Titelbild Osteuropa 10/2013

Aus Osteuropa 10/2013

Von der Splendid Isolation zum Mainstream
Homosexualität in der tschechischen Literatur

Martin C. Putna

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Abstract

Erste Spuren einer Verarbeitung homosexueller Erfahrung finden sich in der tschechischen Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit sublimieren die Autoren ihre Gefühle, verstecken sich hinter Masken und senden allenfalls verborgene Signale. Noch Otokar Březina, der wichtigste Autor des tschechischen Symbolismus, und der Expressionist und Surrealist Richard Weiner wählen diesen Weg. Einen anderen Weg beschritt erstmals Jiří Karásek ze Lvovic, der Homosexualität nicht mehr maskiert, sondern stilisiert, indem er sie in die Antike projiziert. Für den zeitgenössischen Lyriker Jiří Kuběna sind die Antike und das Mittelalter keine Kulissen mehr, die es ermöglichen, das Unaussprechliche auszusprechen. Er thematisierte, wie auch Václav Jamek, bereits zu Zeiten des kommunistischen Regimes seine Homosexualität ganz offen. Erscheinen konnte beider Werk daher erst nach 1990, als auch eine literarisch eher zweifelhafte (Selbst)Befreiungsliteratur aufblühte.

(Osteuropa 10/2013, S. 145–194)

Volltext

Erste Spuren einer Verarbeitung homosexueller Erfahrung finden sich in der tschechischen Literatur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit sublimieren die Autoren ihre Gefühle, verstecken sich hinter Masken und senden allenfalls verborgene Signale. Noch Otokar Březina, der wichtigste Autor des tschechischen Symbolismus, und der Expressionist und Surrealist Richard Weiner wählen diesen Weg. Einen anderen Weg beschritt erstmals Jiří Karásek ze Lvovic, der Homosexualität nicht mehr maskiert, sondern stilisiert, indem er sie in die Antike projiziert. Für den zeitgenössischen Lyriker Jiří Kuběna sind die Antike und das Mittelalter keine Kulissen mehr, die es ermöglichen, das Unaussprechliche auszusprechen. Er thematisierte, wie auch Václav Jamek, bereits zu Zeiten des kommunistischen Regimes seine Homosexualität ganz offen. Erscheinen konnte beider Werk daher erst nach 1990, als auch eine literarisch eher zweifelhafte (Selbst)Befreiungsliteratur aufblühte. Die Entwicklung der tschechischen Literatur, der tschechischen Kultur, ja der ganzen tschechischen Gesellschaft ist nur vor dem Hintergrund der Entwicklung in Europa und Amerika zu verstehen. Dies gilt natürlich auch für das Thema der Homosexualität in der tschechischen Literatur. Die Formen der literarischen Gestaltung homosexueller Erfahrung in typischen Genres, durch typische Motive und mit Hilfe typischer Erzählstrategien; die Schaffung einer community, die – unter historisch variierenden Bezeichnungen – ähnliche Erfahrungen gemacht hat; die Tatsache, dass sich diese community mit Gegenwartsautoren und solchen der jüngeren Vergangenheit identifiziert; schließlich die Anfänge einer wissenschaftlichen Reflexion der Geschichte dieses Gestaltens, Bildens und Identifizierens – all dies wurde und wird in den böhmischen Ländern, der Tschechoslowakei und Tschechien entweder direkt von der deutschen, französischen, englischen und später auch amerikanischen Literatur und Literaturwissenschaft inspiriert, oder aber unbewusst imitiert. Es gilt daher zu fragen, ob die tschechische Entwicklung sich von der europäischen oder amerikanischen überhaupt unterscheidet und wenn ja, was das Besondere und Originelle der literarischen Verarbeitung des Themas Homosexualität in der tschechischen Literatur ausmacht.

Zunächst muss aber das Textkorpus für eine solche Untersuchung bestimmt werden. Die Auswahl der Werke und Autoren ist natürlich abhängig von der Methode. Konzentriert man sich ausschließlich auf Homosexualität als Thema, so gehören alle literarisch relevanten Texte dazu, in denen explizit von „erotischen“ Beziehungen – oder gegebenenfalls auch „nur“ von Gefühlen – zwischen zwei Menschen gleichen Geschlechts die Rede ist – unabhängig von der Person des Autors, seiner sexuellen Orientierung und seiner möglichen Zugehörigkeit zur homosexuellen community. Neben Autoren, die zweifellos homosexuell waren, dies auch bekannten und zum Teil Kontakte zu homosexuellen Kreisen hatten (Jiří Karásek, Václav Krška, Jiří Kuběna, Václav Jamek, Svatava Antošová), müssten auch Texte von Autoren berücksichtigt werden, die homoerotische Beziehungen oder Gefühle nur als eines ihrer literarischen Themen gewählt haben, während ihr übriges Werk sowie gegebenenfalls auch ihr öffentliches Auftreten zeigen, dass sie zu diesem Thema keine persönliche Beziehung hatten.

Zweifellos müssten also Werke aufgenommen werden wie der psychologische Roman Podivné přátelství herce Jesenia (1919, dt. Der Schauspieler Jesenius, 1958) von Ivan Olbracht (1882–1952), der historisch-apokryph-allegorische Roman Pravda o zkáze Sodomy (1968, Die Wahrheit über die Vernichtung Sodoms) von Ivan Kříž (*1922), die „lesbische“ Erzählung Slunečné hříbě (1930, Sonnenfohlen) aus dem 1935 erschienenen Erzählband Dřevoryty staré i nové (Alte und neue Holzstiche) von František Xaver Šalda (1867–1937) und die Groteske Mrchopěvci (Aassänger) von Jan Křesadlo (1926–1995), die 1984 in Kanada erschien.

1989 wurde das Thema Homosexualität nicht nur enttabuisiert, schwule und lesbische Liebe wurde sogar zu einem vieldiskutierten Modethema, so dass die Zahl der Werke nicht-homosexueller Autoren, in denen Homosexualität dargestellt wird, deutlich wuchs. Die markantesten Beispiele sind Michal Vieweghs (*1962) Roman Účastníci zájezdu (1996, Die Gruppenreisenden), Bomba pod postelí (2011, Die Bombe unter dem Bett) von Jan Jandourek (*1965), Martin Reiners (Martin Pluháček, *1964) Lucka, Maceška a já (2009, Lucka, Maceška und ich) und der Prosazyklus Autostop (2008) von Jan Cempírek (*1970).

Eine solche Untersuchung, die sich auf Werke konzentriert, in denen Homosexualität explizit erwähnt wird, kann zweifellos einige wichtige Aspekte der literarischen und gesellschaftlichen Entwicklung aufzeigen. Sie kann demonstrieren, wie sich die Darstellung von Homosexualität bei nicht-homosexuellen Autoren ändert, wie aus einem exotischen, beunruhigenden, bizarren oder widerwärtigen Thema ein „ziviles“ Sujet wird, das einen vollkommen „normalen“ Aspekt der gesellschaftlichen Realität aufgreift. Ebenfalls kann sie zeigen, wie es in der postmodernen Literatur möglich wird, die Homosexualität des Erzählers als raffinierte literarische und gesellschaftliche Strategie einzusetzen, wie es etwa Martin Reiner (Pluháček) tut.

Allerdings würde eine solche Auswahl des Textkorpus die Werke all jener Autoren außen vor lassen, die das Thema Homosexualität nur auf chiffrierte oder versteckte Weise behandeln. Dieses Problem lässt sich lösen, indem man nicht das Homothema, sondern Homotextualität zum Auswahlkriterium für das Korpus macht. Dies würde allerdings neue Probleme mit sich bringen: Angesichts der subtilen analytischen Zugänge, mit denen heute homoerotische Motive in literarischen Texten identifiziert werden und literarische Werke aus homoerotischer Perspektive dekonstruiert werden, würde sich das Korpus unendlich ausweiten, ja im Grunde die gesamte tschechische Literatur umfassen.

Das gleiche Problem ergibt sich, wenn man den entgegengesetzten Weg geht und die literarische Psychoanalyse als Methode wählt. Eine psychoanalytische Untersuchung ermöglicht weitreichende Schlüsse über unbewusste oder verdrängte psychische Beweggründe eines jeden Schriftstellers. Beide Methoden – Homotextualität und Psychoanalyse – bedürfen daher zwingend einer „inneren“ Kontrolle, einer Art Ethik der literarischen Interpretation, die festlegt, welche Auslegung angemessen und welche willkürlich ist, welche Deutung sich aus dem literarischen Material ergibt und welche aus den offenen oder verdeckten Absichten des Interpreten. Hält man sich an diese Grenze, so erlauben diese beiden Methoden inspirierende Detailstudien zu einzelnen Werken. Für eine historische Synthese sind sie jedoch nicht geeignet.

Die vorliegende Studie wählt daher einen anderen Weg. Sie geht nicht von den „Selbstzeugnissen“ aus, sondern von der historischen Entwicklung der tschechischen Gesellschaft, die sich in den literarischen Texten spiegelt. Ausgangspunkt ist die schrittweise Entstehung einer modernen homosexuellen Identität und einer homosexuellen community sowie deren Selbstausdruck und Selbstwahrnehmung in literarischen Texten. Das Korpus der Untersuchung bildet daher ein bestimmter „Kanon“ von Autoren und Werken. Zu ihm gehören all jene Texte, welche die homosexuelle community als ihre „eigenen“ betrachtet hat, ganz gleich, ob die Autoren sich als Teil der homosexuellen community sahen oder lediglich später mit ihr in Verbindung gebracht wurden – sei es von der homosexuellen Gemeinschaft selbst, von Literaturhistorikern oder auch von nicht-homosexuellen Künstlern und Intellektuellen.

Dieser harte Kern von Autoren und Werken, deren Zuordnung zum Thema Homosexualität bereits Tradition hat, muss sowohl um einige „neuentdeckte“ ältere Autoren als auch um einige Gegenwartsautoren ergänzt werden, die an diese Tradition anknüpfen und an deren homosexueller Identität in der Regel keine größeren Zweifel bestehen, weil diese Teil ihrer Selbstpräsentation ist. Das zentrale Kriterium für die Zuordnung zu diesem Kanon ist, dass die Autoren sich entweder in ihrem Werk selbst oder in „werknahen“ Texten auf die kanonischen Texte der homosexuellen community beziehen. Egodokumente wie Tagebücher und Briefe sowie wissenschaftliche Arbeiten, publizistische Texte und Interviews sind für die Auswahl ebenso wichtig wie das eigentliche literarische Werk in einem der klassischen literarischen Genres.

Entsprechend sind auch westeuropäische und US-amerikanische Literaturwissenschaftler vorgegangen. Mittlerweile gibt es zudem Reflexionen dieser Reflexion, Studien also, die untersuchen, wie solche Kanones entstanden, als sich die homosexuellen communities ihrer selbst bewusst wurden, und wie sie sich weiterentwickelten. Auch diese Methode hat natürlich ihre Risiken. So besteht die Gefahr eines „zyklischen“, tautologischen Vorgehens: Die Übernahme des immer gleichen Kanons kann dazu führen, dass „Fehler“ fortgeschrieben werden, die bei der Entstehung des Kanons entstanden sind, weil dessen Schöpfer zu sehr auf das Leben der Autoren und weniger auf Wesen und Qualität ihrer Werke geachtet haben oder aber von dem Wunsch geleitet waren, möglichst viele Autoren und vor allem möglichst bedeutende Autoren der „eigenen“ Literatur zuzurechnen. Eine andere Gefahr ist, dass Autoren und Werke übersehen werden, weil sie dem Kanon thematisch oder ästhetisch fern stehen. Schließlich besteht das Risiko, dass die ästhetische Qualität einiger Werke überschätzt wird, die lediglich deshalb dem Kanon angehören, weil deren Autoren eine homosexuelle Thematik verarbeitet haben oder der homosexuellen community angehörten. Dies geschieht, wenn nicht ausreichend unterschieden wird zwischen homosexuellen Schriftstellern und schriftstellernden Homosexuellen. Eine präzise literaturwissenschaftliche Analyse hilft jedoch, solche Fehler zu vermeiden.

Im tschechischen Sprachraum wurden Anfang der 1930er Jahre erste Versuche unternommen, so etwas wie einen Kanon der homoerotischen Literatur zu erstellen. Sie kamen aus dem Umfeld der ersten Generation homosexueller Aktivisten. Weitere Werke dieser Art entstanden nach einer langen, durch die repressive Politik des kommunistischen Regimes erzwungenen Pause erst Anfang der 1990er Jahre. Sie sind jedoch vom gleichen Aktivismus und einer ähnlich unreflektierten apologetischen Fixierung auf die Biographie des Autors geprägt. Dies trifft vor allem auf die umfangreiche Studie von Jiří Fanel zu, die zudem der tschechischen Kulturgeschichte nur wenig Raum gibt.

Ebenfalls sehr kurz ist der Abschnitt über die tschechische Literatur in der Studie über Homosexualität in der Weltliteratur von Václav Jamek. Gleichwohl bietet Jamek die bislang kohärenteste und literaturwissenschaftlich präziseste Beschreibung des Kanons der tschechischsprachigen literarischen Verarbeitung homosexueller Erfahrungen. Auch Jiří Kuběna ruft an einigen Stellen seiner Essays diesen Kanon auf, allerdings nicht in systematisierender Absicht. Einige weitere Überblicke haben zwar eher publizistischen Charakter, bringen jedoch bisweilen vor allem im Bereich der älteren Literatur eine nicht uninteressante Erweiterung des Kanons.

Neben diesen Ansätzen aus der Feder von Aktivisten und Wissenschaftlern tragen auch einzelne Dichter, Prosaautoren und andere Künstler zur Entwicklung und Ausdifferenzierung des Kanons bei, indem sie die Namen ihrer Vorläufer nennen oder deren Motive und Poetik aufgreifen. So bewunderten die Publizisten der Zeitschrift Nový hlas in den 1930er Jahren Jiří Karásek als Gründerfigur. Jan Zrzavý zog auf den Spuren Julius Zeyers ins südböhmische Vodňany. Jetřich Lipanský schrieb eine Monographie über Karásek. Der Soziologe, Kulturhistoriker und Schriftsteller Emanuel Chalupný veröffentlichte seine Gespräche mit dem Dichter Otokar Březina, in denen er scheinbar beiläufig auch Březinas verständnisvolle Haltung gegenüber der homosexuellen Liebe erwähnt. Josef Topols Gedichte sind von der Poetik Richard Weiners beeinflusst, und Věra Linhartová kommentierte in einer grundlegenden Studie Weiners Prosa. Jiří Kuběna stilisiert sich zum Hüter des Erbes von Březina, und Jiří Pastýř beschreibt, wie er zum Grab Karáseks pilgerte. Pavel Petr imitiert in seinem Frühwerk die Poetik Kuběnas und übernimmt auch für das spätere Werk dessen mährisch-griechische Mythologie. Aleš Kauer übernimmt Motive von Pavel Petr, dieser editiert handschriftliche Texte von Bořivoj Kopic. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. Gleichzeitig wird der Kanon auch in negativer Form bestätigt, wenn einzelne Autoren sich polemisch von ihren Vorgängern abgrenzen, so etwa wenn Kuběna Weiners Pessimismus ablehnt oder Jamek den Sentimentalismus von Karásek.

Das Textkorpus für diese Studie ist somit der – leicht erweiterte – Kanon jener tschechischsprachigen Literatur, die traditionell mit der Verarbeitung homosexueller Erfahrung in Verbindung gebracht wird. Die Studie ist historisch angelegt, was nicht bedeutet, dass sie sich auf bloße chronologische Beschreibungen beschränkt. Vielmehr geht es darum, die Entstehung von drei Wegen der Verarbeitung homosexueller Erfahrungen in unterschiedlichen historischen Kontexten zu verfolgen: der Sublimierung, der Stilisierung und der Manifestierung.

Den Weg der Sublimierung wählen Autoren, die ihre homosexuellen Gefühle und Erfahrungen nicht offen literarisch verarbeiten können oder wollen – oder es wollen und zugleich nicht wollen. Sie suchen daher literarische Wege, um über Homosexualität zu schreiben und gleichzeitig nicht zu schreiben, sie zu beschreiben und sie doch nicht zu benennen. Demgegenüber sprechen Autoren, die den Weg der Stilisierung wählen, offen über Homosexualität, projizieren diese aber in vergangene Welten oder an entfernte Orte. Autoren schließlich, die sich für den Weg der Manifestierung entschieden haben, schreiben offen, meist „realistisch“ über ihre Homosexualität. Viele – nicht alle – verstehen sich als Teil einer homosexuellen beziehungsweise schwulen, lesbischen oder neuerdings „queeren“ community und kämpfen für deren Freiheit.

Diese drei Formen der literarischen Verarbeitung homosexueller Erfahrungen tauchen zwar historisch nacheinander auf. Gleichwohl können einzelne Schriftsteller in verschiedenen Phasen ihres Werks oder auch parallel in verschiedenen (etwa veröffentlichten und unveröffentlichten) Werken derselben Phase zwei dieser Wege oder auch alle drei wählen. Auch können Gegenwartsautoren auf Sublimierung oder Stilisierung setzen, obwohl die gesellschaftlichen Verhältnisse sich geändert haben und die meisten homosexuellen Schriftsteller ihre Erfahrungen heute sehr offen thematisieren.

Dennoch entsprechen die drei Formen der literarischen Verarbeitung grob den historischen Phasen, in denen die tschechische Gesellschaft liberaler und Homosexualität öffentlich sichtbar wird: von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als erstmals Werke mit homosexuellem Subtext auftauchen, bis zur vollen Emanzipation der homosexuellen Gemeinschaft im frühen 21. Jahrhundert, die in der Verabschiedung eines Gesetzes über eine eingetragene Partnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare im Jahr 2006 gipfelte.

 

WEGE DER SUBLIMIERUNG

SUBLIMIERUNG DURCH VERFREMDETE SPRACHE UND UNEINDEUTIGE SEMANTISCHE BEZÜGE

Die Literaturwissenschaft muss sich den Autoren, die einen Weg der Sublimierung beschritten haben, mit besonderen Methoden nähern, sie muss nach „Masken“ oder „Signalen“ suchen. Die ersten tschechischsprachigen literarischen Werke, in denen sich versteckte Spuren einer Verarbeitung homosexueller Erfahrung finden, entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Zu dieser Zeit kam eine „subjektive“ und „individuelle“ Literatur auf, die nicht mehr (nur) traditionellen poetischen Mustern folgte, sondern die Gefühle des Autors widerspiegelte. Der erste Autor, bei dem spätere Untersuchungen Spuren homoerotischer Erfahrungen nachzuweisen versuchten, ist Josef Barák (1833–1883), ein jungtschechischer Publizist aus der Generation Jan Nerudas. In seinen Gedichten und Briefen findet sich immer wieder das Motiv einer unerfüllbaren Sehnsucht nach einer idealen Freundschaft. Natürlich stellt sich die Frage, ob Barák damit schon eine bewusste Camouflage seiner homosexuellen Gefühle betrieb, oder ob er noch dem älteren Autorentyp angehört, der eine „unbewusste“, „vorhomosexuelle“ leidenschaftliche Freundschaft zum Ausdruck bringt. Eine klare Grenze lässt sich sicher nicht ziehen. Gerade wegen dieser Ungewissheit gilt es jedoch, die Literatur aus der Zeit Baráks, also jener Gründerzeit, der Zeit der Májovci, Ruchovcy und Lumírovci besonders gründlich zu untersuchen, ohne dabei voreilige Schlüsse zu ziehen.

Dieser Zeit gehört auch noch Julius Zeyer (1841–1901) an, der am Anfang des Kanons der tschechischen homoerotischen Literatur steht. Explizit werden homosexuelle Erfahrungen oder homosexuelle Gefühle weder in seinen literarischen Werken, noch in Egodokumenten noch in Zeugnissen seiner Bekannten erwähnt. Gleichwohl lässt sich aus diesen Dokumenten exemplarisch das rekonstruieren, was Marita Keilson Lauritz die „homosexuelle Konstellation“ genannt hat: ein Intellektueller ohne Frau und Kind, von dem es heißt, er habe irgendwo im Ausland heimliche Liebschaften; der aus der Enge der kleinbürgerlichen Gesellschaft in „andere“ Welten flüchtet: etwa ans Mittelmeer oder sogar – wenn auch nur in Gedanken – ins Kloster; der in Briefen an seine Freunde (J. V. Sládek, František Bílek u.a.) immer wieder von seinen seelischen Qualen schreibt und klagt, er sei verstoßen. Zeyers Freunde versuchten, ihm verständnisvoll und diskret zur Seite zu stehen. Sládek schreibt etwa: „Ich weiß, welch tiefe Entsagung Du in Deiner Seele trägst und wie groß Deine Demut gegenüber allem ist, was Gott geschaffen hat. Ich bin ergriffen von Deinem Glauben und Deinem Vertrauen, davon, wie aufrichtig Du Dich in Seinen Willen fügst.“

Das „unaussprechliche Geheimnis“ zieht sich wie ein Leitmotiv durch Zeyers Schilderungen seiner selbst wie auch durch die Äußerungen anderer über ihn. Josef Šach schildert in einer Biographie Zeyers folgende typische Szene:

Ein erster Impuls war jenes große Rätsel, das sich wie ein dunkler Schatten über seinem ganzen Leben erhob. Mehrmals versuchte er, seinen tiefen Schmerz zu lindern, indem er sich engen Freunden anvertraute. Mehrere Male war er, wie Herites berichtet, kurz davor, sich zu bekennen. Der Gast (der Prior Majer) zeigte keinerlei Neugierde, eher wollte er das Gespräch in eine andere Richtung lenken, aber Zeyer trieb es immer weiter und weiter. Im letzten Augenblick aber schaute er den Gast prüfend an, lächelte verlegen, als würde er sich für seine Schwäche schämen, und gab dem Gespräch rasch eine andere Richtung.

Es gibt jedoch keinen Beleg, dass es sich bei diesem „Rätsel“, diesem „Unaussprechlichen“ in Zeyers Leben tatsächlich um Homosexualität handelte. In allen bisherigen Versuchen, einen Kanon der homoerotischen tschechischen Literatur zu erstellen, wird dies schlicht vorausgesetzt, während andere literaturhistorische Arbeiten die Frage gar nicht aufwerfen. Gleichwohl kann man zumindest von einer plausiblen Hypothese sprechen. In Zeyers umfangreichem Werk gibt es sehr viele – allerdings weit verstreute – „Masken“ und „Signale“ verschiedener Art. Die Schönheit des jungen Mannes besingt Zeyer in der Beschreibung des Titelhelden am Anfang seines Romans Ondřej Černišev (1876), in der titelgebenden Erzählung des Bandes Stratonika sowie bei der Zeichnung des „Jünglings aus Korinth“ im Gedicht Potlesk. Im Gedichtzyklus Vyšehrad (1880) tanzen nackte Männer, ebenso in der Erzählung Král Menkera aus den Báje Šošany (1880).

Immer wieder taucht das Motiv der Statue eines schönen Jünglings auf, einer weißen Marmorstatue, wie sie Winckelmann als ideale Kunst vorschwebte: die Adonisfigur, die die Großmutter der Titelhelden des Prosastücks Roman o věrném přátelství Amise a Amila (1880. dt. Roman von der treuen Freundschaft der Ritter Amis und Amil…, 1904) heimlich bewundert, das Standbild des Fürsten Jan in Sestřa Paskalina (1887, dt. Schwester Pascalina: eine Legende, 1911), die Grabskulptur des Jünglings in dem Prosastück Ghismonda in Z Letopisů lásky (1889–1892). Bedeutender noch als all diese verstreuten Motive ist Inultus, der Held der gleichnamigen ersten Legende aus Tří legendy o krucifixu (1895). Inultus ist nicht nur ein schöner Jüngling, sondern ein passiver, nackter, gefesselter, gepeinigter, sterbender Jüngling. Eine spanische Bildhauerin bedient sich seiner als Modell für eine Statue des Gekreuzigten und tötet ihn schließlich in ihrem Atelier. Zeyer nimmt in seinem Inultus das alte homoerotische Motiv des „leidenden Jünglings“ auf, dessen bekannteste Darstellung in der christlichen Ikonographie der Heilige Sebastian ist und das in der antiken Mythologie – vor allem in ihrer Verarbeitung in Ovids Metamorphosen – durch die Gestalten des Hyakinthos, des Kyparissos und des Narkissos repräsentiert ist. Das Leiden des Sebastian, des Inultus und der antiken Helden ist immer auch eine Art Heilsversprechen: Durch ihr Leiden bringen sie den Menschen Schutz oder zumindest Trost. Sebastian wird zum Fürsprecher bei Gott, Hyakinthos wird zu Hyazinth, Kyparissos zu Zypress und Narkissos zu Narziss. Inultus glaubt in seinem Todeskampf, durch sein Leiden würden die nach der Niederlage in der Schlacht am Weißen Berg 1620 in Knechtschaft gezwungenen böhmischen Länder befreit. Während sich in der Figur des Sebastian erotische und religiöse Phantasie vermischen, kommt bei Inultus eine nationale Ideologie dazu. Charakteristisch für Zeyer ist außerdem noch ein anderes, in der Literatur weit verbreitetes „Signal“, das sich etwa auch bei Jean Cocteau, bei Federico Garcia Lorca oder bei Tennessee Williams findet: ein „autobiographischer“, „identifizierender“ Blick in die weibliche Psyche, eine Neigung, Frauen „von innen“, Männer hingegen „von außen“ darzustellen. Besonders deutlich ist dies in dem Prosastück Tankredův omyl aus dem Band Obnovené obrazy (1884), in dem Zeyer eine alte Legende über einen Ehemann, der die Treue seiner Frau auf die Probe stellt, so erzählt, dass sie zu einem moralischen Sieg der Frau wird. Diese Fähigkeit Zeyers, sich in leidende und liebende Frauen einzufühlen, ist vielen aufgefallen, weshalb er in der Literaturgeschichte oft als „Feminist“ bezeichnet wird. In seiner kurz nach Zeyers Tod erschienenen Biographie schreibt František Krejčí, der Feminismus sei eine der wichtigsten Wurzeln seines ganzen Wesens und seiner Sensibilität. Alle, die ihm persönlich nahe standen, sind sich einig, dass sein zartes und feines Auftreten nicht nur weiblich, sondern geradezu jungfräulich wirkte. Daher verstand er sich auch mit Frauen am besten, sie waren in seinen Augen seinen romantischen Idealen und Vorstellungen näher als die blassen und banalen Männer unseres kleinbürgerlichen Milieus. Diese Fähigkeit, sich in die weibliche Seele einzufühlen, steht keineswegs in Widerspruch zu der Gynophobie, der Angst vor dem weiblichen Körper, die sich hier und da in Zeyers Werk findet. Vielmehr fügt diese sich ins Bild. So gibt es in der Novelle Blaho v zahradě kvetoucích broskví aus dem Sammelband Novely II (1884), in dem Versepos Karolínská epopeja (1896) und an anderen Stellen von Zeyers Werk Szenen, in denen ein Mann mit seiner Geliebten schläft, die sich dann jedoch als Leiche oder als nichtmenschliches Wesen erweist. Die Umarmung einer Frau könnte immer die Umarmung des Todes sein. [gekürzt]


Sublimierung durch alternative Themen: „Reine Knaben“ und Juden

Die Traditionslinie der „Sublimierung“ von Homosexualität reicht in der tschechischen Literatur von Zeyer über Březina zu Weiner und seinen „Erben“. So verschieden ihr Werk sein mag, haben doch all diese Autoren immer mit einer komplizierten poetischen Sprache Bedeutungen verschleiert und mit ambivalenten Anspielungen und Verweisen gearbeitet. Andere Autoren haben zwar ebenfalls den Weg der Sublimierung gewählt, jedoch auf ganz andere Weise. Sie haben etwa ein „reines Knabentum“ entworfen, um die homoerotische, genauer gesagt: ephebophile Erotik und Ästhetik in eine akzeptable Form zu kleiden. Denn in der Welt des „reinen Knabentums“ scheint Sexualität noch gar nicht zu existieren, und „reine Beziehungen“ im Sinne einer romantischen Freundschaft unter Knaben – eventuell auch zwischen einem Knaben und seinem erwachsenen Erzieher – lassen sich daher leichter darstellen und dem Leser als Vorbild präsentieren. Freilich haben sich die tschechischen Schriftsteller, die diesen Weg gewählt haben, an westeuropäischen und insbesondere an deutschen Schriftstellern orientiert. Vor allem die romantische und nachromantische Literatur kultivierte das „prähomosexuelle“ Modell „romantischer Freundschaft“, und die von der Homoerotik ihrer Vordenker beeinflusste Jugendbewegung griff es wieder auf. Markantestes Beispiel war der Ende des 19. Jahrhunderts gegründete deutsche Wandervogel, der auch in den deutschsprachigen Teilen Böhmens viele Anhänger hatte. Allerdings zeigt gerade auch der Wandervogel, wieviel Unsicherheit dieses Modell der Sublimierung beinhaltete: Sobald jemand aus der Bewegung deren homoerotische Grundausrichtung offener thematisierte – wie etwa Hans Blüher, einer ihrer Begründer und treibenden Kräfte, in seinem Buch Die Wandervogelbewegung als erotisches Phänomen (1912) –, führte das in der Öffentlichkeit und auch in den eigenen Reihen zu einer „moralischen Panik“, die der Bewegung schadete und sie letztlich spaltete. Nicht zuletzt deshalb waren die Gründer ähnlicher Bewegungen im tschechischsprachigen Raum sehr darauf bedacht, dass die erotische Komponente unausgesprochen blieb – sowohl in der jeweiligen Bewegung selbst, als auch in der Literatur, die deren Ideale propagierte. Dies betrifft vor allem den Jugendbuchautor Jaroslav Foglar. Weniger bekannt ist Emanuel Chalupný (1879–1958), dessen Werk zwar nicht zum Kanon der homoerotischen tschechischen Literatur gehört, der aber ein indirekter Vorläufer Foglars war und als Soziologe eine nicht unwichtige Rolle spielte. Chalupný, der Mitbegründer und später Präsident der Tschechischen Soziologischen Gesellschaft war, unterstützte die aufkommende Schwulenbewegung offiziell als sympathisierender Gelehrter, der wissenschaftliche Argumente für eine Entkriminalisierung und gesellschaftliche Anerkennung der Homosexualität vorbrachte. [gekürzt] WEGE DER STILISIERUNG Autoren, die auf eine literarische Stilisierung homosexueller Erfahrungen setzen, sprechen offen über das Thema, hüllen es jedoch in einen anderen „Mantel“, verlegen es also in eine ferne Zeit, in ein fernes Land, in andere gesellschaftliche Schichten, kurz, in eine Umgebung, die im Verhältnis zur Gegenwart und zur Normalität, in der die Autoren leben, von vornherein anders ist, in der es das Phänomen der „Homosexualität“ im modernen Sinne noch gar nicht gibt. Dies erlaubt es, Homosexualität als etwas Normales und Natürliches darzustellen. Für eine solche Verschiebung in eine andere Kultur, in der auch andere Werte gelten, bot sich besonders die Antike an. Diese wurde zu einem goldenen Zeitalter der Liebe zwischen Menschen gleichen Geschlechts idealisiert – so oft und ausgiebig, dass die homoerotische Stilisierung des alten Griechenland oder des alten Rom schließlich zum Stereotyp verkam. In einer Epoche, als es noch um eine Suche nach akzeptierten Ausdrucksformen für homosexuelle Erfahrungen ging, handelte es sich jedoch um eine wichtige literarische Strategie. Als in der zweiten Hälfte des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts Kriminologen, Psychologen und Mediziner ein „modernes“ Konzept von Homosexualität schufen, die nun als Devianz und Krankheit betrachtet wurde, bildete sich als Antwort darauf eine homosexuelle Emanzipationsbewegung. Zugleich entstand eine Literatur, in der Gefühle ausgedrückt wurden, die von dieser Zeit an immer häufiger als „homosexuell“ bezeichnet wurden. In dieser Zeit blühte der Antike-Kult. Er diente zur Rechtfertigung von Imperien und zur Begründung der Republik, ihn pflegten Sozialisten und Faschisten, neoklassische Künstler und auf ihre Weise auch Avantgardisten. An humanistischen Gymnasien wurden Vergil und Homer im Original gelesen. Wenn sich Homosexuelle daher auf die Antike beriefen, so meinten sie damit ein kulturelles Ideal, das in der bürgerlichen Gesellschaft allgemein bekannt und anerkannt war. In halboffener Form kann man dieses Modell bereits im Kontext des neoklassischen und romantischen Antike-Kults erkennen, etwa beim Begründer der wissenschaftlichen Kunstgeschichte Johann Joachim Winckelmann oder bei dem Dichter August Graf von Platen. Offen propagierte der deutsche Publizist Karl Heinrich Ulrichs, ein einsamer Vorkämpfer der homosexuellen Emanzipationsbewegung, die Antike als Vorbild für ein modernes Verständnis der Homosexualität. Eine systematische Untersuchung homoerotischer Elemente der antiken Kultur lieferte dann die „Sittengeschichte Griechenlands“ von Paul Brandt, der sich mit seinem Pseudonym Hans Licht nicht nur versteckte, sondern auch zum Aufklärer stilisierte. Wurden im 19. Jahrhundert homosexuelle Motive in die Antike projiziert, so war dies also zwar eine Stilisierung, die auch eine Flucht sein konnte, und insofern bisweilen von einer Sublimierung schwer zu unterscheiden. Gleichzeitig ging es den Autoren aber oft auch darum, die bürgerliche Gesellschaft, in der sie lebten, zu „erziehen“. Wer von antiker Ästhetik und Erotik schrieb und jene Elemente hervorhob, die heute als „Homosexualität“ bezeichnet werden, fügte sich noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf eine Weise in aktuelle Debatten ein, wie es im 21. Jahrhundert, da die Antike nicht mehr als Vorbild wahrgenommen wird, kaum mehr vorstellbar ist. Auf den ersten Blick paradox erscheint es, dass genau zur selben Zeit der Jahrhundertwende auch Werke entstehen, in denen die homoerotische Stilisierung der Antike einen anti-erzieherischen Impetus hat. Sie sind der dekadenten Strömung des Fin de siècle mit ihrem Kult des Niedergangs und der Perversion zuzuordnen. Exemplarisch lässt sich dieses doppelte Antikebild und die damit verbundenen verschiedenen Strategien der Rechtfertigung von Homosexualität am Beispiel von André Gide und Oscar Wilde zeigen. Während Gide sich etwa in seinem Essayband Corydon aus dem Jahre 1911 auf die Antike beruft, um die „Normalität“ von Homosexualität zu begründen, bezieht sich Wilde zwar gleichfalls auf die Antike, jedoch um darzulegen, dass Homosexualität – im positiven Sinne – vom „Normalen“ abweicht, das „Normale“ überschreitet. Die tschechische Literatur folgte zunächst der Linie Oscar Wildes. Jiří Karásek ze Lvovic (1871–1951) vertrat vor allem in seinem Frühwerk, in dem er unmittelbar an die europäische Literatur des Fin de siècle anknüpft, folgende Position: Die bürgerliche Gesellschaft hält Homosexualität für pervers? Richtig, sie ist pervers, aber schaut, wie erhaben und edel das Perverse ist: so edel und erhaben wie die perversesten Gestalten und Texte der Antike. [gekürzt]

Wege der Manifestierung

Die Aktivisten der 1930er Jahre

Manche Literaturwissenschaftler sprechen von homoerotischer Literatur nur dann, wenn ein Autor sich weder durch raffinierte Camouflage noch mit Hilfe antiker oder mittelalterlicher Kulissen oder Gewänder vor dem Leser und vor sich selbst versteckt, wenn also homosexuelle Gefühle oder Akte im Text offen präsentiert werden und sich nicht mehr die Frage stellt, ob von „solchen Dingen“ gesprochen werden sollte, sondern was sie als Themen und Motive zur Literatur beitragen können. Dies setzt voraus, dass Homosexualität als etwas wahrgenommen wird, das die gesamte Identität eines Menschen prägt. Zudem muss die Gesellschaft zumindest in Ansätzen bereit sein, die literarische Verarbeitung von Homosexualität als Teil der allgemeinen Kultur zu akzeptieren. Schließlich muss der Künstler die Absicht haben, diese Bereitschaft zu vergrößern. All diese Voraussetzungen waren erst im 20. Jahrhundert gegeben. Daher taucht Literatur, in der sich Homosexualität manifestiert, erst ab dieser Zeit auf. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wird diese offene Form der literarischen Verarbeitung deutlich wichtiger als die Sublimierung und die Stilisierung. Das Hauptthema dieser Form der Literatur über gleichgeschlechtliche Liebe ist eben der Weg zur gesellschaftlichen Akzeptanz von Homosexualität. Es geht um das Verhältnis von Homosexuellen zur Gesellschaft sowie zur homosexuellen Subkultur, um das Verhältnis zum Partner und um das Verhältnis zu sich selbst. Die einschlägigen Werke können einen tragischen oder auch einen euphorischen Ton anschlagen; sie können eminent politisch sein oder sich auf die „ewigen Probleme“ des Entstehens und Scheiterns von Beziehungen konzentrieren; Homosexualität kann darin als unvergängliches Gefühl der Auserwähltheit, aber auch als gewöhnliche, ja banale Erfahrung geschildert werden. Charakteristisch für die erwähnte offene Darstellung ist, dass an die Stelle des Begriffs homosexuál die Bezeichnungen gay und lesbický – und noch später das noch stärker auf Inklusivität bedachte queer – als eine Art selbstgewählter „Ethnonyme“ treten. Aus politischen und gesellschaftlichen Gründen wird Homosexualität in der tschechischen Literatur später als in der französischen und amerikanischen explizit thematisiert. Die Motive und Tonlagen sind jedoch die gleichen. Einen ersten Versuch zur Schaffung einer bewussten, programmatischen und kämpferischen tschechischen homoerotischen Literatur – bzw. einer Literatur für tschechische Homosexuelle – unternahmen in den Jahren 1931–1932 die Herausgeber der Zeitschrift Hlas sexuální menšiny (Stimme der sexuellen Minderheit,) an die von 1932–1934 die Zeitschrift Nový hlas (Die neue Stimme) anknüpfte. Sie publizierten vor allem literarische Texte und Rezensionen und richteten sich in erster Linie an die homosexuelle community selbst, darüber hinaus aber auch an die breite tschechische Öffentlichkeit, der auf diesem Weg die Existenz und Legitimität von Homosexualität nahegebracht werden sollte. [gekürzt] DIE TSCHECHISCHE ANOMALIE Vergleicht man die Behandlung des Themas Homosexualität in der tschechischen Literatur mit jener in Westeuropa und den USA, so wird schnell klar, dass die literarische Verarbeitung „sexueller Andersartigkeit“ im tschechischsprachigen Raum denselben Strömungen und Mustern folgt. Gertrude Stein, Fernando Pessoa und Hans-Christian Andersen verstecken sich hinter sprachlichen Masken und Signalen, Stefan George hinter der Stilisierung einer „reinen“ Bruderschaft von Auserwählten; Hanif Kureishi und Marguerite Yourcenar arbeiten mit einer Rhetorik der Pansexualität; Julien Green, Jean Genet und Joe Orton beschreiben das Gefühl, verfemt zu sein; Oscar Wilde stilisiert das Dekadente; J.J. Winckelmann und André Gide rufen die Antike als Zeit einer idealen Ordnung auf, Marcel Proust und Roger Peyrefitte betreiben literarische Travestie oder setzen auf die stilisierte Kunstform des Camp; F.G. Lorca und Jean Cocteau fühlen sich in die weibliche Psyche ein; lesbische Autorinnen wie Mary Renault und Marguerite Yourcenar schaffen schwule Romanfiguren; Magnus Hirschfeld und Adolf Brand setzen die Literatur als eine Art Medium der homosexuellen Aktivität ein; Pier Paolo Pasolini und Dominique Fernandez suchen in einem Land jenseits der Zivilisation nach einem verlorenen „Arkadien“; Dutzende inzwischen längst wieder vergessener Autoren haben mit einem literarischen Werk ihr Coming-out; John Rechy, Cyril Collard und viele weitere Schriftsteller beschreiben seit den 1970er Jahren auf brutale Weise den sexuellen Alltag. In einer Hinsicht unterscheidet sich die tschechische homoerotische Literatur jedoch überraschenderweise von ihrem westlichen Pendant: Es gibt in ihr ein auf den ersten Blick befremdliches Übergewicht religiöser und konservativer, ja reaktionärer Positionen, und zwar sowohl unter den Autoren, die den Weg der Sublimierung gegangen sind, als auch unter jenen, die ihre homosexuellen Erfahrungen stilisiert oder literarisch manifestiert haben. Julius Zeyer beschäftigte sich sein Leben lang mit verschiedenen Richtungen der Mystik; in seinen letzten Lebensjahren näherte er sich der katholischen Moderne an und verarbeitete gerade in demjenigen seiner Werke, in dem das Thema Homosexualität am deutlichsten zu erkennen ist, den mittelalterlichen Stoff einer Ritterhagiographie. Otokar Březina war ebenfalls ein unorthodoxer Mystiker und näherte sich ebenfalls katholischen Kreisen an. Politisch stand er der isolationistischen Strömung des konservativen tschechischen Nationalismus nahe. Jiří Karásek ze Lvovic war zunächst vom Katholizismus und vom Barock, dann vom Okkultismus und der Antike eingenommen. Jiří Langer klammerte sich an einen mystischen Chassidismus. Richard Weiner meditierte in seinen Werken über eine Art geheimer Weltordnung und wandte sich gegen Ende seines Lebens dem Christentum zu, wenn er sich auch nicht taufen ließ. Václav Krška gehörte der konservativen literarischen Strömung der „Ruralisten“ an. Vladimír Kolátor war Sprecher der noch konservativeren Bewegung der sogenannten „Aktivisten“. Jetřich Lipanský wurde sogar Priester. Unter dem kommunistischen Regime bekannten sich Jiří Kuběna und Fanda Pánek offen zum Katholizismus, Josef Topol, Ladislav Fuks und Bořivoj Kopic im Privaten. Kuběna und Fuks ließen sogar ihre Sympathie für eine monarchische Staatsform und eine aristokratische Gesellschaft erkennen. Um Kuběna versammelte sich eine Gruppe „kleinerer“ Autoren; der literarisch bedeutendste ist Pavel Petr, der jedoch ebenfalls am Katholizismus und einem konvervativen Mährertum festhält. Věra Linhartová war vor allem in ihrem Spätwerk von Zen-Buddhismus inspiriert. Meditationen über Gott finden sich auch im Werk von Jiří Pastýř, Adam Georgiev und Viola Fischerová. Schließlich begeistert sich auch Bára Basiková seit den 1990er Jahren für die katholische Kultur, insbesondere für gregorianische Choräle. Gegenüber dieser breiten, wenngleich natürlich nicht einheitlichen Strömung der Katholiken, Mystiker, Monarchisten und Konservativen verschiedener Couleur ist die Minderheit der „anderen“ sehr klein: der linksliberale Václav Jamek, der eng mit der gegenwärtigen Schwulenkultur in Frankreich verbunden ist; Radoslav Nenadál und Václav Baumann, die fest in der bizarren homosexuellen Alltagskultur verwurzelt sind; Zuzana Brabcová und Aleš Kauer, die sich nur über ihre Literatur definieren; Jaroslav Foglar, dessen zentrales Thema der pädagogische Eros ist; Svatava Antošová, die mit ihrer Beatnik-Literatur gegen die gesamte Gesellschaft protestiert. Auch andere europäische Literaturen kennen das Phänomen, dass Homosexualität und religiöse oder konservative Orientierung zusammengehen. Man denke an die katholischen Konvertiten Paul Verlaine, Max Jacob oder Julien Green, an Konservative mit zum Teil reaktionären Standpunkten wie Stefan George und seinen Kreis, an die französischen Intellektuellen, die dem Vichy-Regime nahestanden. Unter den britischen Schriftstellern des Decadent movement galt der zeitweise oder dauerhafte Übertritt zum Katholizismus sogar als typisches Merkmal homosexueller Künstler, insbesondere im Umfeld von Oscar Wilde. Im weitesten Sinne kann man auch Radclyffe Hall, die Klassikerin der modernen lesbischen Literatur, zu diesem Kreis zählen. Als sie 1928 ihren zentralen lesbischen Roman The Well of Loneliness (Quell der Einsamkeit) schrieb, war sie bereits zum Katholizismus konvertiert. Dennoch überwiegen bei den US-amerikanischen und westeuropäischen Schwulen Liberale, Linke, Revolutionäre, Anarchisten, Provokateure und Vertreter der Avantgarde. Der typische homosexuelle Künstler in Europa und in den USA hält die Kultur und die Gesellschaft seiner Zeit für verknöchert und lässt in sein Werk direkt oder indirekt das Ziel einfließen, diese zu verändern. Dies gilt für André Gide, Klaus Mann, Pier Paolo Pasolini, Federico Garcia Lorca und Allen Ginsberg genauso wie für John Rechy, James Baldwin, Hubert Fichte, Rainer Werner Fassbinder, Michel Foucault, Reinaldo Arenas und viele andere. Und selbstverständlich gilt es auch für die modernen lesbischen Schriftstellerinnen, deren Protest meist feministisch geprägt ist. Wie erklärt sich also diese „tschechische Anomalie“, der besonders große Anteil religiöser und konservativer Autoren unter den homosexuellen Schriftstellern? Was ist der Grund dafür, dass es in der tschechischen Literatur praktisch keine homosexuellen Rebellen gibt, kaum Provokateure, Avantgardisten, Anarchisten, angry young men? Warum steht Svatava Antošová so alleine da und nimmt die Rolle der Rebellin zudem auch nur in ihrer Prosa ein, während sie sich öffentlich nicht äußert und erst recht nicht politisch engagiert? Es ist bezeichnend, dass Antošová, wenn sie nach ihrem Verhältnis zur Politik gefragt wird, dadaistisch antwortet: Erst wenn die eingetragene Lebenspartnerschaft sich allzu sehr eingebürgert habe, komme „endlich der Zeitpunkt, dass ich in die Politik gehe. Ich gründe die Partei „Deregulierung des Zusammenlebens von Personen gleichen Geschlechts“ […], gewinne die Wahlen und werde Mutter Ubu“. Als wirklicher schwuler Rebell und Provokateur ersten Ranges käme in der tschechischen Literatur allenfalls Jaroslav Hašek in Frage, von dem Jindřich Chalupecký behauptet, er sei homosexuell gewesen – doch diese These ist alles andere als bewiesen. Mehrere Erklärungen sind denkbar. Für einige Autoren ist – wie für die westeuropäischen Dekadenten – der Katholizismus eine ästhetische Maske, ein Unterschlupf oder eine stilisierte Lebensform im Sinne des Camp. Dies gilt jedoch bei weitem nicht für alle. Kuběna, Topol und Petr meinen es mit dem Katholizismus durchaus ernst, und auch der Chassidismus von Langer ist keine (neo)dekadente Stilisierung. Eine andere Erklärung lautet, dass die Hauptströmung der tschechischen Kultur liberal oder links ist, so dass all jene, die ihre Identität in einer Art Gegenkultur suchen, sich „rückwärts“ statt „vorwärts“ wenden. In der Tat kann der Katholizismus im protestantischen England, im antiklerikalen Frankreich und in den skeptischen böhmischen Ländern eine Alternative sein, schwerlich jedoch im traditionell katholischen Polen, in Bayern und in Irland. Eine dritte Erklärung lautet, dass das kommunistische Regime die Entstehung jenes Typs des homosexuellen Rebellen verhindert hat, wie er in Westeuropa und den USA seit den 1950er Jahren entstanden ist. Als dann 1989 die Stunde der Freiheit kam, war die einzige Tradition, an die die tschechische homoerotische Literatur anknüpfen konnte, jene katholisch-mystisch-konservative von Zeyer, Karásek, Březina, Weiner und insbesondere von Kuběna. Unmittelbar nach der Samtenen Revolution tauchte zwar mit dem Übersetzer und Gelegenheitsdichter Šimon Formánek (*1965) ein radikaler Aktivist auf, der von den französischen homosexuellen Intellektuellen inspiriert war. Er verschwand jedoch recht schnell wieder von der literarischen Bühne, und in den folgenden zwanzig freien Jahren fand er keinen einzigen Nachfolger. Ob aber in der Zukunft, nach dem faktischen Ende der „Kunst der Manifestierung“, überhaupt noch ein Bedarf an diesem Künstlertypus bestehen wird, ist fraglich. Doch weder diese drei noch auch weitere mögliche Erklärungsansätze können das Problem abschließend lösen. Man muss es als Faktum akzeptieren und als das wohl einzige Spezifikum der tschechischen homoerotischen Literatur verstehen. Auch ist nicht zu vergessen, dass die Postmoderne in homosexuellen Kreisen eine starke konservative Strömung hat aufkommen lassen, auf englisch als „Homocons“ bekannt, die die Hegemonie des linksrevolutionären Diskurses kritisieren. Zugleich ist in bestimmten christlichen und jüdischen Kreisen eine emanzipatorische homosexuelle Strömung entstanden. Die tschechische Kultur, die in Sachen Homosexualität bislang eher rückständig war, befindet sich somit aus einem anderen Blickwinkel im Epizentrum globaler Trends. Mit dieser Unterscheidung zwischen einer dominanten religiös-konservativen Strömung und „dem Rest“ deckt sich teilweise ein weiteres, diesmal kein politisches, sondern ein literarisches Gegensatzpaar, das ebenfalls in allen drei Formen der literarischen Verarbeitung homosexueller Erfahrungen – der Sublimierung, der Stilisierung und der Manifestierung – zu finden ist. Auf der einen Seite stehen Autoren, die einen „hohen Stil“ gewählt haben, die ein erhabenes erotisches Ideal schildern und dabei auf sämtliche Realien und jede direkte Beschreibung sexueller Handlungen verzichten: Zeyer in Amis und Amil, Karásek in Ztracený ráj, Krška in Dionýsos s růží, die Lyrik Langers, Topols, Kuběnas, Petrs und Kauers. Auf der anderen Seite stehen Autoren, die sich für einen „niederen Stil“ und die ungeschönte Schilderung eines sexuellen Alltags entschieden haben, der sich ausgerechnet am kläglichsten aller Orte, der sozialistischen öffentlichen Toilette, oder in den auf ihre Weise nicht minder kläglichen Kulissen der kommerzialisierten Schwulenszene abspielt. Zu ihnen zählen Pánek, Jamek, Nenadál, Bauman und Antošová. Bei Kopic, Pastýř und Georgiev vermischen sich das Hohe und das Niedere, das erotische Ideal und der reale Sex. Dies führt zu grundlegenden Widersprüchen in ihren Werken. Die Autoren des hohen Stils knüpfen bis heute an die neoromantisch-symbolistische Tradition an, die mit Zeyer beginnt. Autoren des „niederen Stils“ hingegen greifen auf die „plebejische“ Tradition der tschechischen Literatur zurück, die Hrabal und Hašek verkörpern. Aus dem Blickwinkel dieser Unterscheidung bietet sich eine weitere Erklärung für jene Anomalie an: Vielleicht findet das tschechische homosexuelle Rebellentum mangels anderer äußerer Möglichkeiten oder mangels Kraft zu einem anderen Ausdruck ja gerade in jener „Beschränkung“ auf die physische Armseligkeit der Sexualität, auf die unvermeidliche Würdelosigkeit und „Gewöhnlichkeit“ der homosexuellen, ja der menschlichen Existenz überhaupt zu seiner eigentlichen Form.

Aus dem Tschechischen von Kathrin Janka, Kristina Kallert und Volker Weichsel

 

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