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Same but different

Die Proteste in Hrodna

Die 350 000 Einwohner-Stadt Hrodna im Westen von Belarus ist ein Zentrum der Proteste gegen das Lukašenka-Regime. Die Bürgerschaft, die gegen Lüge und Gewalt aufbegehrt, ist multikonfessionell. Auch die Arbeiter des Chemiegiganten Azot haben sich der Bewegung angeschlossen. Als die Stadtverwaltung Bereitschaft zum Dialog zeigte, reagierte das Regime in Minsk sofort. Ein Gespräch mit dem Historiker Ales’ Smaljančuk.


Osteuropa: Herr Smaljančuk, das im Westen von Belarus nahe der Grenze zu Polen gelegene Hrodna ist seit dem 9. August ein Zentrum der Proteste gegen das Lukašenka-Regime. Gibt es regionale Besonderheiten?

Ales’ Smaljančuk: Die Menschen in Hrodna demonstrieren aus dem gleichen Grund wie die Menschen in allen anderen Landesteilen. Sie sind wütend über die offensichtliche Wahlfälschung. Es ist offensichtlich, dass Lukašenka die Wahl verloren hat, gerade auch in Hrodna. Und dann erklärte die Zentrale Wahlkommission, dass im gesamten Land 80 Prozent, im Gebiet Hrodna sogar 92 Prozent der Stimmen auf ihn entfallen seien. Das empörte die Menschen noch mehr. Als sie auf die Straßen gingen, um friedlich gegen diese Lüge zu protestieren, wurden sie von den Einsatzkräften des Regimes verprügelt. Die Gewalt, die Verhaftungen und die Misshandlungen in den Gefängnissen haben dann sogar jene aufgebracht, die sich unbedingt von Politik fernhalten wollten. In Hrodna wurden Hunderte Menschen im Gefängnis im ehemaligen Jesuitenkloster, mitten im Stadtzentrum, zusammengepfercht. Unter ihnen war auch Ruslan Kulevič, ein bekannter Journalist der Plattform Hrodna.life. Ihm wurden beide Arme gebrochen. Auch ein Journalist des aus Polen sendenden Fernsehkanals Belsat wurde übel zugerichtet. Und dann hat Lukašenka auch noch im Staatsfernsehen erklärt, an den Protesten würden vor allem Drogenabhängige und Alkoholiker teilnehmen.

Osteuropa: Die Proteste in Hrodna unterscheiden sich also nicht von denen im übrigen Land?

Smaljančuk: Noch vor kurzem war ich skeptisch, wenn jemand behauptete, die Menschen im Gebiet Hrodna seien anders als die in anderen Gegenden von Belarus. Davon war nichts zu spüren. Doch jetzt sind die Bürger der Stadt so aktiv wie sonst nur in Minsk. Eine wichtige Rolle spielt, dass in Hrodna der Anteil der Menschen, die im westlichen Ausland arbeiten, besonders hoch ist. Die Covid-19-Pandemie hat sie gezwungen, in ihre Heimat zurückzukehren. Statt den Zuständen in ihrem Land zu entfliehen, wollen sie diese nun ändern.

Osteuropa: Wie reagierten die lokalen Behörden?

Smaljančuk: Am 14. August, dem Freitag nach den Wahlen, kam der Vorsitzende der Stadtverwaltung Mečyslaŭ (Mieczysław) Goj zusammen mit Vertretern der örtlichen Miliz auf die Kundgebung im Stadtzentrum, um Menschen nach der Gewalt in den Tagen zuvor zu beruhigen. Das war ein schwieriges Gespräch. Doch am Ende unterzeichnete die Stadtverwaltung eine Vereinbarung, in der sie die Kundgebungen auf dem Lenin-Platz erlaubte, und erklärte, all jene freizulassen, die in den Tagen zuvor wegen der Teilnahme an den Protesten verhaftet worden waren. Das war ein Moment der Freiheit, den die Menschen auf den Straßen feierten.

Osteuropa: Die Machtvertikale begann zu bröckeln…

Smaljančuk: Ja. Daher reagierte das Regime sofort. Vier Tage später schickte das Regime einen Sondergesandten, Viktar Šejman, der in den 2000er Jahren einige Jahre Generalstaatsanwalt war und die Präsidialverwaltung geleitet hat. Gleichzeitig erklärte das Staatliche Kontrollkomitee, ein vom langjährigen stellvertretenden KGB-Vorsitzenden Ivan Tertel’ geleitetes Organ der präsidialen Machtvertikale, die Beschlüsse der Stadtverwaltung für ungültig.

Die Stadtverwaltung gab dem Druck aus Minsk nach und brach die Vereinbarung. Sondereinheiten der Miliz versuchten, die Kundgebungen auf dem zentralen Lenin-Platz aufzulösen. Doch das gelang nicht. Die Stadt hat sich ihrer Macht entzogen.

Daraufhin kam Lukašenka selbst nach Hrodna und sprach vor einer Gruppe von Anhängern, die er hatte zusammentrommeln lassen. Am 22. August entließ er den Vorsitzenden des Exekutivkomitees des Gebiets Hrodna. Neuer Vorsitzender wurde der ehemalige Gesundheitsminister Uladzimir Karanik, den in Belarus alle kennen, weil er auf dem Höhepunkt der Covid-19-Pandemie die Statistiken hatte fälschen lassen. Die Antwort war erneut eine Großkundgebung, bei der am 23. August, dem zweiten Sonntag nach den Wahlen, Zehntausende durch die gesamte Stadt zogen.

Osteuropa: Welche Rolle spielen die Arbeiter des örtlichen Chemiegiganten Azot?

Smaljančuk: Der Düngemittelhersteller ist der größte Betrieb der gesamten Region. Es galt als ausgemacht, dass die Belegschaft zum Regime steht. Doch dann traten die Arbeiter des Werks in Streik. Damit war das Eis gebrochen, das hatte auch großen Einfluss auf die Arbeiter anderer Betriebe. Dies hat die Chancen der „Revolution von Hrodna“ deutlich erhöht. Als Arbeiter von Azot auf die Kundgebungen im Stadtzentrum kamen, wurden sie mit Ovationen begrüßt.


"Arbeiter – ihr seid Helden"

Osteuropa: Hrodna ist eine multikonfessionelle Stadt. Schlägt sich das in den Protesten nieder?

Smaljančuk: Über ein Drittel der Bewohner von Hrodna ist katholisch, in der Stadt finden sich orthodoxe neben unierten und katholischen Klöstern, hier lebt die größte Gruppe von Polen in Belarus, die Große Synagoge ist eine der schönsten im ganzen Land und hat eine neue jüdische Gemeinde. Ich bin überzeugt, dass es für viele Menschen in Hrodna von zentraler Bedeutung war, dass der römisch-katholische Erzbischof von Minsk-Mahiljaŭ, Tadeusz Kоndrusiewicz, der auch Vorsitzender der belarussischen Bischofskonferenz ist, die Forderungen der Protestierenden unterstützt hat. Auch der russisch-orthodoxe Erzbischof von Hrodna und Valkavysk Artemij hat die Wahlfälschungen und den Polizeiterror verurteilt. Vertreter verschiedener Konfessionen protestierten gemeinsam unter der weiß-rot-weißen Flagge.

Osteuropa: Wie reagieren die Polen in Hrodna?

Smaljančuk: Sie haben sich vollständig mit den Protestierenden solidarisiert. Der Bund der Polen, eine Organisation der polnischen Minderheit in Belarus, die das Regime verboten hat, beteiligt sich an den Demonstrationen.

Osteuropa: Spielte die nationale Geschichte bei den Protesten eine Rolle?

Smaljančuk: Durchaus. Zunächst war die Farbe des Protests Weiß. Das ging fließend in die weiß-rot-weiße Flagge über. Zu der an Lukašenka gerichteten Losung „Hau ab“ trat der Ruf „Žyve Belarus“ (Lang lebe Belarus). Damit sind die Traditionen von Unabhängigkeit und Freiheit aufgerufen. Die weiß-rot-weiße Flagge war das Symbol der im März 1918 gegründeten Belarussischen Volksrepublik und von 1991–1995 das der Republik Belarus.

Osteuropa: Sie und ihre Kollegen haben in den vergangenen Jahren trotz massiver Behinderungen durch den Staat zur Geschichte der Stadt Hrodna geforscht und die Ergebnisse publiziert. Man spricht von einer „Hrodnaer Historischen Schule“. Trägt diese Arbeit jetzt Früchte?

Smaljančuk: Ich denke, das kann man so sagen. Die informelle Bildungsarbeit, die unabhängige Historiker hier über lange Jahre geleistet haben, wirkt sich nun aus. Sie haben an die Königsstadt Hrodna erinnert, in der mehrere polnische Könige und litauische Großfürsten ihren Sitz hatten. Das hat das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bürger gestärkt, was sich nun in dieser schwierigen Zeit auszahlt.

Osteuropa: Sie sind kein Prophet, sondern Historiker, aber Sie haben sich auf Historische Anthropologie spezialisiert. Worauf sollten wir in diesem Moment eines historischen Umbruchs besonderes Augenmerk richten?

Smaljančuk: Es wäre interessant, die Formen des Widerstands in den vergangenen Jahrzehnten vergleichend zu untersuchen. Lange Zeit hatten nur wenige lokale belarussische und polnische Intellektuelle gewagt, sich den Machthabern entgegenzustellen. Sie hatten fast keine Unterstützung. Hrodna war wie alle Städte im Westen von Belarus zwischen 1950 bis 1970 brutal sowjetisiert und russifiziert worden. Aber die Haltung der Einzelnen stand in einer längeren Tradition des Kampfs für die Freiheit der Stadt und seiner Bürger. Im August 2020 sind die Menschen zum ersten Mal seit den frühen 1990er Jahren in großer Zahl auf die Straßen und Plätze von Hrodna geströmt.

Das Interview führte Felix Ackermann.

Aus dem Polnischen und Belarussischen von Felix Ackermann und Andrea Huterer.

Ales’ Smaljančuk (1959), Professor am Institut für Slawistik der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Warschau. Nachdem die Staatliche Universität Hrodna ihn entlassen hatte, lud er in den vergangenen Jahren Historikerinnen und Historiker zu mehreren Konferenzen über die Geschichte der Stadt ein. Die Ergebnisse wurden in den Büchern „Palimpsest Hrodna“ und „Socium Grodno“ veröffentlicht.

Felix Ackermann (1978), Historiker, Dr. phil., Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut Warschau. Er wurde mit einer Arbeit über die Geschichte der Stadt Grodno promoviert und lehrte von 2011–2016 an der belarussischen Exiluniversität in Vilnius. Sein Buch „Palimpsest Grodno“ ist als PDF frei zugänglich.