Titelbild Osteuropa 12/2010

Aus Osteuropa 12/2010

„Das Urteil des Volkes“
Kriegsverbrecherprozess von Krasnodar 1943

Tanja Penter

Abstract

Im Juli 1943 fand der erste öffentliche Kriegsverbrecherprozess des Zweiten Weltkriegs statt. Vor Gericht standen Sowjetbürger, die der Kollaboration mit den deutschen Besatzern und des Vaterlandsverrats angeklagt waren. Das öffentlichkeitswirksam inszenierte Verfahren hatte Modellcharakter. Das stalinistische Regime nutzte diese Prozesse zur internationalen Imagepflege und als Waffe gegen politische Gegner. Zugleich boten die Gerichtsverhandlungen Raum für das Vergeltungsbedürfnis der lokalen Bevölkerung und die Artikulation von Kriegstraumata. Indem sie den „Druck von unten“ bedienten und äußerlich großes Gewicht auf korrekte Rechtsförmlichkeit legten, legitimierten sie die stalinistische Justiz und trugen zur Restalinisierung der Gesellschaft bei.

(Osteuropa 12/2010, S. 117–132)