Titelbild Osteuropa 4/2012

Aus Osteuropa 4/2012

Weil es Stalin gefiel?
Zu Jörg Baberowskis Deutung des Stalinismus

Gerd Koenen

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(Osteuropa 4/2012, S. 81–88)

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Man versteht Jörg Baberowskis leidenschaftliche Argumentation am klarsten vom vorletzten und letzten Kapitel seines Buches her – der eindringlichen Schilderung einer negativ vollendeten totalitären Despotie, in der der „Stalinismus“ endgültig auf seinen Begriff kam. „Was war der Stalinismus?“, fragt das Eingangskapitel, und antwortet: „Der Schlüssel zur Erklärung der exzessiven Gewalt ist der Diktator selbst.“ Als er stirbt, ist es mit seinem universellen und unberechenbaren Terrorsystem, das selbst seine engsten und ältesten Gefährten in lippenlesende, einander denunzierende und überwachende Nervenbündel verwandelte, über Nacht vorbei. Allerdings erst nach einer blinden Massenhysterie, bei der noch einmal Hunderte, vielleicht Tausende zu Tode gekommen sind: „Stalin hätte diese Szene gefallen.“ So wie es dem Despoten – folgt man Baberowski – auch gefallen haben dürfte, in welchem Maße diese Gesellschaft nach seinem Tod und bis heute unfähig war und ist, sich über das Geschehene volle Rechenschaft abzulegen. Das zeigt nur den Grad der Verstörung: In Wahrheit gab es zum großen Schweigen und zur totalen Absolution keine Alternative, weil das Sprechen über das Erlebte Täter wie Opfer um den Verstand gebracht hätte. (S. 505f.) „Stalin hätte das gefallen.“ Dieser Satz, der Martin Amis’ Dokumentarroman Koba der Schreckliche entnommen und dem Buch vorangestellt ist („Und wir sollten auch nicht das Naheliegende übersehen: dass Stalin es getan hat, weil es ihm gefallen hat“), zieht sich leitmotivisch durch die gesamte Darstellung. Erleben wir also einen Goldhagen-Moment in der Stalinismus-Forschung: Die Täter taten es, weil sie es aus ideologischem Fanatismus tun wollten und sogar Vergnügen daran hatten? Nein. Den Goldhagen-Moment in der Kommunismusforschung hat es vor fünfzehn Jahren bereits in Form des Pariser Schwarzbuchs, vielmehr der Auslegung und Präsentation seiner Sachbeiträge durch den Herausgeber Stéphane Courtois, gegeben. So wie die Nazis (laut Goldhagen) einen eliminatorischen Judenhass, der „wie die Grammatik“ in das deutsche Denken integriert gewesen sei, „gleichsam wie Muttermilch“ eingesogen und dann befriedigt ausgelebt hätten, so sollte (Courtois zufolge) die „kriminogene Ideologie“ eines eliminatorischen Klassenhasses den kommunistischen Parteien aller Länder „wie ein genetischer Code“ eingepflanzt worden sein und sie als Machthaber zu Massenverbrechen getrieben haben. Im Gestus triumphaler Überbietung quantifizierte Courtois die Verluste auf „Hundert Millionen“, während die Nazis es nur auf die Hälfte gebracht hätten. Ach ja, Tote übrigens. Von solch obskuranten und sensationalistischen Erklärungs- und Überbietungsmodellen ist Jörg Baberowski weit entfernt, so wie er Gott sei Dank auch nicht auf die Idee kommt, von einem „roten Holocaust“ oder Ähnlichem zu schreiben. Ihm geht es gerade darum, das Spezifische – man dürfte sogar sagen: das auf seine Weise „Singuläre“ – des stalinistischen Massenterrors aus den konkreten historischen Bedingungen Russlands und der bolschewistischen Revolution herauszuarbeiten. Deshalb verwirft er auch Erklärungen, die er selbst vor einem knappen Jahrzehnt in seinem Buch Der rote Terror als zentralen Interpretationsschlüssel eingeführt hatte, als viel zu abstrakt und zu kopflastig – insbesondere Zygmunt Baumans These vom totalitären Terror als dem Versuch, gewaltsam „Eindeutigkeit“ herzustellen und das Projekt der Moderne in Form eines widerspruchsfreien Gesellschaftskörpers zu vollenden. ZWECK UND DYNAMIK DER GEWALT Ideen töten nicht, sagt Baberowski jetzt. Dafür aber sei Gewalt ansteckend: „Man kann die Gewalt nicht von ihrem Anfang her verstehen, sondern nur in ihrer Dynamik.“ (S. 11) Das also ist sein zentrales Thema: die ihre eigenen, ursprünglichen Zwecke und Schranken überschreitende Dynamik der Gewalt, sobald man sich einmal ganz auf diesen Pfad begeben hat, wie es Lenin und die Bolschewiki im Bürgerkrieg taten. Hier wird die Argumentation allerdings widersprüchlich. Denn Lenin selbst und die Kerngruppe der führenden Bolschewiken zeichnet Baberowski als Fanatiker, die wenigstens keine Zyniker waren, sondern „Glaubenskrieger, die eine heilige Mission zu erfüllen hatten“ (S. 66). Anders, wenn man recht versteht, Stalin und seine Kohorte: Sie waren keine Intellektuellen, sondern bäuerliche Aufsteiger, vielfach von der Peripherie des Imperiums, und somit authentische Produkte jener „vormodernen staatsfernen Gewalträume“ des Imperiums, in denen sich die Gewalt vollends verselbständigte. Für sie „erfüllten sich im Krieg Lebensträume, weil sie ungestraft verletzen und töten durften“. (S. 80) Und dabei nahmen sie „das Glaubensbekenntnis des Stalinismus vorweg: … Feinde wie Unkraut zu vertilgen und den gesellschaftlichen Körper von Schädlingen zu befreien“ (S. 64). Das klingt dann allerdings doch wieder ganz nach Zygmunt Baumans gewalttätigem Gärtner, der aus der vormodernen Wildnis einen modernen Menschenpark machen will; nur dass wir es in diesem Fall (um im Bild zu bleiben) mit primitiven Bauern zu tun hätten, die daraus höchstens einen Kartoffelacker machen. Allerdings will Baberowski „keine Geschichte der Sowjetunion, sondern eine Geschichte des Stalinismus“ erzählen (S. 15). Indem er die Geschichte der Revolution, des Bürgerkriegs und der Neuen Ökonomischen Politik ausschließlich als „Inkubationszeit des Stalinismus“ (S. 87) betrachtet, gewinnt der Stalinismus allerdings etwas Unausweichliches. Und gleichzeitig muss eine Differenz bezeichnet werden, die mehr ist als eine bloße Steigerung des ursprünglichen revolutionären Impulses. Versteht man recht, dann hätte sich angesichts der Unerfüllbarkeit des bolschewistischen Projekts draußen in den „vormodernen staatsfernen Gewalträumen“ des neu zusammengefügten Imperiums eine Art Mutation vollzogen: eben die Geburt des „Stalinismus“ als eines Machtsystems, das sich „am Modell der Mafia“ orientierte (S. 29). Bevor man abwehrt, sollte man die Irritation des Arguments erst einmal auf sich wirken lassen. Über Psychopathologie im Politischen macht eine vernünftelnde Geschichtsforschung, darin hat Baberowski recht, gerne einen pikierten Bogen. Denn: „Eine Gewalt, die keinen Zweck verfolgt, ist in der historischen Erzählung nicht vorgesehen.“ Dass Gewalt endemisch werden und sich über lange Strecken „aus sich selbst“ nähren kann und dass sie ihre ideologisch verbrämten Begründungen vielfach selbst erst produziert, denen sie angeblich folgt – das alles sollte mit Blick auf das 20. Jahrhundert wie auf die Gegenwart kein so fremder Gedanke sein. Baberowski folgt hier Gedankenlinien, wie sie etwa Wolfgang Sofsky vorgetragen hat: „Absolute Gewalt gründet auf sich selbst. Sie ist kein Mittel zum Zweck, sondern Selbstzweck … Sie ist ziellose, negative Praxis, nicht Poiesis.“ Daraus schlussfolgert Baberowski: „Nicht auf die Motive kommt es an, sondern auf die Ermöglichungsräume, in denen sich Gewalt entfaltet.“ (S. 219) Aber was für Kriege und Bürgerkriege oder für Situationen völliger Anomie als außerordentlichen „Ermöglichungsräumen“ nachvollziehbar ist – schon Clausewitz hatte ja von der dem Krieg innewohnenden Tendenz gesprochen, „absolut“ zu werden –, kann schwerlich für die Politik eines Regimes gelten, das seit 1922 keine inneren Gegner mehr hatte und über Jahrzehnte die ungeteilte Staatsmacht ausüben sollte. Wenn das Regime Stalins – auch und gerade, nachdem er die letzten internen Opponenten ausgeschaltet hatte – Situationen von Ausnahmezustand, Bürgerkrieg und Anomie immer wieder selbst herstellte, wie im „Kulturfeldzug“, der Kollektivierungs- und Industrialisierungskampagne oder dem Großen Terror zwischen 1928 und 1939, dann kommt man mit der Psychopathologie Stalins, für den „der Ausnahmezustand das Paradies“ war (S. 218), alleine nicht sehr weit. Denn das eigentlich totalitäre Element des Bolschewismus, gerade auch in seiner stalinistischen Phase, war nicht seine schiere, gar lustvolle Gewaltbereitschaft, sondern zunächst einmal sein auf das Totum aller gesellschaftlichen Beziehungen zielender Gestaltungsanspruch – von dem er nicht mehr zurückkonnte, ohne seine Existenzberechtigung zu verlieren, und den er deshalb aus reinen Gründen der Selbsterhaltung immer weiter totalisieren musste. Das hatte nur wenig mit utopischen Ideen und irgendwelchen Grand Designs einer neuen Gesellschaft zu tun. Noch weniger ging es um ein „Paradies auf Erden“ (von dem Baberowski dann doch wieder spricht, nachdem er alle „ideo-logischen“ Begründungen gerade erst gestrichen hatte). Die Roh-skizze einer sozialistischen Ordnung, die Lenin 1917 hastig improvisierte, um seinen exklusiven Machtanspruch pseudotheoretisch zu untermauern, war so nüchtern, schlicht und utilitär wie nur möglich. Nicht nur sollte es sich um die Verwandlung der ganzen Gesellschaft in „ein Büro und eine Fabrik“ handeln. Sondern die Entwicklung des dazu passenden menschlichen Substrats stellte Lenin sich in der Art einer sozialbiologischen Mutation vor: Marx stellt die Frage des Kommunismus so, wie der Naturforscher die Frage der Entwicklung einer neuen, sagen wir, biologischen Abart stellen würde, wenn man weiß, dass sie so und so entstanden ist und sich in der und der bestimmten Richtung modifiziert. Das war nun allerdings weniger Marx als Spencer, weniger historischer Materialismus als Sozialdarwinismus. Der „Neue Mensch“ der Bolschewiki war – jenseits der berühmten lyrischen Exaltationen Trockijs in Literatur und Revolution, die eher eine eklatante Lücke füllen sollten – vor allem eine handfeste praktische Notwendigkeit, denn mit den „alten Menschen“ war eben nichts anzufangen. Der bolschewistische Machtkörper musste sich selbst zum formativen Kern eines aus dem Rohmaterial der jugendlichen Nachrücker herauszubildenden neuen, geschlossenen Gesellschaftskörpers machen – oder er würde im Meer der „kleinbürgerlichen Anarchie“ untergehen, die Lenin schon 1918 als die eigentliche Hauptgefahr bezeichnet hatte. Gemeint waren damit die myriadischen Triebe eines schieren Selbsterhalts, denen die 70 bis 80 Prozent außerhalb der „neuen Gesellschaft“ lebenden Menschen zu folgen gezwungen waren. Gerade ihren vitalen Aktivitäten verdankte sich in der Zeit der „Neuen Ökonomischen Politik“ aber vor allem die Regeneration des Landes bis zum Produktionsniveau von 1913. DIE RATIO DES TERRORS Als Stalin 1928 die alte fixe Idee Lenins wiederaufnahm, wonach sich diese „kleinbürgerliche Anarchie“, plakativ verkörpert durch „Kulaken“ und „NEP-Leute“, mit der äußeren Sphäre des Weltkapitalismus kurzschließen und das Regime wegspülen könne, war das natürlich eine paranoide Mystifikation – aber nicht nur. Ein kurzer Blick auf das China Deng Xiaopings Ende der 1970er Jahre zeigt, welche gewaltige sozialökonomische Dynamik sich tatsächlich entfesseln ließ, wenn man aufgestaute interne, gerade auch ländliche Erwerbsimpulse mit dem Weltmarkt in Verbindung setzte. Dengs Politik, die er mit minimalem ideologischem und theoretischem Aufwand ins Werk setzte, war eine positive, nicht-repressive Auflösung einer inneren Spannung, die der in der Sowjetunion Ende der 1920er Jahre durchaus ähnelte, auch wenn die weltwirtschaftlichen Bedingungen damals schwieriger waren. Vor allem traute sich die KP Chinas zu, auch nach Entfesselung dieser Entwicklungsdynamiken, und sogar gerade durch sie, ihre Macht zu behaupten. Die KPdSU Stalins traute sich das nicht zu, sondern entfesselte sehenden Auges mit ihrer Politik der Totalkollektivierung 1929/30 einen neuen, einseitigen Bürgerkrieg. War das nur Ausfluss einer pathologischen, „zwecklosen“ Gewaltlust? Nein, anders als durch einen betäubenden Terrorismus (der nicht zufällig Assoziationen mit den Eroberungspolitiken Dschingis-Khans aufrief, so zum Beispiel bei dem kaltgestellten Bucharin, der eine Strategie befürwortet hatte, wie sie Jahrzehnte später Deng initiierte) wäre dieses monströse Unternehmen kaum zu realisieren gewesen. Wiederum: Warum sollte man annehmen, dass Stalin sich selbst nicht glaubte, als er im Winter 1929 programmatisch davon sprach, dass die Sowjetunion nach der Kollektivierung und Motorisierung der Landwirtschaft binnen zwei, drei Jahren das getreidereichste Land der Welt werden würde, und auf dieser Basis dann auch zu einer militärisch-industriellen Weltmacht ersten Ranges? Das Erschreckendste an den Politiken der Bolschewiki war, noch vor ihrer entgrenzten Gewaltsamkeit, die furchtbare Simplizität ihrer Entwicklungsvorstellungen. Die entgrenzte Gewaltsamkeit war, umgekehrt, eine Funktion und ein Produkt eines fortgesetzten Scheiterns ihrer Pläne. Statt das „getreidereichste Land der Welt“ war die UdSSR 1933 ein Land mit der größten Hungersnot der eigenen Geschichte. Das entsprach keinem positiven „Plan“, im Gegenteil; allerdings auch keinem Ausrottungsplan. Es ließ sich verkraften, wenn es nur gelang, inmitten eines Meeres von Blut, Chaos, Hunger und Elend den neuen Staats-Leviathan aufzupäppeln: schwerindustrielle Moloche, Rüstungswerke, in denen die technologischen Potentiale konzentriert wurden, militärische Einrichtungen und Massenaufgebote, sowie die „Fabriken des neuen Menschen“, also Anstalten für die Kader-Nachzucht, Schulen, Universitäten, Ideologie- und Unterhaltungsapparaten. Insofern betrieb Stalin durchaus eine kohärente Politik, die alle Katastrophen und Menschenverluste kühl einkalkulierte oder jedenfalls in Kauf nahm und Kurs hielt, „ohne dass die Hand zitterte“. Wahr ist, dass die von Stalin selbst gesteuerten und immer von Neuem angetriebenen Exzesse des Großen Terrors, die bis an den Rand der Selbstvernichtung des eigenen Partei- und Staatsapparats führten, in diesem Bild nur schwer noch aufgehen. Das ist es ja auch, was Jörg Baberowski umtreibt – ein anderes „schwarzes Loch des Verstehens“, das viele Sozial- oder Kulturhistoriker im ungebrochenen Eifer, sich von allen „Totalitarismusthesen“ abzugrenzen oder jedenfalls nicht hypnotisieren zu lassen, gerne überblenden, oder das sie „revisionistisch“ rationalisieren und relativieren. Hier, im Herzen dieser Finsternis, war, daran ist kein Zweifel, ein gehöriges Maß an Psychopathologie am Werk, ein Maß an menschlicher und moralischer Depravation bis in den persönlichsten und physischen Nahbereich hinein, für das man kaum eine angemessene historische Parallele findet. Und dieses Rätsel hat sich noch immer nicht wirklich auflösen lassen. Man sollte es aber auch nicht zusätzlich verrätseln. Hatte dieser Wahnsinn nicht doch auch Methode, oder sagen wir, eine entzifferbare Ratio? Und ist dieser Gedanke nicht übrigens weitaus furchtbarer als der, sich Stalin als einen psychopathologischen Gewalttäter vorzustellen? Dass er das war, steht, wie gesagt, außer Frage. Aber wie konnten er, und mit ihm noch einige seiner engeren Machtkohorte, ihre Paranoia und ihren Sadismus derart schrankenlos ausleben? Alles hängt ja hier von den Bedingungen ab, die das ermöglichten. Was die angeht, erklärt sich eine noch so exzessiv und habituell angewandte Gewalt aber nicht einfach aus sich selbst, also aus der Wehrlosigkeit ihrer Opfer und der Konditionierung ihrer Exekutoren; sondern sie braucht eben doch eine notdürftige Legitimation und so etwas wie Motive. Selbst im klinischen Sinne kann Paranoia entweder völlig endogen sein; oder sie kann durch reale, angstmachende Erfahrungen und Umweltbedingungen ausgelöst und genährt werden, also eine Art „Realparanoia“ sein. Der Verfolgungswahn der stalinistischen Machtkohorte hatte durchaus realistische Gründe, und die lagen – da hat Baberowski völlig recht – nicht primär in der internationalen Situation, die Stalin und sein Kreis vielmehr von 1933 bis ins Jahr 1941 katastrophal falsch einschätzten. Vielmehr lagen die Gründe ihrer Paranoia in der internen Situation: ihrer eigenen sozialen Isolation und Bodenlosigkeit; dem völligen Mangel an nachprüfbaren Informationen; der Diskrepanz von triumphalen Erfolgsmeldungen und der realen Lebenssituation; einer nur sehr partiellen und bedingten Loyalität ihrer eigenen Kader, selbst der blutjungen, frisch nachgezüchteten „Professionals“, die sie in Leitungsfunktionen gehievt und an die Fronten des „sozialistischen Aufbaus“ geschickt hatten; geschweige zum Beispiel der Militärs. Natürlich kann Stalin die absurden Verschwörungsszenarien, die er vielfach selbst entworfen hatte, nicht geglaubt haben. Aber was ihm in den Verhörprotokollen, die er sorgfältig las und anstrich, alles an Gerüchten, Gesprächsfetzen oder Witzen, an spekulativen Erwartungen oder vernichtenden Urteilen entgegenkam, musste ja nur zu einem Bruchteil stimmen, um das Gefühl zu nähren, von nichts als lauter „Doppelzünglern“ umgeben zu sein; und je näher am Machtzentrum, umso mehr. Die Dauerobsession mit terroristischen Anschlägen, die ihm gleich dutzendfach gelten sollten, oder mit einem möglichen Militärputsch war zumindest ein Indikator für ein gehöriges Maß an Realangst. Eigentlich kann Jörg Baberowski sich in diesem Irrwald widersprüchlicher Zeugnisse auch nicht recht entscheiden. Er nennt ja durchaus Ziele, die Stalin durch Terror erreicht hat: einen vollkommen gefügigen und mehr oder weniger komplett „ausgetauschten“ Staats-, Partei- und Wirtschaftsapparat, der unter immensen Kosten und Fehlleistungen doch irgendwie funktionierte; eine völlige, fast omnipotente Handlungsfreiheit für sich selbst als direktives Zentrum, auch und gerade gegenüber seinen engsten Satrapen und Mitarbeitern; eine weitgehende „Säuberung“, Einschüchterung, Erfassung und Militarisierung der Gesellschaft – einer Gesellschaft, die im Weltkrieg durch einen auf Dauer gestellten Terrorismus, aber auch (so möchte ich entgegen der Einschätzung des Autors behaupten) durch einen neuerlich aktivierten sowjetisch-großrussisch eingefärbten Chauvinismus mobilisiert und beisammengehalten werden konnte. Und der totale Versklavungs- und Ausrottungskrieg Hitlers gab dem vorangegangenen Massenterror und allen Verheerungen der Kollektivierung und Industrialisierung schließlich eine höhere Weihe, die sich schon jedem vernünftigen Urteil entzog. War es nur nachträgliche, verzweifelte Sinnstiftung oder nicht doch eine authentische Motivation, wenn etwa Dmitrij Šostakovič in seinen Erinnerungen schrieb, er habe dem Krieg erst wieder die Möglichkeit verdankt, sich auszusprechen und zu den Quellen seines künstlerischen Schaffens zurückzukehren? „Alles gewann an Kontur, an Deutlichkeit, an Sinn.“ Das führt zu einem allgemeineren Punkt: der Frage, wie die Gesellschaft und die Menschen in diesen Zeiten eines universalisierten und nicht ausrechenbaren Terrors überhaupt funktioniert haben können. Nur auf Befehl und sonst schreckensstarr, oder eben mit kannibalistischer Niedertracht wie in der Welle der millionenfachen Denunziationen? Oft, scheint mir, auch durch eine Gegenmobilisierung vitaler Überlebensimpulse und intensiver geistiger Beschäftigungen – am deutlichsten, wie Orlando Figes in seinen Flüsterern an vielen Beispielen zeigt, sogar auf Seiten der Kinder und Angehörigen der im Terror verschwundenen „Volksfeinde“, die ihre Stigmatisierung meist durch einen fanatischen Lern- und Arbeitseifer, oft auch Anpassungseifer wettzumachen versuchten, der auf paradoxe Weise mitgeholfen haben dürfte, die sowjetische Gesellschaft am Laufen zu halten, und das weit über Stalins Tod hinaus. GEWALTRÄUME UND WELTKOMMUNISMUS Bleiben die „vormodernen staatsfernen Gewalträume“, denen der Stalinismus ursprünglich seine Geburt verdankt haben soll. Dieser wiederkehrende Topos ist für die Leser des Buches ohne Kenntnis der früheren Arbeiten Baberowskis, in denen er die Entstehung stalinistischer Strukturen, Sozialformen und Mentalitäten von der kaukasischen Peripherie her analysiert hat, nicht leicht zu verstehen – zumal der Deutungsanspruch hier stark ausgeweitet wird auf das ganze Milieu der „bäuerlichen Aufsteiger“, die als frischgebackene Macht- und Gewaltmenschen mit einem gehörigen Schuss von „Selbsthass“ die alte Welt des russischen Dorfs in den Orkus geworfen hatten, aber zugleich ihre brutalen und primitiven Lebens- und Denkweisen in die neuen Machtstrukturen mitbrachten. Für den stalinistischen Kernkader mag das grosso modo zutreffen, obwohl man schon bei der Figur Molotovs (der sich 1906 als Oberschüler den Bolschewiki angeschlossen hatte und als Student am Petersburger Polytechnikum Berufsrevolutionär geworden war) einige biographische Einwände erheben könnte. Vor allem aber schrumpft der Erklärungswert mit Blick auf andere Kommunistische Parteien, ob in China, Jugoslawien, Vietnam oder Kambodscha, die allesamt durch ähnliche, exzesshaft entgleisende Terrorkampagnen ihre Macht errichteten und festigten. Alle kannten sie auch Phasen interner terroristischer „Säuberungen“, denen ein Gutteil ihrer eigenen Kader und Mitgründer zum Opfer fiel – nicht selten unter ähnlich barbarischen, auf erfolterten Geständnissen beruhenden Umständen. Weder für die engere Machtkohorte um Mao, Tito, Enver, Ho oder Pol Pot gilt aber biographisch das Argument der Herkunft aus „vormodernen staatsfernen Gewalträumen“. Mehrheitlich (mit Ausnahme Titos) stammten sie aus intellektuellen Aufsteigermilieus oder den alten Eliten; und allenfalls ihre Bürgerkriegserfahrungen sammelten sie in bäuerlichen „Gewalträumen“. Für gewisse Charakteristika des Stalinismus im engeren Sinn mag dieser Topos von einiger Erklärungskraft sein. Für den ursprünglichen bolschewistischen Revolutionskader um Lenin und Trockij wie für einen Großteil der kommunistischen Machthaber in anderen Ländern liefert er, was ihre Politiken und Machtstile betrifft, sehr viel weniger Einblick. „Wir müssen uns Stalin als einen glücklichen Menschen vorstellen, der sich an den Seelenqualen seiner Opfer erfreute“, schreibt Jörg Baberowski an einer Stelle (S. 249). Wenn das auf die berühmte Schlusspassage des Sisyphos-Essays von Albert Camus verweisen sollte – Sein Schicksal gehört ihm. Sein Fels ist seine Sache … Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. – dann wäre das allerdings eine recht sinnwidrige Verwendung. Aber auch wortwörtlich scheint mir diese Vermutung fraglich. Ob Stalin, und mit ihm seine Schergen, „ganz bei sich waren, als sie Mörder sein durften“, wie es an mehreren Stellen heißt (z.B. S. 339), ist angesichts der Eimer von Wodka, die sie zwischen den Exekutionen soffen, und den Eimern mit Eau de Cologne, mit denen sie sich nachher (vergeblich) den Blutgeruch abzuwaschen versuchten, eher zweifelhaft. Nikolaj Ežov jedenfalls, der eigentliche Dämon des Großen Terrors, verwandelte sich in ein morphinistisches Wrack, lange bevor er selbst um sein Leben betteln musste. Nein, ich stelle mir Stalin nicht als einen glücklichen Menschen vor. In all seiner bestürzenden totalitären Machtvollkommenheit, die er zweifellos über zwei Jahrzehnte hatte, in allem perversen Genuss, den es ihm bereitet haben mag, wenn er mit seinen Opfern wie die Katze mit den Mäusen spielte – sein Schicksal gehörte nicht ihm, er war ebenso ein Getriebener, wie er ein Treiber war, und er starb mit dem fürchterlichen Gefühl, von seinen nächsten Spießgesellen mit heimtückischen medizinischen Mitteln in einen vorzeitigen Tod befördert worden zu sein, so wie er es die ganze Zeit befürchtet hatte. Er hätte sie, die „blind waren wie junge Katzen“ (wie er ihnen kurz vor seinem Ende erklärte), in einen Sack stecken und ersäufen müssen! WAS BLEIBT? Was bleibt also von Jörg Baberowskis Buch Verbrannte Erde? Ein starker Leseeindruck. Und ein mutiger Versuch, dem enigmatischen, düsteren Kern des unter „Stalinismus“ rubrizierten Geschehens mit einer zugreifenden These wenigstens nahe zu kommen. Alle hier erhobenen Einwände und Bedenken sind ja solche, die dieser entschiedene Versuch erst provoziert hat – und das empfinde ich als umso produktiver, als dieses Buch auf der Höhe einer immensen Forschung verfasst ist, die sich in den letzten zwanzig Jahren seit der (partiellen) Öffnung der Archive von vielen Seiten her diesem ungeheuren Geschehen und Zeitalter genähert hat. Das Buch lebt ganz aus seinem Material und ist nicht nur für interessierte Laien hoch informativ und gut lesbar, sondern es bietet auch für jemanden wie den Autor dieser Zeilen, der sich selbst lange mit diesem Stoff beschäftigt hat, eine bestürzende Lektüre. Diese Bestürzung ist noch immer notwendig. Erschienen in: Osteuropa, 62. Jg., 4/2012, S. 81–88 Gerd Koenen (1944), Dr. phil., Historiker, Publizist, Frankfurt/Main Von Gerd Koenen erschien in Osteuropa: Ein Indien im Nebel. Alfons Paquet und das revolutionäre Russland, in: Der Raum als Wille und Vorstellung. Erkundungen über den Osten Europas. Berlin 2005 [= OE, 3/2005], S. 80–100

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