Titelbild Osteuropa 6/2008

Aus Osteuropa 6/2008

Editorial
Ambivalenzen der Erinnerung

Volker Weichsel, Manfred Sapper

(Osteuropa 6/2008, S. 5–6)

Volltext

Der Osten Europas war Schauplatz einer Gewaltentfaltung ohnegleichen. Der „Drei-ßigjährige Krieg“ im 20. Jahrhundert hat in der Erinnerung der Völker tiefe Wunden hinterlassen. Zwei Weltkriege, Revolution und Bürgerkrieg, Umstürze und Diktatu-ren, Holodomor und Großer Terror, die nationalsozialistische Besatzung, die Vernich-tung der Juden, der Gulag, Grenzkriege und nationale Konflikte, Deportationen, eth-nische Säuberungen folgten aufeinander oder überlagerten sich. Mitunter sind sie kaum trennbar verwoben. Es gibt keine Sprache, welche die Gewalterfahrung dieser Abfolge aus Sterben und Tod auf einen Nenner bringen könnte. Die Fakten dieses „Jahrhunderts der Extreme“ sind zunehmend Allgemeingut Euro-pas. Doch jede Nation interpretiert die eigene Erfahrung auf ihre Art. Jede Nation hat ihr eigenes 20. Jahrhundert. Häufig steht die Erinnerung einer Nation im Widerspruch zu der einer anderen. Wo Widersprüche aufeinander stoßen, ist der Konflikt nicht fern. Dies zeigte im Frühjahr 2007 der Streit um die Verlagerung des sowjetischen Krieger-denkmals aus dem Zentrum Tallinns auf einen Friedhof. Es kam zu Ausschreitungen in Estland, Agitation in Russland und diplomatischen Spannungen zwischen den Nach-barn. Besonnene Beobachter wie Karl Schlögel warnen vor voreiligen Urteilen: Die Zeit sei noch nicht reif, um allen historisch Involvierten – den Soldaten der Roten Armee, die ihr Leben für die Befreiung von der deutschen Besatzung gaben, und den Esten, die zum Opfer einer neuen Besatzung wurden – Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Der Streit um den auf dem Titelbild zu sehenden „Bronzesoldaten“ in Estland ist kein Einzelfall. Konflikte um das Erinnern und Gedenken haben Konjunktur – gerade in Zeiten der Europäisierung und Globalisierung. Wie die Länderstudien im vorliegen-den Band beweisen, sind Geschichte und Erinnerung überall in Ostmitteleuropa und Osteuropa allgegenwärtig. Die Folgen sind ambivalent. Einerseits ist seit 1989 eine stürmische Aneignung, Aufarbeitung und Neubewertung der Vergangenheit zu be¬obachten. Tabus sind gefallen, weiße Flecken verschwunden. Das historische Wissen über das, was in Chatyn’ und Katyn geschah, auf den Solovki, in Janów, Kaunas und Bełżec, ist gewachsen. Andererseits tobt der Kampf um die Bewirtschaftung der Vergangenheit. Geschichte ist eine Münze mit politischem Tauschwert. Politiker, Regierungen, Verwaltungen setzen sie für eigene Zwecke ein. Geschichte und Erinnerung sind Ressourcen der Macht. Sie dienen der Legitimitätsschöpfung, der Mobilisierung von Menschen, der Integration und Identitätsstiftung. Häufig sind Geschichtspolitik und Konflikte über Erinnerung nichts anderes als politische Auseinandersetzungen im historischen Ko-stüm. Bei diesem Kampf um Deutungshoheit sind mitunter gar Versuche zu beobach-ten, Geschichte zu homogenisieren, sie auf eine gültige Wahrheit festzulegen, zu mythologisieren, ideologisieren, neue Tabus zu verhängen. Dagegen ist Einspruch zu erheben. Doch widersprüchliche Geschichtsbilder und kon-kurrierende Erinnerungen sind notwendige Voraussetzungen für Aufklärung und die Herausbildung einer pluralistischen Geschichtskultur.