Titelbild Osteuropa 1-2/2018

Aus Osteuropa 1-2/2018

Der Sowjetmensch
Geschichte eines Kollektivsingulars

Klaus Gestwa

Abstract

Svetlana Aleksievičs Werk ist der Versuch einer literarischen Anthropologie des Sowjetmenschen. Ebenfalls seit Mitte der 1980er Jahre haben die Soziologen um Jurij Levada mit ganz anderen Mitteln ein Soziogramm des homo sovieticus gezeichnet. Beide Ansätze sind verdienstvoll – literarisch beeindruckend im einen, empirisch solide im anderen Fall. Doch die Schriftstellerin wie die Soziologen postulieren einen anthropologischen Typus und suggerieren so eine Homogenität, die der Vielfalt und Offenheit der menschlichen und gesellschaftlichen Entwicklung in der UdSSR und ihren Nachfolgestaaten nicht entspricht. Die Denk- und Lebensweisen wandelten sich ungeachtet einiger Konstanten im Strom der Zeit erheblich. Dies nachzuzeichnen ist die Aufgabe der Historiker.

(Osteuropa 1-2/2018, S. 55–82)