Titelbild Osteuropa 11-12/2012

Aus Osteuropa 11-12/2012

Editorial
Der Klang der Moderne

Manfred Sapper, Volker Weichsel

(Osteuropa 11-12/2012, S. 3–4)

Volltext

Im Anfang war das Opfer. Igor‘ Stravinskijs fulminantes Le sacre du printemps, das im Mai 1913 uraufgeführt wurde, markiert die Geburt der musikalischen Moderne. Wenige Monate zuvor, am 25. Januar 1913, erblickte in Warschau Witold Lutosławski das Licht der Welt. Er sollte einer der großen Komponisten des 20. Jahrhunderts werden. Er prägte nicht nur das polnische Musikleben, sondern beeinflusste mit neuen Kompositionstechniken den Klang der Moderne nachhaltig. Obwohl sich Lutosławski zeitlebens dagegen verwahrte, dass seine Musik politisch interpretiert oder auf programmatische Aussagen reduziert wurde, sind sein Leben und Werk – ähnlich wie bei seinem Zeitgenossen Dmitrij Šostakovič (1906–1975) – von den dramatischen politischen Zeitläuften des „Jahrhunderts der Extreme“ nicht zu trennen: Als er fünf Jahre als war, wurde sein Vater, der für die Unabhängigkeit Polens gekämpft hatte, von den Bolschewiki verhaftet und erschossen. Sein Bruder geriet 1939 in sowjetische Kriegsgefangenschaft und starb in einem Lager an der Kolyma. Witold Lutosławski überlebte den Zweiten Weltkrieg und die nationalsozialistische Besatzung. In der Volksrepublik dauerte es nicht lange, bis er mit dem kommunistischen Regime in Konflikt geriet. Seine 1. Sinfonie wurde 1949 als „formalistisch“ geschmäht und auf den Index der verbotenen Werke gesetzt. Seitdem arbeitete Lutosławski im Spannungsverhältnis zwischen künstlerischer Freiheit und dem repressiven Anspruch staatlicher Macht. Lassen sich Lutosławskis Massen- und Soldatenlieder noch als ein Zugeständnis an die staatliche Kulturpolitik interpretieren, so entzog er sich gemeinsam mit anderen polnischen Komponisten rasch den ideologischen Vorgaben des Sozialistischen Realismus. Ein Symbol dieses Aufbruchs ist der Warschauer Herbst, der 1956 ins Leben gerufen wurde. Als Mitbegründer und langjähriges Mitglied der Programmkommission dieses internationalen Festivals für zeitgenössische Musik trug Lutosławski auch organisatorisch dazu bei, dass die polnischen Komponisten Anschluss an die Neue Musik fanden. Doch noch wichtiger war sein eigenes Schaffen: Es strahlte nach Ost und nach West aus. In den musikalischen Kreisen der Sowjetunion wurde Lutosławski nicht nur für seine intellektuelle Disziplin und den Formenreichtum seiner Kompositionen bewundert. Er galt auch als ein Symbol der Freiheit. Komponisten wie Vytautas Barkauskas, Alfred Schnittke oder Sofija Gubajdulina knüpften an Lutosławskis Techniken an. Und im Westen wurde er für seine meisterliche Beherrschung der Form, des Ausdrucks und der Orchestrierung gerühmt. Mit seiner Technik der „kontrollierten Aleatorik“ und der neuen ad libitum-Spielweise eröffnete er den Solisten und Orchestermusikern neue interpretatorische Freiheiten. Die Geigenvirtuosin Anne-Sophie Mutter, die Lutosławskis Chain II uraufführte und durch ihn den Kosmos der zeitgenössischen Musik kennenlernte, rühmt diese Freiheit als einzigartig und schwärmt von den Klangbildern, die Lutosławskis Musik bereithält. Seine Musique funèbre zählt zu dem Eindringlichsten, was im 20. Jahrhundert geschaffen wurde, das Konzert für Orchester, das Streichquartett, die Partita für Violine und Klavier oder die Partita für Violine und Orchester sowie das Konzert für Cello und Orchester gehören zum Kernbestand dessen, was den Klang der Moderne auszeichnet.