Fokus Belarus

Funktionäre gegen Fans

Ingo Petz über die Reaktion des Sports auf die Proteste gegen das Lukašenka-Regime

Osteuropa: Der Spitzensport spielt in modernen Gesellschaften eine große Rolle für die gesellschaftliche Integration und die politische Repräsentation. Dies ist in Belarus nicht anders. Wie nutzte das Lukašenka-Regime den Sport zur Legitimation seiner Herrschaft?

Ingo Petz: Vor allem Eishockey, aber auch die Leichtathletik waren so etwas wie die sportlichen Stützen des Regimes. Lukašenka präsentierte sich ja selbst als passionierter Eishockeyspieler. 2014 fand die Eishockey-WM in Belarus statt. Aus diesem Anlass wurden die Städte Babrujsk und Žlobin mit neuen Eisarenen beschenkt. Das wurde natürlich auf höchster Ebene entschieden. Dass die Leichtathletik eine große Rolle spielt, konnte man zuletzt bei den Europäischen Spielen sehen, die 2019 mit großem Pomp in Minsk aufgezogen wurden. Der Fußball spielte hingegen eine geringere Rolle als in anderen Ländern. Lukašenka ist kein großer Fußballfan. Dieses Feld überlässt er anderen im Dunstkreis seines Regimes, etwa Aljaksandr Zajcev, einem Geschäftsmann mit engen Beziehungen zum Lukašenka-Clan. Ihm gehört der Verein Dinamo Brest, er hat 2018 Diego Maradona als Aushängeschild angeworben. Heute ist der Argentinier dort Präsident. Und trotzdem leben in Belarus auch die meisten Fußballvereine vom staatlichen Budget, wenn auch mehr schlecht als recht. Mit Fußball lässt sich dort kein Geld verdienen.

Osteuropa: Das offizielle Wahlergebnis – angeblich 80 Prozent für Lukašenka – war eine Provokation. Auf die spontanen Proteste folgte eine Woche willkürlicher Gewaltexzesse durch die Sondereinheiten der Miliz. Wie reagierten die offiziellen Verbandsvertreter?

Petz: Die Verbände halten sich mit Solidaritätsbekundungen für die Demonstranten zurück. Dies ist nicht verwunderlich. In den Führungsetagen sitzen nicht selten getreue Kader aus der Armee, dem KGB und dem Innenministerium oder anderen Schaltstellen der Machtvertikale. Der Fußballverband ABFF hat am vergangenen Wochenende angeordnet, dass die Spiele vor leeren Tribünen stattfinden müssen. Angeblich wegen der Covid-19-Pandemie. Und dies, nachdem im März und April, als in ganz Europa der Spielbetrieb eingestellt war, in Belarus keinerlei Vorsichtsmaßnahmen angeordnet worden waren. Die Funktionäre fürchteten zweifellos, dass die Fans in den Stadien gegen das Regime protestieren würden. Den Vereinen hat der Verband zudem einen Brief geschickt, in dem er erklärt, der Fußball dürfe nicht als „Bühne für politische Propaganda“ missbraucht werden. Nur der Vorsitzende des Leichtathletik-Verbandes Vadim Dejvatovskij wagte sich hervor. Er schrieb in der Woche der exzessiven Polizeigewalt auf Twitter: „Lukašenka ist nicht mein Präsident.“

Osteuropa: Und die Sportler?

Petz: Da sieht es ganz anders aus. Viele bekannte Athleten haben ihre Solidarität mit den Protestierenden bekundet und das Regime offen kritisiert. Etwa El᾽vira German, eine der besten Hürdenläuferinnen des Landes. Sie forderte ein „Ende der Gewalt“ und „ehrliche Wahlen“. Der Kickboxer Aljaksej Kudzin, der Eishockey-Spieler Aleksej Litvinov und der Fußballnationalspieler Anton Saroka von Bate Barisaŭ wurden sogar zeitweise festgenommen. Viele sind, wie fast die gesamte Gesellschaft, von der exzessiven Gewalt des OMON auf der Straße und in den Gefängnissen schockiert. Ein sehr prominenter Fall ist der von Darja Domračava. Die viermalige Biathlon-Olympiasiegerin war eine Vorzeigeathletin des Regimes. Nun hat sie die Einsatzkräfte zum Gewaltverzicht aufgerufen. Der ehemalige Torwart des Minsker Vereins NFK Krumkačy (Die Raben), Evgenij Kostjukevič, der mit einem Traumtor in einem Spiel gegen Vicebsk zu Berühmtheit gelangte, ist sogar sehr aktiv bei den Protesten dabei. Er hat sich mit flammenden Reden an die streikenden Arbeiter gewendet. Die Mannschaft von Stalica, einem erfolgreichen Hallenfußball-Verein in Minsk, hat die Einnahmen aus den vergangenen Spielen den Opfern von Gewalt und Folter zukommen lassen.

Am zweiten Protestsonntag nach den Wahlen hat sich nun auch die Mittelstreckenläuferin Marina Arzamasava geäußert, die 2015 in Peking Weltmeisterin über 800 Meter wurde. Sie erklärte, sie sei bislang unpolitisch gewesen, damit müsse aber nun Schluss sein. Genau dies sagen auch all jene, die das Regime lange durch die typische Mischung aus Angst, Verdrängung und Desinteresse gestützt hatten, aber nun aufgewacht sind.

Beim NFK Krumkačy hat am vergangenen Spieltag die gesamte Mannschaft ein deutliches Zeichen der Solidarität gesetzt. Die Spieler sind mit Trikots aufgelaufen, auf denen stand: „Wir sind mit dem Volk.“ Der Verein, der zurzeit in der zweithöchsten Klasse des Landes spielt, hat aber einen gewissen Sonderstatus. Er ist einer der wenigen privat finanzierten Vereine und verfügt über eine sehr engagierte Fanszene, die sich größtenteils aus Hipstern und IT-lern zusammensetzt.

Osteuropa: Im Fußball gibt es eine organisierte Fanszene. Spielte diese in Belarus eine politische Rolle? Wie stand sie zu dem Regime?

Petz: Die Szene ist in Belarus nicht so groß wie in Russland und der Ukraine. Es gehen überhaupt nur sehr wenige Menschen in die Stadien der höchsten Spielklasse. Durchschnittlich kamen in der letzten Saison nur rund 2000 Zuschauer zu den Spielen. Und die organisierte Fanszene, vor allem bei Dinamo Minsk, ist in den vergangenen Jahren systematisch vom Regime zerschlagen worden. Der Staat fürchtete die Fanszene, weil sie gut organisiert ist und anders als die NGOs der Zivilgesellschaft nur schlecht kontrolliert werden kann. Zudem hatten in der Ukraine während des Euromajdan Ultras eine wichtige Rolle gespielt. Sie kannten sich im Straßenkampf aus und beschützten die Protestierenden vor den Tituški, den vom Janukovyč-Regime geschickten Schlägertrupps. Das belarussische Regime griff in den letzten Jahren einzelne Anführer der Fanszene heraus und verurteilte sie in Schauprozessen zu drakonischen Haftstrafen von bis zu acht Jahren. Darüber wurde in internationalen Medien fast gar nicht berichtet. Wahrscheinlich weil man bei Fußballfans immer sehr misstrauisch ist. Auch bei den Menschenrechtsorganisationen in Belarus laufen sie leider unter dem Radar.

Osteuropa: Und wie haben Fans auf die Wahlfälschung und die Gewalt reagiert?

Petz: Die Fußballfans sind grundsätzlich sehr kritisch gegenüber dem Regime. Als organisierte Szene sind sie aber, soweit ich das einschätzen kann, in den vergangenen zwei Wochen nicht in Erscheinung getreten. Aber natürlich waren viele Fans bei den Protesten dabei, das konnte man in den sozialen Medien verfolgen. Der 28-jährige Mikita Krytsoŭ, der als sechstes Todesopfer bei den Protesten gilt, war Fan des Vereins FK Maladzečna. Dieser hatte eine sehr aktive Fanszene, die der KGB in den letzten Jahren zerschlagen hat. Die landesweite Szene sammelt nun Spenden für die hinterbliebene Frau und die Tochter. Da gibt es sehr viel Solidarität.

Viele Fußballfans standen auch vor den Gefängnissen, nachdem das Regime in der ersten Woche nach den Wahlen Tausende Menschen hatte verhaften lassen. Sie organisierten Wasser und Lebensmittel, und als die Inhaftierten entlassen wurden, dokumentierten sie die Gewalt, die den Menschen in den Haftanstalten angetan worden war. Fans reihen sich also grundsätzlich ein in die Masse der Protestierenden.

Viele engagierte Fans sind auch Journalisten, die für bekannte Sportmedien arbeiten. Und diese berichten nun nicht mehr nur über Sport, sondern auch über die Proteste und die Streiks. Das lässt sich gut bei den Sportmedien Pressbol und Tribuna beobachten.

Osteuropa: Seit dem Wahlsonntag sind zwei Wochen vergangen. Das Regime hat zwei Mal die Taktik gewechselt. Auf die Tage der Gewalt folgten einige Tage, in denen es so aussah, als wolle Lukašenka die Situation aussitzen. Eine Woche nach der Wahl gingen Hunderttausende Menschen im ganzen Land auf die Straße und forderten faire Neuwahlen unter freien Bedingungen. Seitdem hat das Regime die Repressionen wieder verschärft. Was bedeutet das für diejenigen, die sich auf die Seite der Protestbewegung gestellt haben?

Petz: Wenn das Regime obsiegt, wird es eine massive Repressionswelle geben – und von dieser werden auch die Sportler und Funktionäre betroffen sein, die sich auf die Seite der Proteste geschlagen haben. Einige sahen sich schon jetzt gezwungen, das Land zu verlassen, etwa Aljaksandr Apejkin. Apejkin ist Chef des Handballvereins Vitjaz, Mitte der 2000er Jahre hatte er mit einigen Mitstreitern den Dritten Weg gegründet, eine Organisation junger Liberaler. Unmittelbar nach den Wahlen begann er, Unterschriften bekannter Sportler zu sammeln, die sich auf die Seite der Proteste stellen. 300 sollen auf der Liste stehen. Seit Ende vergangener Woche ist er im Ausland. Er will nun von dort eine Stiftung für jene Sportler aufbauen, die die Wahlfälschung und die Gewalt der Einsatzkräfte kritisiert haben.

Ingo Petz: freier Journalist mit Schwerpunkt Osteuropa, seit vielen Jahren in der Zusammenarbeit mit Belarus engagiert, u.a. als Mitgründer des Projekts Fankurve Ost, das sich um Fans, Verbände und Vereine im Bereich Fußball in Belarus, in der Ukraine und in Russland bemüht: www.fankurve-ost.de

Das Gespräch führte Volker Weichsel.