Titelbild Osteuropa 11/2009

Aus Osteuropa 11/2009

Auf verlorenem Posten?
Russland und seine Freunde 20 Jahre nach 1989

Karl Schlögel

Abstract

Das Ende der Sowjetunion war kein bloßer Wechsel der politischen Ordnung. Es war die Auflösung einer Lebensform. Die Wucht der Zerstörungskraft und der Neubildung erfasste jede Pore des Alltags. Der Geschmack, das Verhalten des Einzelnen, der Verkehr sind andere geworden, das Mobiltelefon hat die Weite des Raumes aufgehoben. Es herrscht ein anderes Zeitgefühl. Aber Russland bleibt ein Land der verschiedenen Tempi. Was sich sonst ausschließt, steht hier nebeneinander: Boomstädte und Geisterstädte, Dynamik und Starre, Moderne ohne Modernisierung, Selbstverantwortung und Obrigkeitsstaat. Die Praxis der autoritären Herrschaft macht ratlos. Russlands Freunde sind der Klage überdrüssig, dass an allen Schwächen vor allem das Ausland schuld sei. Mit pseudopatriotischer Retrokultur, Feindbildern und Selbstmitleid lässt sich auf Dauer kein Staat machen. Gleichwohl gibt es für Triumphgesten keinen Anlass. Der Crash der Weltökonomie 2009 hat auch im Westen manche Illusion platzen lassen. Doch Desillusionierung ist eine Form der Selbstaufklärung.

(Osteuropa 11/2009, S. 15–36)