Titelbild Osteuropa 8-10/2008

Aus Osteuropa 8-10/2008

Editorial

Manfred Sapper, Volker Weichsel, Anna Lipphardt

(Osteuropa 8-10/2008, S. 6)

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Editorial and Foreword

Volltext

Wer über das jüdische Leben und das jüdische Erbe spricht, darf von Osteuropa nicht schweigen. Die osteuropäischen Juden stellen ein Muster für Grenzüberschreitung, Transnationalität und den Transfer von Religion, Tradition, Sprache und Kultur dar. Vom 18. Jahrhundert an lebte die Mehrheit der jüdischen Weltbevölkerung in Osteuropa. Zwischen 1870 und dem Ersten Weltkrieg verließen etwa 3,5 Millionen jüdische Emigranten ihre Heimat, überwiegend das Russische Reich und das habsburgische Galizien. Diese Emigration war der Ausgangspunkt für die Gründung der neuen jüdischen Gemeinden in den USA, in Kanada, Südafrika, Argentinien und in Palästina. Die Mehrheit der amerikanischen Juden blickt auf osteuropäische Vorfahren zurück. In Israel ist es über die Hälfte der jüdischen Bevölkerung. Achtzig Prozent der heute weltweit lebenden Juden haben ihre Wurzeln in Osteuropa. Trotz dieser Massenemigration blieb Osteuropa das Zentrum jüdischen Lebens. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten die meisten europäischen Juden in Polen. 3,5 Millionen. jüdische Polen waren eng mit ihren nichtjüdischen Nachbarn in Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur verflochten. In der Sowjetunion gaben bei einer Volkszählung 1939 über drei Millionen Menschen an, sie seien „jüdischer Nationalität“. Litauen war ein lebendiges Zentrum der religiösen und säkularen jüdischen Kultur. Dieses reiche jüdische Leben in Osteuropa wurde durch den Genozid der Nationalsozialisten und ihrer Helfer nahezu vollständig ausgelöscht. Bis heute prägt der Holocaust den Blick auf die jüdische Geschichte. In Deutschland wurden osteuropäische Juden jahrzehntelang nur als „tote Juden“ wahrgenommen. Drastisch formuliert es François Guesnet in diesem Band. Eine solche Sichtweise bedeute implizit eine Fortführung der totalitären Perspektive der deutschen Herrenmenschen. Wahrgenommen werde lediglich der Völkermord, nicht jedoch das, was durch ihn an individuellen Existenzen, Hoffnungen und Lebensentwürfen ausgelöscht wurde. Genau an diesem Defizit setzt der vorliegende Band an. Er macht das jüdische Erbe in Europas Gegenwart sichtbar. Die Geschichte der osteuropäischen Juden ist nicht die Geschichte einer exotischen, isolierten Minderheit. Juden und Nichtjuden beeinflussten sich gegenseitig. Die osteuropäisch-jüdische Geschichte ist unauflöslich mit der Geschichte Europas verflochten. Doch diese Geschichte ist keine abgeschlossene Vergangenheit. Denken und Handeln osteuropäischer Juden wirken in der Gegenwart fort. Sie geben Impulse für die Musik, die bildende Kunst, die Philosophie, das politische Denken, die Jugendforschung oder das Völkerrecht. Mitunter ist das Denken ungeheuer aktuell. Ein Beispiel sind Simon Dubnovs Überlegungen zum Diaspora-Nationalismus für die multikulturellen Gesellschaften von heute. In diesem Band geht es um mehr als um das Erbe. Er hinterfragt verbreitete Topoi und Klischees, die über osteuropäische Juden kursieren. Er untersucht, welche Stellung die Juden in den nationalen Erinnerungskulturen haben. Trotz aller Widerstände und Brechungen wächst auch in Osteuropa die Bereitschaft, das jüdische Leben und Wirken in die eigene Erinnerungskultur zu integrieren. Und schließlich geht es in den Länderstudien immer auch um die lebenden Juden, um die Ansätze einer Renaissance jüdischen Lebens in Osteuropa.