Titelbild Osteuropa 8/2005

Aus Osteuropa 8/2005

Lebens-Bildung
Mit Aktion Sühnezeichen in St. Petersburg

Jan Plamper

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Abstract

Politische Bildung soll Vorurteile überwinden und den Menschen dazu befähigen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Kein noch so gut aufbereitetes didaktisches Material kann die Erfahrung ersetzen, die das Leben bereithält. Was die vier Damen, die der Autor während seines Ersatzdienstes Anfang der 1990er Jahre mit Aktion Sühnezeichen in der offenen Altenarbeit betreute, über den Stalinismus und den Nationalsozialismus zu erzählen hatten, steht ein Jahrzehnt später im Mittelpunkt von geschichtswissenschaftlichen Debatten.

(Osteuropa 8/2005, S. 163–170)

Volltext

Wie· hat sich mein „anderer Dienst“, den ich anstelle des Zivildienstes mit der Aktion Sühnezeichen in St. Petersburg geleistet habe, auf meine Biographie und meinen Werdegang als Historiker ausgewirkt, fragt Osteuropa? Mein Auswahlgespräch fand am 20. August 1991 bei der Aktion Sühnezeichen in Berlin statt. Als Wunschland hatte ich die Sowjetunion angegeben. Noch am Tag zuvor, so wurde mir mitgeteilt, hätte man alle Pläne für Langzeitdienste in diesem Land, das schon im Gründungsaufruf der Aktion Sühnezeichen neben Israel und Polen als einer der Hauptleidtragenden des NS-Eroberungs- und Vernichtungswahns zum Zielland bestimmt worden war, auf Eis gelegt. Doch nun waren die Putschisten mit den zittrigen Händen hinter Schloß und Riegel, Gorbačev in Sommerjacke winkend in Moskau einem Flugzeug von der Krim entstiegen, und einer blühenden, demokratischen Zukunft Rußlands schien nichts im Wege zu stehen. Die Stimmung war auch in der Berliner Jebenstraße ausgelassen. Ein Jahr später trafen mein „Mitsühner“ Roland Rausch und ich auf dem Vitebsker Bahnhof in St. Petersburg ein. 34 Jahre, nachdem sie ins Leben gerufen worden war, hatte die Aktion Sühnezeichen das Gründungsziel wahrmachen können und erstmalig 13 Langzeitfreiwillige nach Minsk, Moskau und St. Petersburg entsandt. Die Minsker sollten in der Stiftung Kinder Tschernobyls und einem Kinderheim arbeiten, die Moskauer bei einer russisch-orthodoxen Gemeinde und wir Petersburger bei der wiedergegründeten evangelischen Gemeinde sowie bei Memorial in der offenen Altenarbeit. Letzteres wurde mein Job. Ich landete zur richtigen Zeit am richtigen Ort, meine ich auch heute noch. Wie war ich auf Rußland gekommen, wurde ich oft gefragt? Keine biographischen Bezüge zum „Ostblock“, wenn man von Erzählungen meines Vaters über eine Reise mit dem VW-Käfer durch die Sowjetunion 1967 absieht, deren Höhepunkt das angeblich beste Eis der Welt im GUM bildete. Und wenn man von sudetendeutscher Herkunft väterlicherseits absieht, die sich äußerte in einer clanartigen Familienstruktur, zentnerweise süßen Mehlspeisen bei den Nürnberger Verwandten sowie einem Besuch in der „Tschechei“ 1979, in dessen Folge bei uns mit schöner Regelmäßigkeit Schokolade mit Zitronen- oder Erdbeerfüllung von den Verwandten in Kadaň/Kaaden an der Eger eintraf, die selbst mich, pathologisches Süßmaul seit Geburt, anwiderte. Nein, uns in Tübingen war „der Osten“ immer ferner als Frankreich gewesen. Mein Rußlandinteresse ging auf eine Reise als 15jähriger ins Allgäu zurück, bei der meine Mutter in sintflutartigem Regen das Auto auf einen Parkplatz fuhr und das Radio einschaltete, wo Ivan Gončarovs Oblomov vorgelesen ertönte. Wie bei so vielen wurden auch für mich die großen russischen Romane des 19. Jahrhunderts zur Einstiegsdroge. Ohne daß ich genauer hätte bestimmen können, was mich in ihnen anzog. Später kamen hinzu ein leichter Fall von Gorbimanie, die in meiner Generation grassierte, ein dumpf linkspolitisches Interesse für Sowjetgeschichte, ein Studium russischer Geschichte und Sprache an einem amerikanischen College nach dem Abitur und die ersten „echten“ Russen. Es waren dies in Boston jüdische Emigranten aus der Ukraine. Sie brachten mir Okudžava und Vysockij näher, beherbergten mich, als ich ohne Bleibe war und bereiteten mich eingehend auf meinen Friedensdienst in Rußland vor. Ob ich noch nie von klopy, „bed bugs“ gehört hätte? During night, bed bugs climb up wall, jump on you and bite you all over. Very bad. What to do? Push bed in middle of room. Problem is, Russian bed so narrow, you fall on floor, bed bugs climb on bed, jump on you and bite you all over. Also very bad. No way out. Als sie hörten, daß ich voraussichtlich in einem Wohnheim für Krankenschwestern untergebracht würde, brachen sie in schallendes Gelächter aus: „Brothel is monastery in comparison to Russian nurses’ dormitory.“ Diese Emigrantenbekanntschaften, das Sühnezeichenvorbereitungsseminar und meine geschichtswissenschaftliche Lektüre waren meine Vorbereitung gewesen, als unser Zug Ende September 1992 in St. Petersburg einfuhr. Abgeholt wurden wir von Memorial-Mitarbeitern, die uns unterbrachten und sich rührend um uns kümmerten. Die ersten Monate waren berauschend; ich versuchte, alles wie ein Schwamm aufzusaugen. An den Grauabstufungen konnte ich mich nicht sattsehen, war ich doch der westlichen Konsumgesellschaft überdrüssig und hatte mich während des College-Studiums zunehmend politisch radikalisiert – ausgerechnet in Amerika, oder gerade dort. Mein „anderer Dienst“ bestand darin, vier älteren Damen Essen einzukaufen und zu bringen, im Haushalt zu helfen, zur Gymnastik anzuleiten, bei Behördengängen und Arztbesuchen zu helfen und vor allem literweise Tee zu trinken, zuzuhören und zu sprechen. Alle vier stammten aus der Intelligencija, zwei waren Gulag-Überlebende, eine die Tochter eines „Repressierten“ (politisch Verfolgten), eine die Witwe eines Repressierten. Nach einer Weile kannte ich nicht nur die Familiengeschichten auswendig, sondern konnte auch die schwarzen, schlechten Körner aus dem auf Zeitungspapier ausgebreiteten Buchweizen fischen, bei Wintereinbruch Schmierseife (chozjajstvennoe mylo) auf dem Gasherd zum Schmelzen bringen und mit ihr als Klebstoff und Gazestreifen (marlja) die Fenster abdichten. Daß mein Russisch aus drei Jahren College nichts taugte, merkte ich spätestens in Woche zwei, als mich Vera Ivanovna, eine meiner Damen, zum letzten staatlichen Optiker am Kanal Griboedova schickte, um ein neues Brillengestell zu bestellen. Nachdem ich eine halbe Stunde in einer Schlange verbitterter, aggressiver Rentner gestanden hatte, beständig die auswendig gelernten Sätze vor mich hinmurmelnd, kam ich endlich an die Reihe. Ich mußte mich buchstäblich „erniedrigen“, indem ich meinen Kopf zur mikroskopischen Öffnung an der verbretterten Theke herunterreckte – und weg waren sie, die auswendig gelernten Sätze. Hinter mir erhoben sich die Krücken und Stöcke und ein schreckliches Gezeter. Von da an las ich Vera Ivanovna anfangs Lermontovs Held unserer Zeit, später anderes, laut vor, während sie mich korrigierte. Über die Gründe ihrer Memorial-Mitgliedschaft mochten meine Babuschki zuerst nicht sprechen. Langsam kam es heraus, und vermutlich half dabei, daß ich „Fremder“ war und doch etwas Hintergrundwissen über die dunkelsten Seiten sowjetischer Geschichte besaß. Die Älteste, Žanna Ferdinandovna Cimmerman, Jahrgang 1901, eine Bankierstochter deutscher Herkunft, war 1936 als japanische Spionin verhaftet worden. Im Verschickungsgefängnis hatte eine sadistische Wärterin ihr, die sie im Begriff war, ihren Übersetzerberuf gegen den einer Operettensängerin einzutauschen, die Stimmbänder mit Säure verätzt. So verblieb ihr Zeit ihres Lebens eine krächzende, tiefe Stimme. Žanna Ferdinandovna hatte insgesamt 22 Jahre im Karlag und in der kazachischen Verbannung verbracht. Letztere, die „glücklichsten“ ihres Lebens, hatte sie in einer De-facto-Ehe mit einem Mitverbannten gelebt. In dieser Zeit waren ihr auch einmal alle Haare ausgefallen wegen der Atombombentests im nahen Semipalatinsk. Typisch für weibliche zėky, die keine Familie hatten gründen können, fiel bei ihr nach der Rückkehr aus der Verbannung das familiäre Versorgungsnetz weg, so daß ich sie in einer der schlimmsten Kommunalkas in der Nähe des Staronevskij antraf. Seit vier Jahren war sie bettlägerig, jedoch immer noch Zentrum ihrer Kommunalka, die allen bereitwillig aus der Hand las, ein Gedicht zum Besten gab und bei Liebeskummer Ratschläge erteilte. Im Sommer 1993 wurde eines ihrer Beine von Gangräne befallen, und die Einlieferung in die septische Abteilung (gnojnoe otdelenie) des städtischen Krankenhauses Nr. 5, benannt nach der Terroristin und Zarmörderin Sofija Perovskaja, wurde auch für mich zur schwierigsten Zeit meines Dienstes. Die physische Pein und die seelischen Qualen, die Žanna Ferdinandovna erleiden mußte, liegen jenseits meiner Vorstellungskraft. Zustände wie in dieser Klinik hatte ich noch nie gesehen; ein herbeigebrachter deutscher Arzt stellte fest, daß sie in einer schlechteren Verfassung sei als die Kameruner Krankenhäuser, in denen er gearbeitet hatte. Žanna Ferdinandovna starb am 11. August 1993 an den Folgen einer Beinamputation, die einen Monat früher hätte erfolgen müssen. Vera Ivanovna Ljudyno, Jahrgang 1924, von Geburt an gehbehindert und vielversprechende Pianistin, war 1944 während der Leningrader Blockade denunziert und ebenso grundlos wie Žanna Ferdinandovna verhaftet worden und hatte fünf Jahre im Karlag abgesessen. Sie war die jüngste und gesundheitlich stabilste, trotz ihrer Schmerzen infolge der Gehbehinderung. Wir sind heute noch in regelmäßigem Kontakt. Ihr verdanke ich mein Russisch und so viel mehr, als Worte zu sagen vermögen. Evgenija Lazar’evna Landos Ehemann Mark war 1937 während des Großen Terrors im Fernen Osten erschossen worden. Sie hatte nie wieder geheiratet und das Kainsmerkmal der Frau eines „Volksfeindes“ mit Würde getragen, dabei noch einen Sohn alleine großgezogen. Sie war die einzige der vier, die ihren Glauben an den Kommunismus bewahrt hatte und die Gajdarschen Reformen bedauerte. Stets proper angezogen und sehr akkurat, lebte diese temperamentvolle Dame ganz in der Nähe der KGB-Zentrale Litejnyj 4 in einer Wohnung mit ihrem Neffen und dessen Familie; mit ihm sprach sie seit Jahren kein Wort, und er sorgte regelmäßig für nette Überraschungen. Einen ganzen Sommer wohnten in der Badewanne mehrere gackernde Hühner, die er von der Datscha in die ehemalige Adelswohnung in der Großstadt am Taurischen Garten mitgebracht hatte. Was haben wir zusammen gelacht; auch, als ich beim Staubsaugen unter der Couch dosenweise gezuckerte Kondensmilch (sguščënnoe moloko) aus dem Jahre 1969 fand, die sie für den „schwarzen Tag“ aufgehoben hatte und von deren Verfall ich sie nur mit viel Mühe überzeugen konnte. Mina Samuil’evna Gallaj war die über achtzigjährige Tochter eines Bundisten, der eines Nachts 1938 aus der Familienwohnung in dem von Le Corbusier erbauten Haus der Gesellschaft der Polithäftlinge des Zarenregimes (obščestvo politkatoržan) am Kirov-Platz (heute Trockij-Platz) abgeholt worden war. Seine Tochter war Chemikerin geworden und hatte einst die Auswanderung nach Israel vorbereitet, was wegen der geänderten Pläne des Verwandten, der mit ihr hätte emigrieren sollen, ins Wasser gefallen war. Ihr Charme war, nun ja, rauh. Die Mitgliedschaft in der Leningrader Vereinigung der Kaktusliebhaber war kein Zufall gewesen. Anfangs bat sie mich um ein Foto von mir; als sie es bekam, glich sie es mit meinem Gesicht ab und sagte: „Jan, Sie besitzen ein sehr wenig fotogenes Gesicht.“ Der Kontrast zum amerikanischen positive reinforcement, in dem ich die letzten drei Jahre gebadet hatte, hätte kaum größer sein können. Als wir später noch einmal lachend darauf zu sprechen kamen, meinte sie, sie habe mir ein Kompliment machen wollen, sähe ich doch in Wirklichkeit besser als auf Fotos aus. Ein andermal sagte sie: Jan, meine Freunde und Verwandte sagen mir, ich behandele Sie wie einen deutschen Kriegsgefangenen. Das ist nicht wahr, oder? So, jetzt wischen Sie Staub auf dem Bücherregal, klopfen die Bücher ab, wischen in der Küche Staub, öffnen mir dieses Einmachglas, holen die Zeitungen von unten und bringen noch schnell den Abfall zum Container. Nach einer Pause: „Hmm, vielleicht ist etwas dran, an dem, was meine Freunde und Verwandten sagen.“ Mina Samuil’evnas Haß auf die Sowjetunion und das „Land der Idioten“ (strana durakov) kannte keine Grenzen. Als ich sie einmal bei einem Spaziergang vor einer „diätischen Kantine“ (dietičeskaja stolovaja) fragte, worin sich die diätische von der gewöhnlichen unterscheide, bekam ich die lakonische Antwort: „Sie unterscheidet sich darin, daß in keiner von beiden leckeres Essen zubereitet wird.“ Diese vier Damen, die einander nur von Erzählungen durch mich kannten, bestimmten mein Leben 15 Monate lang – und darüber hinaus. Keine betrachtete meinen Dienst als „Arbeit“, alle beäugten einander eifersüchtig, alle waren sich sicher, daß ich sie am liebsten von allen vieren hätte, und alle dachten sich immer neue Beschäftigungen für mich aus. Es war mit die beste Zeit meines Lebens. Ich war außerdem in der merkwürdigen Lage, mit dem Taschengeld des Förderkreises, den ein jeder „Sühner“ wegen der Weigerung des Bundesamtes für den Zivildienst, „andere Dienste“ zu finanzieren, hatte gründen müssen, während der Hyperinflation um vieles reicher als diese Damen zusammen zu sein und ihnen fast jeden materiellen Wunsch erfüllen zu können. Zu der offenen Altenarbeit kamen vielfältige Tätigkeiten bei Memorial selbst. Da ging es um Übersetzungen von Arzneimittelbeipackzetteln und weitere Dinge im Sozialbereich, für die der großartige Vladimir Ėduardovič Šnitke mein Chef und Ansprechspartner war, aber auch um historische Arbeit bei der historisch-archivalischen Kommission. Dieser Kontakt besteht bis heute. Kaum jemand in Rußland, davon bin ich überzeugt, beschäftigt sich so ernsthaft mit der Aufarbeitung der sowjetischen Gewalt wie die historischen Kommissionen von Memorial, darunter auch das St. Petersburger Wissenschafts- und Informationszentrum Memorial (NIC Memorial), allen voran Irina Flige, die die Arbeit des Gründers, Veniamin Iofe, fortführt. Es war jedoch nicht Sühnezeichen-Arbeit mit den „klassischen“ Opfern des Nationalsozialismus, die ich in Petersburg leistete. Gewiß, mehrere der Damen waren blokadnicy, hatten also die Leningrader Blockade von 1941–1944 überlebt, bei der schätzungsweise jeder dritte Einwohner starb. Gewiß, zwei waren Jüdinnen, doch kann ich mich nicht daran erinnern, von ermordeten Familienmitgliedern gehört zu haben. Übrigens: sofern ich mich an irgendwelche Berührungsängste mir gegenüber erinnern kann, waren dies traditionelle, sowjetische Vorbehalte gegenüber einem Nachfahren der „Faschisten“, die mit ihrem Krieg die Sowjetunion mit unsäglichem Leid überzogen hatten. Und diese Vorbehalte bekam ich so gut wie nie zu spüren. Insgesamt begegnete man mir mit endloser Dankbarkeit und fast unerschöpflichem Wohlwollen: Hier ist ein Exot – man schrieb das Jahr eins nach dem Ende der Sowjetunion. Ein junger Mann – keine Frau, und das in einer Krankenschwester-artigen Tätigkeit. Aus dem reichen Westen – das heißt, er könnte auch in einem noblen deutschen Krankenhaus seinen al’ternativnaja služba, Zivildienst, leisten. Dabei interessiert er sich auch noch für mein Schicksal – worum sich doch nicht einmal meine eigenen Verwandten und Nachbarn scheren, die um ihr tägliches Brot kämpfen müssen. Das zutage gelegte Verhältnis zum Nationalsozialismus war für mich verstörend – produktiv verstörend. „Ihr Hitler war doch ein Engel im Vergleich zu unserem Stalin. Er hat den Terror wenigstens nicht gegen sein eigenes Volk gerichtet. Und Opfer gab es auch nicht so viele“, sagte mir einmal Mina Samuil’evna. Hierin lag so vieles, was ich verarbeiten mußte: „Mein“ Hitler? Nicht gegen das „eigene“ Volk – und wer waren dann die jüdischen, geistig behinderten und schwulen Deutschen? Opferzahl als Kriterium für moralische Verwerflichkeit – hatten wir nicht den Historikerstreit im Geschichte-Leistungskurs behandelt, und hatte nicht ich mir Eberhard Jäckels Singularitätsthese zu eigen gemacht, die besagte, es ginge nicht um die Zahl, sondern das Ausgrenzungskriterium, und hier sei pseudobiologistischer Ethnorassismus ethisch verwerflicher und radikaler (er traf alle, Frauen, Alte und Kinder eingeschlossen) als Klassenhaß, da „Klasse“ ein soziologisches Kriterium sei und daher die Möglichkeit der Erlösung böte, während „Rasse“ keinen Ausweg bereithielte? Überhaupt war für meinen Horizont das Kennenlernen Memorials und meiner beiden jüdischen Babuschki insofern wichtig, als sich eine neue, dritte Perspektive auf jüdische „kollektive Erinnerung“ eröffnete, ohne daß ich damals diesen Begriff gekannt hätte oder es eine ganze (populär)wissenschaftliche Erinnerungsindustrie gegeben hätte. Im – zugegebenermaßen bildungsbürgerlichen – Milieu des Tübingen der 1980er Jahre, wo ich groß geworden war, stand die Erinnerung an den Holocaust noch ganz im Zeichen der Kollektivverantwortung oder gar -schuld und war wahrscheinlich Dreh- und Angelpunkt dessen, was wir überhaupt an „nationaler“ Identität hatten, also der Vorstellung dessen, was es bedeutete, Deutsche/r zu sein: Nachfahre jener seltsamen Kollektiveinheit, genannt Nation, zu sein, die das schlimmste, unvorstellbarste Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen hatte, und nun alles daran setzen zu müssen, daß sich dergleichen nicht wiederholen möge. Lebende Juden kannte ich keine, oder zumindest war mir damals niemand bewußt. Dies änderte sich während eines Austauschjahres als Sechzehnjähriger an der amerikanischen Ostküste. Und viel nachhaltiger nach dem Abitur als College-Student an der Brandeis University außerhalb Bostons, die als säkulare, jüdische Einrichtung gegründet worden war und zu dreiviertel von Juden besucht wurde. Sie gewährte mir ein großzügiges, prestigeträchtiges Stipendium und bot mir eine Ausbildung, von der ich bis heute zehre. Sie gab mir auch einen Einblick in ein pulsierendes, gewachsenes amerikanisch-jüdisches Leben. Doch der Umgang mit einigen Gleichaltrigen war dadurch beschwert, daß – wie bei mir, nur auf andere Weise – der Holocaust Dreh- und Angelpunkt ihrer kollektiven, hier ethnoreligiösen Identität war. Da fiel es bisweilen schwer, in die Gegenwart oder nach vorne zu blicken, und eigentlich möchte man mit zwanzig ja vor allem unbeschwert mit Gleichaltrigen umgehen. Es erstaunte mich, daß mir ältere Menschen, die zeitlich viel näher an der Shoah und von ihren Familienschicksalen viel direkter durch sie betroffen waren – auch die Mitglieder des Bostoner deutsch-jüdischen Dialogs (regelmäßige Treffen der Kinder von Holocaust-Überlebenden und nichtjüdischen Deutschen), den ich besuchte, oder jüdische Deutsche meines Alters, die ich in Brandeis kennenlernte – mir unvoreingenommen und wohlwollend begegneten. Von ihnen hätte ich Ablehnung gut nachvollziehen können. Bei jüdischen Russen, denen ich begegnete, war wieder alles anders. Bei ihnen war der Holocaust so gut wie gar nicht im „kollektiven Gedächtnis“ verankert. Bei ihnen war Deutschland in der Regel ein westliches = demokratisches = zivilisiertes = reiches Land, aber auch ein Land mit Hochkultur, das Land von Goethe und Heine eben. Diese dritte Begegnung mit Juden, nach den abstrakten, ermordeten in Deutschland und den lebenden in Amerika, wirkte befreiend. Für mich als Historiker hat sie auch dazu beigetragen, daß ich mich existentiell und in meinem Denken schneller von Essentialismen freimachen konnte und die Konstruiertheit von verschiedenen kollektiven Identitäten früher verstand, als dies sonst der Fall gewesen wäre. All dies soll nicht heißen, daß der Holocaust in Rußland nicht als Individual- oder generationsspezifische Erinnerung präsent gewesen wäre. Ich erinnere mich an eine Fahrt mit Memorial nach Boroviči, einen Provinzort bei Novgorod, wo mich ein Lokaljournalist zu seinem Freund führte, einem schwerkranken, bettlägerigen Mann, dessen gesamte Familie in der Ukraine von den Nazis umgebracht worden war. Als er hörte, daß ich aus Deutschland sei, brach er in Tränen aus und konnte nicht aufhören. Die Kindheitserinnerungen waren so präsent und kamen ob des schlechten Gesundheitszustands offenbar so unmittelbar an die Körperoberfläche, daß alle Filter aussetzten. Eine derartige Begegnung erlebte ich zum ersten Mal und habe sie seitdem nie wieder erlebt. Sie stimmte mich unendlich traurig. Daß diese Begegnungen mit dem dritten Holocaust und der dritten Judenheit nicht nur mich beschäftigten, merkte ich immer wieder bei Treffen westdeutscher, in der Regel linksliberaler Historiker mit Historikern von Memorial und solchen, die mit Memorial sympathisierten, bei den damals modischen runden Tischen. Dort versuchten die deutschen Historiker ihre russischen Kollegen von der Unvergleichbarkeit von Nationalsozialismus und Stalinismus zu überzeugen, während ihre russischen, oft jüdischen Kollegen fröhlich verglichen. Sie stellten bisweilen Thesen auf, derer sich selbst Martin Hohmann geschämt hätte. Die Deutschen fielen oft in einen hilflos wirkenden Paternalismus und gebärdeten sich merkwürdig autoritär, wenn sie ihre russischen Kollegen von der Singularität ihres Holocaust zu überzeugen versuchten. „Einzigartigkeit“ wurde tendenziell zu „Überlegenheit“ – „am deutschen Erinnerungswesen soll die Welt genesen“. In diesem Fall war die gestörte Kommunikation jedoch nur selten produktiv, da keine Zeit blieb, diese unterschiedlichen Prämissen und Übersetzungsschwierigkeiten auszubuchstabieren, geschweige denn sie geistig zu verdauen. Sie nahmen jedoch Debatten vorweg, die sich seit Mitte der 1990er auf den Seiten der Fachpresse und seit Goldhagen, Wehrmachtsausstellung, Holocaust-Mahnmal, Hohmann, Jörg Friedrich auch in der breiteren deutschen Öffentlichkeit abspielen. Somit habe ich also auch hier das Gefühl, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein. Noch in anderer Hinsicht hatte ich dieses Gefühl. Die Begegnung mit den Dissidenten bei Memorial verschob mein politisches Koordinatensystem nachhaltig. Als ich in Rußland ankam, das soll nicht geleugnet werden, setzte ich heilsgeschichtliche Hoffnungen auf die sowjetische Geschichte und fragte mich noch allen Ernstes, ob sie im Januar 1918, 1921 oder 1928 vom richtigen Weg abgekommen war. So manchem Leser dürfte dies nicht unbekannt sein, wenn auch nur wenigen, die in den 1980ern politisch erwachsen geworden waren. Die Bekanntschaft mit den Opfern, auch den Nachfahren der ersten Repressionen der 1920er Jahre unter Lenin, während einer Exkursion auf die Soloveckij-Inseln im Sommer 1993 sowie die Vermittlung von Geschichte durch Dissidenten waren heilsam. Die Dissidenten beeindruckten mich durch ihre festen moralischen Prinzipien und waren mir habituell sympathisch, so daß kein russischer Kommunist, dem ich begegnete oder den ich im Fernsehen sah, mit ihnen mithalten konnte. Durch die Gespräche mit ihnen begannen einzelne, lange geglaubte Wahrheiten zu bröckeln. Ein Beispiel: Die Friedensbewegung Anfang der 1980er, vor allem die britische, sei vom KGB unterlaufen gewesen; der KGB habe besonders viel investiert, diese zu unterwandern, da er schon verstanden habe, bei SDI nicht mithalten zu können. Dies kam von Vjačeslav „Slava“ Dolinin, der 1981 als Mitorganisator der Untergrundgewerkschaft SMOT auf Solidarność-Linie in Leningrad verhaftet worden war und erst 1987 im Zuge der Gorbačev-Amnestie wieder freikam. Diese Gespräche lösten bei mir Kettenreaktionen aus: Nehmen wir an, die Friedensbewegung, die auch ich unterstützt hatte, sei von jenem Geheimdienst mitfinanziert worden, der Slava auf widerwärtige Weise sechs Jahre seines Lebens geraubt hatte. Dann war vielleicht der Ostermarsch bei Ulm sinnlos gewesen, dann hatten sich Heinrich Böll und Walter Jens vielleicht umsonst in Mutlangen von der Polizei wegtragen lassen. Eigentlich hätten sie die Pershings umarmen müssen, da diese Slava schneller aus dem Gefängnis geholt hätten. Alles gewiß reichlich banal, und freilich ist die Wahrheit komplizierter, doch damals verschob sich ein Weltbild. Parallel wirkten die Erfahrungen mit der Umbruchzeit in Rußland auf meine politische Einstellung ein. Durch die Begegnung mit mentalen Dispositionen des späten Sozialismus, mit kruder Willkür, lernte ich den Rechtsstaat und alles, was dazu gehört, als das geringere Übel, vielleicht gar das Beste schätzen, was sich die Menschheit bislang ausgedacht hatte. Außerdem wurde im Alltag, auch von meinen Babuschki, immer wieder die sokratische Frage an mich herangetragen, „wie denn nun zu leben sei“ nach der Implosion des alten Systems, und ich merkte: zu sagen, wie zu leben sei, ist ungleich schwieriger als zu kritisieren, wie gelebt wird. Am 13. Dezember 1993, dem Tag nach den Duma-Wahlen, bestieg ich am Vitebsker Bahnhof einen Zug nach Berlin, nachdem ich 15 Monate lang bezvyezdno, also ohne „Westreise“, in Rußland gewesen war. Im Abteil saß eine Petersburgerin. Ein Dutzend Jahre später sind wir seit zwölf Jahren zusammen und haben zwei wunderbare Töchter. Auch hier bin ich zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.

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