Titelbild Osteuropa 1-2/2018

Aus Osteuropa 1-2/2018

Leiden und Sinnsuche
Svetlana Aleksievičs moralische Revolution

Elena Gapova

Abstract

Svetlana Aleksievičs Werk lässt sich auf viele Weisen lesen: als Literatur, als Oral History, aber auch als großangelegte moralphilosophische Reflexion. Die Bücher ihres „roten Zyklus“ kreisen um Erfahrungen von Verzweiflung und Zerrüttung und damit verbunden um die Frage nach dem Sinn des Leids. Die einzelnen Texte geben darauf verschiedene Antworten. Im ersten Buch über Frauen im Zweiten Weltkrieg ist das Leiden Ergebnis bewussten Handelns, in den folgenden Bänden erfahren die Protagonisten es als passiv und oft sinnlos. Im Abschlussband Secondhand-Zeit steht der Sinnverlust selbst im Zentrum: Mit dem Ende der Sowjetunion geht eine „moralische Revolution“ einher, die gelebtes Leben und gebrachte Opfer entwertet und so neues Leid erzeugt. Gleichzeitig deutet sich eine Verschiebung der Sinnsuche vom Kollektiven ins Private an.

(Osteuropa 1-2/2018, S. 211–221)