Titelbild Osteuropa 2-4/2014

Aus Osteuropa 2-4/2014

„In der Feuerlinie sind alle gleichberechtigt“
Zur Loyalität der Nationen im Ersten Weltkrieg

Włodzimierz Borodziej, Maciej Górny

Abstract

Lange Zeit hieß es, dass im Sommer 1914 die Völker auf den Ausbruch des Krieges mit patriotischem Eifer und Euphorie reagiert hätten. Das ist ein Mythos. Das vorherrschende Gefühl im mobilmachenden Europa war nicht Kriegsbegeisterung, sondern Unsicherheit und Angst. In den Vielvölkerreichen löste der Kriegsausbruch vor allem bei Angehörigen jener Nationalitäten Unruhe aus, die nicht zur Titularnation gehörten. Der Krieg förderte die Ethnisierung der Nationen. Obwohl die Loyalität der Zivilbevölkerung zur imperialen Ordnung höher war als erwartet, behandelten die imperialen Armeen die eigenen Untertanen mit Brutalität und Gewalt. In Ukrainern, Juden, Deutschen oder Polen sahen sie potentielle Verräter. Ganze gesellschaftliche Gruppen wurden kriminalisiert, schikaniert, deportiert. Erst diese Repressalien erschütterten deren Loyalität, förderten die zentrifugalen Tendenzen und beschleunigten die Auflösung der Vielvölkerreiche.

(Osteuropa 2-4/2014, S. 91–108)