Titelbild Osteuropa 12/2010

Aus Osteuropa 12/2010

„Die Angst wird uns zur Gewohnheit"

Dmitrij Muratov

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Abstract

Journalismus in Russland ist mitunter eine Frage von Leben und Tod. Journalisten werden umgebracht. Die Taten bleiben ungesühnt. Nicht nur unter Journalisten macht sich Angst breit. Angst vor Nazis, Anhängern des tschetschenischen Präsidenten Kadyrov, vor Mitgliedern der Kreml-Jugend und den Sicherheitsdiensten. Korruption ist die Ursache des Todes etlicher Kollegen. Und Korruption ist die einzige Ideologie der heutigen Elite.

(Osteuropa 12/2010, S. 177–223)

Volltext

Ein Freund von mir hat einmal gesagt, Angst ist Zeitverschwendung. Meine Kollegen verschwenden sehr viel von ihrer Zeit auf Angst. Journalisten werden in Russland umgebracht, ohne dass die Täter bestraft werden. Wir sind dabei, uns daran zu gewöhnen. Die Angst wird uns zur Gewohnheit.

Lew Kopelew beschreibt, wie er bei seiner Verhaftung 1945 eine Handvoll Tabak vom Tisch des Ermittlungsrichters nahm und heimlich in die Tasche steckte. „So brach sich eine Häftlingsgewohnheit Bahn“, schreibt Kopelew – eine Gewohnheit, die er früher nie an sich beobachtet hatte.

So brach sich der Instinkt der Angst bei den russischen Journalisten Bahn, und ebenso bei manchen Personen des öffentlichen Lebens und bei den europäischen Politikern. Die Journalisten haben Angst vor Neonazi-Anschlägen, vor den Handlangern des tschetschenischen Präsidenten Kadyrov, vor der Revanche der kremlnahen Jugendbewegungen und vor den Sicherheitsdiensten. Die europäischen Politiker haben Angst, dass sie kein Gas bekommen. An Gas kommt man im Tausch gegen Zugeständnisse bei den Menschenrechten.

Allein seit Jahresanfang wurden in Russland acht Journalisten ermordet und etwa vierzig zusammengeschlagen, drei von ihnen wurden furchtbar zugerichtet, wie Oleg Kašin. Die russischen Delegationen im Europaparlament ziehen es vor, keine Pressekonferenzen im Anna-Politkovskaja-Saal abzuhalten. Und die Europäer, voll des politischen Feingefühls, drängen sie auch nicht dazu, obwohl der Fall Politkovskaja nach wie vor nicht aufgeklärt ist. Die Mörder und die Hintermänner befinden sich in Freiheit. Der Mörder ist hier in Europa, er war lange hier oder ist noch unter Ihnen. Irgendwer in Russland hat ihm einen nagelneuen Pass beschafft und ihm geholfen, die Grenze zu überqueren.

Kopelew hat immer wieder betont, dass er lange Zeit im Bann der kommunistischen Ideologie stand: Um des allgemeinen Glücks willen musste jeder einzelne brutal sein. Kopelew hat sich aus diesem Bann befreit. Heute herrscht ein anderer Bann: Die russische Staatsmacht kennt keine Ideologie und keine Werte mehr außer dem Geld. Das Gerede von der Demokratie ist nur das Tuning für den Verkauf von Öl und Gas.

Der Grund für den Tod meiner Kollegen ist die Korruption. Der Grund, warum Verbrechen nicht aufgeklärt werden, ist die Korruption. Wie früher in Südafrika die Apartheid ist nun die Korruption die einzige Ideologie der sogenannten Elite.

Präsident Medvedev versucht, das gesellschaftliche Klima und die sozialen Beziehungen in Russland zu verändern. Die Novaja gazeta und einige andere Medien versuchen, die Korruption zu bekämpfen. Ich baue auf die Unterstützung Ihres Forums bei der Schaffung einer internationalen Organisation, einer Art von Informations-Interpol, zur Bekämpfung der Korruption.

Als Kopelew sein Gerichtsurteil hörte, sagte er zu den Staatsanwälten: „Unbegreiflich, wo ist da die Gerechtigkeit?“ Heute scheint allmählich klar zu werden, wo die Gerechtigkeit ist. Oder immer noch nicht?

Ein Krimineller kritisierte Kopelew im Lager und sagte: „Ich bin zwar ein Dieb, aber ich bin ein Patriot.“ Es ist die höchste Zeit Diebstahl, Korruption und Patriotismus voneinander zu trennen.

 

Aus dem Russischen von Nadja Simon, Pulheim

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