Titelbild Osteuropa 4/2006

Aus Osteuropa 4/2006

Die Zukunft erinnern
Gedenken an Tschernobyl

Guillaume Grandazzi

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Abstract

Tschernobyl hat das Wesen der Katastrophe verändert. Für Millionen von Menschen, die in den kontaminierten Gebieten leben, ist der Unfall der sichtbaren Gestalt des Geschehenen beraubt. Anders als nach dem Zweiten Weltkrieg ist es für die Menschheit unmöglich geworden, auf ein "Nie wieder!“ zurückzugreifen. Die Katastrophe ist in der Welt. Tschernobyl hat der Menschheit bewußt gemacht, was das Leben in der "Risikogesellschaft“ bringen kann. Die "Apokalypse-Blindheit“ des Menschen, die Günther Anders zu den wesentlichen Merkmalen des Atomzeitalters zählt, erschwert es, die Katastrophe zu verstehen und aus ihr zu lernen.

(Osteuropa 4/2006, S. 7–18)

Volltext

Wir· schicken uns an, der Katastrophe von Tschernobyl zu gedenken. Schon zum zwanzigsten Mal. Erst zum zwanzigsten Mal. Wahrscheinlich schenkt man diesem wichtigen Ereignis des 20. Jahrhunderts im Jahr 2006 unverhältnismäßig viel mehr Aufmerksamkeit, als es sonst jedes Jahr Ende April für einige Tage in den Medien und der Öffentlichkeit findet. An die Stelle der allgemeinen Gleichgültigkeit wird ein Interesse treten, das den zahlreichen Veröffentlichungen, Radio- und Fernsehsendungen und den vielfältigen Veranstaltungen zu verdanken ist, die in vielen Ländern Teil dieser Gedenkwut sein werden. Und warum auch sollten all jene, die seit Jahren die Folgen dieser Katastrophe zu erfassen versuchen, sowie jene, die über die gesellschaftliche und politische Entwicklung der osteuropäischen Staaten nachdenken, nicht die Gelegenheit ergreifen, durch die Konjunktur der Neugier, die ein solcher „Geburtstag“ und die mediale Mobilisierung rund um den Jahrestag weckt, um eine größere Öffentlichkeit zu sensibilisieren, zu informieren und zum Nachdenken anzuregen? Doch das Gedenken wird sicher auch mit einer spektakulären Vermarktung des sozialen und historischen Gedächtnisses dieses Unfalls und, schlimmer noch, seiner Opfer, einhergehen. So hat kürzlich die große internationale Agentur Corbis die Urheberrechte an den Bildern von Igor’ Kostin erworben, dem wir die erste Aufnahme des aufgerissenen Reaktors verdanken und der als einziger Fotograf in den ersten Tagen nach dem Unfall regelmäßig am Kraftwerk war. Auch andere werden die Gelegenheit ergreifen, ihr Tschernobyl-Business aufzuziehen. Sobald die Gedenkveranstaltungen vorbei sind, wird ihr „Interesse“ an dieser Katastrophe rasch nachlassen und sich lukrativeren Zielen zuwenden. Zwar beruhen die meisten Initiativen keineswegs auf Heuchelei und kommerziellem Zynismus, doch kann man nicht umhin, sich nach dem Sinn und den Risiken dieser Fokussierung auf den Gedenktag des Unfalls zu fragen, die ja ein Verständnis der Katastrophe nicht unbedingt erleichtert. Denn Tschernobyl ist mehr als ein technischer Unfall, der sich vor zwanzig Jahren ereignete. Tschernobyl ist eine Katastrophe, die sich in der Gegenwart ausbreitet und die Zukunft bestimmt. Je weiter der Zeitpunkt des Unglücks zurückliegt, je mehr die Erinnerungen daran verblassen, je mehr Zeugen sterben, desto mehr Anzeichen gibt es für seine Aktualität und für die Gegenwärtigkeit dieser Katastrophe. Gerade diese Zeichen stellen ein Problem für das Gedenken an eine Vergangenheit dar, die nicht vergeht. So bedeutet Gedenken nur allzuoft lediglich ein Erinnern an ein Ereignis. Das rituelle Beschwören des Unglücksdatums birgt die Gefahr, eine der wesentlichen Eigenschaften dieser völlig neuartigen Katastrophe zu verdecken: Im Gegensatz zu den Katastrophenerfahrungen der Vergangenheit gab es im Falle Tschernobyls für die meisten Opfer der radioaktiven Kontamination – mit Ausnahme des Betriebspersonals des Atomkraftwerks, der Feuerwehrleute und der Anwohner, die direkte Zeugen des Unfalls waren – kein kausal erlebbares, ursprüngliches Ereignis. Tschernobyl hat das Wesen der Katastrophe verändert: Es gibt kein Schlachtfeld, keine zerstörten Städte, doch eine für immer erstarrte Stadt – Pripjat – und ein Krieg ohne Feind, in dem die „Helden“ – etwa 800 000 sogenannte Liquidatoren – zugleich die Besiegten waren. Den Millionen Einwohnern der kontaminierten Gebiete fehlt bis heute ein Referenzpunkt, auf den sie ihr Gedenken richten können, denn der Unfall ist der sichtbaren Gestalt des Geschehenen beraubt. Das Geschehen ist zunächst das tägliche Leben, die Tatsache, mit einem Schlag in eine Welt eingetaucht worden zu sein, in der neue Regeln und Verbote gelten. Der Alltag ist so neuartig, daß er selbst das Ereignis ist. In einem weiteren Sinne kann die Umsiedlungspolitik als das auslösende Ereignis gesehen werden. Anfangs wurden die Menschen aus der unmittelbaren Umgebung des AKW evakuiert, dann aus immer weiter entfernten Gebieten. Alle Betroffenen erlebten diese Umsiedlung als traumatische Entwurzelung. Tschernobyl meint somit die neue condition humaine für Millionen Überlebender, die dazu verdammt sind, in dauerhaft kontaminierten Regionen zu wohnen. Nur in diesem Sinne kann man Tschernobyl im Rückblick als Ereignis im Sinne Hannah Arendts verstehen, als eine Gründungstatsache, als einen Bruch in der Geschichte, der die ganze Menschheit mit einer qualitativen Veränderung ihrer Lebensbedingungen konfrontiert, als „anthropologischen Schock“. Memorialisierung und Banalisierung einer Katastrophe Wie soll man einer im Werden begriffenen Katastrophe gedenken? Die Jahrestage technologischer Katastrophen werden zumeist zum Anlaß genommen, die Geschichte dieser Tragödien neu zu schreiben und das Ausmaß der Folgen neu zu bestimmen. Diese Bilanz kann im Falle Tschernobyls immer nur vorläufig sein. Die symbolische Organisation solcher Jahrestage offenbart die Zukunft der Katastrophen und der von ihr betroffenen Bevölkerung – und entscheidet über sie. Entsprechend wird der 20. Jahrestag des Reaktorunfalls in Tschernobyl von den internationalen Institutionen sorgfältig vorbereitet. Schon im Spätsommer 2005 haben sie den Ton vorgegeben und die Vorbereitung zahlreicher Gedenkfeiern angestoßen. Nur wenige Wochen zuvor hatten die Gedenkfeiern anläßlich der 60. Jahrestage der Bombardierungen von Hiroshima und Nagasaki 1945 stattgefunden, die uns daran erinnerten, wie die westliche Zivilisation ins Atomzeitalter und die Menschheit in die Ära ihrer eigenen Restlaufzeit eingetreten sind. Denn wenn das Atomzeitalter eine Geschichte hat, die sich nicht ignorieren läßt, dann ist Tschernobyl zweifellos eines ihrer zentralen Ereignisse, dessen Einzigartigkeit und paradigmatische Dimension wir nicht außer acht lassen dürfen. Die durch die radioaktiven Niederschläge verseuchten Gebiete bezeugen als riesiges Freiluftlaboratorium das, was Günther Anders vor fast genau fünfzig Jahren über die Atombombe schrieb: Was man „Experimente“ nenne, seien von nun an „Stücke unserer Wirklichkeit“ . Der Unfall von Tschernobyl war tatsächlich das Ergebnis eines mißlungenen Experiments, und er hat die Bewohner der kontaminierten Gebiete zu der schmerzlichen Feststellung gezwungen, daß die Folgen dieses Experiments Stücke ihrer Wirklichkeit sind. Er hat sie somit gleichsam zu neuen Versuchskaninchen des Atomzeitalters gemacht. Zwanzig Jahre leben die Menschen in Belarus mit der Katastrophe, und die quälende Frage, die die Bewohner sich und natürlich auch den „aufgeklärten“ Experten auf der Durchreise stellen – „Können wir hier leben?“ – bleibt zumeist unbeantwortet. Sie stürzt denjenigen, der seine Meinung – für die Fragenden ein Urteil – abgeben soll, unweigerlich in tiefe Ratlosigkeit. Das Schicksal von mehr als acht Millionen betroffenen Menschen wird somit bis heute und zukünftig zu großen Teilen davon bestimmt, wie Experten die Lage beurteilen und diese immer wieder gestellte Frage beantworten. Und sähen sie sich dann aus Gründen der Vorsicht gezwungen zu sagen, man könne dort nicht leben, so stünden die Einwohner vor einer schrecklichen Alternative ohne jeden Entscheidungsspielraum: der doppelten Unmöglichkeit, an ihrem Ort zu wohnen und ihren Ort zu verlassen. Indes unterscheidet sich der Diskurs, den die sogenannte scientific community pflegt – ein Begriff, der angesichts der tiefen Meinungsverschiedenheiten über die Folgen von Tschernobyl hier eigentlich verpönt sein sollte –, diametral von jenem der Behörden der betroffenen Länder und der internationalen Institutionen. Es ist hier nicht der Platz, die offizielle Bilanz der Unglücksfolgen und die als „endgültig“ bezeichneten Lösungen im einzelnen zu diskutieren, die das Tschernobyl-Forum im September 2005 im Hinblick auf den 20. Jahrestag veröffentlicht hat. Dieses Dokument ist jedoch auch jenseits der konkreten Fragen, die es anspricht, äußerst charakteristisch. Es zeigt auf, wie das Erinnern normiert werden soll, und zwingt uns, über unsere (Un)fähigkeit nachzudenken, Lehren aus Katastrophen zu ziehen. Es ist darüber hinaus ein beredtes Zeugnis von dem Verhältnis der wissenschaftlich-technischen Gesellschaft zu ihrer katastrophischen Entwicklung. Die Schlußfolgerungen von IAEA und WHO sollen „beruhigen“, indem sie zwar nicht die realen Folgen der Katastrophe relativieren, wohl aber das Bild dieser Folgen in den Augen der Öffentlichkeit und auch der Opfer. Es scheint, als habe man es hier, wie Yves Lenoir schon zehn Jahre nach dem Reaktorunfall schrieb, mit der „Optimierung einer Tragödie“ zu tun, das heißt einer gezielten Verharmlosung der durch die Radioaktivität ausgelösten Gesundheitsprobleme und der mit dem Leben in kontaminierten Gebieten verbundenen Gefahren. Die Berichte des Tschernobyl-Forums sind Teil einer bestimmten Informationsstrategie. Es handelt sich um Erzählungen , die eine bestimmte Version der – vergangenen und künftigen – Geschichte durchsetzen sollen, um die politischen Maßnahmen zur Bewältigung der Unfallfolgen und zur Wiederbelebung der Landwirtschaft und der Ökonomie in den betroffenen Gebieten zu legitimieren. Im Zentrum dieser Strategie stehen die trotz der bisweilen löblichen Absichten der Initiatoren und Akteure stark instrumentalisierten Sanierungsprogramme. Selten wohl sind veröffentlichte Zahlen derart häufig nach unten korrigiert worden, ob es sich nun um eingetretene oder prognostizierte Todesfälle , diagnostizierte oder erwartete Krebserkrankungen oder auch um die Anzahl der Liquidatoren sowie der Einwohner der verstrahlten Gebiete handelt. Ich werde hier nicht die neuen „Daten“ nennen, die in den Medien ausreichend verbreitet wurden oder noch werden und einer immer schwerer aufzulösenden Kontroverse Nahrung bieten. Sie sind zu beleidigend für die Opfer, denen durch die Veröffentlichung dieser Informationen symbolisch Gewalt angetan wird, vergleichbar nur mit jener Gewalt, die sie erdulden mußten, als man sie vor gar nicht so langer Zeit der „Radiophobie“ bezichtigte. Zwar wurde dieser Begriff inzwischen fallengelassen. Doch wenn heute von „mentalen Gesundheitsproblemen“ und psychosomatischen Ursachen geredet wird, die vielen Krankheiten zugrunde lägen, so zeigt das, daß nur der Begriff aufgegeben wurde, das Argumentationsmuster aber – die gesundheitlichen Probleme, die im Zusammenhang mit dem Unfall stehen, zu psychiatrisieren – ist immer noch präsent. Man könnte dies als „Leugnen des nuklearen Holocausts“ bezeichnen, das um so gefährlicher ist, als es von den wichtigsten Instanzen der internationalen Öffentlichkeit als offizielle Wahrheit anerkannt wird. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an die IAEA und ihren Direktor wenige Wochen, nachdem der Bericht des Tschernobyl-Forums veröffentlicht wurde, läßt kaum hoffen, daß sich diese mächtige Organisation eines Tages wegen der revisionistischen Standpunkte Gedanken macht, die sie – und zwar beständig – seit 1986 im Hinblick auf die Folgen der Katastrophe vertritt und auch in der internationalen Gemeinschaft durchsetzen konnte. In seinem Bericht, den er der 60. Vollversammlung der Vereinten Nationen im November 2005 vorlegte, stellte Kofi Annan klar, worum es bei den Veranstaltungen zum 20. Jahrestag gehen soll: Die Botschaft, welche die Organisatoren zu vermitteln beabsichtigen, wird eine entscheidende Rolle spielen. Nach der neuen Entwicklungsstrategie für Tschernobyl sollten die Gedenkkundgebungen auf die Zukunft gerichtet sein und darauf, Lösungen für die Probleme zu finden, mit denen die vom Unglück betroffenen Orte zu kämpfen haben. Um die Aufmerksamkeit der internationalen Gemeinschaft zu wecken und wachzuhalten, sind Lösungen für ein weiteres Vorankommen mindestens ebenso wichtig wie das Gedenken an die Opfer und die Verluste der Vergangenheit. In seinen Schlußfolgerungen betonte er zudem, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen den internationalen Organisationen und den betroffenen Regierungen sei, um „die Opfer in Kämpfer zu verwandeln und Tschernobyl, bislang ein Symbol der Zerstörung, in ein Symbol des Durchhaltewillens und der Hoffnung.“ Aus Tschernobyl ein Symbol der Hoffnung machen – eine überraschende Idee. Dazu bedarf es mehr, als daß die wichtigsten Akteure des Katastrophenmanagements kooperieren. Dazu bedarf es der Komplizenschaft. Dies scheint bereits geschehen. Dieser Vorschlag steht in deutlichem Gegensatz zu Kofi Annans früherem Appell. In einem symbolisch bedeutsamen Moment, als alle Blöcke des Reaktors im Jahr 2000 stillgelegt wurden und die Versuchung groß war, nun die Akte Tschernobyl zu schließen, rief der UNO-Generalsekretär weniger optimistisch dazu auf, das Vermächtnis von Tschernobyl anzunehmen: „Tschernobyl“ ist ein Wort, das wir alle gern aus unserem Gedächtnis streichen würden. […] Inzwischen glauben sicher viele, die Gefahr sei überstanden. Doch es gibt zwei Gründe, die uns verbieten, einen Schlußstrich unter die Tragödie zu ziehen. Erstens besteht, wenn man Tschernobyl vergißt, die Gefahr, daß sich derartige Industrie- und Umweltkatastrophen wiederholen. Und der zweite Grund ist der, daß mehr als sieben Millionen Mitmenschen nicht das Glück haben, vergessen zu dürfen. Immer noch leiden sie täglich unter den Folgen dessen, was vor vierzehn Jahren geschah. In Wahrheit verfolgt das Erbe von Tschernobyl uns immer noch, uns und unsere Nachkommen, und wird uns noch generationenlang verfolgen. Hiroshima wurde zu einem Friedenssymbol, seit 1945 glaubte man an die Abschreckung. Das Jahr 1986 aber war ein Wendepunkt. Tschernobyl hat der Menschheit die Katastrophen bewußt gemacht, die das Leben in der „Risikogesellschaft“ mit sich bringen kann. Mit einem Schlag wurde klar, daß der Mensch schutzlos in der Welt ist und die Atomkraftwerke, die zuvor als die größte Errungenschaft des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts gefeiert wurden, waren plötzlich „Vorzeichen eines modernen Mittelalters der Gefahr“. Anders als nach dem Zweiten Weltkrieg kann man nicht mehr auf ein „Nie wieder!“ zurückgreifen. Tschernobyl scheint nur die katastrophische Entwicklung zu symbolisieren, die von nun an unseren Erwartungshorizont bestimmt, da die der Menschheit drohenden Gefahren immer konkreter, die Realitätsverweigerung zugleich jedoch immer intensiver wird. Somit wurde unsere Vorstellung von Zeit als linearer Zeit zerstört, weil sie der Realität nicht mehr gewachsen ist. Die Katastrophe von Tschernobyl läßt sich nicht auf einen Punkt in der Vergangenheit fixieren, wo man sie als schlimme, aber vernarbte Wunde des nuklearen Abenteuers betrachten dürfte. Sie zwingt uns, die Zeitachse umzukehren und ein Gedächtnis des Künftigen zu entwickeln, eine Erinnerung an die vom Atom kolonisierte Zukunft. Unser Zeitalter sieht sich daher gezwungen, seine eigene Geschichte unablässig neu zu schreiben, um den Teppich der Zukunft auszurollen und sich seiner Vergangenheit immer wieder neu zu vergewissern, damit es nicht den Boden unter den Füßen verliert. Die Angst, in der die Bewohner der kontaminierten Gebiete leben, könnte man als „stochastische Angst“ bezeichnen. Sie ähnelt dem, was der Psychoanalytiker Donald Winnicott in einem ganz anderen Zusammenhang als „Angst vor dem Zusammenbruch“ bezeichnet hat: die Furcht vor einem vergangenen Ereignis, das noch nicht erlebt worden ist. In dieser Hinsicht sind wir alle Bürger Tschernobyls, denn die kontaminierten Gebiete stehen für eine Welt, die durch die schöpferischen und produktiven Tätigkeiten des Menschen immer weniger bewohnbar wird und in der auch wir wahrscheinlich (über)leben lernen müssen; eine Welt, in der nicht nur die Zukunft unsicher ist, sondern auch der Alltag; eine Welt, in der die einfachsten und banalsten Tätigkeiten – essen, spazierengehen – zu potentiellen „Risikotätigkeiten“ werden. Diese Welt, in der wir zugleich Einheimische – wir haben sie geschaffen und bewohnen sie – und Fremde sind – wir fühlen uns verloren angesichts des völlig Neuen, mit dem sie uns konfrontiert – , droht jedem Land, das auf die Atomenergie setzt und sie durch Risikomanagement zu beherrschen glaubt. Doch immer mehr Menschen werden sich bewußt, wie immens die Bedrohung ist und wie ohnmächtig sie sind, dieser vorzubeugen oder sich zu schützen. So werden Zukunftserwartungen zu Katastrophenerwartungen, ganz gleich ob eine einzige Katastrophe gewaltigen Ausmaßes droht, oder ob die Katastrophe sich heimtückischer, schleichender einstellt, als Katastrophe, die jeden Tag im Gange ist , an dem der wissenschaftliche und technische „Fortschritt“ und die Fortsetzung einer auf Produktivität ausgerichteten Entwicklung der Umwelt Schaden zufügen und die Natur in eine vergiftete und vergiftende, für den Menschen gefährliche Technonatur verwandeln. Was haben wir aus Tschernobyl gelernt? Tschernobyl, Symbol der Hoffnung? Am Ende seiner philosophischen Reise ins Land der Katastrophe, die ihn von Lissabon nach Auschwitz, nach New York und im August 2005 im Rahmen der 1. Europäischen Tschernobyl-Sommeruniversität schließlich auch nach Tschernobyl führte, erklärte Jean-Pierre Dupuy: Die Hoffnung muß verbannt werden, denn das Wort ist zum Synonym für die naive Erwartung geworden, die Technologie werde uns retten, wie sie es ja auch, glaubt man, in der Vergangenheit immer getan habe. Ebendiese Hoffnung beschleunigt den Lauf der Menschheit zu einer großen Panik, der sich niemand mehr entziehen kann. Auch der Durchhaltewille, zu dessen Symbol Kofi Annan Tschernobyl machen will, verweist wie die Hoffnung auf jenen „metaphysischen Stolz der modernen Menschheit“ (Dupuy). Es ist vor allem dieser Stolz, der es den Menschen bislang verbietet, sich auf die Geisteshaltung eines aufgeklärten Katastrophismus einzulassen, in der doch der Schlüssel für unsere Rettung liegen könnte. Der Durchhaltewille aber beruht auf der Überzeugung, mit einer technologisch-wissenschaftlichen Mobilisierung seien alle Probleme zu lösen, denen die Menschheit auf ihrem Fortschrittsmarsch begegnet, diesem „Förderband ins Unabsehbare“ (Peter Sloterdijk). Die Probleme sind jedoch genau jene Risiken und Katastrophen, die wir selbst produzieren und für die wir zumeist die Verantwortung tragen: Daß man zeigt, wie sehr die Menschheit gegen die Katastrophen kämpft, indem sie ihnen vorbeugt und ihre Folgen zu mindern sucht, ändert nichts an der Tatsache, daß sie sie zu einem großen Teil selbst herbeiführt. Das ist der „Teufelskreis“, den der Name „Tschernobyl“ in höchster Ausprägung symbolisiert. Die beruhigende und optimistische Botschaft, welche die offiziellen Gedenkveranstaltungen zum 20. Jahrestag von Tschernobyl aussenden werden, zeugt davon, daß wir aus dieser Katastrophe wenig gelernt haben. Gleichwohl: Der Eintritt ins Atomzeitalter wurde von so vielen begeistert bejubelt, die in ihm keine Erschütterung der Vernunft sahen, sondern einen weiteren Fortschritt im großen Projekt der Moderne – der Beherrschung der Natur und der Triumph des Rationalen. Der Reaktorunfall von Tschernobyl hat nun durchaus ins Bewußtsein gerückt, wie gefährlich der Wunsch ist, alles zu beherrschen. Sowohl der Osten als auch der Westen Europas wurden von einer Vertrauenskrise erschüttert. Denn ist das für unmöglich Gehaltene einmal Gewißheit geworden, so müssen die Modalitäten der kollektiven Vorstellungskraft überdacht werden. Die katastrophische Entwicklung, für die Tschernobyl steht, darf nicht mehr als bloße, negative Utopie abgetan werden. Doch haben wir aus der Tatsache, daß die große Atomkatastrophe, die zuvor nur einige „Unheilspropheten“ angekündigt hatten, wirklich eine Lehre gezogen? Dies darf bezweifelt werden, denn vieles spricht dafür, daß unsere Gesellschaft zumindest eine ambivalente Haltung zur Katastrophe, wenn nicht gar ein Katastrophenbedürfnis hat. „Feuermelder“ nannte Walter Benjamin die Intellektuellen, die Alarm schlugen und die Katastrophe des Mordes an den europäischen Juden aufzuhalten versuchten. Sie stießen auf Unglauben. Selbst nach Katastrophen scheint dieser Unglaube ungebrochen. Tatsachen können oft ebensowenig wie Worte eine Veränderung der Mentalität und der Einstellungen bewirken und die zerstörerische Dynamik bremsen: Selbst Unfälle größten Ausmaßes [dürften] keine prinzipiellen Zweifel am Kurs und an der Gangart des zivilisatorischen Prozesses auslösen. […] Zuletzt sind Bewußtseine härter als Tatsachen, und wer nicht hören wollte, als Hören noch möglich war, der wird sich auch gegen das Fühlen unempfindlich machen. Tatsächlich berge, so Sloterdijk, das katastrophenpädagogische Denken „das Versprechen, daß sich auch größtes Unheil durch anschließendes Lernen auf ein menschliches Maß beziehen“ lasse, und sei daher zum Scheitern verurteilt, weil es auf dem fragwürdigen Postulat einer notwendigen Beziehung zwischen der Katastrophe und ihrem Verständnis, zwischen der Schwere des Ereignisses und den daraus gezogenen Lehren beruhe. Die Inflation der Kommunikations- und Steuerungseinrichtungen verdeckt letztlich nur die Ohnmacht der Menschen und seine Unfähigkeit, die Katastrophe zu verstehen und aus ihr zu lernen. Sie trägt zur „Apokalypse-Blindheit“ bei, die, wie Günther Anders zeigte, ein wesentliches Merkmal des Atomzeitalters darstellt. Daher prognostizierte Sloterdijk schon 1989: Noch lange werden die Opfer von Tschernobyl in fürchterlichen Agonien liegen, da wird sich die eifrige Didaktik wieder melden und sagen: Auch Tschernobyl war nicht schlimm genug, weil ja die Internationale der Weitermacher entschlossener denn je zusammenhält. Die unerbittliche Konsequenz hieraus kann nur sein, daß noch mehr passieren muß – bis wohin? Daß so viele Unsicherheiten über die Folgen von Tschernobyl fortbestehen, liegt nicht so sehr am Mangel verfügbarer Erkenntnisse, sondern vielmehr daran, daß wir nicht glauben, was wir wissen. Die mit großem Kommunikationsaufwand genährte Fiktion beruht nicht auf Unwissen, sondern weit mehr auf Verdrängung. Diese Mechanismen des Leugnens haben „unseren Bezug sowohl zur Wahrheit als auch zur Wirklichkeit mit einem Mal außerordentlich problematisch gemacht“ . Auch wenn „das Leugnen der Wissenschaft, die im Gegenteil dazu da ist, uns vom Leugnen zu befreien, grundsätzlich fremd“ sein sollte, so illustriert doch der Bericht des Tschernobyl-Forums beispielhaft, wie Wissenschaft und Leugnen zusammengehen können. Das Gedenken an Tschernobyl kündigt sich als Versuch zur Rettung dieser Fiktion an, die den Menschen an der Erkenntnis hindert, daß er, wenn er danach trachtet, sich die Erde untertan zu machen und die Natur zu beherrschen, doch nur sein Gefängnis vergrößert. Selbst jene Wissenschaftler, die die radioökologischen Auswirkungen der Tschernobyl-Katastrophe auf die Biosphäre der kontaminierten und entvölkerten Gebiete positiv bewerten, kommen zu dem Schluß, daß die Anwesenheit des Menschen der Natur und der Artenvielfalt größeren Schaden zufügt als die schlimmsten Strahlenunfälle. Doch das Gedenken an Tschernobyl wird über den offiziellen Diskurs hinaus vielleicht auch ein Anlaß sein, sich bewußt zu machen, daß für die Menschen in den kontaminierten Gebiete wie für einen nicht unerheblichen Teil der Bewohner unseres Planeten das Ende der Welt schon eingetreten ist, und es ist wirklich nicht einzusehen, warum das Los, das sie getroffen hat, nicht eines Tages auch uns treffen sollte; es ist ja nicht so, als hätten wir uns im voraus gegen die Seuchen geimpft, die wir [produzieren] und exportieren und als wären sie, die wir doch zusammengebraut haben, nicht imstande, eines Tages als würdige Kinder ihrer Väter zu uns zurückzukehren. Tschernobyl, Symbol des tragischen Schicksals der Menschheit? Die auf uns zukommende Katastrophe hat bereits ihr Denkmal. Es wurde 1997 in Kyoto nach der Unterzeichnung des Protokolls errichtet, mit dem sich die Industriestaaten verpflichteten, ihre Treibhausgas-Emissionen zu verringern. Auch dieses Denkmal, eine Skulptur, die als Botschaft der Erde an die Menschheit verstanden werden soll und sie auffordert, noch einmal bei Null anzufangen, verbreitet eine Botschaft der Hoffnung, nämlich daß die Menschen den in die Katastrophe führenden Weg noch verlassen könnten, daß man die Vergangenheit noch ausradieren und auf neuen Grundlagen beginnen könnte. Diese verlockende Vision einer bewohnbaren Welt, in der der Mensch, was er auch täte, nicht ständig Gefahr liefe, katastrophale Prozesse auszulösen, in der er ein Recht auf Irrtum hätte, erscheint jedoch weniger als mögliche Zukunft als vielmehr als das Heraufbeschwören einer endgültig vergangenen Vergangenheit. Tatsächlich hat Tschernobyl eine Situation geschaffen, die zu denken gibt: Es hat bewiesen, daß ein von Minderheiten entworfenes Lebensprojekt, das vom „offiziellen“ abweicht, keine Chance mehr hat. […] Nach Tschernobyl wäre eine individuelle Vorliebe für ein Leben ohne jede Verbindung mit den Informations- und Kommunikationssystemen oder ein Leben unter Verzicht auf die Technik, auf Geigerzähler und Gammaspektrometer, buchstäblich selbstmörderisch. Der Figur des „armen Wilden“ in der Moderne entspricht in der Risikogesellschaft der des „überausgestatteten Hyperwilden“ (Georges Balandier) . Die Technik sei von nun an unser Schicksal, schrieb Günther Anders, und wir müßten uns fragen, „was die Technik aus uns gemacht hat, macht und machen wird, noch ehe wir irgendetwas aus ihr machen können“ . Und doch hielt auch dieser „verzweifelte“ Philosoph es für überaus wichtig, daß man dieses Schicksal zu meistern versucht, und er rief eher zur Aktion auf als zur Resignation, obschon er vermutete, das Projekt sei zum Scheitern verurteilt. Als einer der ersten erkannte er, daß die Moderne endete, als das Atomzeitalter begann, und daß die Menschen, die lange behauptet hatten, sie machten die Geschichte, in Zukunft vor allem gezwungen sein würden, sie zu erdulden. Aus dem Französischen von Doris Heinemann, Köln

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