Titelbild Osteuropa 7/2010

Aus Osteuropa 7/2010

Ideologie und Autonomie
Mieczysław Weinbergs Streichquartette

Friedrich Geiger

Abstract

Das Streichquartett stand im diametralen Widerspruch zu den ideologischen Vorgaben des sowjetischen Sozialistischen Realismus: Es galt als Inbegriff bürgerlicher Musikkultur und elitärer Kennerkunst. Wegen der Intimität des Genres war es nicht massentauglich, seine Tradition als Ort des kompositorischen Experiments und der künstlerischen Selbstbefragung rückte es a priori in die Nähe des „Subjektivismus“ und „Formalismus“. Das Komponieren von Streichquartetten war deshalb für sowjetische Komponisten ein Balanceakt. Weinberg schuf 17 Streichquartette. Er fand einen Ausgleich zwischen den ideologischen Anforderungen und der gattungseigenen Tradition. In der wechselnde Gewichtung spiegeln sich auch die Wandlungen der Kunstideologie.

(Osteuropa 7/2010, S. 93–110)