Titelbild Osteuropa 5/2019

Aus Osteuropa 5/2019

Editorial
Die Politisierung des Formalen

(Osteuropa 5/2019, S. 3)

Volltext

Die Politisierung des Formalen

Künstler und Literaten sind die Seismographen einer Gesellschaft. Früher als andere zeichnen sie die Wellen auf, die künftigen politischen Erschütterungen vorausgehen. Dieses Frühwarnsystem hat in vielen Ländern Osteuropas bereits seit Anfang der 2000er Jahre wachsende gesellschaftliche Spannungen angezeigt. Kunst und Literatur haben sich sichtbar politisiert. In Russland war dies nicht zuletzt eine Reaktion auf die massive Einschränkung politischer Freiheiten durch das immer autoritärer agierende Regime. Kultur ist wieder zu einer Sphäre geworden, in der eine politische Diskussion stattfinden kann, die die autoritären Regime aus anderen Bereichen der Öffentlichkeit weitgehend herausgedrängt haben. In Polen und Ungarn kam der Aufschwung nationalistischen Denkens in der fiktionalen Literatur zum Ausdruck, lange bevor die illiberalen Bewegungen an die Spitze des Staates gelangten und von dort heute auch die Kulturpolitik prägen. In Russland bedient sich das Putin-Regime seit einigen Jahren zur „Vermarktung“ seiner Politik und zur Erschaffung „nützlicher“ Kollektivbilder mit großer Intensität ästhetischer Mittel. Das Ausmaß dieses Rückgriffs auf Kunst und Literatur wie deren spezifische Formensprache selbst erinnern an die Zeiten des Staatskommunismus. Zugleich sind ästhetische Formen des Widerstands gegen autoritäre Herrschaft – etwa die Ironie, das Überschreiten von Grenzen und das Schockieren – nicht mehr eindeutig subversiv: Autoritäre Regime und populistische Bewegungen haben sich die Sprache des Dissenses angeeignet und setzen sie für ihre Zwecke ein.
Sieben Autorinnen und Autoren untersuchen in diesem Band, wie Literatur und Kunst in Russland und Polen gesellschaftliche Entwicklungen vorweggenommen, aufge-zeichnet und geprägt haben. Lena Jonson demonstriert, wie in Russland eine antiliberale Subkultur der 1990er Jahre zum ästhetischen und politischen Mainstream wurde und liberales Denken und Kunst mit emanzipatorischem Anspruch an den Rand gedrängt wurden. Zugleich zeigt sie, wie fließend der Übergang zwischen kontrakulturellem rechten und linken Kunstaktivismus und den ästhetischen Auftritten des Regimes war. Maria Engström führt vor, wie das Erbe des spätsowjetischen Undergrounds und der „rebellischen“ 1990er Jahre in der heutigen russischen Populärkultur einem ideologischen, politischen und stilistischen Recycling unterzogen wird. Die Werke vieler Künstler sind harmlose, kommerziell attraktive Imitationen einer Revolution, die die politische Leitidee des Staates ausdrücken: „Globalisierung ohne Verwestlichung“.
Klavdia Smola zeigt, dass die linke Kunst mit neuen Verfahren auf das Scheitern der Proteste im Jahr 2012 und die Aneignung der radikalen Widerstandsästhetik durch das Regime seit 2014 reagiert hat. Die Künstler setzen nicht mehr auf Konfrontation mit der Staatsmacht, sondern auf Transformation der Gesellschaft mit den Mitteln partizipativer Kunst. Mark Lipovetsky wendet sich gegen die Deutung des politischen Handelns des Kreml als „postmodern“. Er zeigt auf, wie das Regime in zynischer Weise das ideologiekritische postmoderne Denken entkernt. Evgenij Kazakov zeichnet nach, wie der Staat 2018 Konzerte verbot und so fiktive Gefahren mit realen Mitteln bekämpfte.
Maciej Urbanowski gibt einen differenzierten Überblick über jenes vielgestaltige Feld der polnischen Literatur, in dem antikommunistische, antiliberale und antimoderne Ideen verhandelt werden oder einem dystopisch gezeichneten Polen der Gegenwart ein utopisches der Vergangenheit und der Zukunft entgegengesetzt werden. Diese Literatur ist – und dies zeigt Matthias Schwartz in gleicher Weise für den polnischen Hip-Hop – heute keine Subkultur mehr, sondern bewegt sich im nationalistischen Mainstream.
Klavdia Smola, Manfred Sapper, Volker Weichsel