Titelbild Osteuropa 4/2009

Aus Osteuropa 4/2009

Staat und Individuum
Antagonismen der russischen Ideengeschichte

Nikolaj Plotnikov

Abstract

Staat und Individuum werden in Russland als Gegensätze begriffen. Diese antagonistische Vorstellung wird häufig auf eine byzantinische Tradition zurückgeführt. Tatsächlich aber ist sie Erbe einer spezifischen Rezeption westlicher Staatstheorien und Persönlichkeitskonzepte. Mit ihrer Hilfe wird die uneingeschränkte staatliche Macht legitimiert, die im Namen des „Gemeinwohls“ die als tabula rasa begriffene Gesellschaft formen kann. In einem solchen Denken kann das Individuum nicht als Rechtsperson begriffen werden, sondern nur als Ausnahme, als künstlerisches Genie oder als isolierte Randfigur. Dieser ideengeschichtlich tradierte radikale Gegensatz von Staat und Individuum verhindert die Entstehung eines Rechtsstaats, der die Menschenrechte zum Prinzip der eigenen Legitimation erhebt.

(Osteuropa 4/2009, S. 3–16)