Titelbild Osteuropa 6/2008

Aus Osteuropa 6/2008

Klio, Muse der Geschichte
Litauische Lyrik unter doppelter Besatzung, 1939–1942

Claudia Sinnig

Abstract

Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges beendet in der litauischen Lyrik eine neoromantische Innerlichkeit. Er löst eine Rückwendung zu Nationalromantik und Proletkult aus, mit denen die Übergabe von Vilnius durch die UdSSR im Oktober 1939 und auch die zunächst als Befreiung vom Smetona-Regime empfundene Invasion der Roten Armee im Juni 1940 gefeiert wurden. Auch als im Herbst 1940 die gewaltsame Sowjetisierung einsetzt und im Juni 1941 mit dem Überfall Deutschlands auf die UdSSR ein litauischer Aufstand gegen die sowjetische Besatzung ausbricht, greifen die Klagen, Anklagen und Aufrufe auf die tradierte Rhetorik und Stilistik zurück. Erst die wiederholte, tiefe Enttäuschung, die Gewaltexzesse und die völlige Ausweglosigkeit unter der deutschen Okkupation, in der sich bald die erneute sowjetische Besatzung ankündigte, brachten der litauischen Lyrik eine zeitgemäße Universalität, neue Sujets und Motive. Sie wendete sich von der nationalen Identität ab, hin zu einem universellen Humanismus. Die poetologischen Zusammenhänge und Übergänge insbesondere zwischen Neoromantik und sozialistischem Realismus sind fließend und bislang kaum erkundet.

(Osteuropa 6/2008, S. 373–416)