Titelbild Osteuropa 9/2012

Aus Osteuropa 9/2012

Trianon und der Holocaust
Die ungarischen Traumata des 20. Jahrhunderts

Ignác Romsics

Abstract

Juden, die schon im 10. Jh. im Karpatenbecken gelebt hatten, trieben im 19. Jh. die ungarische Nationsbildung voran. Sie identifizierten sich mit dem ungarischen Staatsgedanken und trugen entscheidend zur wirtschaftlichen Modernisierung und kulturellen Erneuerung Ungarns bei. Doch infolge von Modernisierungskrisen und sozialen Verwerfungen kam um 1870 der politische Antisemitismus auf. Mit dem Ersten Weltkrieg schlugen antisemitische Gesellschaftsinterpretationen Wurzeln. Die nationalliberale Idee der rechtlichen Gleichstellung und Integration erodierte. Der Friedensvertrag von Trianon 1920 und der Holocaust 1944 sind die schicksalhaften Ereignisse der ungarischen Geschichte des 20. Jh. Beide sind eng verflochten und bewirkten, dass die Nationsbildung und der Staatsaufbau in Ungarn tragisch gescheitert sind.

(Osteuropa 9/2012, S. 57–72)