Titelbild Osteuropa 7-10/2015

Aus Osteuropa 7-10/2015

So fern und doch so nah
Das Europabild in Georgien: Eine Ideengeschichte

Adrian Brisku

Abstract

Die Idee Europa kam aus Russland nach Georgien. Georgische Adelige im Dienst das Zaren begannen in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ins Russische übertragene Schriften des deutschen Idealismus sowie der Dichter der Romantik zu lesen. Diese Texte brachten die nationale Idee nach Georgien. Auch für die nationale Bewegung der 1870er–1890er Jahre blieb Russland das Tor nach Europa. Erstmals sprachen Anfang des 20. Jahrhunderts die Dichter der symbolistischen Gruppe „Blaue Hörner“ nicht von einer Hinwendung zu einem modernen Europa, sondern von einer „Rückkehr“ Georgiens in die europäische Zivilisation. Nach der Errichtung der Sowjetherrschaft in Georgien lautete die offizielle Doktrin 70 Jahre lang, die sozialistische Zukunft liege in Asien. Erst mit der Perestrojka tauchte die Vorstellung einer Rückkehr ins gemeinsame Haus Europa wieder auf. Russland allerdings hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten seine Rolle als Vermittler europäischer Ideen verspielt. Heute schauen die Gegner eines europäischen Georgien nach Moskau.

(Osteuropa 7-10/2015, S. 515–529)