Titelbild Osteuropa 6/2009

Aus Osteuropa 6/2009

Das religiöse Amt des Schriftstellers
Häresien bei Gogol’, Dostoevskij und Tolstoj

Ulrich Schmid

Abstract

Die russischen Autoren des 19. Jahrhunderts zeichnen sich durch einen starken sozialkritischen Impetus aus. Viele literarische Gesellschaftsentwürfe sind religiös unterfüttert, empfehlen aber unorthodoxe Wege für die Vervollkommnung der Volksgemeinschaft: Gogol’ predigt Askese und Selbstkasteiung, Dostoevskij fordert die Verbrüderung aller Menschen unter russischer Ägide, Tolstoj lehnt jede Hierarchie ab und will das Böse durch einen radikalen Pazifismus ausmerzen. Diese religiösen Programme bergen verschiedene konfessionelle Affinitäten: Gogol’ nähert sich in seiner Betonung der Apokalypse dem Katholizismus an, Dostoevskijs Furor weist Parallelen zum Protestantismus auf, Tolstojs Ablehnung eines personalen Gottes und sein Quietismus deuten auf eine geistige Nähe zum Buddhismus.

(Osteuropa 6/2009, S. 261–276)