Titelbild Osteuropa 4/2015

Aus Osteuropa 4/2015

Dschihadisten in Dagestan
Clans, Kompromisse und krumme Geschäfte

Emil Souleimanov

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Abstract

Dschihadistische Gruppen wählen für ihre Anschläge oft Ziele wie Bordelle und Kasinos, die in der salafistischen Ideologie als Orte der Sünde gelten. Sie passen sich dabei jedoch an die Erwartungen der lokalen Bevölkerung an. Auf diese Weise wollen sie ihr Ansehen steigern und sich die Solidarität anderer Salafisten sichern. Wo sie nicht davon ausgehen können, dass tödliche Anschläge auf „sündige“ (haram) Ziele gutgeheißen werden, setzen sie eher auf „Umerziehung“ statt auf Strafe. Gerade schwächere Terrorzellen vermeiden zudem Anschläge, bei denen sie eine massive Vergeltung der Sicherheitsbehörden zu erwarten haben. Im Kern verhalten sich, wie am Beispiel Dagestans zu zeigen ist, dschihadistische Gruppierungen daher rational.

Dieser Beitrag ist die überarbeitete Fassung eines bereits publizierten Artikels: Emil Aslan Souleimanov: Making Jihad or Making Money? Understanding the Transformation of Dagestan's Jamaats into Organised Crime Groups, in: Journal of Strategic Studies 41.4 (2018): 604-628.

(Osteuropa 4/2015, S. 115–129)

Volltext

Dschihadistischer Terror ist eines der größten internationalen Probleme der Gegenwart.[1] Als Dschihadisten werden in erster Linie die militanten Anhänger des Salafismus bezeichnet, einer Strömung im sunnitischen Islam, die in der muslimischen Welt die Scharia einführen und eine islamische Theokratie errichten will. Bestimmten Auslegungen zufolge strebt der Salafismus auch eine größere Ausdehnung der islamischen Welt an. Er will den Islam sowohl von „vor-islamischen“ Normen (jahiliya) als auch von „nicht-islamischen“ Praktiken (bidʼa) „befreien“, die in den ursprünglichen Islam eingedrungen seien. „Ungläubige“ (kufar), „Heuchler“ (munafiqun) und „Abtrünnige“ (murtad­dun) – etwa Anhänger einer der Strömungen des Sufismus oder Schiiten – gelten den Salafisten als die Hauptfeinde des „wahren Islam“. Den bewaffneten Kampf, den „Dschihad mit dem Schwert“ (jihad al-asghar) sehen sie als eine der zentralen Pflichten eines jeden Muslims.

Obwohl viel über den Terror diskutiert wird, ist das Wissen über die Funktionsweise dschihadistischer Gruppen sehr begrenzt.[2] Nur wenige ehemalige Dschihadisten sind bereit, Informationen über die Aktivitäten ihrer früheren Waffenbrüder zu liefern.[3] Wegen der großen Gefahr, der sich Wissenschaftler aussetzen müssen, um den Mikrokosmos dschihadistischer Gruppen zu beleuchten, gibt es nur wenige Studien, die diese militarisierten religiösen Geheimbünde aus erster Hand erforschen.[4] Lediglich Zeitungsreportagen und Informationen, die gelegentlich aus den Strafverfolgungsbehörden an die Öffentlichkeit dringen, geben gewisse Anhaltspunkte. Doch diese Quellen sind häufig ungenau und veraltet.[5] Unsere Vorstellungen davon, wie dschiha­distische Gruppen vorgehen, was ihr Handeln in konkreten Situationen bestimmt, vor welchen Entscheidungen sie im Alltag stehen, beruhen daher oft auf der – meist via Internet verbreiteten – Selbstdarstellung der Dschihadisten. Über ihr reales Verhalten und ihre Motive geben solche Quellen nur bedingt Aufschluss.

Um das Phänomen zu verstehen und ihm begegnen zu können, ist es jedoch unabdingbar, die Rationalität der dschihadistischen Gruppierungen nachzuvollziehen. Halten sie sich konsequent an die Lehrsätze des Salafismus – der Ideologie also, die gemeinhin als handlungsleitend für ihren gewalttätigen Kampf gilt – oder sind sie bereit, davon abzuweichen und sich auf „unislamische“ Praktiken oder eine Kooperation mit „Feinden“ einzulassen, wenn dies etwa der Finanzierung ihrer Aktivitäten dient? Handelt es sich bei den Dschihadisten um eine hermetisch abgeschlossene Sekte, für die Verwandtschaftsbeziehungen – zumal wenn sie in Widerspruch zu religiösen Überzeugungen stehen – keine Rolle spielen? Sind die Dschihadisten eine homogene Gemeinschaft salafistischer Revolutionäre, deren einziges Ziel der Heilige Krieg ist, oder sammeln sich unter dem allgemeinen Label „Dschihad“ ganz verschiedene Gruppen, darunter auch solche, deren Tätigkeit in erster Linie krimineller Natur ist? Und schließlich eine der wichtigsten Fragen: Handeln sie rational? Eine ethnographische Studie am Beispiel von dschihadistischen Gruppierungen in der zu Russland gehörenden Autonomen Republik Dagestan bietet Antworten.

Die Gewaltspirale in Dagestan

Die multiethnische Republik Dagestan mit ihrer drei Millionen starken, überwiegend muslimischen Bevölkerung liegt im politisch instabilen nördlichen Kaukasus, wo die Gewalt im Zusammenhang mit separatistischen Bestrebungen und deren Bekämpfung seit der Jahrtausendwende zunehmend eskaliert.[6] Der bewaffnete Konflikt in Dagestan begann im August 1999, als ein tschetschenisch-dagestanisches Kommando unter Šamil Basaev in Dagestan einfiel, um eine Reihe von Dörfern in Zentraldagestan zu unterstützen, die sich zuvor unter der Führung einiger Salafisten von Moskau und der Republikshauptstadt Machačkala unabhängig erklärt hatten. Auf diese Weise wollte Basaev einen Volksaufstand gegen die russische Herrschaft im Nordkaukasus provozieren.[7] Doch statt eines Aufstands gegen Moskau löste der Überfall Widerstand gegen die Dschihadisten aus: Tausende Dagestaner meldeten sich freiwillig, um die russischen Truppen an der tschetschenisch-dagestanischen Grenze zu unterstützen. Die dschihadistischen Invasoren wurden binnen eines Monats aus Dagestan vertrieben.

Bald danach begann Moskau eine Jagd auf alle „Wahhabiten“, wie die Mitglieder der salafistischen Bewegung im Nordkaukasus seit den 1990er Jahren abwertend genannt wurden. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in den USA ging Moskau noch härter vor. Der lokale Aufstand wurde nun als ein von außen nach Dagestan getragener globaler Dschihad dargestellt.[8] Nahezu jeder Anhänger des Salafismus und selbst viele nicht salafistisch orientierte fromme Muslime galten auf einmal als Sicherheitsrisiko. Tausende vor allem junger Männer wurden festgenommen, verhört und inhaftiert. Um Geständnisse von echten oder vermeintlichen „Wahhabiten“ zu erzwingen, wurden die Verhafteten oft schwer gefoltert und vergewaltigt oder auf andere Weise erniedrigt.[9] Die Zahl der unschuldig Festgehaltenen ging in die Tausende.[10] Nach Angaben der Rechtsanwältin Sapijat Magomedova, die seit Anfang der 2000er Jahre angebliche Dschihadisten verteidigt, konnte nur in einem von zehn Fällen nachgewiesen werden, dass der Beschuldigte die ihm vorgeworfenen Taten begangen hatte.[11] Mitarbeiter der Sicherheitsbehörden, ihrer Straflosigkeit gewiss, missbrauchten ihre Macht, um im „Krieg gegen den Terror“ Erfolgsquoten zu liefern oder gar um Geld von den Angehörigen der Verhafteten zu erpressen.[12]

Viele Menschen in Dagestan wissen daher nicht, wen sie mehr fürchten sollen: die aufständischen Kämpfer (boeviki) oder die Polizei.[13] Viele junge Dagestaner wollen sich für das, was ihnen angetan wurde, rächen. Hunderte, womöglich gar Tausende haben sich zu diesem Zweck den überall in der Republik entstandenen jamaats (Gemeinschaften) angeschlossen, wie die dschihadistischen Gruppierungen im Nordkaukasus und insbesondere in Dagestan genannt werden.[14]

Für Zulauf zu den jamaats sorgen daneben auch andere Faktoren: Zum einen ist dies die endemische Korruption in Dagestan, die weite Teile der Bevölkerung frustriert. Vielfach beklagt wird außerdem der angebliche allgemeine Sittenverfall: Alkoholismus, Drogenkonsum, Spielsucht und Prostitution, aber auch die Emanzipation von Frauen und der mangelnde Respekt gegenüber der älteren Generation und „traditionellen islamischen Werten“. Ein weiterer Faktor ist die große Zahl der Arbeitslosen.[15]

Die meisten jamaats berufen sich auf den Salafismus, um ihren Kampf zu rechtfertigen.[16] Etwa zwei Dutzend solcher Gruppen mit insgesamt zwischen 200 und 300 Mitgliedern, die sich ganz und gar dem Dschihad verschrieben haben, operieren in Dagestan.[17] Sie sorgen dafür, dass die Zahl der Anschläge in Dagestan seit Mitte der 2000er Jahre höher ist als in allen anderen nordkaukasischen Republiken.

Terrorismusforschung auf dünnem Eis

Wie funktionieren diese jamaats? Terroristen brauchen Geld, um ihren Kampf zu finanzieren, und dieses besorgen sie sich meist auf illegalen Wegen. Dieser Zusammenhang ist im Allgemeinen gut erforscht.[18] Für dschihadistische Gruppierungen stellt sich das Problem jedoch auf eine besondere Weise: Wie handeln sie, wenn die kriminellen Aktivitäten, denen sie zur Finanzierung des politisch motivierten Terrors nachgehen, nach dem salafistischen Dogma „un-islamisch“ (haram) sind? Glücksspiel, Prostitution sowie der Verkauf von Alkohol und Drogen sind nicht nur nach dem salafistischen, sondern auch nach dem allgemeinen islamischen Gesetz verboten. Dschihadistische Gruppen sollten sich von derlei Aktivitäten fernhalten: Sie widersprechen ihren religiösen Grundüberzeugungen, und Dschihadisten laufen zudem Gefahr, sich in den Augen ihrer faktischen wie auch potentiellen Anhänger zu kompromittieren. Ihre Gewalt sollte sich vielmehr gezielt gegen Spielhallen, Bordelle und Spirituosenhändler richten.[19]

Dennoch sind beispielsweise die afghanischen Taliban und andere dschihadistische Gruppen der Region trotz streng salafistischer Lippenbekenntnisse in großem Stil in den internationalen Drogenhandel eingestiegen, um ihre Aktivitäten zu finanzieren.[20] Ob sich Vergleichbares auch anderswo beobachten lässt, ist bislang nicht ausreichend erforscht. Dasselbe gilt für die Frage, ob und unter welchen Umständen dschihadi­stische Gruppen mit (ausländischen) „Ungläubigen“ oder (einheimischen) „Heuchlern“ und „Abtrünnigen“ kooperieren können. Laut salafistischer Doktrin sollten sie diese kompromisslos bekämpfen,[21] und tatsächlich gab es in Afghanistan, Irak und anderswo Hunderte von Anschlägen dschihadistischer Gruppen gegen Kräfte, die die Herrschaft eines nicht-salafistischen Regimes auch nur tolerieren, von Zusammenarbeit ganz zu schweigen. Zugleich geht man davon aus, dass etwa die Regierung Pakistans mit den Anführern lokaler Taliban-Einheiten immer wieder Nichtangriffspakte schließt.[22]

Die vorhandene Forschung behandelt dschihadistische Gruppen oft als monolithische Kategorie „islamischer Kämpfer“ und blendet Unterschiede in der Ideologie, der Organisationsform und der Vorgehensweise dieser Gruppen aus. Auch der unterschiedliche kulturelle Hintergrund, vor dem sie weltweit agieren, wird nicht genügend berücksichtigt,[23] ebenso wenig wie die Rolle, die verwandtschaftliche Beziehungen in ihnen spielen.[24]

Breiten Raum nimmt in der bisherigen Forschung die Frage ein, ob Dschihadisten als rationale oder irrationale Akteure zu betrachten sind. Ein Teil der Studien kommt zu dem Schluss, Dschihadisten orientierten sich vorwiegend an göttlicher Erlösung bzw. Verdammnis.[25] Gewalt sei für sie – anders als für weltliche, z.B. ethno-separatistische, rechts- oder linksextreme Terroristen – kein bloßes Werkzeug, um die Öffentlichkeit oder ihre Feinde zu manipulieren und zu  politischen Zugeständnissen zu nötigen.[26] Religiöse Terroristen agierten nicht für ein irdisches, sondern für ein himmlisches „Publikum“.[27] Dies erkläre die besonders hohen Opferzahlen gerade bei ihren Anschlägen.[28]

Andere Beobachter argumentieren, religiöse Terroristen gingen durchaus rational vor, auch wenn Rationalität in diesem Fall anders zu verstehen sei als im Fall weltlicher Terroristen.[29] So seien etwa Selbstmordattentate – eine der am meisten gefürchteten Erscheinungsformen des dschihadistischen Terrors – insofern rational, als die Täter permanent Kosten und Nutzen dieser Form der Gewalt für ihre Community, ihre Familie usw. abwägten.[30] Rationalität und Terrorismus gingen Hand in Hand.[31] Mit Alex Schmid und Albert Jongman lässt sich sagen, dass es wenige Bereiche gibt, „über die auf der Grundlage von so wenig Forschung so viel geschrieben wird“.[32] Tatsächlich stützt sich die große Mehrheit der Studien zum Dschihadismus vorwiegend auf Sekundärquellen – obwohl gerade in der Terrorismusforschung die Notwendigkeit, mit zuverlässigen Primärdaten zu arbeiten, offensichtlich ist.[33]

Ein ethnographischer Ansatz

Das postsowjetische Dagestan mit seinen Dutzenden von dschihadistischen Gruppen, die formal dem Kaukasusemirat unterstellt sind, de facto aber autonom operieren,[34] bietet für die Terrorismusforschung reiches empirisches Material, das wissenschaftlich bisher kaum erschlossen ist. Die Aufmerksamkeit der Fachwelt konzentriert sich in der Regel vor allem auf den Dschihadismus im Nahen Osten; Dagestans jamaats sind – trotz des regionalen wie auch globalen Sicherheitsrisikos, das sie darstellen – wenig erforscht.[35] Nicht zuletzt deshalb stützt sich die vorliegende Untersuchung vor allem auf journalistische Berichterstattung aus der Region und auf Primärquellen. Ausgewertet wurde eine Reihe von russischsprachigen dagestanischen Zeitungen, die regelmäßig über Aufständische und Aufstandsbekämpfung berichten, insbesondere Černovik, Dagestanskaja Pravda und Machačkalinskie Izvestija. Der größte Teil der analysierten Informationen stammt jedoch aus Interviews: mit aktiven (2) und ehemaligen (6) Dschihadisten; mit Augenzeugen des gewaltsamen Konflikts in der Republik, darunter auch Angehörigen (3) und engen Freunden (7) ehemaliger Dschiha­disten; außerdem mit russischen und dagestanischen Wissenschaftlern (3), Journalisten (3) und einem Rechtsanwalt, die vor Ort mit dem Konflikt befasst sind.[36]

Die meisten der Vorkommnisse, die in den Interviews zur Sprache kommen, datieren zwischen 2006 und 2011. Die Aussagen der aktiven und ehemaligen Dschihadisten wurden in allen Fällen anhand von Informationen aus deren sozialem Umfeld – von Verwandten und Freunden – überprüft. Identität und Namen der Interviewpartner werden aus Sicherheitsgründen nicht offengelegt; dies gilt jedoch nicht für Journalisten und Wissenschaftler.

Aufgrund der begrenzten Zahl der ausgewerteten Interviews erhebt die vorliegende Studie keinen Anspruch auf statistische Repräsentativität. Als erste ethnographische Untersuchung, die sich auf Aussagen aktiver oder ehemaliger Aufständischer stützt, bietet sie jedoch einen wertvollen Einblick in den Mikrokosmos dschihadistischer Gruppen.

Kriminelle oder Gotteskrieger?

Die zahlreichen Anschläge haben in Dagestan eine heftige Debatte über deren Natur ausgelöst. Handelt es sich um politisch oder religiös motivierten Terrorismus, um schlichte Kriminalität oder um eine Verbindung von beidem? Die Dschihadisten selbst leugnen jede Beteiligung an kriminellen Akten. Die Behörden dagegen sehen in den jamaats nur Kriminelle und berufen sich auf eine große – meist übertriebene – Zahl von Taten, die sich in keinen politischen Zusammenhang stellen lassen. Allerdings sehen auch viele Menschen in Dagestan, die den Dschihad im Prinzip unterstützen, in der Verbindung von Kriminalität und bewaffnetem politischem Kampf den Fluch der jamaat. Die starke lokale Tradition des Bandenwesens (abrečestvo) sei in die religiösen Gruppen eingedrungen. Über Formen und Umfang der illegalen Aktivitäten der dschihadistischen Gruppen herrscht jedoch Uneinigkeit.[37]

Ehemalige Dschihadisten berichten, lokale jamaats würden häufig Schutzgelder erpressen. Mit „Steuern“ dieser Art belegten sie vor allem die Besitzer von Spirituosenläden, Spielbanken und Bordellen[38] – „unislamische“ Betätigungsfelder also, zugleich aber auch die lukrativsten Zweige der riesigen Schattenwirtschaft Dagestans.

Im Mai 2010 erklärten dschihadistische Gruppen, die genannten Geschäftszweige seien schuld am „allgegenwärtigen Verfall der Sitten und der Vermehrung der Sünden“ und würden die dagestanischen Muslime „verderben“. Von nun an würden sie daher gezielt bekämpft.[39]  Geschäftsinhaber und Angestellte in ganz Dagestan wurden gedrängt, ihre nach islamischer Lehrmeinung verbotene Arbeit aufzugeben, andernfalls „werden euer Bordelle in Brand gesteckt und die Orte, wo ihr haram tut, in die Luft gesprengt, euer Eigentum zerstört, eure Geschäfte und Casinos überfallen und eure Bäder, in denen Unzucht herrscht, dem Erdboden gleichgemacht“.[40]

Theoretisch  hätten die dagestanischen jamaats dieser Verlautbarung entsprechend eine Null-Toleranz-Politik den betroffenen Unternehmen gegenüber praktizieren müssen. Das wurde jedoch nie umgesetzt – die befragten ehemaligen Kämpfer hatten vielmehr sogar Mühe, auch nur eine dschihadistische Gruppe zu nennen, die nicht in die „Besteuerung“ dieser Geschäftszweige verwickelt sei. Die Zwangsabgaben – von den Dschihadisten als zakat oder auch „Geld für den Dschihad“ bezeichnet – sichern die Finanzierung der dagestanischen jamaats. Diese operieren in ihren jeweiligen Gebieten autonom und sind sowohl für die Rekrutierung neuer Mitglieder als auch für die Erschließung von Geldquellen zuständig. Nach Aussagen mehrerer ehemaliger und eines noch aktiven Kämpfers wird in etwa die Hälfte ihres Finanzbedarfs durch solche von un-islamischen Geschäften erpressten Gelder gedeckt, der Rest stammt aus Einzelspenden oder salafistischen Stiftungen in und außerhalb Dagestans.

Die Betroffenen sind aus Furcht um ihr Leben und Eigentum oft bereit, den verlangten monatlichen Tribut zu entrichten. Wer sich weigert, riskiert, Ziel von Anschlägen zu werden. In einem Café in Chasavjurt zum Beispiel explodierte am 27. Januar 2011 ein Sprengsatz; vier Menschen wurden getötet, sechs verletzt – vorausgegangen war offenbar eine Weigerung des Besitzers, „Abgaben“ an Dschihadisten zu zahlen.[41]

Un-islamische Betriebe zu „besteuern“ oder unter Beschuss zu nehmen scheint für die jamaats ein „Win-win-game“ zu sein: Einerseits stellen sie eine zuverlässige Einnahme­quelle dar – angesichts ihrer wirtschaftlichen Unabhängigkeit und ihrer spärlichen bis nicht vorhandenen Finanzierung aus dem Ausland ist dies von entscheidender Bedeutung. Andererseits bieten Strafaktionen gegen zahlungsunwillige Betreiber von Spirituosenläden, Casinos oder Bordellen eine willkommene Gelegenheit, sich als überzeugte Gotteskrieger zu präsentieren. Zakir Magomedov, ein dagestanischer Journalist, der für Radio Free Europe/Radio Liberty arbeitet, spricht von Drohvideos, auf denen Dschihadisten Geld von Geschäftsleuten verlangen und sie auffordern, den Verkauf von Alkohol und Tabak einzustellen:

"Diese Videos werden ins Internet gestellt und dem Adressaten auf flash cards (SD-Karten) zugeschickt. Es gibt einen feststehenden Ausdruck für diese Praxis in Dagestan: jemandem ein flash schicken, ein flash bekommen, also die Geldforderung einer dschihadistischen Gruppe."[42]

Interessanterweise haben einige der jungen Neumitglieder von jamaats ihre Gruppen wieder verlassen, weil sie un-islamische Geschäftsleute „besteuern“, statt sie zu bekämpfen. Einige der Befragten sprachen von Enttäuschung: Das Verhalten der Gruppen stehe in eklatantem Widerspruch zu ihren Ansprüchen.[43] Nicht zuletzt deshalb beziehen die Dschihadisten in Angriffe auf Spirituosenläden, Casinos und Bordelle gern junge Rekruten mit ein. Die Aktionen dienen dann als eine Art Initiation und blockieren den Weg zurück:

"Die Angriffe werden gefilmt, und die Gesichter der beteiligten Neumitglieder in Nahaufnahme gezeigt. Damit sind sie als Mitschuldige identifizierbar, sie können nicht mehr zurück. Dazu kommt, dass all die Geschichten über extrem brutale Verhöre seitens der Strafverfolgung ihnen eine Höllenangst machen."[44]

Dennoch kommt es immer wieder vor, dass dschihadistische Gruppen mit Vertretern gerade dieser Strafverfolgung zusammenarbeiten.

Korruption und Kollaboration

Das Korruptionsniveau unter hochrangigen Polizeikräften und Beamten in Dagestan ist selbst an nordkaukasischen Maßstäben gemessen legendär.[45] Tatsächlich werden begehrte Posten bei den Strafverfolgungsbehörden hier oft verkauft, wobei die Bestechungssummen in die Zehntausende Dollar gehen.[46] Ganze Familien und Clans legen zusammen, um einem ihrer Angehörigen einen einträglichen Posten im Sicherheitsapparat oder bei der örtlichen Verwaltung zu verschaffen; in anderen Fällen nehmen Bewerber hochverzinste Kredite auf.[47] Die Mitarbeiter der Polizei sind dementsprechend darin interessiert, dass ihre Investitionen sich amortisieren. Sie versuchen, Gewinne zu machen und gleichzeitig ihr Risiko zu minimieren. Dass dieses Risiko im Bereich der Aufstandsbekämpfung beträchtlich ist, zeigen die Statistiken: Allein zwischen 2010 und 2014 wurden rund 460 Mitarbeiter der dagestanischen Polizei und Sicherheitskräfte von Dschihad-Kämpfern getötet.[48] Dies erklärt, warum die Posten bei den Eliteeinheiten wesentlich weniger begehrt sind als die Arbeit bei der Verkehrspolizei oder den „normalen“ Polizeikräften, die als lukrativer gilt.[49]

Die dschihadistischen Gruppen finanzieren sich im Prinzip aus denselben lokalen Quellen wie die korrupten Sicherheitskräfte. Um ihren Profit zu maximieren und unnötiges Blutvergießen zu vermeiden, gehen einzelne jamaats deshalb immer wieder kurzfristige Bündnisse mit ihnen ein.[50] Vor allem gilt dies für neu gegründete und relativ schwache Gruppen, insbesondere in den dünnbesiedelten Bergregionen. Mit einer Stärke von durchschnittlich nur fünf bis zehn Männern und ohne verlässliche Unterstützung seitens der Bevölkerung sind diese jamaats gezwungen, gewisse Kompromisse sowohl mit den lokalen Behörden als auch dem Teil der Bevölkerung zu suchen, der dem gewalttätigen Kampf kritisch gegenübersteht.[51] Größere Vergeltungsaktionen der Sicherheitskräfte würden andernfalls ihre Existenz gefährden.

Gelegentlich kommt es zwischen Polizei und Dschihadisten zu Vereinbarungen über die Aufteilung erpresster Gelder.[52] Die betroffenen Geschäfte werden dann von jamaats aufgefordert, zakat an die Aufständischen zu zahlen; ein Teil – zwischen einem und zwei Dritteln – der Tributzahlung wird jedoch an die Sicherheitskräfte weitergereicht. Bisweilen nutzen Dschihadisten und Polizei dabei erfolgreich das „good cop, bad cop“-Schema: Beamte zwingen un-islamische Unternehmen, „Steuern“ zu zahlen, die ihrem „Schutz“ vor Dschihadisten dienen sollen (eine Praxis, die in Dagestan wie auch in Russland unter dem Namen kryša bekannt ist). Wird die Abgabe nicht gezahlt, folgt der Angriff auf dem Fuß – angeblich, weil der „Schutz“ durch die Sicherheitskräfte nicht finanziert war.[53] Auseinandersetzungen über die Aufteilung der Gewinne aus solchen „besteuerten“ Unternehmen sollen laut Auskunft ehemaliger Dschihadisten gelegentlich zu regelrechten Kriegen zwischen der Polizei und Anführern von jamaats eskaliert sein, bei denen es Dutzende Tote und Verletzte gab.

Wirtschaftlich motivierte Zusammenarbeit zwischen Behörden und Dschihadisten gibt es bis in die höchsten Ebenen der örtlichen Politik und der Sicherheitskräfte. Ein berüchtigter Fall ist der des ehemaligen Bürgermeisters von Mahačkala, Said Amirov, dessen enge Verbindungen zu Dagestans umstrittenstem Aufständischen Ibragim Gadžidadaev jahrelang ein offenes Geheimnis waren, über das die örtlichen Medien aus Furcht vor Repressalien seitens der Behörden jedoch nicht berichteten. Erst seit Amirov im Juni 2013 verhaftet und unter anderem für die Zusammenarbeit mit dschihadistischen Gruppen verurteilt wurde, wird sein Fall breit und offen diskutiert.[54]

Einige ehemalige Dschihadisten gestehen ein, dass die Möglichkeit, auf kriminellem Weg Geld zu verdienen, die religiösen Motive für manchen jamaat-Anführer mit der Zeit in den Hintergrund gedrängt hat:

"Sie hatten nicht damit gerechnet, dass dieses Verfahren [d.h. die Schutzgelderpressungen] so einträglich sein würde. Mit der Zeit haben sie sich an das Luxusleben gewöhnt [. . .], an den Status; sie konnten ihre Cousins und Neffen unterstützen, und dazu kam, dass sie sich [um Vergeltungsaktionen der Polizei] keine Sorgen machen mussten. Der Mensch ist bekanntlich schwach."[55]

Dschihadisten, die in erster Linie eigene ökonomische Interessen verfolgen, sind naturgemäß weniger risikobereit: Statt die Behörden durch spektakuläre Aktionen zu provozieren, treffen sie lieber Absprachen mit ihnen.[56] Umgekehrt gibt es auch rein kriminelle, ausschließlich der persönlichen Bereicherung dienende Gruppen, die ihr Vorgehen mit dschihadistischer Symbolik und Rhetorik bemänteln, denn die „Marke“ Heiliger Krieg erleichtert die Rekrutierung neuer Mitglieder unter der frustrierten Jugend und sichert den betreffenden Einheiten die Unterstützung jener Teile der örtlichen Bevölkerung, die mit dem Salafismus sympathisieren.[57]

Dass gerade solche pseudo-dschihadistischen oder „wirklich kriminellen“ Vereinigungen, wie sie in Dagestan vielfach genannt werden, häufiger un-islamische Ziele angreifen als andere Gruppen[58] und dass andererseits auch jamaats mit sehr religiösen Anführern un-islamische Unternehmen oftmals lieber „besteuern“ als direkt attackieren,[59] führt zu einer zunehmenden Verwischung der Grenzen. Dies wiederum bringt viele „echte“ Dschihadisten, die Salafismus und Heiligen Krieg als revolutionäre Ideen sehen, dazu, den jamaats wieder den Rücken zu kehren. Die Bevölkerung hat wenig direkten Einblick in die Funktionsweisen dieser Gruppen, weshalb potentielle Neumitglieder schwer einschätzen können, in welcher sich „echte“ und in welcher nur „angebliche“ Dschihadisten zusammenfinden. Was die „Besteuerung“ un-islamischer Geschäfte angeht, ist die Bevölkerung meist skeptisch bis gleichgültig:

"Irgendwer knöpft ihnen immer Geld ab: entweder die Mudschaheddin oder die Polizei. Was kümmert es uns einfache Leute, wenn die sich untereinander streiten? [. . .] Am Ende trifft es doch die normale Bevölkerung."[60]

Primat des Clans

Für die konservative Gesellschaft Dagestans spielen Verwandtschaftsbeziehungen eine fundamentale Rolle. Durch die nach dem Zweiten Weltkrieg einsetzende Urbanisierung und Modernisierung hat die Bedeutung der tukhum (Clans) zwar etwas abgenommen, doch gerade in den ländlichen Bergregionen, wo die Aufständischen auf dem Vormarsch sind, bleibt die Clan-Identität weitgehend intakt. Endogamie – also Heiraten innerhalb des Clans oder des Dorfes – wird in diesen patriarchalisch organisierten Gegenden traditionell bevorzugt. In der Praxis heißt das, dass Mitglieder eines Clans oder verwandter Clans auch im selben Dorf oder in benachbarten Dörfern leben.[61] Mit Ausnahme einiger weniger Dörfer vor allem im Zentrum des Landes, die sich in den 1990er zum Salafismus bekehrt haben, bekennen sich die meisten dagestanischen Dorfgemeinschaften zum Sufi-Islam. Der salafistischen Lehrmeinung gilt dieser als Häresie.[62]

Zudem verlangt die salafistische Doktrin von einem frommen Muslim, dass er sich von jedem, der sich nicht die einzig wahre Auslegung des Islam zu eigen macht, lossagt, auch wenn es sich um Verwandte handelt. Für Salafisten ist die umma – die Gemeinschaft der (gleichgesinnten) Mit-Muslime – die umfassendste und letztlich einzige Quelle von Identität. Clan und Blutsverwandtschaft, ethnische, soziale und geographische Zugehörigkeiten gelten allesamt als un-islamisch und sollten von den „Verehrern des einzig wahren Gottes“, wie die Salafisten sich selbst bezeichnen, fallengelassen werden. Die harten Auseinandersetzungen, die sich etwa zwischen salafistisch mobilisierten Kindern und nicht-salafistischen Vätern daraus ergeben können, beschreibt der tschetschenische Historiker Vachid Akaev:

"Stellen Sie sich eine Situation vor, in der ein junger Mann von einem Anhänger des „reinen Islam“ gesagt bekommt: „Du sollst die Scheichs und Geistlichen nicht verehren, du sollst die Alten nicht verehren!“ Darauf folgt die Frage: Warum soll man die Alten nicht verehren? Die Antwort ist einfach: Weil das hieße, Allah einen zweiten Gott zur Seite zu stellen."[63]

Loyalitätskonflikte dieser Art gibt es auch im postsowjetischen Dagestan. Die jamaats sind hier meist geographisch organisiert, sie kontrollieren jeweils eine bestimmte Gegend. Mit Ausnahme der größeren, ethnisch gemischten dschihadistischen Gruppen, die in den städtischen Zentren operieren, besteht dieses Gebiet in der Regel aus mehreren benachbarten Dörfern, meist in der Nähe einer Kleinstadt. In den ländlichen Bergregionen gehören die Bewohner dieser Gebiete üblicherweise derselben ethnischen Gruppe an und sind innerhalb eines Dorfes meist auch blutsverwandt.

Ehemalige Dschihadisten berichten, dass gewöhnliche Mitglieder wie auch Anführer lokaler jamaats sich oft weigern, ihre für die kommunale Verwaltung oder die Sicherheitsbehörden arbeitenden Verwandten anzugreifen. Immer wieder gibt es Fälle, in denen sie Familienangehörige auf der Gegenseite vor bevorstehenden Anschlägen warnen, die ihre eigene oder eine rivalisierende Gruppe von Aufständischen plant. Umgekehrt warnen auch Polizei- und Verwaltungsbeamte oft ihre Angehörigen vor Kampfeinsätzen. Selbst bei jenem Teil der örtlichen Bevölkerung, der dem Salafismus kritisch gegenübersteht, finden Dschihadisten oftmals Schutz und werden mit Essen, Medikamenten und Kleidern versorgt; die Kämpfer ihrerseits akzeptieren diese Unterstützung trotz der Diskrepanz in den religiösen Überzeugungen.[64] Manchmal kommt es sogar zu Nichtangriffspakten zwischen lokal aktiven Dschihadgruppen und ihren offiziellen Feinden, die real zu ihrer Familie gehören. All dies steht in scharfem Widerspruch zur salafistischen Doktrin. Ein ehemaliger Kämpfer erklärt:

"Blut ist dicker als Wasser – jedenfalls bei uns in Dagestan. So sind wir erzogen [. . .] Wenn einer seines Bruders Blut vergießt, verzeihen die Menschen ihm das nie. Natürlich gibt es immer wieder auch Menschen, die so manipuliert wurden, dass sie ohne zu zögern ihre Verwandten umbringen [wenn das im Interesse ihrer Gruppe ist], aber das ist ein Riesenproblem [. . .] vor allem für die jungen Typen [d.h. Neumitglieder]."[65]

Die Fälle, in denen Aufständische in den ländlichen Gegenden eigene Angehörige töten, werden eher „deshalb bekannt, weil sie so selten sind“, erklärt der aus Dagestan stammende Moskauer Soziologe Achmet Jarlykapov.[66]  Auf den größten Widerstand stoßen gewaltsame Aktionen gegen die eigene Familie bei Neumitgliedern von jamaats auf dem Land.[67] Eben deshalb bilden sie auch die größte Gruppe, die dem Dschihad wieder den Rücken kehrt.

Seit etwa 2010 bemüht sich Moskau daher, Polizeieinheiten möglichst weit von ihrem Heimatort entfernt einzusetzen, um unwillkommene Solidarisierungseffekte zu vermeiden. Die dagestanischen Behörden setzen für lokale Operationen zunehmend Elite-Antiterroreinheiten ein; das Personal dieser Einheiten stammt überwiegend aus den städtischen Zentren der Republik, wo Verwandtschaftsbeziehungen eine weniger wichtige Rolle spielen. Und schließlich dient auch der seit 2011 vermehrt  zu beobachtende Einsatz von russländischen Truppen und Polizeikräften aus anderen Landesteilen in Dagestan unter anderem dem Zweck, die hemmende Wirkung von Verwandtschaftsbeziehungen zu vermeiden.[68]

Fazit

Selbst auf lokaler Ebene bilden die dschihadistischen Kämpfer keine homogene Gemeinschaft. Die Motive der einzelnen Gruppen variieren zwischen ideologischen, finanziellen und persönlichen Gründen bzw. einer Kombination aus allen drei.

In der Praxis spielen die ideologischen Grundsätze des salafistischen Dschihad meist eine weit geringere Rolle für diese Gruppen, als ihre Verlautbarungen annehmen lassen. Auch besonders fromme jamaats finanzieren sich über die „Besteuerung“ un-islamischer Unternehmen, statt sie zu vernichten, und viele jamaats sichern ihr Überleben in der einen oder anderen Weise durch „Nichtangriffspakte“ mit lokalen Behörden und Sicherheitskräften. Die Bedeutung von Verwandtschaftsbeziehungen für die dagestanischen jamaats ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Gewaltbereitschaft und Radikalisierung oft weniger auf ideologischer Indoktrination gründen als auf persönlichen Problemen, die vielfach mit Misshandlungen durch die örtliche Polizei zu tun haben. Besonders in der ersten Zeit sind neue jamaat-Mitglieder meist nicht bereit, den ideologischen Erzfeind zu attackieren, wenn sie in dessen Reihen Mitglieder der eigenen Familie wissen. Dem salafistischen Dogma zum Trotz spielt die Familie für ihr Selbstverständnis eine außerordentlich wichtige, wenn nicht die wichtigste Rolle – dies ändert sich meist erst nach längerer Aktivität in einer dschihadistischen Gruppe und entsprechender religiöser Indoktrination.[69]

All dies spricht für die endogene Qualität des Aufstands in Dagestan. Er ist nicht, wie in Moskau und im moskautreuen Tschetschenien oft behauptet wird, aus dem Ausland importiert, sondern ein hausgemachtes Problem. Die Radikalisierung junger Dagestaner ist weniger auf theologische Motive zurückzuführen als auf die unverhältnismäßige und undifferenzierte Gewaltanwendung seitens des lokalen Sicherheitsapparats. Diese Gewalt ist zutiefst kontraproduktiv: Sie hat eine Generation von Kämpfern hervorgebracht, die zunächst Vergeltung wollten und dann unter den Einfluss des dogmatischen Salafismus gerieten. Der Dschihadismus ist zum ideologischen Sammelbecken für alle geworden, die in dieser Weise gegen das Regime aufbegehren oder sich für ungerechte Behandlung rächen wollen. Gerade das Schutzgeldgeschäft und die häufigen Fälle von Kollaboration mit staatlichen Behörden zeigen auch, dass Dschihadisten durchaus zu Abstrichen von ihren lautstark verkündeten religiösen Postulaten bereit sind.

Daraus folgt, dass es einer maßgeschneiderten Strategie bedarf, um die verschiedenen dschihadistischen Gruppen zu bekämpfen. In manchen Fällen, insbesondere für die Gruppen, die in erster Linie kriminelle Vereinigungen sind, mag es genügen, den ökonomischen Nährboden auszutrocknen – wofür speziell in Dagestan allerdings auch die korrupten Strukturen im Sicherheitsapparat ins Visier genommen werden müssten.

Die jungen „Idealisten“ unter den Dschihadisten könnten durch gezielte Information über kompromittierende Aktivitäten ihrer Gruppen motiviert werden, sich von diesen abzuwenden. Auch hier hängt freilich viel davon ab, wie glaubwürdig die örtlichen Repräsentanten des Staates sind – nach Möglichkeit sollten sie nicht selbst in Schutzgelderpressungen verwickelt sein. Und schließlich könnten auch familiäre Kontakte genutzt werden, um junge Männer zum Ausscheiden aus dschihadistischen Gruppen zu bewegen bzw. darin zu bestärken. Die Tatsache, dass sie in ländlichen Regionen oft bemüht sind, Blutvergießen zu vermeiden oder möglichst einzuschränken, um die Sympathie der Bevölkerung nicht zu verspielen, weist die Dschihadisten als im Kern rationale Akteure aus. Um sie zu bekämpfen, ist undifferenzierte Gewalt offensichtlich nicht das geeignete Mittel.

Die Ergebnisse von ethnographischen Untersuchungen und ethnographisch arbeitenden Fallstudien sind naturgemäß immer kontextgebunden. Sie beanspruchen keine allgemeine Übertragbarkeit. Die Stärke der Ethnographie – insbesondere der politischen Ethnographie – liegt jedoch darin, dass sie komplexe Strukturen innerhalb schwer zugänglicher Communities (zu denen illegale und speziell terroristische Vereinigungen zweifellos zählen) von innen beleuchtet. Wie die vorliegende Studie zeigt, kann sie wertvolle, nichtaggregierte Daten über das Wesen und den modus operandi solcher Gruppen liefern, an die anderweitig schwer heranzukommen ist. Daraus können sich neue Erkenntnisse ergeben; etablierte Interpretationen werden in Frage gestellt und neue Forschungsfelder umrissen, wodurch der Stillstand in der Terrorismusforschung insgesamt überwunden werden könnte. [70]

Mit den aktiven wie ehemaligen Terroristen zu sprechen, ist also in jedem Fall sinnvoll. Wer wissen will, wie dschihadistische Gruppen organisiert sind, wie sie denken und handeln, wird um weitere empirische Untersuchungen zum Thema nicht herumkommen.

Aus dem Englischen von Olga Radetzkaja, Berlin

 

 


[1]   Einen Überblick zur salafistischen Ideologie bietet Roel Meijer: Global Salafism: Islam’s New Religious Movement. New York 2011. 

[2]   Andrew Silke: Research on Terrorism: Trends, Achievements and Failures. London 2004, S. 1–29. – Ignacio Sánchez-Cuenca: Why Do We Know So Little About Terrorism? In: International Interactions: Empirical and Theoretical Research in International Relations, 4/2014, S. 590–601. – Marc Sageman: The Stagnation in Terrorism Research, in: Terrorism and Political Violence, 4/2014, S. 565–580.

[3]   Emil Souleimanov, Huseyn Aliyev: The Individual Disengagement of Avengers, Nationalists, and Jihadists: Why Ex-Militants Choose to Abandon Violence in the North Caucasus. Basingstoke 2014, S. 15.

[4]   Silke, Research on Terrorism [Fn. 2], S. 30–56.

[5]   Zur Quellenproblematik siehe Bart Schuurman, Quirine Eijkman: Moving Terrorism Research Forward: The Crucial Role of Primary Sources. The Hague 2013.

[6]   Emil Souleimanov: Dagestan: The Emerging Core of the North Caucasus Insurgency, in: CACI Analyst, 29.9.2010.  

[7]   Emil Souleimanov: Chechnya, Wahhabism and the Invasion of Dagestan, in: Middle East Review of International Affairs, 4/2005, S. 63–64.

[8]   So auch von einigen Wissenschaftlern: Gordon M. Hahn: Russia’s Islamic Threat. New Haven 2007. – Sergej Markedonov: Radical Islam in the North Caucasus. Evolving Threats, Challenges. Washington, D.C. 2010. – Robert W. Schaefer: The Insurgency in Chechnya and the North Caucasus: From Gazavat to Jihad. Santa Barbara 2010. – Lorenzo Vidino: How Chechnya Became a Breeding Ground for Terror, in: Middle East Quarterly, 3/2005, S. 57–66.

[9]   Dagestan: Human Rights Work is a Basis for Detention. Bericht von Memorial, 8.7.2013, <www.memo.ru/d/166457.html>.

[10]  U.S. Department of State, Bureau of Democracy, Human Rights, and Labor: 2010 Human Rights Report. Russia, 8.4.2011. – The North Caucasus: The Challenges of Integration (III). Governance, Elections, Rule of Law. International Crisis Group Europe Report 226, 6.9.2013, S. 20–24.

[11]  Interview mit Sapijat Magomedova, Prag, März 2014.

[12]  Steffany A. Trofino: Dagestan: Moscow’s Risk Versus Gain, in: International Journal of Intelligence and CounterIntelligence, 2/2011, S. 1521–1561.

[13]  Interview mit Sapijat Magomedova [Fn. 11].

[14]  Emil Souleimanov: The Upsurge of Islamic Violence in the North Caucasus: Exploring the Case Studies of Dagestan and Kabardino-Balkaria, in: Connections. The Quarterly Journal, 3/2011, S. 117–126. – Alissa De Carbonnel: Insight: Brutality, Anger Fuel Jihad in Russia’s Caucasus. Reuters, 31.8.2012.

[15]  Jean-Francois Ratelle, Emil A. Souleimanov: Retaliation in Rebellion: The Missing Link to Explaining Insurgent Violence in Dagestan, in: Terrorism and Political Violence ( i.E. 2015).

[16]  Die Rhetorik der dagestanischen jamaats ist in der Regel deutlich stärker vom salafistischen Dschihadismus geprägt, als dies in anderen Teilen des Nordkaukasus der Fall ist; Aurélie Campana, Benjamin Ducol: Voices of the „Caucasus Emirate“: Mapping and Analyzing North Caucasus Insurgency Websites, in: Terrorism and Political Violence, 9/2014.

[17]  Diese geschätzten Zahlen basieren auf Gesprächen mit dagestanischen Wissenschaftlern, Journalisten und ehemaligen Dschihadisten.

[18]  Zum Verhältnis von politischem Terrorismus und unpolitischer Kriminalität: Michael Freeman: The Sources of Terrorist Financing: Theory and Typology, in: Studies in Conflict and Terrorism, 6/2011, S. 461–475. – Tamara Makarenko: The Crime-Terror Continuum: Tracing the Interplay between Transnational Organised Crime and Terrorism, in: Global Crime, 1/2004, S. 129–145. – Louise I. Shelley, John T. Picarelli: Methods Not Motives: Implications of the Convergence of International Organized Crime and Terrorism, in: Police Practice and Research: An International Journal, 4/2002, S. 305–318. – Marinko Bobic: Transnational Organised Crime and Terrorism: Nexus Needing a Human Security Framework, in: Global Crime, 3–4/2014, S. 241–258.

[19]  Emil Souleimanov: Dagestan’s Jihadists and Haram Targeting, in: CACI Analyst, 18.2.2015.

[20]  Ron Moreau: The Taliban’s New Role as Afghanistan’s Drug Mafia, in: Newsweek, 12.6.2013. – James A. Piazza: The Opium Trade and Patterns of Terrorism in the Provinces of Afghanistan: An Empirical Analysis, in: Terrorism and Political Violence, 2/2012, S. 213 –234. – Raphael F. Perl: Taliban and the Drug Trade, in: CRS Report for Congress, 5.10.2001.

[21] Laut Scheich Abd al-Aziz ibn Baz sind sich die islamischen Religionsgelehrten einig, dass „wer den Ungläubigen gegen die Muslime hilft oder ihnen auch nur die geringste Unterstützung zukommen lässt, genauso ein kafir ist wie sie.“ <https://archive.org/stream/ Aqidah.Kalamullah/Ad-Dalail-Fi-Hukm-Muwalat-Ahl-Al-Ishrak_djvu.txt>.

[22]  Omar Waraich: Why Pakistan Won’t Fight the Afghan Taliban, in: Time, 20.11.2009.

[23]  Rühmliche Ausnahmen sind die Untersuchungen von James Wither und James Piazza. Beide differenzieren explizit zwischen islamistischen Terroreinheiten, die eher für nationale Befreiung kämpfen, und solchen, deren Ziele spiritueller oder „abstrakt-universaler“ (Piazza) Art sind; siehe James K. Wither: Selective Engagement with Islamist Terrorists: Exploring the Prospects, in: Studies in Conflict and Terrorism, 1/2009, S. 18–35. – James A. Piazza: Is Islamist Terrorism More Dangerous? An Empirical Study of Group Ideology, Organization, and Goal Structure, in: Terrorism and Political Violence, 1/2009, S. 62–88.

[24]  Mehrere Studien legen nahe, dass Terrorgruppen zum Ersatz für familiäre Beziehungen werden können; H. Jager, G. Schmidtchen, L. Sullwood: Analysen zum Terrorismus. Opladen 1981, S. 151–153. – Souleimanov, Aliyev, Individual Disengagement [Fn. 3], S. 75.

[25]  Mark Juergensmeyer: Terror in the Mind of God: The Global Rise of Religious Violence. Berkeley 2000. – Rohan Gunaratna: Inside Al Qaeda: Global Network of Terror. New York 2002, S. 93.

[26]  C.J.M. Drake: Terrorists’ Target Selection. New York 1998. – Jeff Goodwin: A Theory of Categorical Terrorism, in: Social Forces, 4/2006, S. 2027–2046.

[27]  Daniel Gressang: Audience and Message: Assessing Terrorist WMD Potential, in: Terrorism and Political Violence, 3/2001, S. 83–106.

[28]  Naomi E. Feldman, Bradley J. Ruffle: Religious Terrorism: A Cross-country Analysis. Haifa 2008. – Bruce Hoffman: Old Madness, New Methods: Revival of Religious Terrorism Begs for Broader U.S. Policy, in: Rand Review, 2/1998–99.

[29]  Eine Übersicht über die Diskussion um die Rationalität von Selbstmordattentaten bietet Eric van Um: Discussing Concepts of Terrorist Rationality: Implications for Counterterrorism Policy, in: Defence and Peace Economics, 2/2011, S. 161–179.

[30]  Simon Perry, Badi Hasisi: Rational Choice Rewards and the Jihadist Suicide Bomber, in: Terrorism and Political Violence, 1/2015, S. 53–80.

[31]  Domenico Tosini: Calculated, Passionate, Pious Extremism: Beyond a Rational Choice Theory of Suicide Terrorism, in: Asian Journal of Social Science, 3/2010, S. 394–415.

[32]  Alex P. Schmid, Albert J. Jongman: Political Terrorism: A New Guide to Actors, Authors, Concepts, Data Bases, Theories, and Literature. New Brunswick 1988, S. 179.

[33]  Schuurman, Eijkman, Moving Terrorism Research [Fn. 5].

[34]  Anders als in Tschetschenien sind an den Kämpfen in Dagestan keine ausländischen Dschihadisten beteiligt. Umgekehrt sind in den letzten Jahren Hunderte von Dagestanern nach Syrien gereist und haben sich dort verschiedenen dschihadistischen Gruppen angeschlossen: Emil Souleimanov: Von Groznyj nach Aleppo. Nordkaukasische Dschihadisten im syrischen Bürgerkrieg, in: Osteuropa, 8/2014, S. 17–25. – Ders.: The Caucasus Emirate: Genealogy of an Islamist Insurgency, in: Middle East Policy, 4/2011, S. 155–168.

[35]  Das ohnehin geringere Interesse am Nordkaukasus beschränkt sich meist auf Tschetschenien. Studien zu Dagestan sind: Magomed-Rasul Ibragimov, Kimitaka Matsuzato: Contextualized Violence: Politics and Terror in Dagestan, in: Nationalities Papers. The Journal of Nationalism and Ethnicity, 2/2014, S. 286–306. – Aurélie Campana, Jean-François Ratelle: A Political Sociology Approach to the Diffusion of Conflict from Chechnya to Dagestan and Ingushetia, in: Studies in Conflict and Terrorism, 2/2014, S. 115–134. – Jean-François Ratelle: Making Sense of Violence in Civil War: Challenging Academic Narratives Through Political Ethno­graphy, in: Critical Studies on Security, 2/2013, S. 159–173. – John O’Loughlin, Edward Holland,  Frank Witmer: The Changing Geography of Violence in Russia’s North Caucasus, 1999–2011: Regional Trends and Local Dynamics in Dagestan, Ingushetia, and Kabardino-Balkaria, in: Eurasian Geography and Economics, 5/2011, S. 596–630. – Emil Souleimanov: The Republic of Dagestan: The Epicenter of Islamist Insurgency in Russia’s North Caucasus. Portuguese Institute of International Relations and Security. IPRIS Occasional Paper, Dezember 2011.

[36] Bei der Auswahl der Interviewpartner waren in den 1990er Jahren geknüpfte Kontakte zu Dagestanern, die sich später radikalisiert hatten, von großem Wert. Sie fungierten als „Türöffner“; weitere Gesprächspartner wurden per Schneeballtechnik ausgewählt. Die Interviews wurden aus Sicherheitsgründen außerhalb von Dagestan geführt: in Moskau (Dezember 2008 und September 2009), Istanbul (September 2007, Mai 2009, Dezember 2011) und Tbilisi (Mai–Juni 2010).

[37]  Manche Unterstützer des dschihadistischen Aufstands sind der Auffassung, dass die jamaats unter den gegenwärtigen Bedingungen von allen örtlichen Geschäftsleuten zakat (Zwangsabgaben) fordern dürfen, um ihren Heiligen Krieg zu führen. Strenger salafistisch orientierte Sympathisanten halten Geld aus „unislamischen“ Geschäften für „unrein“.

[38]  Prostitution ist in Russland verboten; sexuelle Dienstleistungen werden in Dagestan meist in Badehäusern oder „Saunas“ angeboten.

[39]  V Dagestane rasprostranjajutsja listovki v adres torgovcev alkogolem i narkotikami, Kavkazskij Uzel, 18.5.2010, <www.kavkaz-uzel.ru/articles/168958/>.

[40]  Ebd.

[41]  Kafe v Chasavjurte, verojatno, vzorvano za otkaz platitʼ „danʼ“, utverždajut pravoochraniteli, Kavkazskij Uzel, 27.1.2011, <www.kavkaz-uzel.ru/articles/180212/>.

[42]  Interview mit Zakir Magomedov, Dezember 2014.

[43]  Interviews mit ehemaligen Dschihadisten.

[44]  Interview mit Zakir Magomedov, Dezember 2014. – Aussteiger aus den jamaats versuchen in der Regel, Dagestan und nach Möglichkeit auch Russland zu verlassen, weil ihre Identität den Behörden oft bekannt ist.

[45]  Oft „besteuern“ Dschihadisten und Staatsbeamte sogar dieselben un-islamischen Unternehmen; siehe Gajimurad Kamalov: Prezident i organy, in: Černovik, 23.7.2010. – Russlands Präsident Dmitrij Medvedev bezeichnete die Ausmaße der Korruption in Dagestan im Jahr 2009 als „monströs“; Tom Parfitt: Trouble in the North Caucasus, in: The Guardian, 22.6.2009.

[46]  Interviews mit Bürgern in Dagestan.

[47]  Ebd.

[48]  Diese Zahl ergibt sich aus den Quellen, die das auf den Nord- und Südkaukasus spezialisierte Webportal Kavkazskij Uzel zitiert.

[49]  Interview mit Irina Gordienko, Berichterstatterin der Novaja gazeta, Moskau, Juni 2014.

[50]  Interviews mit ehemaligen Dschihadisten.

[51]  Teile der lokalen Bevölkerung lehnt die jamaats aus religiösen Gründen ab. In ländlichen Gegenden richtet sich die Gewalt der jamaats meist gegen kommunale Behörden, Polizei und sufistische Geistliche, die dem Rest der Bevölkerung zudem oft verwandtschaftlich verbunden sind.

[52]  Interview mit Irina Gordienko, Juni 2014. 

[53]  Manchmal werden widerspenstige Geschäftsleute auch ermordet und nachträglich zu Aufständischen erklärt, die bei einem Antiterroreinsatz getötet worden seien. Solche Vorfälle schaden der Karriere der beteiligten Polizeibeamten nicht nur nicht, sie fördern sie oft sogar (Interviews mit dagestanischen Bürgern und ehemaligen Dschihadisten).

[54]  Emil Souleimanov: What Does Amirov’s Arrest Imply For Dagestan? CACI Analyst, 26.6.2013.

[55]  Interview mit „Rizvan“, Istanbul 2011.

[56]  Umgekehrt ist das Durchschnittsalter „echter“ Dschihadisten, insbesondere der Anführer der Bewegung, stark gesunken, da ihre Angriffe gegen Strafverfolger, Staatsapparat und föderale Truppen großangelegte Vergeltungsmaßnahmen nach sich gezogen haben.

[57]  Interviews mit ehemaligen Dschihadisten. Die Tatsache, dass der Salafismus für junge Dagestanis eine Art revolutionäre Protest-Ideologie darstellt, zeigt sich darin, dass ein Fünftel von ihnen sich als „gemäßigte Salafis“ bezeichnet; Valery Dzutsev: Support for Salafists Among Dagestani Youth Reaches Record Level. Eurasia Daily Monitor, 14.12.2011.

[58]  Souleimanov, Dagestan’s Jihadists and Haram Targeting [Fn. 19].

[59]  Seit der „Kriegserklärung“ der Dschihadisten im Mai 2010 wurden bis Januar 2015 erst rund 40 „unislamische“ Geschäfte Opfer von Angriffen, obwohl es solche Geschäfte zu Tausenden gibt; Zahlen auf der Grundlage von Kavkazskij Uzel.

[60]  Interview mit einem Verwandten eines ehemaligen Dschihadisten, Moskau, September 2009.

[61]  Historisch hat dies zu einer Stärkung der solidarischen Beziehungen in den Regionen geführt, die folglich auch eher in der Lage waren, äußere Angreifer abzuwehren.

[62]  Gordon Hahn: Russia’s Islamic Threat. New Haven 2007, S. 99.

[63]  Vachid Akaev: Kto i začem ėksportiroval vachchabizm v Čečnju, in: Agentstvo nacio­nalʼnych novostej, 18.6.2001.

[64]  Interviews mit dagestanischen Bürgern und Angehörigen von aktiven und Ex-Dschihadisten.

[65]  Interview mit „Mahomed“, Istanbul, Dezember 2011.

[66]  Interview am MGIMO in Moskau, Januar 2015. 

[67]  Interviews mit ehemaligen Dschihadisten.

[68]  Emil Souleimanov: Russia Redeploys Army to Dagestan, in: CACI Analyst, 14.11.2012.

[69]  So das Fazit bereits von Souleimanov, Aliyev, Individual Disengagement [Fn. 3], S. 38–39.

[70]  William Julius Wilson, Anmol Chaddha: The Role of Theory in Ethnographic Research, in: Ethnography, 4/2009, S. 549–564. – Edward Schatz: Political Ethnography: What Immersion Contributes to the Study of Power. Chicago 2009. – Ratelle, Making Sense of Violence [Fn. 35].

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