Titelbild Osteuropa 7-8/2009

Aus Osteuropa 7-8/2009

Requiem auf einen Traum
Walter Benjamin und der Hitler-Stalin-Pakt

Michail Ryklin

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Abstract

Der Hitler-Stalin-Pakt traf viele westeuropäische Intellektuelle wie ein Schlag. Er zerstörte ihren Glauben an die Sowjetunion als Bollwerk des Antifaschismus und Insel der Glückseligen. Walter Benjamins geschichtsphilosophisches Vermächtnis, seine Thesen „Über den Begriff der Geschichte“, ist eine der ersten theoretischen Reaktionen auf den Verlust der Utopie.

(Osteuropa 7-8/2009, S. 149–156)

Volltext

Der Hitler-Stalin-Pakt traf viele westeuropäische Intellektuelle wie ein Schlag. Er zerstörte ihren Glauben an die Sowjetunion als Bollwerk des Antifaschismus und Insel der Glückseligen. Walter Benjamins geschichtsphilosophisches Vermächtnis, seine Thesen „Über den Begriff der Geschichte“, ist eine der ersten theoretischen Reaktionen auf den Verlust der Utopie. Das Leben fällt den Menschen erheblich leichter, weil sie über die Fähigkeit verfügen, sich an gewohnten Annahmen zu orientieren. Diese Annahmen sind nicht bewiesen, sondern alleine aus wiederholter Erfahrung gewonnen. Wir wissen, dass es im Sommer wärmer ist als im Winter, dass die Metro in Moskau im Zwei-Minuten-Takt fährt, dass es im Laden um die Ecke eine große Auswahl an Milchprodukten gibt, dass es gefährlich ist, eine bestimmte Straße zu überqueren. Wenn etwas, das einer solchen Orientierung dient, seinen Platz ändert oder verschwindet, fühlen wir uns unsicher. Solche Orientierungspunkte gibt es auch in der Welt der Politik und der Ideen. Der Hitler-Stalin-Pakt, der in Russland bis heute Molotov-Ribbentrop-Pakt genannt wird – wodurch seine historische Bedeutung erheblich geschmälert wird, trennt doch Diktatoren und ihre Außenminister eine politische Kluft – der Hitler-Stalin-Pakt bedeutete für die westeuropäische Intelligenz, insbesondere für die Linke, sowie für einen Teil der Arbeiterklasse, dass die wichtigste Achse ihres politischen Koordinatensystems zusammenbrach. Mit dem Pakt verloren all jene ihre Orientierung, die bis dato die Oktoberrevolution als eine weltgeschichtliche Zäsur betrachtet hatten; die in der Sowjetunion eine Gesellschaft neuen Typs gesehen hatten, die die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen beendet habe; all jene, die wie André Gide die UdSSR als ihre „Wahlheimat“ betrachteten. Nach dem Hitler-Stalin-Pakt gaben viele ihre Parteibücher zurück oder verbrannten sie. Jene, die ihn zunächst als taktisches Manöver des „schlauen Georgiers“ Stalin sehen wollten, mit dem der Kriegsbeginn hinausgezögert werden sollte, wurden bald ebenfalls enttäuscht. Denn rasch wurde klar, dass das Dokument vom 23.8.1939 nicht einfach ein Nichtangriffspakt war, sondern eine Absage an die Volksfrontpolitik bedeutete, dass mit ihm ein Verbot jeglicher antinazistischer und antifaschistischer Propaganda, ein Verrat der Antifaschisten an die Gestapo und eine Aufteilung Polens und des Baltikums einherging. Weshalb der Pakt so viel Entsetzen auslöste, ist klar: Die Aktien des Kapitalismus waren nach dem Ersten Weltkrieg auf ein historisches Tief gefallen. Besonders hatten die Intellektuellen ihn nach der Machtergreifung Hitlers zu hassen begonnen. Der Nationalsozialismus war für die Linke ein Symbol aller Übel der kapitalistischen Gesellschaft in einer auf eine groteske Spitze getriebenen Form. Außerhalb der angelsächsischen Welt zweifelte kaum jemand daran, dass der Faschismus eine Diktatur der reaktionären Bourgeoisie ist und ihm die „große und mächtige“ Sowjetunion gegenübersteht, die die edelsten Hoffnungen der Menschheit verkörpert. Natürlich war der Ruf der „Feste des Weltproletariats“ nicht mehr ohne Makel: durch die Kollektivierung, die Schauprozesse der Jahre 1936–1938, den Großen Terror, die Ermordung der Mitglieder linker Parteien während des Spanischen Bürgerkriegs. Aber der Ruf war eben lediglich beschädigt, nicht zerstört. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs entstanden weiter unzählige Lobeshymnen auf die Errungenschaften des Stalin-Regimes. Sie stammten nicht nur aus der Feder von Komintern-Funktionären, zu deren Pflichten das Schreiben solcher Elogen gehörte. So dachten auch Bert Brecht und Bernard Shaw, Lion Feuchtwanger, Romain Rolland, Theodore Dreiser und Tausende andere. DER SCHOCK Walter Benjamin lebte damals in Paris, in einer winzigen Wohnung in der Rue de Dombasle. Ein Jahr vor dem Hitler-Stalin-Pakt hatten die Nationalsozialisten ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen – als Grund hatten sie angeführt, dass er in der in Moskau erscheinenden Zeitschrift Das Wort einen Artikel publiziert hatte, was als „antideutsche Tätigkeit“ gewertet wurde. Benjamins Reaktion auf den Hitler-Stalin-Pakt beschreibt der Schriftsteller Soma Morgenstern, der nach dem Anschluss Österreichs an das Reich aus Wien nach Paris geflohen war, in zwei Briefen an Gershom Scholem. Der erste datiert vom 2. November 1970 und gibt eine Vorstellung von der Verfassung Benjamins unmittelbar nach Bekanntwerden des Pakts – und vom Ursprung seiner Thesen „Über den Begriff der Geschichte“. "Nach dem Hitler-Stalin-Pakt war Benjamin so niedergeschlagen, dass er fast täglich zu mir kam, um Trost zu suchen, den ich ihm nicht geben konnte, vor allem, weil mich dieser Pakt nicht so entsetzt hat wie ihn. Ich habe so etwas zwar nicht Hitler, aber Stalin zugetraut … Nachdem sich Benjamin von dem Schock erholt hatte, bat er mich eines Tages zu sich zum Essen und las mir „Zwölf Thesen zur Revision des Historischen Materialismus“ vor. Ich erinnere mich an die Erste These. Die war über die Schachspielmaschine, die alle Schachmeister besiegt." In seinem zweiten Brief vom 12. Dezember 1972 berichtet der österreichische Schriftsteller erneut von dem Trauma, das der Pakt bei seinem Freund bewirkt habe. Morgenstern lebte im gleichen Hotel wie Joseph Roth, unweit des Jardin du Luxembourg, und traf Benjamin in dem zu dem Hotel gehörenden Bistro. Roth nahm an den Gesprächen mit Benjamin nicht teil. Morgenstern zufolge mochten sie einander zu dieser Zeit nicht. Manchmal traf Morgenstern Benjamin auch in dessen Wohnung. Sie sprachen zumeist nicht über Politik, sondern über Literatur. Darüber hinaus gab der „alteingesessene“ Pariser Benjamin dem „Neuling“ Morgenstern wichtige praktische Ratschläge: "In jener Zeit war er durchaus optimistisch, und es interessierte ihn bei weitem mehr, mit mir über Lesskow zu sprechen als über Stalin oder Goebbels. Bis zu dem schwarzen Tag, da die Nachricht einbrach über den Hitler-Stalin Pakt… Die Nachricht von dem Pakt versetzte ihm persönlich einen unheilbaren Stoß. Er rief mich nicht gleich an. Es dauerte eine Woche, bis er zu mir kam, um mit mir darüber zu sprechen. Wir gingen in den Jardin du Luxembourg…Benjamin sah schlecht aus. Er hatte wahrscheinlich diese Woche keine Nacht ohne Schlafmittel verbracht… Im Gegensatz zu den meisten Kommunisten, – und ich kannte viele, und mit einigen war ich sogar befreundet – die vom Fleck weg Stalin verteidigten oder gar der Ansicht waren, dass der schlaue Georgier Hitler hereingelegt hat, um noch ein paar Jahre für weitere Kriegsrüstung zu gewinnen, glaubte Benjamin, dass die kommunistische Idee zuschanden gekommen war und sich nicht bald erholen wird. Mehrmals wiederholte er in Trauer: ‚Warum sollten wir es auch verdient haben, dass unsere Generation die Lösung der wichtigsten Fragen der Menschheit erleben sollte.‘ Dass ich kein Marxist war, war ihm bekannt. Dass er ein Kommunist war, war mir bekannt. Aber in diesem Moment hat es mich befremdet, dass ein kluger Mann wie W.B. so denken und fühlen konnte. ‚Haben Sie im Ernst geglaubt, daß der Bolschewismus uns die Welt erlösen wird?‘ fragte ich. Er gab mir keine Antwort darauf. Aber im weiteren Lauf des Gesprächs stellte sich heraus, dass diese Tat Stalins ihm den Glauben an den Historischen Materialismus genommen hat. Ich nehme an, dass er schon in jener Wochen den Plan zu seinen Thesen gefasst hat…die nichts anderes bedeuten als eine Revision des Historischen Materialismus… Nun zurück zu meinen weiteren Gesprächen über den Hitler-Stalin Pakt und seine Wirkung auf Walter Benjamin. Als er mir wieder damit kam, dass dieser Pakt den Glauben an die Heilung der Welt durch den Marxismus-Leninismus zerstörte, fragte ich ihn, ob es ihm je aufgefallen ist, dass dieser sein Glaube mit dem jüdischen Glauben an die Erlösung der Welt durch einen Messias eine Verwandtschaft habe." Man kann darüber streiten, ob die Details der Schilderungen Morgensterns den Tatsachen entsprechen. Doch sicher ist der Zustand, in dem sich nach der Unterzeichnung des Pakts nicht nur Benjamin befand, recht gut erfasst. DIE REAKTION Die Logik des Glaubens hat nur wenig mit Pragmatismus gemein. Selbst wenn Stalin wirklich im Sinne gehabt hatte, Hitler zu betrügen, um weitere zwei Jahre für die Vorbereitung auf den Krieg zu gewinnen, war der Kommunismus als Objekt des Glaubens seit dem 23. August 1939 irreparabel kompromittiert. Nach dem November 1917 hatten viele an die Sowjetunion geglaubt. Sie wurde nicht als gewöhnlicher Staat wahrgenommen, der sich von den nationalen Interessen leiten lässt. Die Bolschewiki selbst taten alles dafür, dass der von ihnen geschaffene Staat als Objekt des Glaubens wahrgenommen wurde, als Verkörperung der historischen Gesetze, als Präsenz der Zukunft in der Gegenwart, als Erfüllung der Heilsversprechen. Das Beispiel Walter Benjamins ist besonders interessant, weil seine Sympathien für das bolschewistische Experiment frei von jedem Eigennutz waren: Das einzige Honorar, das er jemals aus Moskau erhielt, bekam er für den unseligen Artikel, der ihn die Staatsbürgerschaft kostete. Seine Korrespondenz mit Moskau in den 1930er Jahren, vor allem mit der Zeitschrift Das Wort, ist eine einzige Serie von Enttäuschungen, unerfüllten Versprechungen und offenen Lügen. Der Autor der Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ wäre sicher noch niedergeschlagener gewesen, wenn er gewusst hätte, dass die Frau, die er liebte, Asja Lacis, im März 1938 in Moskau verhaftet, zur „Volksfeindin“ erklärt und in ein Lager verbracht worden war. Glaubt man Morgenstern, so verfasste Benjamin sein geschichtsphilosophisches Erbe, die Thesen „Über den Begriff der Geschichte“, nicht nur unter dem Schock des Hitler-Stalin-Pakts, sondern geradezu als Antwort auf ihn. Für Morgenstern war dieser Text die erste Analyse, die versuchte, das Geschehene zu verstehen. Im Unterschied zu Willi Münzenberg, der Stalin unverblümt einen Verräter nannte, und zu Heinrich Mann, der sich wie viele andere empört zeigte, erwähnt Benjamin weder den Pakt noch Stalin und Hitler. Außer Morgensterns Bericht weist nur die zehnte These darauf hin, was den Anstoß zur Niederschrift des Traktats gegeben hat: "Die Gegenstände, die die Klosterregel den Brüdern zur Meditation anwies, hatten die Aufgabe, sie der Welt und ihrem Treiben abhold zu machen. Der Gedankengang, den wir hier verfolgen, ist aus einer ähnlichen Bestimmung hervorgegangen. Er beabsichtigt in einem Augenblick, da die Politiker, auf die die Gegner des Faschismus gehofft hatten, am Boden liegen und ihre Niederlage mit dem Verrat an der eigenen Sache bekräftigen, das politische Weltkind aus den Netzen zu lösen, mit denen sie es umgarnt hatten. Die Betrachtung geht davon aus, dass der sture Fortschrittsglaube dieser Politiker, ihr Vertrauen in ihre „Massenbasis“ und schließlich ihre servile Einordnung in einen unkontrollierbaren Apparat drei Seiten derselben Sache gewesen sind. Sie sucht einen Begriff davon zu geben, wie teuer unser gewohntes Denken eine Vorstellung von Geschichte zu stehen kommt, die jede Komplizität mit der vermeidet, an der diese Politiker weiter festhalten." In dieser These ist explizit offen von jenen Politikern die Rede, auf die die Antifaschisten ihre Hoffnungen gerichtet hatten und die sie verrieten, indem sie vor dem „Feind“ kapitulierten, einem Feind, der sich unschwer als das nationalsozialistische Deutschland identifizieren lässt. Der Name Stalins wird zwar nicht genannt. Doch wer außer ihm könnte an der Spitze einer Liste solcher Politiker stehen? Benjamin führt drei Gründe an, warum die Politiker „am Boden liegen“. Ihr Fortschrittsglaube, ihre Suche nach einer „Massenbasis“ und ihre „servile Einordnung in einen unkontrollierbaren Apparat“. Der Glaube an den Fortschritt, den die meisten europäischen Intellektuellen der 1920er und 1930er Jahre hegten, stützte sich tatsächlich vor allem auf die Sowjetunion, auf die Fähigkeit der Bolschewiki, eine neue, vollkommen gerechte Gesellschaft ohne Privateigentum und Ausbeutung zu errichten. Ob die sowjetischen Funktionäre der Stalinzeit, ob vor allem Stalin selbst an einen solchen Fortschritt glaubte, steht auf einem ganz anderen Blatt. Die Propaganda verbreitete zwar diesen Glauben, doch war gleichzeitig vom „Aufbau des Sozialismus in einem Land“ die Rede. Was die „servile Einordnung in einen unkontrollierbaren Apparat“ betrifft, so geht diese Kritik bereits auf Lenin zurück, der nach der Revolution von einer wachsenden Bürokratisierung der Partei gesprochen und zum Kampf gegen diese aufgerufen hatte. Auch in diesem Punkt folgte Stalin formal seinem Vorgänger, tatsächlich aber nahm der Partei- und insbesondere der Repressionsapparat unter seiner Herrschaft riesige Ausmaße an und erlangte eine nie dagewesene Macht über die Bevölkerung des Landes. Der Aufruf, die Politik solle sich auf die Massen stützen, erscholl auch zu Zeiten des Großen Terrors permanent. Tatsächlich aber bestand der Kontakt der Partei zu den Massen einzig und allein in Appellen zu Arbeitsenthusiasmus und „revolutionärer Wachsamkeit“, also in der Anstiftung zur Denunziation. Überraschend an Benjamins Text ist etwas anderes. Dass weder Stalin noch die UdSSR direkt genannt werden, ist möglicherweise auf Benjamins Vorsicht, auf seine Neigung zum Konspirativen zurückzuführen. Dort aber, wo er direkt auf die Verantwortlichen zu sprechen kommt, etwa zu Beginn der elften These, nennt er die Sozialdemokraten, Stalins schlimmste Feinde. Gerade gegen die Sozialdemokraten – und die „angelsächsischen Imperialisten“ – richtete sich nach Unterzeichnung des Pakts, der das Ende der antifaschistischen Volksfrontpolitik bedeutete, der Kampf der Komintern. Vielleicht meint Benjamin, dass es Stalins von der Sozialdemokratie übernommenes Geschichtsbild war, das ihn zum Pakt mit Hitler verleitete? Vielleicht war der Leninismus, trotz des seit 1914 stetig wachsenden Hasses der Bolschewiki auf die Sozialdemokratie, dieser doch mehr verpflichtet, als sie es selbst glaubten? DIE KONSEQUENZ Die zweite wichtige These Benjamins lautet, dass die Geschichte, wie sie uns überliefert ist, eine Geschichte der Sieger sei, obgleich ihre Apologeten sie als Erzählung davon „wie es eigentlich gewesen“ ist ausgeben. Einer solchen Auffassung von Geschichte widerspricht Benjamin im Laufe des Textes immer deutlicher, bis er sie am Ende in der XVI. These als Hure […] im Bordell des Historismus“ bezeichnet. Diesem Verständnis stehe der historische Materialismus entschieden entgegen, der die Geschichte „gegen den Strich“ bürste (VII. These) und so eine Alternative zum fortschrittsgläubigen „Objektivismus“ schaffe. Die Geschichte der Besiegten sehe daher so aus: Ihr Subjekt, das Proletariat, rächt – indem es den berühmten „Tigersprung unter dem freien Himmel der Geschichte“ vollführt – die Leiden der Ahnen, der Geknechteten der Vergangenheit und beschränkt sich nicht darauf, die glückliche Zukunft für die Enkel vorzubereiten. Das Proletariat rettet das Vergangene vor dem Vergessen, dem die Geschichte der Sieger es anheim gestellt hat, und macht es dem Menschen erstmals möglich, sich die Vergangenheit vollständig anzueignen: „Freilich“, heißt es in der dritten These, „fällt erst der erlösten Menschheit ihre Vergangenheit vollauf zu. Wenn Benjamin die „Einfühlung“ in die Vergangenheit, „wie sie eigentlich gewesen ist“, kritisierte und ihr eine Geschichte gegenüberstellte, die im „Augenblick einer Gefahr aufblitzt“, so polemisierte er damit nicht nur gegen die Sozialdemokraten, sondern auch gegen den Faschismus, der siegreich durch Europa zog. Benjamin sah deutlich die Gemeinsamkeiten von Faschismus und Kapitalismus. Doch das, was im Augenblick der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts wichtiger gewesen wäre, nämlich der – in der späteren Totalitarismustheorie übertrieben betonte – ähnliche Umgang von Hitlerismus und Stalinismus mit der Geschichte, wird im Text mit keinem Wort erwähnt. Nicht nur ist vom Stalinismus nirgends direkt die Rede, auch sein Zugang zur Vergangenheit, sein Geschichtsverständnis wird nicht thematisiert. Dabei wurde Geschichte noch nie so gnadenlos als Siegergeschichte geschrieben wie in der Sowjetunion unter Stalin. Immer neue Namen mussten die Schüler in ihren Schulbüchern unkenntlich machen, weil die entsprechenden Personen bei den Führern in Ungnade gefallen waren; keine Druckerei war in der Lage, mit dem Tempo der Säuberungen Schritt zu halten. Die Abonnenten der Großen Sowjetischen Enzyklopädie, für die Benjamin zehn Jahre zuvor den Eintrag über Goethe verfasst hatte, erhielten zu den Folgebände Hinweiszettel, auf denen vermerkt war, was an welcher Stelle auszuschneiden und zu vernichten war. Die Geschichte wurde in Abhängigkeit vom Augenblick buchstäblich jeden Tag umgeschrieben; die Vergangenheit wurde erbarmungslos zerstört, die Sieger strichen sie im Wortsinne durch. Die kleinste Wendung des politischen Kurses verzerrte sie zur Unkenntlichkeit. Der Hitler-Stalin-Pakt war natürlich keine Ausnahme. Das Verhältnis der Nationalsozialisten zur Geschichte hatte ebenfalls wenig mit Objektivismus zu tun, besonders wenn es um den Beitrag der Juden zur Geschichte ging, wenngleich die Fälschungen nicht dasselbe Ausmaß annahmen wie in der Sowjetunion. Brecht betont in seiner Interpretation von „Über den Begriff der Geschichte“ Benjamins Geschichtsverständnis, das seinem eigenen nahekommt. Den Zusammenhang mit dem Hitler-Stalin-Pakt, den die zehnte These nahe legt und der einem aufmerksamen Leser wie Brecht sicher nicht entgangen ist, erwähnt er nicht. Anders Gershom Scholem, der wie Soma Morgenstern die Niederschrift der Thesen mit dem Moskauer Ereignis vom 23. August 1939 in Verbindung bringt. "Anfang 1940 schrieb Benjamin nach seiner Entlassung aus dem Lager, in dem er wie fast alle Refugiés aus Hitler-Deutschland nach Kriegsausbruch interniert war, jene Thesen ‚Über den Begriff der Geschichte‘, in denen sein Erwachen aus dem Schock des Hitler-Stalin-Paktes sich vollzog. Als Antwort auf diesen Pakt las er sie damals seinem Schicksalsgefährten und alten Bekannten, dem Schriftsteller Soma Morgenstern vor." Scholem rückt somit das historische Ereignis, das Brecht ignorierte, in den Vordergrund. Für den Dramatiker, der bis zum Ende seiner Tage der kommunistischen Idee und der UdSSR als ihrer Verkörperung treu blieb, war der Pakt nur ein taktischer Zug, der es Stalin erlaubte, Zeit für die Entscheidungsschlacht zu gewinnen. In Brechts Tagebuch finden sich auch kritischere Einschätzungen, aber diese waren nicht zur Veröffentlichung vorgesehen. Anders sah die Lage aus der Perspektive Scholems aus. Den Erforscher der jüdischen Mystik hatten die Sympathien seines engsten Freundes für den Kommunismus und die Sowjetunion schon lange irritiert. Nicht zufällig spricht er von einem „Erwachen“ Benjamins unter dem Einfluss des Pakts, der seine Haltung zu Stalin und zur UdSSR radikal verändert habe. Die Wahrheit liegt wohl in der Mitte. Einerseits gibt es keinen Grund, an Morgensterns Schilderung zu zweifeln: Der Pakt bedeutete für Benjamin ein „Requiem auf einen Traum“. Er nahm ihm die für den Verbannten so wichtige Orientierung, die Koordinatenachse, an deren Ende die Hoffnung stand; er löste einen Schock aus, raubte ihm einen Traum, stürzte ihn in Verzweiflung ob des nicht wiedergutzumachenden Schadens, der an diesem Tag dem Kommunismus zugefügt worden war. Andererseits gewinnt man bei der Lektüre von Benjamins Vermächtnis nicht den Eindruck, dass dieser in jenem Sinne „erwacht“ ist, wie es Scholem verstanden wissen wollte, dass er also nicht nur menschlich vom Stalinismus enttäuscht war – hieran gibt es keinen Zweifel, es wird auch durch die Aussagen anderer Zeitzeugen belegt –, sondern seiner Enttäuschung auch theoretischen Ausdruck verlieh. Von seiner Enttäuschung zeugt der tragische Ton des stellenweise apokalyptisch klingenden Textes, zeugen die Ausfälle gegenüber den Politikern, die sich auf die Seite Hitlers geschlagen haben. Doch obwohl diese Politiker am 23. August 1939 eben Stalin und Molotov waren – die anderen Mitglieder des Politbüros waren an diesem Tag mit Vorošilov zur Jagd gewesen und waren nach Aussage Chruščevs sehr erstaunt, als sie von Stalin im letzten Augenblick von dem Pakt erfuhren – analysiert Benjamin ihre Motive nicht, ja nennt nicht einmal ihre Namen. Mit anderen Worten: Das, was Benjamin Morgenstern am Ende einer schlaflosen Woche nach Erhalt der Nachricht von dem Pakt sagte, ging nur in vermittelter Form in seinen letzen Text ein, umgestaltet zu einer Reaktion auf die längerfristige fundamentale Revision des traditionellen Geschichtsverständnisses. Entscheidend sind Benjamins kompromisslose Kritik am Begriff des Fortschritts, der den Kern des historischen Materialismus bildet, sowie seine Forderung, eine Geschichte der Besiegten zu schreiben, die die Geschichte „wie sie eigentlich gewesen“ ist, die Geschichte der Sieger, ignoriert. Somit war der Pakt eher ein Anlass zur Niederschrift der Thesen als die Ursache. Einen Hinweis auf den Schock, den der Pakt bei Benjamin auslöste, gibt vor allem der Ton, in dem der Text gehalten ist. Inhaltlich fasst „Über den Begriff der Geschichte“ eher die theoretischen Ergebnisse seines unvollendet gebliebenen Passagenwerks aus, als dass die Thesen den Grund für den Hitler-Stalin-Pakt erklären würden. Aus dem Russischen von Volker Weichsel, Berlin Michail Ryklin (1948), Philosoph und Essayist, Akademie der Wissenschaften, Moskau Von Michail Ryklin erschien zuletzt in Osteuropa: Der „verfluchte Orden“. Šalamov, Solženicyn und die Kriminellen, in: Das Lager schreiben. Varlam Šalamov und die Aufarbeitung des Gulag [= Osteuropa, 6/2007], S. 107–124. – Deutscher auf Abruf. Vom Schwarzbuch zur Jungen Garde, in: Kluften der Erinnerung. Rußland und Deutschland 60 Jahre nach dem Krieg [= Osteuropa, 4–6/2005], S. 165–177.

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