Titelbild Osteuropa 7-10/2015

Aus Osteuropa 7-10/2015

Editorial

(Osteuropa 7-10/2015, S. 5–6)

Volltext

Kaukasien ist Peripherie und Zentrum zugleich. Die vom Gebirgszug des Großen Kaukasus mit seinen über 5000 Meter hohen Gipfeln in einen Nord- und einen Südteil getrennte Region erscheint politisch abgeschnitten und sozioökonomisch abgehängt. Gleichzeitig rückte der Kaukasus immer wieder in den Fokus der europäischen Öffentlichkeit, vor allem wegen der gewaltsam ausgetragenen Konflikte und Kriege in Tschetschenien (1994–1996 und 1999–2009), Berg-Karabach (1992–1994), Südossetien (1991–1992; 2008) und Abchasien (1992–1993) – um nur jene mit der größten Anzahl an Toten, Verwundeten, Verstümmelten und Vertriebenen zu nennen. Dazu kommt der erinnerungspolitische Konflikt um den Genozid an den Armeniern von 1915.

In den 1990er und 2000er Jahren waren es vor allem die Öl- und Gasvorkommen im Kaspischen Meer, die politische Aufmerksamkeit und beträchtliche Investitionen in den Kaukasus lenkten. Aserbaidschan hat internationale Ölkonzerne ins Land geholt und ist durch den Verkauf von Erdöl, das via Pipelines zu Häfen in Russland, Georgien und der Türkei und von dort auf den Weltmarkt gelangt, zu beträchtlichem Reichtum gekommen, der jedoch in den Händen weniger Klans konzentriert ist. Der Versuch eines vorrangig von westeuropäischen Unternehmen gegründeten Konsortiums, eine Pipeline („Nabucco“) zum Transport von Erdgas aus Aserbaidschan und Turkmenistan zu bauen, ist gescheitert. Gleichwohl wird Erdgas aus aserbaidschanischen Feldern voraussichtlich Ende des Jahrzehnts nach Europa strömen – durch eine Pipeline, die ein aserbaidschanisch-türkisches Konsortium baut.

Auch internationale Großveranstaltungen wie der Eurovision Song Contest in Baku im Mai 2012 und die Olympischen Winterspiele im Februar 2014 in Soči gaben der Welt Anlass, auf den Kaukasus zu schauen. Doch der Zweck, den die autoritären Regimes unter Vladimir Putin in Russland und Ilham Aliyev in Aserbaidschan damit verbanden, hat sich nicht erfüllt. Zu eklatant sind die Menschenrechtsverletzungen, zu massiv die Repression, als dass es gelingen könnte, diese mit Glanz und Glamour zu übertünchen. Die Winterspiele in Soči werden vor allem deshalb in Erinnerung bleiben, weil Geheimdienstler und Bewaffnete aus Russland, noch während die Schlusszeremonie im Gange war, die Besetzung der Krim vorbereiteten. Heute wissen wir, dass diese Operation teilweise von Spezialkräften durchgeführt wurde, die Russland aufzustellen begonnen hatte, nachdem die im Krieg gegen Georgien im August 2008 eingesetzten Einheiten durch schlechte Ausbildung und Ausrüstung aufgefallen waren.

Der Kaukasus ist zwar eine kleine Region: Die drei südkaukasischen Staaten Aserbaidschan, Armenien und Georgien haben zusammen nur ca. 16 Millionen Einwohner, die Fläche beträgt mit ca. 186 000 km² die Hälfte jener Deutschlands. Doch angesichts der zahlreichen Kriege und Krisen wäre es ein sträflicher Fehler, sie zu vernachlässigen. Nicht nur, weil die latenten Konflikte der Region jederzeit gewaltsam eskalieren können, sondern auch, weil aus den Modellen zu ihrer Regulierung gelernt werden kann. Denn die seit 1992 unabhängigen Staaten Armenien, Aserbaidschan und Georgien im Südkaukasus sowie die zu Russland gehörenden Republiken des Nordkaukasus liegen in der Übergangszone zwischen den muslimisch geprägten Gesellschaften der Türkei sowie des Iran und dem postsowjetisch-säkularen, heute seine christlich-orthodoxen Wurzeln betonenden Russland. Der Kaukasus ist daher von einem Neben-, Mit- und Gegeneinander des Islam sunnitischer und schiitischer Prägung sowie christlicher Kirchen (armenisch-apostolisch, georgisch-orthodox und russisch-orthodox) geprägt. Sprachgrenzen, Konfessionsgrenzen und wirtschaftsgeographische Grenzen überlappen einander in vielfacher Weise. Doch bereits die Bolschewiki zogen mit ihrer Nationalitätenpolitik territoriale Grenzen und trieben die Homogenisierung voran. Ende der 1980er Jahre führte die Eskalation ethnopolitischer Konflikte zu einer Welle von Flucht, Vertreibung und Migration. Ein Großteil der ethnischen Russen siedelte aus den Staaten des Südkaukasus und aus den nordkaukasischen Republiken ins russische Kernland über. Die meisten Juden emigrierten nach Israel oder zogen ebenfalls nach Moskau oder Petersburg. Zwischen Armenien und Aserbaidschan fand ein riesiger, von Gewalt getriebener Bevölkerungsaustausch statt, nahezu alle Georgier flüchteten aus den von Sezessionsbewegungen erfassten Gebieten Abchasien und Südossetien. Heute ist insbesondere Armenien ein nahezu homogener Nationalstaat, die größte Vielfalt blieb in Georgien bewahrt.

Dieser Band rückt den Südkaukasus ins Zentrum. Dies hat editionspraktische Gründe. Die Region ist derart vielgestaltig und so wenig ist über sie bekannt, dass ein Band, der auch den Nordkaukasus in ähnlich systematischer Weise behandelt hätte, die Buchbinder an ihre Grenzen gebracht hätte. Selbstverständlich schauen die Autoren immer dann auch in den Nordkaukasus, wenn es entweder enge gewachsene oder neue Beziehungen zum Südkaukasus gibt, oder aber der Vergleich aufgrund ähnlicher oder entgegengesetzter Phänomene und Entwicklungen besonders erhellend ist. Dies gilt etwa für den Islam oder die Politik Russlands in seinem nordkaukasischen „inneren Ausland“ und gegenüber seinem südkaukasischen „nahen Ausland“.

Einer Erläuterung bedürfen die Schreibweisen der Eigennamen in diesem Band. Die Sprachenvielfalt am „Berg der Völker“ ist sprichwörtlich, die Karte am Ende dieses Bandes dokumentiert sie. Das im 19. Jahrhundert zur Nationalsprache ausgebaute Georgische verfügt ebenso wie das Armenische über ein eigenes Alphabet; die ältesten bekannten Schriftdenkmäler stammen aus dem 5. Jahrhundert. Es verbietet sich, diese – wie es zu sowjetischen Zeiten gängige Praxis war – ausgehend von der Transliteration ins Kyrillische in lateinische Buchstaben zu übertragen. Vorhandene wissenschaftliche Transliterationssysteme entstellen bekannte Namen und Orte zur Unkenntlichkeit. Osteuropa hat sich für einen Mittelweg voller Kompromisse entschieden. Die Georgische Akademie der Wissenschaften hat ein am Englischen ausgerichtetes Transliterationssystem entwickelt. Da dieses im ganzen Land für Straßen- und Ortsschilder verwendet wird, findet es – in leicht vereinfachter Form – auch in diesem Band Anwendung. Somit steht ch für die Lautung „tsch“ und kh für „ch“ (in Lachen). Eine ähnliche offizielle Transliteration gibt es für das Armenische nicht, lediglich mehrere wissenschaftliche Systeme. Aus Gründen der Einheitlichkeit sind die armenischen Eigennamen daher wie die georgischen an die englische Transliteration angelehnt. Das Aserbaidschanische scheint keine Probleme zu bereiten, wird es doch seit 1991 – wie bereits in den 1920er Jahren (zuvor in der persischen Variante des arabischen Alphabets, dazwischen in einem modifizierten Kyrillisch) – in einer Lateinschrift geschrieben, dem Neuen Türkischen Alphabet. Dieses enthält allerdings fünf Buchstaben, die das deutsche Alphabet nicht kennt: ç steht für „tsch“, ə für „ä“, ğ für „gh“. Der mit dem Buchstaben ı bezeichnete Laut ähnelt dem unbetonten e am Ende deutscher Wörter. Ausnahmen haben wir bei Eigennamen gemacht, die im Deutschen eingeführt sind: Baku (statt Bakı) und Heydar Aliyev (statt Heydər Əliyev). Gleiches gilt für armenische und georgische Eigennamen.