Titelbild Osteuropa 2-3/2009

Aus Osteuropa 2-3/2009

Von der Irrenanstalt nach Europa
Über die Obsession der Geschichte

Jáchym Topol

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Abstract

Der tschechische Schriftsteller Jáchym Topol hält wenig von der Heroisierung der Dissidenten – zu denen er als einer der jüngsten gehörte. Vehement wehrt er sich aber gegen die Verunglimpfung der Freiheit. Um zu verstehen, was Ostmitteleuropa in den vergangenen zwanzig Jahren erreicht hat, genügt eine Reise nach Belarus.

(Osteuropa 2-3/2009, S. 195–204)

Volltext

Osteuropa: Sie waren das jüngste Mitglied der Charta 77. Wann haben Sie die Charta unterzeichnet und wie war das damals? Jáchym Topol: Ich weiß nicht genau, ob das mit dem jüngsten Mitglied der Charta stimmt. Irgendein amerikanischer Journalist hat mal über mich geschrieben, dass ich die Charta mit 15 unterzeichnet hätte und dass ich somit das jüngste Mitglied der Charta gewesen sei. Das klingt natürlich sehr sexy. Tatsächlich ist es aber so, dass man der Charta erst mit 18 beitreten konnte, mit 15 war das gar nicht möglich. Ich erinnere mich, dass ich die Charta in dem Jahr unterzeichnet habe, als in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde, also 1981. Wie viele andere Chartisten habe auch ich das Dokument in einer Küche unterschrieben, und zwar in der von Dana Němcová, einer sehr wichtigen Vertreterin der Charta, die deshalb auch längere Zeit im Gefängnis war. Ich saß dort mit Martin Palouš, der später tschechischer Botschafter in den USA und bei der UNO werden sollte, und habe zu ihm gesagt: Hey Martin, du Sack, gib mir das Ding, ich unterschreib das jetzt. Wir haben damals alle ein bisschen auf fatalistisch gemacht: Sollen die uns doch ruhig umbringen! Tatsächlich war es zu diesem Zeitpunkt schon völlig egal, ob ich die Charta unterschreibe oder nicht, denn die Polizei kannte mich ja bereits. Mein Vater hatte die Charta schon unterzeichnet, mein Bruder auch, das war eine Familientradition. Osteuropa: Und welche Folgen hatte die Unterschrift für Sie? Topol: Keine. Unsere ganze Familie war der Polizei ja bereits bestens bekannt. Ich bilde mir sogar ein, dass die Staatssicherheit mich danach ein bisschen besser behandelte als vorher. Ich hatte lange Zeit mit den so genannten „Schlägern“ zu tun, mit Beamten also, deren Aufgabe darin bestand, langhaarige Nichtsnutze wie mich zu verprügeln. Die waren ziemlich brutal. Nachdem ich in den Kreis der Chartisten aufgenommen worden war, sprachen die Polizisten mit mir plötzlich über Poesie und waren richtig nett. Offenbar war ich für die auf einmal ein Intellektueller. Osteuropa: Die üblichen Probleme in der Schule, an der Uni, mit der Arbeit hatten Sie schon vorher? Topol: Ich machte 1981 Abitur. Mein wichtigstes Ziel bestand darin, nicht zum Wehrdienst eingezogen zu werden. Deshalb habe ich nach dem Abitur absurderweise noch mal eine Schule für Sozialwesen besucht – und von dort aus bin ich direkt in der Irrenanstalt gelandet, wo ich nach vier Monaten das sogenannte Blaue Buch, das mir die Wehruntauglichkeit bescheinigte, und eine Invalidenrente bekommen habe. Das hieß, ich konnte nicht länger studieren, durfte nicht Auto fahren und so weiter. Mein Leben war also schon ziemlich zerstört, es gab nichts mehr, was das Regime mir noch antun konnte. War das herrlich, richtig toll! Osteuropa: Wo waren Sie Ende November 1989 während der „Samtenen Revolution“? Topol: Am 17. November, dem Tag, an dem die große Studentendemonstration stattfand, war ich mit ein paar Freunden in unserer Untergrund-Druckerei. Wir hatten dort mehrere Druckmaschinen, die wir eigenhändig aus Polen über das Riesengebirge nach Prag geschmuggelt hatten. Diese Schmuggelei aus Polen zählte zu meinen absoluten Lieblingsbeschäftigungen, denn dabei konnte man etwas gegen den Staat unternehmen, und zugleich fühlte man sich wie in einem Roman von Jack London, mit 60 Kilo Gepäck auf dem Rücken durch Schnee und Eis und immer dieses Risiko, entdeckt und eingesperrt zu werden, was übrigens auch mal passierte. Wir saßen in unserer Druckerei und erfuhren aus dem Radio, dass sich die Studenten zu einer riesigen Demo versammelt hatten. Als Vertreter des sogenannten „Undergrounds“ hatten wir vorher ehrlich gesagt ziemlich auf die, in unseren Augen idiotischen, Studenten herabgeschaut – und jetzt plötzlich diese Demo! Wir – Zbyněk Petráček, Ivan Lamper, Saša Vondra, Marek Hlupý und ich – fuhren daraufhin ins Café Slavia, wo die Kellner den Sekt schon umsonst ausschenkten, denn es war zu klar, dass jetzt wirklich etwas passiert, dass das Regime sich nicht mehr lange würde halten können. Bald darauf haben wir das Unabhängige Pressezentrum (Nezávislé tiskové středisko, NTS) gegründet, das den Informationsservice herausgab, der schnell Auflagen von mehreren zehntausend Stück erreichten. Das NTS gab dann auch die Revolver Revue, die wir 1986 als Samizdat-Zeitschrift gegründet hatten, und die Wochenzeitung Respekt heraus. Sie waren die ersten unabhängigen Zeitschriften – und sie gibt es bis heute. Osteuropa: Was war das wichtigste Ideal der Revolution von 1989? Topol: Schwer zu sagen. Einige Leute gaben sich damals ziemlichen Utopien hin. Damals herrschte eine Stimmung wie beim Karneval, die Leute glaubten wirklich daran, dass die Wahrheit über die Lüge siegt, wie es der Wahlspruch im tschechischen Wappen ja bis heute verheißt. Ich hatte damals schon ziemliche Angst davor, dass sich die Tschechoslowakei innerhalb von zwei Jahren in eine zweite Schweiz verwandelt, dass bei uns also die große Langeweile ausbricht. Aber sich vorstellen, wie sich das alles entwickeln würde – das konnte natürlich niemand so richtig. Osteuropa: Was ist aus dem Karneval und den Idealen von damals geworden? Topol: Meine persönliche Bilanz der Nachwendezeit fällt sehr positiv aus: Ich mache heute genau das, was ich immer machen wollte. Ich reise viel und schreibe Bücher. Für mich ist die Freiheit des Wortes von grundlegender Bedeutung. Aber natürlich gibt es in all den postkommunistischen Ländern viele Menschen, die das überhaupt nicht interessiert. Ich kann daher nur wiedergeben, worüber all diese Menschen in den Jahren seit der Wende immer wieder klagen: Nämlich darüber, dass der Verlust der sozialen Sicherheit zu einer riesigen Desillusionierung geführt hat. Aber das interessiert wiederum mich nicht. Osteuropa: Gibt es denn im Hinblick auf die Samtene Revolution eine Frage, die die Historiker bis heute nicht zufriedenstellend beantwortet haben? Topol: Das ist eine schwierige Frage. Ich bin bislang immer fest davon ausgegangen, dass diese Revolution spontan ausgebrochen und verlaufen ist, weil ich damals ja auch ganz spontan gehandelt habe. Ich bin eigentlich kein Anhänger von Verschwörungstheorien, aber was mich wirklich sehr interessieren würde, ist die Frage, ob der KGB auf Seiten der Revolutionäre nicht doch seine Finger im Spiel hatte. Osteuropa: Warum ist das Regime in der ČSSR so spät und dann doch so rasch zusammengebrochen? Topol: Eben weil das Regime nicht länger den KGB und die Rote Armee im Rücken hatte. Noch 1988 wurde die sowjetische Armee als große Bedrohung empfunden – aber 1989 verweigerte sie der tschechoslowakischen KP dann einfach die Unterstützung. Und ohne die Rote Armee war diese nichts, das waren nur Marionetten. Deshalb würde mich sehr interessieren, ob dieser Wandel in der Sowjetunion auch spontan verlaufen ist, oder ob das alles nicht doch vom KGB gesteuert wurde. Ich glaube allerdings nicht, dass der KGB tatsächlich besonders intelligent war. Osteuropa: Was ist aus den Idealen von 1989 in Tschechien geworden? Sind Sie enttäuscht? Topol: Nein, keineswegs. Unser System steht auf einer guten Grundlage. Ein bisschen seltsam kommt mir Folgendes vor: 1989 war ich davon überzeugt, dass es in zwanzig Jahren kein Osteuropa mehr geben würde. Und ich hätte nie gedacht, dass ich bei einem Berlin-Aufenthalt zwanzig Jahre nach der Wende noch immer so sehr von der Geschichte verfolgt werden würde, wie es jetzt der Fall ist. Manchmal sage ich mir: Hey, das ist eine echte Obsession von dir. Damit muss jetzt mal Schluss sein. Aber es gibt tatsächlich immer noch große Unterschiede zwischen West- und Osteuropa. Osteuropa: Woran denken Sie? Topol: Zum Beispiel eine Fahrkartenkontrolle in der U-Bahn. Hier in Berlin zeigen sämtliche Fahrgäste einfach ihre Fahrkarte vor. In Prag wäre das undenkbar, dort nesteln viele Leute absichtlich möglichst umständlich und langwierig in ihren Taschen herum, denn der Kontrolleur wird als Vertreter einer öffentlichen Institution nach wie vor als Feind betrachtet – und darum gilt es, ihn möglichst lange hinzuhalten, damit sich der Schwarzfahrer, der sich sicherlich auch in diesem Waggon befindet, rechtzeitig aus dem Staub machen kann. Bei jeder Fahrkartenkontrolle wird mir deshalb wieder klar, dass ich ein typischer Osteuropäer bin. Denn obwohl ich selbst heute nicht mehr schwarzfahre, stelle ich mich bei einer Fahrkartenkontrolle hier in Berlin oft schlafend. Ich habe in mir einfach diesen unwiderstehlichen Drang, die Kontrolleure zu provozieren. Ein zweites Phänomen, mit dem ich 1989 nicht gerechnet habe, ist die Tatsache, dass viele kommunistische Verbrechen auch zwanzig Jahre später noch immer nicht gesühnt, die Täter nicht bestraft worden sind. Deshalb beschäftigt mich das alles immer noch. Osteuropa: In Tschechien ist es also in den letzten zwanzig Jahren nicht gelungen, Gesellschaft und Staat miteinander zu versöhnen? Topol: Im kulturellen Bereich ist die Situation ziemlich schrecklich. Viele Leute, die in der Verwaltung arbeiten, verstehen überhaupt nichts von der Arbeit der Kultureinrichtungen, für die sie zuständig sind. Dementsprechend folgt ein Skandal auf den anderen, egal ob es nun um den Bau der neuen Nationalbibliothek geht oder die Situation der tschechischen Theater. Das liegt daran, dass unsere kulturelle Elite durch den Kommunismus komplett zerstört wurde. Die Leute mussten entweder ins Gefängnis oder sind emigriert. Und die aktuelle politische Elite interessiert sich einfach kaum für Kultur. Ideal ist unser Staat also bis heute nicht. Osteuropa: Leiden die Tschechen unter einer Art Ostalgie? Topol: Nein, das würde ich nicht sagen. Nach Meinungsumfragen sagen die meisten Tschechen, dass ihr Leben heute wesentlich besser ist als zu kommunistischen Zeiten. Niemand sehnt sich nach damals zurück. Da wir keine West-Tschechoslowakei hatten, gibt es ja auch keinen imaginären Ort wie die DDR, an den wir zurückkehren könnten. Osteuropa: Sie haben die unbefriedigende Lage im kulturellen Bereich erwähnt. Was antworten Sie jemandem, der behauptet, der ökonomische Druck des Kapitalismus habe die gleiche Wirkung wie die sozialistische Zensur? Topol: Diese Behauptung erscheint mir rundweg lächerlich. Ich bin zu kommunistischen Zeiten einfach zu oft von irgendwelchen Polizisten vermöbelt worden, um so etwas zu sagen. Was mir aber bei jeder Reise durch Tschechien auffällt, das sind diese riesigen Werbeplakate überall, auf denen junge, schöne Menschen abgebildet sind. Noch vor einigen Jahrzehnten war die Landschaft bei uns nicht von Plakaten mit jungen, schönen Menschen überzogen, sondern von Kruzifixen und Marterln. Ich will hier nicht für die Kirche agitieren – aber diese Kruzifixe haben den Leuten einfach immer klar gemacht, dass das Leben kein Spaziergang im Rosengarten ist, sondern dass auch Frustration und Schmerz dazugehören. Heute stehen alle ständig unter dem Druck, jung, schön, reich und schlank sein zu müssen – was natürlich wiederum eine Quelle der Frustration ist. Osteuropa: Ein weiteres Beispiel für die kapitalistische Durchdringung des Kulturlebens ist der in Tschechien diskutierte Vorschlag, dass nur noch diejenigen Theater öffentliche Subventionen erhalten sollen, die eine Mindestmenge an Eintrittskarten verkaufen. Topol: Ja, das ist ein Beispiel für die Idiotie unserer Kulturpolitik. Aber der Kapitalismus an sich kann für die Kultur eines Landes durchaus eine positive Rolle spielen, weil er ein Bürgertum hervorbringt, in dem Belesenheit einen Wert darstellt und in dem selbstverständlich ist, dass die Kinder Klavier spielen und studieren. Ein derartiges Bürgertum gibt es in Deutschland, in Frankreich oder in Großbritannien. Vielleicht spielt es dort keine dominante Rolle mehr, aber es herrscht doch ein gewisser Respekt vor der Kultur. In den osteuropäischen Staaten gibt es so etwas nicht. Unsere kapitalistischen Eliten sind eine Idealbesetzung für den Raubtierkapitalismus. Und jene, die es bei uns zu Geld und Macht gebracht haben, sind in aller Regel Kulturbarbaren. Aber ich will hier nicht zu pessimistisch klingen, es gibt auch bei uns positive Beispiele für den Einfluss des Kapitalismus auf die Kultur. Nehmen wir die Deutschkenntnisse tschechischer Schriftsteller. Für die Generation meines Großvaters war es absolut normal, fließend Deutsch zu sprechen. Auch die Generation meines Vaters hat im Protektorat noch Deutsch gelernt. Meine Generation ist die erste, die überhaupt kein Deutsch mehr kann. Aber die folgende Generation, also junge Autoren wie Jaroslav Rudiš oder Radka Denemarková, ist schlau und lernt Deutsch. Sie wissen, dass der deutsche Buchmarkt größere Möglichkeiten bietet als der tschechische. Osteuropa: Gibt es noch eine tschechische, nationale Literatur? Falls ja: Wodurch unterscheidet sie sich von anderen Literaturen in Europa? Topol: Ja, es gibt eine tschechische Literatur, und es wird sie geben, solange unsere Schriftsteller ihre Bücher auf Tschechisch verfassen. Einige Autoren der Generation nach Jaroslav Rudiš schreiben zum Teil bereits auf Englisch. Thematisch zeichnet sich die tschechische Literatur vielleicht dadurch aus, dass selbst ganz junge Autoren wie Magdalena Platzová oder Markéta Pilátová viel mit historischen Themen arbeiten: Der Kommunismus, die 1950er Jahre, der Nationalsozialismus – das alles ist nicht nur meine Obsession. Vielleicht ist der Grund für dieses große Interesse an der Geschichte, dass wir zu kommunistischen Zeiten überhaupt nicht über die Geschichte gesprochen haben. Wir haben etwa in der Schule nichts über den Holocaust gelernt. Deshalb müssen die Schriftsteller heute ständig über all diese historischen Themen schreiben. Vielleicht liegt es auch an der enormen Geschwindigkeit, mit der sich die Welt verändert. Wenn ich heute ein Buch über die Gegenwart schreibe und es in anderthalb Jahren erscheint, dann behandelt das Buch schon gar nicht mehr die Gegenwart. Vielleicht haben wir Schriftsteller genau davor Angst und schreiben deshalb lieber gleich über die Vergangenheit. Osteuropa: Aber das große Interesse an der Vergangenheit ist doch ein europäisches Phänomen. Der erfolgreichste französische Roman des Jahres 2006 war Jonathan Littells „Die Wohlgesinnten“ über den Nationalsozialismus; der deutsche Buchpreis wurde 2007 und 2008 für Romane mit historischen Themen verliehen. Topol: Vielleicht hängt das auch damit zusammen, dass wir dank des Internets zum ersten Mal seit Bestehen der Menschheit einen ungeheuer unkomplizierten Zugriff auf die Geschichte haben: Es reicht zum Beispiel, die Jahreszahl 1310 in den Computer einzugeben, und sofort erhält man einen Überblick darüber, was in diesem Jahr alles passiert ist, oder man kann sich alle möglichen historischen Dokumente ansehen. Als ich 25 war, wurde Geschichte immer als Waffe eingesetzt. An unseren Schulen wurde die Geschichte völlig verzerrt präsentiert, die wahre Geschichte war etwas Geheimes und etwas Geheimnisvolles. Heute hat jedermann die Möglichkeit, nach der wahren Geschichte zu forschen. Manchmal denke ich übrigens, dass das Ende der Welt unmittelbar bevorsteht. Denn genau wie ein Mensch kurz vor dem Tod angeblich noch einmal sein ganzes Leben im Schnelldurchlauf an sich vorbeiziehen sieht, haben wir heute die Möglichkeit, die ganze Geschichte der Menschheit im Zeitraffer zu erleben: Wir können nach Ägypten fahren, nach Griechenland oder ins Land der Inka, man kann im Internet alles Mögliche recherchieren – und wenn der letzte Mensch all diese historischen Ereignisse im Schnelldurchlauf an sich vorbeiziehen lässt, dann wird das Ende der Welt gekommen sein. Schöne Metapher, nicht wahr? (lacht) Osteuropa: Haben die „kleinen Sprachen“ wie das Tschechische, Slowakische oder Litauische auf dem globalen Markt eine Chance zu überleben? Topol: Dieselbe Frage hat mir auch ein Weißrusse schon einmal gestellt: „Haben unsere kleinen Sprachen eine Zukunft?“ – „Ich glaube nicht“, habe ich geantwortet – und der Weißrusse, ein echter Nationalist, war stinksauer. „Aber die Sprache ist doch die Nation“, meinte er. 1987 oder 1988 habe ich auch noch so gedacht, damals sagte eine Übersetzerin zu mir: „Schade, dass ihr Tschechen euch von den Deutschen getrennt habt. Wenn du auf Deutsch schreiben würdest …“ – „Was? Niemals!“ war meine empörte Reaktion damals. Heute denke ich: Warum nicht? Leider kann ich kein Deutsch, aber sonst wäre es mir wirklich egal. Osteuropa: Welche Bedeutung hat für Sie jenes „Osteuropa“, dem es bisher nicht gelungen ist, die Diktatoren abzuschütteln, und das vor den Toren der EU ausharren muss? Ihr neuer Roman „Teufelswerkstatt“ spielt in Belarus und nicht in Frankreich! Topol: In erster Linie war das ein großer Zufall. Eigentlich wollte ich nämlich überhaupt nicht nach Weißrussland. Schon wieder so viele Gräber, so viele Tote, ich wollte damit wirklich nichts mehr zu tun haben. Aber dann hat ein kleiner Verlag, von dem ich bis heute nicht weiß, ob er nun eigentlich legal arbeitet oder nicht, meinen Roman Anděl 2008 auf Weißrussisch herausgebracht. Deshalb bin ich dann doch hingefahren. Während der einen Woche, die ich in Minsk verbracht habe, hatte ich einen Tag zur freien Verfügung, und so haben mich ein paar Leute aus dem Verlag mitgenommen zu einem Ausflug. Und wo sind wir hingefahren? Zuerst ins Ghetto von Minsk und dann nach Chatyn. „Verdammt“ habe ich mir gedacht. Aber diese jungen Weißrussen waren alle total entspannt. „Guck mal, Jáchym, hier eine Million Tote, dort eine Million Tote.“ Irgendwann begriff ich: Für die ist dieses Grauen etwas ganz Normales. Darin besteht meines Erachtens der größte Unterschied zwischen West- und Osteuropa. In Deutschland, in Österreich, aber auch in Tschechien wird Auschwitz als Bruch in der Geschichte begriffen, als etwas Niedagewesenes. In Russland, Belarus oder anderswo in Osteuropa sagen die Leute zwar: Ja, es hat den Gulag gegeben – aber Näheres weiß niemand darüber… Osteuropa: … oder wer etwas weiß, will lieber nichts davon hören … Topol: Genau. Der westliche Zugang zur Geschichte des 20. Jahrhunderts besteht darin, dass jeder wissen soll, was für eine Katastrophe sich in Theresienstadt oder Auschwitz ereignet hat. In Osteuropa will und soll niemand etwas erfahren. Das hat wohl auch mit dem anderen Verhältnis zum Leben überhaupt zu tun. Selbst ältere Russen, die den Gulag persönlich erlebt haben, sagen höchstens: Ja, ich war im Gulag. Aber daraus folgt nichts. Diese Menschen leben auch nach dieser schrecklichen Erfahrung einfach weiter, als wäre nichts geschehen. Die amerikanische Historikerin Anne Applebaum hat im Nachwort ihres Buches Der Gulag auf einen sehr interessanten Zusammenhang hingewiesen: Wenn die Menschen in Osteuropa wüssten, was eine Katastrophe wie Auschwitz oder der Gulag konkret bedeutet, wenn es also Fotos oder Filme aus dem Gulag gäbe – vielleicht wäre es nie zum Tschetschenien-Krieg gekommen. Und vielleicht wäre nun auch der Konflikt um Südossetien und Abchasien anders gelöst worden. Das Blutvergießen in Tschetschenien zeugt von einem völlig veralteten Primitivismus. Es ist doch unvorstellbar, dass Großbritannien mit Panzern in Schottland einmarschiert. Russland löst seine Konflikte mit Methoden aus dem Zweiten Weltkrieg. Und der georgische Kulturminister sagt dazu nur: Die Russen sind ein Volk von Kämpfern, ihre Großväter waren schon Kämpfer und ihre Enkel sind es heute immer noch. Osteuropa: Was bedeutet das für Europa? Topol: Offensichtlich haben wir es hier mit einer Art historischer Ungleichzeitigkeit zu tun. Die Welt der Al-Kaida ist eine Welt des Mittelalters. Und das 21. Jahrhundert sieht in Westeuropa einfach anders aus als das in Osteuropa. Man muss sich klar machen: Als in Europa im Mittelalter die ersten Universitäten gegründet wurden, herrschten in Russland die Mongolen. Der britische Historiker Colin Thubron berichtet in seinem fantastischen Reisetagebuch Sibirien: schlafende Erde – erwachendes Land von einer Begegnung mit einem Mann, der zu ihm sagte: „Wir sind anders als ihr – uns stört Gewalt nicht. Und es wird noch drei Generationen dauern, bis wir darüber denken wie ihr.“ Thubron hat dieses Zitat in sein Buch aufgenommen, weil er den Mut zur politischen Inkorrektheit hat. Und ich glaube ihm. Osteuropa: Trotzdem reisen Sie gerne und oft nach Osteuropa … Topol: Ja, ich liebe das! Wenn ich an der weißrussischen Grenze meinen Pass vorzeige und die Grenzbeamten lesen „Topol“, sind sie sofort begeistert: „Welcome to Belarus“. Warum? Weil Russland und Belarus nun gemeinsam auf die amerikanischen Pläne, in Polen und Tschechien ein Flugabwehrsystem aufzubauen, mit einer neuen Interkontinentalrakete Topol M reagieren wollen? Nein, Spaß beiseite! Nach Osteuropa zu reisen macht deshalb Spaß, weil man dort so schnell Kontakt zu den Menschen bekommt. Wenn ich in die Ukraine oder nach Polen fahre, reichen mir 20 Minuten, um jemanden kennen zu lernen, mit ihm in eine Kneipe zu gehen oder sogar bei ihm zu wohnen. Wenn man nach Österreich oder Frankreich fährt, landet man in einer Pension. Osteuropa ist einfach wilder und spannender – zumindest dann, wenn man eine Kreditkarte und das Ticket für den Rückflug in der Tasche hat. Osteuropa: Rational distanzieren Sie sich also vom osteuropäischen Umgang mit der Geschichte, aber zugleich wirkt es so, als fühlten Sie sich in Osteuropa mehr zu Hause als eben in Paris oder New York … Topol: Mir macht es überhaupt nichts aus, als Osteuropäer bezeichnet zu werden. Czesław Miłosz, György Konrád und Milan Kundera haben lange Jahre darum gekämpft, dass die Länder zwischen Russland und Deutschland nicht als Osteuropa, sondern als Mitteleuropa bezeichnet werden. Noch heute sind viele Leute in Prag beleidigt, wenn man sie zu den Osteuropäern zählt. Ich kann dieses Getue nicht leiden. Ich akzeptiere, dass ich ein Osteuropäer bin. Miłosz und Kundera wollten auf keinen Fall mit dem zivilisatorisch und kulturell zurückgebliebenen Osten identifiziert werden. Mir machen solche Fremdzuschreibungen nichts aus. Das liegt wahrscheinlich daran, dass ich als Mitglied der Punk-Szene in der kommunistischen Tschechoslowakei ständig mit der Fremdzuschreibung des „Punks“ leben musste. Letztlich ist es mir völlig egal, ob ich ein West- oder ein Osteuropäer bin. Wenn ich nach Minsk oder Ulan-Bator fahre, bin ich ein Westeuropäer. In Paris oder New York bin ich ein Osteuropäer. Das ist o.k. Dass ich heute so lässig damit umgehen kann, liegt sicherlich auch daran, dass die Tschechen heute eben keine Sklaven Moskaus mehr sind. Mit Jáchym Topol sprachen Anneke Hudalla und Volker Weichsel. Aus dem Tschechischen von Anneke Hudalla, Berlin

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