Titelbild Osteuropa 8-9/2011

Aus Osteuropa 8-9/2011

Editorial
Völkermord mit Ansage – Leerstelle der Erinnerung

Manfred Sapper, Volker Weichsel

(Osteuropa 8-9/2011, S. 5–6)

Volltext

Am 8. September 1941 schloss die deutsche Wehrmacht den Belagerungsring um Leningrad. Der Fall der Stadt schien nur noch eine Frage von Tagen. Ohnehin war ihr Schicksal längst besiegelt. Im Juli 1941 hatte Hitler der Wehrmachtsführung mitgeteilt, dass Leningrad als „Geburtsstätte des Bolschewismus“ dem Erdboden gleichgemacht werden solle. Dass es dazu nicht kam, lag auch an einer operativen Entscheidung. Die deutsche Führung ließ die Offensive der Heeresgruppe Nord anhalten. Panzertruppen wurden abgezogen, um sie gegen Moskau zu werfen. Eine Eroberung der Metropole an der Neva hatte keine militärische Priorität mehr. Den Belagerungsring hielten die Deutschen mit Hilfe der verbündeten Finnen, die bis zur alten finnisch-sowjetischen Grenze vorgerückt waren. Darüber, was diese weitgehende Unterbindung aller Versorgungswege für die Bevölkerung Leningrads bedeutete, konnte kein Zweifel bestehen. Denn seit dem deutschen Überfall auf Polen am 1. September 1939 waren die nationalsozialistische Vernichtungsabsicht und die militärischen Operationen untrennbar verbunden. Das „Unternehmen Barbarossa“, wie der Deckname für den Krieg gegen die Sowjetunion lautete, hatte zwei Ziele: „Lebensraum“ für die Deutschen zu gewinnen und die – nach dem rassistischen Weltbild der Nationalsozialisten – „minderwertigen“ slawischen Völker durch Mord und Vertreibung zu reduzieren sowie alle Juden zu vernichten. Der Nordosten Russlands war ausersehen worden, als „Ingermanland“ deutsch besiedelt zu werden. Das Oberkommando der 18. Armee notierte im Herbst 1941 als Zweck der Belagerung: „Alles verhungert“. Und bei seiner jährlichen Rede vor alten Kämpfern der NS-Bewegung verkündete Hitler im Münchner Bürgerbräukeller am 8. November 1941 unter großem Beifall, dass die Einwohner Leningrads verhungern würden. Es war ein Völkermord mit Ansage. Der 872tägigen Blockade, die am 27. Januar 1944 zu Ende ging, fielen etwa eine Million Menschen zum Opfer. Die meisten starben an Hunger. Damit kamen alleine in dieser einen russischen Stadt doppelt so viele Menschen ums Leben wie während des gesamten Zweiten Weltkriegs deutsche Zivilisten alliierten Luftangriffen zum Opfer fielen. Hunderttausende Leningrader, die das Martyrium überstanden, blieben ihr Leben lang traumatisiert. Die Blockade Leningrads ist eines der größten deutschen Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg. Doch in der deutschen Erinnerung hatte Leningrad jahrzehntelang keinen Platz. Wenn die Blockade überhaupt erwähnt wurde, galt sie in der Bundesrepublik als normale militärische Operation. In der DDR wurde die sowjetische Lesart übernommen. Das Leid der Bevölkerung kam zwar zur Sprache, doch nur als nachgeordneter Teil des Heldenepos von der „Schlacht um Leningrad“. Unter der weisen und allmächtigen Führung Stalins und der Partei hätten die Leningrader den „faschistischen Angreifern“ heroischen Widerstand geleistet. Dieses Bild begannen die Bolschewiki bereits während der Blockade zu zeichnen: Dank ihres Informationsmonopols, der Repressionsorgane und des Zensurapparats änderte sich daran in den folgenden Jahrzehnten kaum etwas. Selbst das bahnbrechende Blockadebuch, in dem die Schriftsteller Ales’ Adamovič und Daniil Granin Anfang der 1980er Jahre nach ihrem Motto „Die Menschen als Zeugen, die Menschen als Dokumente“ Überlebende zu Wort kommen ließen, unterlag der Zensur. Über 60 Interviews durften nicht veröffentlicht werden. Bis in die Perestrojka hinein wurde die Geschichte der Blockade zensiert, standardisiert und deformiert. Seit das Interpretationsmonopol gefallen ist und sich die Archive geöffnet haben, bietet sich ein differenzierteres Bild von der Geschichte der Blockade. Wir wissen nun, dass die sowjetische Führung in Moskau und Leningrad durch das Versäumnis, die Bevölkerung zu evakuieren, sowie Fehler bei der Lebensmittelvorhaltung die Lage verschlimmert hat. Wir wissen heute, dass die stalinistischen Repressionen gegen vermeintliche Volksfeinde selbst während der Blockade weitergingen, wir wissen von Lebensmittelprivilegien für die Nomenklatura der Partei und des NKVD, während es in der Stadt zu einzelnen Fällen von Kannibalismus kam und die einfache Bevölkerung ganz ordinär krepierte. Mit Heroismus oder der Einheit von Volk und Partei hat das nichts zu tun. Das alles ist Teil der historischen Wahrheit. Doch sie bleibt ohne Einfluss auf die Erinnerungspolitik Russlands. Hier wirkt die jahrzehntelange Deformation weiter. Einige Schriftsteller und das Fernsehen schreiben das sowjetische Heldenepos unverdrossen fort; die Praktiken des offiziellen Gedenkens sind zum Ritual erstarrt. Der Filmemacher Sergej Loznica, der mit historischem Bildmaterial seinen beeindruckenden Dokumentarfilm Blokada produzierte, erinnert daran, dass die Vergangenheit solange nicht vergehen kann, solange sie nicht ernsthaft reflektiert wird. In Deutschland ist das Wissen über den Völkermord in Leningrad im letzten Jahrzehnt gewachsen. Doch im kollektiven Gedächtnis, geschweige denn im kulturellen, findet dies keinen Niederschlag. Anders als „Stalingrad“ bleibt „Leningrad“ ein weißer Fleck. Der Aufarbeitung der Vergangenheit haftet in Deutschland unterdessen etwas Gleichförmiges und Geschäftsmäßiges an. Das hat damit zu tun, dass die immergleichen Gedenktage wie der 1. September, der 22. Juni oder der 8. Mai routiniert bewirtschaftet werden. Um zu verhindern, dass an die Stelle der Erinnerung das Ritual rückt, sollten die Leerstellen der Erinnerung in unser Blickfeld rücken. Dieses Motiv steht hinter dem vorliegenden Band. Nur, wenn die Leerstellen der Erinnerung gefüllt werden, lassen sich die unterschiedlichen Leidenserfahrungen des „Jahrhunderts der Extreme“ erfassen. Der Hunger in Leningrad ist eine solche. Varlam Šalamov ist die Stimme der Opfer im Gulag. Vasilij Grossman hat der Verwobenheit des Sterbens in Krieg und Holocaust Sprache verliehen. Und Lidija Ginzburg ist die Stimme der Dystrophiker. Mit ihren „Aufzeichnungen eines Blockademenschen“ verleiht sie dem Hunger als körperliche, kulturelle, existentielle Tatsache Ausdruck. Sie fragt, wie sich die Erinnerung an diese Extremsituation wachhalten lässt. Die Beiträge und Analysen in diesem Band geben darauf Antwort.