Titelbild Osteuropa 1/2009

Aus Osteuropa 1/2009

Fragmentierte Erinnerung
Stalin und der Stalinismus im heutigen Russland

Arsenij Roginskij

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Abstract

Die Stalinzeit ist in Russland heute sehr präsent, allerdings meist in idealisierter Weise. Dort, wo sie mit dem Krieg gleichgesetzt wird, steht Stalin für den Sieg; wo man des Terrors gedenkt, stehen die Opfer im Vordergrund. Die Verbrechen und die Täter werden nicht thematisiert. Das hat mit den fehlenden rechtlichen Grundlagen ebenso zu tun wie damit, dass die Unterscheidung von Tätern und Opfern schwer fällt. Dazu kommt eine offizielle Geschichtspolitik, die den Terror als Charakteristikum des Stalinismus marginalisiert und bagatellisiert.

(Osteuropa 1/2009, S. 37–44)

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Fragmented memory

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Die Erinnerung an den Stalinismus ist im heutigen Russland ein so aktuelles wie heikles Thema. Die Buchläden quellen über von belletristischer, publizistischer und pseudohistorischer Literatur zum Lobe Stalins. In Meinungsumfragen wird er unweigerlich unter den drei „herausragendsten Persönlichkeiten aller Zeiten“ genannt, und neuere Schulbücher für den Geschichtsunterricht rechtfertigen Stalins Politik. All das ist zweifellos besorgniserregend. Die Erfolge von Historikern und Archivaren liegen auf der Hand, und doch haben die zu Hunderten veröffentlichten Dokumentensammlungen, wissenschaftlichen Aufsätze und Monographien zum Stalinismus nur wenig Einfluss auf das kollektive Bewusstsein.

Die Gründe dafür liegen zum einen darin, dass es kaum praktische Mechanismen einer solchen Einflussnahme gibt, zum anderen in der Geschichtspolitik der vergangenen Jahre. Der wichtigste Faktor ist aber die besondere Rolle, die der Stalinismus heute im historischen Gedächtnis Russlands spielt.

Was ist hier unter historischem Gedächtnis und unter Stalinismus zu verstehen?

Ich verwende die beiden Begriffe im allgemein gebräuchlichen Sinn: Das historische Gedächtnis ist eine retrospektive Form des kollektiven Bewusstseins. Es formt die kollektive Identität in ihrem Verhältnis zur Vergangenheit. Das historische Gedächtnis benutzt die wirkliche oder imaginäre Vergangenheit als Material: Es wählt Fakten aus, systematisiert sie und baut aus ihnen das, was es als Genealogie der kollektiven Identität darzustellen gewillt ist.

Der Stalinismus ist das System der Staatsführung, die Gesamtheit spezifischer politischer Praktiken unter Stalin. Dieses System hat sich über die Dauer seines Bestehens zwar in manchen Punkten weiterentwickelt, dabei aber eine Reihe charakteristischer Eigenschaften beibehalten. Das hervorstechendste Charakteristikum des Stalinismus, gewissermaßen sein Erkennungszeichen, ist der Terror als universales Mittel zur Lösung jeder beliebigen politischen und sozialen Aufgabe. Gerade durch die staatliche Gewalt, durch den Terror wurde es möglich, den Staat zu zentralisieren, die horizontalen Bindungen in der Gesellschaft zu zerstören und eine hohe vertikale Mobilität zu erreichen, eine Ideologie hart durchzusetzen, sie gleichzeitig aber leicht wieder ändern zu können sowie eine riesige Armee von Arbeitssklaven aufzubauen.

Erinnerung an den Stalinismus ist insofern in erster Linie die Erinnerung an den Staatsterror als systemkonstitutiven Faktor und dessen Zusammenhang mit einer Vielzahl von Entwicklungen und Ereignissen der Zeit. Aber gilt dies tatsächlich für die Erinnerung an den Stalinismus, wie sie heute in Russland gepflegt wird?

Opfer ohne Täter

Erinnerung an den Stalinismus heißt in Russland fast immer Gedenken an die Opfer. Die Erinnerung an das Verbrechen selbst wird bislang nicht reflektiert, es gibt darüber keinen Konsens in der Gesellschaft.

Das liegt zum Teil daran, dass das kollektive Bewusstsein hier keine rechtliche Basis findet: Es gibt keinen eindeutigen staatlichen Rechtsakt, der den Staatsterror als   Verbrechen qualifizieren würde. Zwei Zeilen in der Präambel zu dem 1991 verabschiedeten Gesetz über die Rehabilitation der Opfer reichen dafür offensichtlich nicht aus. Es liegen keine auch nur im mindesten vertrauenerweckenden Gerichtsurteile zu dieser Problematik vor. Im neuen Russland wurde kein einziger Prozess gegen die Vollstrecker des stalinistischen Terrors geführt. Doch dies ist nicht der einzige Grund.

Jede Aufarbeitung historischer Tragödien im kollektiven Bewusstsein basiert auf der Verteilung der Rollen von Gut und Böse und der Identifikation mit einer dieser beiden Rollen. Am einfachsten ist es, sich mit dem Guten zu identifizieren, also mit den unschuldigen Opfern oder, noch besser, mit dem heldenhaften Kampf gegen das Böse. Eben deshalb haben übrigens die westlichen Nachbarn Russlands, von der Ukraine über Polen bis zu den baltischen Ländern, weniger Probleme mit der Aufarbeitung der Sowjetzeit als Russland selbst: Sie identifizieren sich mit den Opfern oder den Kämpfern oder mit beiden gleichzeitig. (Ob diese Identifikation immer mit dem historischen Wissen übereinstimmt, ist eine andere Frage – doch unser Thema ist nicht Wissen, sondern Erinnerung.) Man kann sich andererseits auch mit dem Bösen identifizieren, wie es – wenn auch nicht ohne Anstoß von außen – die Deutschen getan haben, um sich dann von diesem Bösen zu distanzieren: „Ja, das waren leider wir, aber jetzt sind wir nicht mehr so und werden es auch in Zukunft nicht mehr sein.“ Doch was sollen wir, die wir in Russland leben, tun?

Im sowjetischen Terror lassen sich Täter und Opfer nur sehr schwer voneinander trennen. So waren die Leiter der Parteigebietskomitees im August 1937 ausnahmslos alle Mitglieder von „Trojkas“ und unterschrieben Todesurteile am Fließband.[1] Im November 1938 aber war die Hälfte von ihnen selbst schon Erschießungen zum Opfer gefallen.

Dazu kommt, dass „Täter“ wie die Gebietssekretäre im Jahr 1937 im nationalen und insbesondere im regionalen historischen Gedächtnis keineswegs nur eindimensional als Bösewichter erinnert werden: Jemand hat vielleicht Todesurteile unterschrieben, aber andererseits hat er auch für den Bau von Kindergärten und Krankenhäusern gesorgt und ist persönlich durch die Arbeiterkantinen gegangen, um das Essen zu testen,  und am Ende haben ihn auch noch irgendwelche Feinde erschossen.

Ein dritter Punkt ist schließlich, dass sich der sowjetische Terror im Unterschied zu dem der Nazis, die vor allem „Fremde“ ermordeten – auch die deutschen Juden waren ja in gewissem Maß „fremd“ – vorwiegend gegen die eigenen Leute richtete. Gegen diese Erkenntnis sträubt sich das Bewusstsein.

In der Erinnerung an den Terror fällt die Verteilung der Hauptrollen schwer, wir können nicht entscheiden, wer „wir“ und wer „die anderen“ sind. Diese Unmöglichkeit, das Böse abzuspalten, ist das wichtigste Hindernis für die Ausbildung einer funktionierenden Erinnerung an den Terror. Der traumatische Charakter dieser Erinnerung wird dadurch vertieft und sie selbst an den Rand des historischen Gedächtnisses gedrängt.

Gedächtnis ohne Zeitzeugen

Auf einer bestimmten Ebene ist die Erinnerung an den Stalinismus im Verschwinden begriffen: Es gibt zwar noch Zeitzeugen, aber sie sind die letzten. Allmählich sterben sie aus, und mit ihnen stirbt die persönliche Erinnerung, die persönlich erlebte Vergangenheit.

Das Erinnerungs-Gedächtnis wird von einem Gedächtnis der kollektiven Vergangenheitsbilder abgelöst, die nicht mehr von persönlichen oder familiären Erinnerungen geprägt sind, sondern von verschiedenen soziokulturellen Mechanismen. Dazu gehört vor allem die Geschichtspolitik, also gezielte Bemühungen der politischen Eliten, wie sie schon seit den 1990er Jahren zu beobachten sind. Damals begann die Staatsmacht ihre Legitimation in der Vergangenheit zu suchen. Zunächst sparte diese ideologische Suche die Sowjetzeit aus: Zu frisch war der antistalinistische, antikommunistische Impetus der Perestrojka-Jahre. Stattdessen bot man der Gesellschaft andere leuchtende Bilder der Vergangenheit an – von einer holzschnittartigen Version der petrinischen Reformen bis zu einer ebenso groben Vorstellung von den Stolypinschen Reformkonzepten – ohne Erfolg.

Das Problem war, dass dem Legitimitätsdefizit der Staatsmacht nach dem Zerfall der Sowjetunion ein Identitätsdefizit der Bevölkerung gegenüberstand. Beide, die Staatsmacht wie die Bevölkerung, versuchten diese Defizite mit einem Bild von Großrussland zu kompensieren, als dessen Nachfolger das heutige Russland figurierte. Da sich eine solche Kontinuität jedoch schwer aufrecht erhalten lässt, wenn man eine mehr als siebzigjährige Zeitspanne schlicht überspringt, wurde die Erinnerung an die Sowjetzeit und nicht zuletzt auch die Stalinzeit im kollektiven Bewusstsein langsam und unterschwellig zu einem Teil des Bildes von Großrussland.

Die Putin-Führung erspürte diese Bereitschaft zu einer neuen Rekonstruktion der Vergangenheit und nutzte sie in vollem Umfang aus. Das heißt noch nicht, dass die Staatsmacht es in den 2000er Jahren darauf anlegte, Stalin zu rehabilitieren. Es ging lediglich darum, den Bürgern die Idee eines Großen Landes anzubieten, dessen Größe die Epochen überdauert und das aus allen Prüfungen ehrenhaft hervorgeht. Das Bild einer glücklichen, ruhmreichen Vergangenheit war notwendig, um die Gesellschaft zu integrieren, die unanfechtbare Autorität der Staatsmacht wiederherzustellen, die „Machtvertikale“ zu stärken – und doch tauchte vor dem Hintergrund des neu erstandenen Bildes von der wie eh und je „von Feinden umzingelten“ Großmacht auch das schnurrbärtige Profil des großen Führers wieder auf. Diese Entwicklung war so unausweichlich wie logisch.[2]

Damit traten zwei Bilder der Stalinzeit in eine harte Konkurrenz: zum einen das vom Stalinismus als einem kriminellen Regime, das für jahrzehntelangen staatlichen Terror verantwortlich war, und zum anderen das Bild einer Epoche der ruhmreichen Siege und großen Errungenschaften. An erster Stelle stand dabei natürlich der größte Sieg von allen, der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg.

Stalinzeit = Kriegszeit?

Gerade die Erinnerung an den Krieg spielte bei der Reorganisation der nationalen Identität eine tragende Rolle. Über dieses Thema ist viel geschrieben worden; ergänzend hier nur eine Bemerkung: Was man heute „Erinnerung an den Krieg“ nennt, ist eigentlich etwas anderes. Die Erinnerung an die Not und den Alltag des Krieges, an das Jahr 1941, an Gefangenschaft und Evakuierung und schließlich an die Opfer, diese Erinnerung hatte bis Mitte der 1960er Jahre einen scharf anti-stalinistischen Tenor. Sie war damals eng mit der Erinnerung an den Terror verbunden. Heute dagegen ist an die Stelle der Erinnerung an den Krieg die Erinnerung an den Sieg getreten. Diese Umkodierung setzte unmittelbar nach Chruščevs Sturz ein. Bald darauf, schon Ende der 1960er Jahre, stand die Erinnerung an den Terror erneut unter Verschluss – für weitere zwanzig Jahre. Doch erst jetzt, da die ehemaligen Frontsoldaten fast alle tot sind und niemand mehr da ist, der die kollektiven Stereotypen an seinen eigenen Erinnerungen messen kann, kommt die Umdeutung zum Abschluss.[3]

Eine Erinnerung an den Sieg ohne Erinnerung an dessen Preis kann sich selbstverständlich nicht gegen Stalin richten. Mit der Erinnerung an den Terror passt sie deshalb schlecht zusammen. Stark vereinfacht kann man den Erinnerungskonflikt etwa so zusammenfassen: Wenn der Staatsterror ein Verbrechen war, wer war dann der Verbrecher? Der Staat? Der Mann an seiner Spitze, also Stalin? Aber wer einen Krieg gegen das Böse-an-sich gewinnt, gehört doch wohl nicht einem kriminellen Regime an, sondern zwangsläufig einem Großen Land, der Verkörperung des Guten schlechthin? Unter Stalins Führung haben wir Hitler überwunden. Der Sieg ist die Stalinzeit, aber auch der Terror ist die Stalinzeit. Diese beiden Bilder der Vergangenheit zu verbinden war schlechterdings unmöglich – es sei denn um den Preis, dass eines von ihnen verdrängt oder erheblich modifiziert würde.

Das Endergebnis war genau dieses: Die Erinnerung an den Terror trat in den Hintergrund. Sie ist nicht völlig verschwunden, spielt aber im kollektiven Bewusstsein nur noch eine marginale Rolle. Allerdings ist es unter den gegebenen Umständen erstaunlich, dass sie überhaupt überlebt hat und nicht zum großen Tabu der Nation wurde, dass sie weiterexistiert und sich entwickelt.

Formen des Gedenkens: Opfergeschichten

Das erste und sichtbarste Zeugnis der Erinnerung an historische Ereignisse sind Denkmäler. Entgegen verbreiteter Vorstellungen gibt es in Russland nicht wenige Denkmäler und Gedenktafeln zur Erinnerung an den Terror unter Stalin. Insgesamt sind es mindestens 800.[4] Die meisten von ihnen gehen allerdings auf zivilgesellschaftliche und lokale Initiativen zurück; die zentralen staatlichen Behörden beteiligen sich an der Memorialisierung des Terrors so gut wie gar nicht. Sie gilt nicht als vorrangige Aufgabe des Staates, und man befürchtet wohl auch, ein so heikles Thema zusätzlich zu legitimieren.

Die zahlreichen Skulpturen, Kapellen, Kreuze und Gedenksteine, die es dennoch gibt,  verewigen das Gedenken an die Opfer. Das Bild des Verbrechens oder der Verbrecher fehlt darin völlig. Die Opfer erscheinen als Opfer einer Naturgewalt oder einer anderen Katastrophe, deren Ursprung und Sinn dem kollektiven Bewusstsein verschlossen bleibt.

In den Städten finden sich die meisten dieser Denkmäler oder Gedenktafeln nicht auf zentralen Plätzen, sondern an abgelegenen Orten, dort, wo auch die Überreste der Erschossenen begraben sind. Zugleich tragen viele zentrale Straßen noch heute die Namen derer, die den Terror direkt oder indirekt ins Werk gesetzt haben. Wer die aus der Sowjetzeit übernommenen, bis heute gültigen städtischen Toponyme in Beziehung setzt zu dem an die Stadtränder abgeschobenen Gedenken an die Opfer, erhält ein anschauliches Bild von Russlands historischem Gedächtnis, soweit es den Stalinismus betrifft.

Ein zweiter Grundpfeiler des Gedenkens an den Stalinismus sind Erinnerungsbücher. Diese Bücher erscheinen heute in den meisten Regionen Russlands und bilden bereits eine kleine Bibliothek mit fast 300 Bänden. Sie enthalten zusammen genommen mehr als eineinhalb Millionen Namen von Hingerichteten, zu Lagerhaft Verurteilten und Deportierten. Das ist ein wichtiger Erfolg, vor allem wenn man den schwierigen Zugang zu vielen russländischen Archiven in Betracht zieht.

Allerdings tragen diese Bücher zur Bildung eines nationalen historischen Gedächtnisses so gut wie nichts bei. Zum einen sind sie regional ausgerichtet und vermitteln weniger eine Vorstellung von der nationalen Katastrophe als vom „lokalen“ Unglück. Der regionalen Zersplitterung entspricht auch methodologische Uneinheitlichkeit: Jedes Erinnerungsbuch hat seine eigenen Quellen, seine eigenen Auswahlprinzipien, seinen eigenen Umfang und sein eigenes Format, was die Präsentation der biographischen Daten angeht. Das liegt daran, dass es kein einheitliches staatliches Editionsprogramms für diese Bücher gibt. Auch hier drücken sich die zentralen staatlichen Behörden vor ihrer Pflicht. Zum zweiten handelt es sich hier faktisch um ein nicht-öffentliches Gedenken. Die Bücher erscheinen in winzigen Auflagen und finden oft nicht einmal den Weg in die regionalen Bibliotheken.

Vor kurzem hat Memorial eine Datenbank ins Internet gestellt, die diese Erinnerungsbücher zusammenfasst und durch Daten des russländischen Innenministeriums sowie eigene Daten ergänzt.[5] Dort finden sich derzeit mehr als 2,7 Millionen Namen. Angesichts der Dimensionen des sowjetischen Terrors ist diese Zahl sehr niedrig. Wenn die Arbeit an der Datenbank im selben Tempo weitergeht, dann wird es noch mehrere Jahrzehnte dauern, bis die Liste vollständig ist.

Auch bei den Museen ist die Lage nicht so schlecht, wie man erwarten könnte. Ein nationales Museum des Staatsterrors, das eine wichtige Rolle bei der Verankerung der historischen Tatsachen im kollektiven Bewusstsein spielen könnte, gibt es zwar nach wie vor nicht, und auch die regionalen Museen, in denen der Terror das Hauptthema ist, zählen weniger als zehn. Trotzdem ist das Thema Terror in Ausstellungen, vor allem aber in den Beständen von etwa 300 im ganzen Land verstreuten Museen präsent (vorwiegend sind dies Museen auf Kreisebene und städtische Heimatmuseen).

Die allgemeinen Probleme mit der Erinnerung an den Terror zeigen sich aber auch hier. In den Ausstellungen werden Lager und Zwangsarbeitssiedlungen meist im Rahmen der Industrialisierung der Region abgehandelt, während die Repressionen als solche – Verhaftungen, Verurteilungen, Erschießungen – als biographische Informationen an Stellwänden und Vitrinen gezeigt werden. Insgesamt ist die Darstellung des Terrors sehr fragmentarisch und nur bedingt in die Geschichte des Landes eingebunden.

Zu den Erinnerungsorten zählen heute in erster Linie Grabstätten, etwa die Massengräber für die während des Großen Terrors Erschossenen und große Lagerfriedhöfe. Doch das Geheimnis, das die Erschießungen umgab, war groß, und bisher wurden nur wenige Quellen zu diesem Thema entdeckt. Derzeit sind etwa 100 Begrabungsstätten von Erschießungsopfern der Jahre 1937–1938 bekannt – nach unseren Berechnungen weniger als ein Drittel der Gesamtzahl. So weiß man heute trotz jahrelanger Bemühungen von speziellen Suchtrupps noch nicht einmal, wo die Opfer der berüchtigten „Kašketinschen Erschießungen“ in der Nähe der Backsteinfabrik bei Vorkuta begraben sind. Was die Lagerfriedhöfe betrifft, kennen wir von den Tausenden, die einst existierten, nur einige Dutzend.

Aber auch die Friedhöfe gehören zur Erinnerung an die Opfer. Städtische Bauwerke dagegen, die Teil der Infrastruktur des Terrors waren – etwa erhaltene Gebäude der Gebiets- und Kreisleitungen von OGPU und NKVD, Gefängnisse und Lagerverwaltungen – werden nicht zu Erinnerungsorten. Dasselbe gilt für von politischen Gefangenen erbauten Industrieobjekte, also Kanäle, Eisenbahnen, Bergwerke, Fabriken, Kombinate und Wohnhäuser. Es wäre sehr einfach, sie zu Erinnerungsorten zu machen – man bräuchte nur eine Gedenktafel am Eingangstor einer Fabrik oder an einem Bahnhofsgebäude anzubringen.

Geschichte und Massenkultur

Ein weiterer Weg, über den das kollektive Bewusstsein Geschichtsbilder und -kon­zepte bezieht, ist die Massenkultur, vor allem natürlich das Fernsehen. Es gibt sehr viele und sehr unterschiedliche Fernsehsendungen über die Stalinzeit. Prostalinistischer Glamourkitsch wie die Serie „Stalin live“ konkurriert auf einer Ebene mit intelligenten und durchaus soliden Šalamov- und Solženicyn-Verfilmungen. Die Fernsehzuschauer können wählen, welche Interpretation der Epoche ihnen am meisten zusagt. Allerdings scheinen sich immer mehr von ihnen für „Stalin live“ und immer weniger für Šalamov zu entscheiden. Das liegt wohl weniger an den Geschichtssendungen selbst als an anderen Programmen, etwa den Nachrichtensendungen und der sogenannten politischen Analyse. Jemand, dessen Weltbild von der antiwestlichen Rhetorik und den endlosen Beschwörungen Russlands als eines großen, aber von Feinden umgebenen und im Inneren von einer „fünften Kolonne“ bedrohten Landes aus dem Mund der Fernsehpolitologen geprägt ist, wählt von sich aus das Bild der Vergangenheit, das zu diesem Weltbild am besten passt. Davon kann ihn kein Šalamov und kein Solženicyn abbringen.

Geschichtspolitik in der Praxis

Mit die wichtigste Institution der Konstruktion kollektiver Vergangenheitsbilder ist schließlich der Geschichtsunterricht in der Schule. Die staatliche Geschichtspolitik ist hier – wie auch in einem großen Teil der dokumentarischen Fernsehsendungen, aber anders als in vielen der oben erwähnten Bereiche – durchaus aktiv. Die Art dieser Aktivität lässt einen allerdings darüber nachdenken, ob Passivität in Bezug auf das historische Gedächtnis nicht allemal weniger gefährlich ist als dessen politische Instrumentalisierung.

In neueren Geschichtslehrbüchern kommt der Stalinismus als System vor. Auf den ersten Blick ist das ein Fortschritt. Aber der Terror wird dort als historisch notwendiges und alternativloses Mittel zur Lösung staatlicher Aufgaben dargestellt. Dieses Konzept schließt Mitgefühl mit den Opfern des Molochs zwar nicht aus, blendet die Frage nach dem verbrecherischen Charakter des Terrors und nach dem Subjekt dieses Verbrechens aber grundsätzlich aus.

Dies ist nicht das Ergebnis einer gezielten Idealisierung Stalins, sondern eher eine Nebenwirkung eines anderen ideologischen Programms: der Durchsetzung des Gedankens, dass die Staatmacht immer im Recht ist. Die Staatsmacht steht in dieser Sicht über jedem ethischen und juristischen Urteil. Sie unterliegt per definitionem keiner Gerichtsbarkeit, weil sie von staatlichen Interessen geleitet wird, die höher als die Interessen des einzelnen und der Gesellschaft stehen, höher als Moral und Recht. Der Staat hat immer recht – zumindest, solange er mit seinen Feinden fertig wird. Dieser Gedanke durchzieht die neueren Lehrbücher von Anfang bis Ende, nicht nur dort, wo von Repressionen die Rede ist.

Resümee

Wenn wir von einem historischen Gedächtnis in Russland sprechen können, dann von einem zersplitterten, fragmentierten, aussterbenden und an den Rand des kollektiven Bewusstseins gedrängten. Eine Erinnerung an den Stalinismus in unserem Sinn gibt es allenfalls in den engeren Kreisen der Intelligencija. Ob diese Erinnerung eine Chance hat, von der ganzen Nation geteilt zu werden, welche Fakten und welche Werte das kollektive Bewusstsein sich dafür aneignen müsste und welche Voraussetzungen dafür nötig sind (wenn man denn beschließt, dass sie nötig sind), ist eine andere Frage. Fest steht, dass Gesellschaft und Staat hier zusammenarbeiten müssten, und fest steht auch, dass den Historikern in diesem Prozess eine besonders wichtige Rolle zukommt. Entsprechend groß ist auch ihre Verantwortung.

 

Aus dem Russischen von Jens Siegert, Moskau

 


Arsenij Roginskij (1946), Vorsitzender von Memorial, Moskau. Der Beitrag basiert auf einem Vortrag, den Arsenij Roginskij auf der internationalen Konferenz „Istorija Stalinizma. Itogi i problemy izučenija (Geschichte des Stalinismus. Ergebnisse und Probleme der Forschung) hielt; sie fand vom 5. bis 7. Dezember 2008 in Moskau statt. Für die vorliegende Publikation wurde der Text leicht bearbeitet und von der Redaktion mit Anmerkungen versehen.

[1]   Die Trojkas waren Dreierkommissionen aus einem NKVD-Mitarbeiter, einem Parteisekretär und einem Staatsanwalt, die als Sondergerichte während des Massenterrors 1937–1939 für die Verhängung der Urteile verantwortlich waren.

[2]   Lev Gudkov: Die Fesseln des Sieges. Rußlands Identität aus der Erinnerung an den Krieg, in: Kluften der Erinnerung. Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg [= Osteuropa, 4–6/2005], S. 56–72.

[3]   Boris Dubin: Goldene Zeiten des Krieges. Erinnerung als Sehnsucht nach der Brežnev-Ära, in: Kluften der Erinnerung. Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg [= Osteuropa, 4–6/2005], S. 219–234.

[4]   Über 250 dokumentiert der in Zusammenarbeit mit Memorial entstandene und von der Stiftung Aufarbeitung herausgegebene Band: Erinnerungsorte an den Massenterror 1937/38. Berlin 2007. Eine Übersicht über die Gedenkstätten bietet die Homepage von Memorial: <http://www.memo.ru/memory/martirol/index.htm>.

[5]   Žertvy političeskogo terrora v SSSR; <http://lists.memo.ru/>.

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