Titelbild Osteuropa 5/2010

Aus Osteuropa 5/2010

Lebenszyklen
Der russische Realismus und seine Helden

Klaus Städtke

Abstract

Inhalt und Form literarischer Werke sind untrennbar miteinander verbunden. Die Helden der Romane aus der Blütezeit des klassischen russischen Realismus im 19. Jahrhundert sind junge Männer. In der Regel rebellieren sie gegen die Gesellschaft, wachsen aber dann doch in sie hinein. Ältere Personen erscheinen meist nur als Nebenfiguren. Der sozialistische Realismus übernimmt von seinem Vorläufer das idealistische Pathos. Auch diese Helden sind wieder junge Männer, die nun allerdings das Alte abstreifen und heroisch in die neue Welt ziehen. Diese verklärende Darstellung geriet in einen unauflösbaren Konflikt mit dem sowjetischen Alltag. In der spätsowjetischen Dorfprosa sind alte Frauen die Protagonistinnen. Ihr naher Tod kündet von einem doppelten Ende: dem der Sowjetunion und dem des russischen Realismus.

(Osteuropa 5/2010, S. 143–158)