Titelbild Osteuropa 2-3/2009

Aus Osteuropa 2-3/2009

Die in der Kälte wohnten
Die litauische Dissidenz 1953–1980

Tomas Venclova

Abstract

Litauen ist nicht Ungarn. Was banal klingt, war grausame Realität. Die UdSSR unterdrückte in den baltischen Sowjetrepubliken den Freiheitswillen noch gewaltsamer als in den ostmitteleuropäischen Satellitenstaaten. Daher erachteten viele national gesinnte Litauer nach der Niederschlagung des Partisanenkampfs gegen die Okkupation offenen Widerstand für sinnlos. Sie verhielten sich scheinbar systemkonform, um mit „organischer Arbeit“ die Grenzen des Erlaubten zu erweitern. Erst in den 1960er Jahren entstanden wieder nennenswerte Untergrundgruppen. Ein Jahr nach der KSZE-Schlussakte von 1975 wagten dann einige Dissidenten, mit der litauischen Helsinki-Gruppe die erste nichtkonspirative Vereinigung Andersdenkender zu gründen. Diese kämpfte – anders als die meisten litauischen Dissidentengruppen – nicht nur für die nationale Unabhängigkeit, sondern auch für die Freiheit des Individuums. Damit legte sie den Grundstein für das moderne Litauen.

(Osteuropa 2-3/2009, S. 41–52)