Titelbild Osteuropa 1-2/2018

Aus Osteuropa 1-2/2018

Näher am Trauma
Aleksievičs „Letzte Zeugen“ im Vergleich

Johanna Lindbladh

Abstract

Svetlana Aleksievič unterzieht das Rohmaterial ihrer Bücher einer intensiven Bearbeitung. Dies wurde oft kritisiert. Ihr Umgang mit dem dokumentarischen Material hält einer geschichtswissenschaftlichen Methodenkritik nicht stand. Ihr Ansatz hängt jedoch eng mit dem Wesen der Aussagen in ihren Büchern zusammen: Erinnerungen und Gefühle verlangen nach anderen Formen als objektive Fakten. Aleksievičs sukzessive Überarbeitungen reduzieren den dokumentarischen und intensivieren den literarischen Charakter ihrer Texte. Die einzelne Aussage wird dadurch zugleich universaler und rückt dichter an den Leser heran. Im Zuge der Lektüre geht die Funktion des an der Zeugenschaft beteiligten „ethischen Subjekts“ von der Autorin auf den Leser über.

(Osteuropa 1-2/2018, S. 183–195)