Titelbild Osteuropa 8-10/2008

Aus Osteuropa 8-10/2008

Die Juden und die Tscheka
Mythen, Zahlen, Menschen

Oleg Budnickij

Abstract

Der antisemitische Topos des „jüdischen Bolschewismus“ geistert bis heute durch politische Debatten. Paradoxerweise waren es nach der Oktoberrevolution vor allem Juden selbst, die sich fassungslos darüber zeigten, dass Juden im Staatsapparat der Bolschewiki aufsteigen konnten. Dass es tatsächlich in den ersten Jahren nach der Revolution eine Art Wahlverwandtschaft zwischen Juden und der neue Staatsmacht gab, geht aber, anders als oft unterstellt, nicht auf eine ideologische Affinität zurück. Entscheidend waren sozialstrukturelle Gründe: Die Bolschewiki brauchten Beamte, die des Lesens und Schreibens mächtig waren; die Juden mussten nach dem Verbot privatwirtschaftlicher Tätigkeit für ihren Lebensunterhalt sorgen. Falsch ist auch, dass der Anteil der Juden in der Geheimpolizei besonders hoch gewesen sei und dass sie dort Rache an ihren einstigen Peinigern geübt hätten. Die Täter- und die Opferstatistik entziehen diesen Behauptungen den Boden.

(Osteuropa 8-10/2008, S. 111–130)