen wie Mainstream und Subkultur, konservativ und alternativ, Rechts- und Linksextremismus verlieren zunehmend ihre Gültigkeit. Die Vielfalt der Alltagspraktiken und Lebensentwürfe der Punks und der Naši, der Studentinnen und der Freiwilligen in den Milizen zeigt aber auch, dass von einem Generationszusammenhang als Basis jugendlicher Identität kaum die Rede sein kann. Mit der Infragestellung der Generation wird aber auch „Jugend“ als soziale Kategorie problematisch. Eine Flexibilisierung der Lebensalter ist zu beobachten. Jugend meint nicht mehr ein klar einzugrenzendes Lebensalter zwischen Kindheit und Erwachsensein, sondern wird zunehmend als Alltagspraxis begriffen, für die man sich entscheiden kann. Daher sind die Beiträge in diesem Band, der die Lebensentwürfe von Jugendlichen in Osteuropa zwischen Anpassung und Ausbruch in der globalisierten Welt behandelt, auch ein Anstoß zur Auseinandersetzung mit dem Jugendbegriff.