Titelbild Osteuropa 1-2/2018

Aus Osteuropa 1-2/2018

Mehr als Geschichte
Svetlana Aleksievičs dokumentarische Prosa

Clemens Günther

Abstract

Manche Kritiker und Leser sprechen dem Werk von Svetlana Aleksievič den literarischen Charakter ab. Sie übersehen, dass ihre Prosa über die Sammlung von Stimmen weit hinausgeht. Das erzählte Zeugnis erfährt eine bewusste künstlerische Umgestaltung und entfaltet so eine eigene ästhetische Kraft. Aleksievič Kunstverständnis hat Vorläufer in der sowjetischen dokumentarischen Prosa der 1920er und 1930er Jahre und der dissidentischen Literatur eines Solženicyn und Šalamov. Ihr künstlerisches Verfahren ist die Montage, Suggestionskraft erreicht ihre Prosa durch Dialogizität und Emotionalisierung. Diese Verfahren stehen jedoch in einem Spannungsverhältnis zu einem faktographischen Geltungsanspruch, den die Autorin postuliert und der die Wahrnehmung ihres Schaffens in der Kritik bislang prägt.

(Osteuropa 1-2/2018, S. 83–97)