Titelbild Osteuropa 4-6/2005

Aus Osteuropa 4-6/2005

Die Gegenwart der Vergangenheit
Geschichte als Arena der Politik

Harald Welzer

Abstract

Geschichte und Erinnerung sind grundverschiedene Dinge. Geschichtsschreibung ist fakten- und wahrheitsorientiert, Erinnerung dagegen immer identitätskonkret. So dient das Gedenken nicht der Aufklärung über die Vergangenheit, sondern der Gegenwartsbewältigung. Da die Generation, deren prägende Kindheits- und Jugenderfahrungen in die Zeit des Zweiten Weltkriegs fielen, heute die Bilanz ihres Lebens zieht, erleben wir einen Boom der Erinnerungsliteratur. Gleichzeitig ist die Erinnerungspolitik zu einemzentralen politischen Thema geworden. Die Vergangenheit ist mithinauf der Ebene der Gefühle, der Identität und der politischen Orientierungenhöchst lebendig – aber eben nicht als Geschichte in ihrer Faktizität,sondern als gedeutete Vergangenheit, deren Sinn sich an den wahrgenommenen Erfordernissen der Gegenwart orientiert.

(Osteuropa 4-6/2005, S. 9–19)